Jahrhundert: Vier ungleiche Mächte prallen bei Kauri in den Wäldern Neuseelands aufeinander. Eine Kolonialmacht segelt mit Possums im Gefolge ans andere Ende der Welt, während Māori-Krieger*innen und Kiwi-Vögel ihr Zuhause verteidigen. Im Dickicht unter uralten Kauri-Bäumen entbrennt ein Wettlauf um das fragile Gleichgewicht der Insel.
Manchmal startet ein bedeutendes Abenteuer mit einem unscheinbaren Schritt: Für den jungen Verlag Koalla Spiele aus Bergisch Gladbach war Kauri der Auslöser für die Gründung. Auf der SPIEL ’23 in Essen stießen die Gründer auf das asymmetrische Strategiespiel des französischen Verlags Débâcle Jeux und waren sofort begeistert. Da es in Deutschland noch keine Verlags-Partnerin gab, entschloss man sich kurzerhand, Kauri eigenständig hierzulande herauszubringen. Die Federführung bei diesem Spiel übernahm der französische Autor Charlec Couronnaud, während für die Illustrationen der renommierte Künstler Jérémie Fleury gewonnen werden konnte. Die deutsche Ausgabe erschien dann 2025 bei Koalla Spiele, während das französische Original bereits 2023 auf den Markt kam – und direkt mit dem Lizzie Magie Preis 2024 ausgezeichnet wurde.
In Kauri dreht sich alles um die 200-jährige Siedlungsgeschichte Neuseelands – allerdings nicht trocken als lehrhafte Erzählung, sondern in Form eines packenden Spiels mit fantastischen Elementen. Vier höchst unterschiedliche Fraktionen – der flugunfähige Kiwi-Vogel, die indigenen Māori, die englischen Kolonist*innen sowie die invasiven Possums – ringen um die Vorherrschaft auf der Insel. Jede verfolgt dabei eigene Ziele und beeinflusst gleichzeitig das Schicksal der anderen. So entsteht ein dynamisches Kräftemessen zwischen Mensch und Natur, das erstaunlich reflektiert mit dem Thema Kolonialismus umgeht: Selbst die „böse“ Kolonialmacht entwickelt im Verlauf des Spiels ein ökologisches Bewusstsein. Kein Wunder, dass Kauri von vielen Spieler*innen oft mit dem Waldland-Abenteuer Root verglichen wird – das Grundprinzip mag ähnlich sein, aber Kauri ist deutlich zugänglicher, einfacher zu erlernen und familienfreundlicher. Wer asymmetrische Spiele liebt, jedoch vor allzu komplexen Regelwerken zurückschreckt, könnte hier fündig werden. Im Gegensatz zu anderen Area-Control-Spielen wie Masters of the Universe – Fields of Eternina oder Civolution hebt sich Kauri durch sein unverbrauchtes Setting – Aotearoa, das „Land der langen weißen Wolke“ – und den historisch-fantastischen Anstrich wohltuend ab.

Kolonialisierung, Abstrakte Darstellung von Umweltzerstörung
Inhaltsverzeichnis
Spielablauf
Kauri wird mit zwei bis vier Personen gespielt: idealerweise in Vollbesetzung, damit jede der asymmetrischen Fraktionen, die jeweils eine eigene Agenda verfolgen, vertreten ist. Kiwis starten überall auf der Insel und möchten schlicht überleben – dafür brauchen sie genügend Waldflächen als Lebensraum. Possums sind als Eindringlinge neu in Neuseeland und versuchen, sich rasch zu vermehren, indem sie Bäume zerstören und Lebensraum erobern. Die Engländer*innen fungieren als Kolonialmacht, roden zunächst Wälder und bauen Straßen, später machen sie Jagd auf die sich geschwulstartig ausbreitenden Possums. Die Māori wiederum errichten friedlich Dörfer und heilige Stätten, bewahren die Natur und versuchen, sich die Engländer*innen vom Leib zu halten. Dieser ungewöhnliche Mix sorgt von Anfang an für eine lebendige Dynamik: Alle verfolgen eigene Ziele – und doch greifen diese clever ineinander. Als Kiwi-Spielende wird etwa mit Schrecken beobachtet, wie die Wälder schwinden, während innerlich gejubelt wird, wenn die Engländer*innen gegen Spielmitte plötzlich die Seiten wechseln und den Possums den Kampf ansagen. Es entstehen teils kuriose Allianzen auf Zeit. So passierte es in einer Testrunde, dass die Person, die Māori spielte, erleichtert dreinblickte, als der englische Holzfäller unvermittelt zum Possum-Jäger wurde – hatten sie doch gerade alle Hände voll zu tun, die Tempel vor den gierigen Nagern zu schützen.
Der Ablauf von Kauri ist dabei sehr strukturiert und bleibt dadurch familienfreundlich. Jede Fraktion besitzt ein eigenes Kartendeck mit neun Aktionskarten. Gespielt wird in fünf Epochen, was den Spielrunden entspricht. Zu Beginn jeder Epoche werden drei Karten gezogen, davon zwei ausgewählt und eine als Aktionskarte ausgelegt. Die andere Karte wird verdeckt als Initiativkarte gespielt, deren Initiativwert die Zugreihenfolge in dieser Epoche bestimmt. Alle wählen simultan ihre Karten, dann wird aufgedeckt und die Reihenfolge nach den Initiativwerten festgelegt. Diese Mechanik ist einfach, aber elegant: Einerseits muss knifflig abgewogen werden, welche Karte für ihre Aktion genutzt und welche für die Initiative „geopfert“ wird; andererseits wechselt dadurch in Kauri ständig die Zugreihenfolge, was das Spiel unberechenbar macht. In unserer Runde führte das zu lustigen Überraschungen – mal durften die Kiwis plötzlich zuerst agieren und wichtige Punkte abgreifen, mal hetzten die Possums unerwartet früh über die Karte. Die dauernd wechselnde Spieler*innen-Reihenfolge kann zwar als etwas gewöhnungsbedürftig empfunden werden, aber letztlich erhöht sie den Reiz und passt zur chaotischen Thematik.

Nach Festlegung der Reihenfolge führen alle reihum ihre gewählte Aktion aus. Die Aktionen sind asymmetrisch und passen thematisch zu den Fraktionen: So können die Engländer*innen beispielsweise Wälder entfernen (Holz und Raum für Siedlungen gewinnen) oder später Fallen bauen, um Possums zu fangen. Die Māori errichten Dörfer und Tempel in bestimmten Regionen, was ihnen Punkte einbringt und gleichzeitig das Land für andere blockiert. Possums verbreiten sich, indem sie neue Possum-Figuren aufs Spielfeld bringen – allerdings nur in benachbarte Wälder, die genügend Futter bieten, was nach und nach schwieriger wird, je mehr Bäume fallen. Kiwis schließlich bewegen ihre Figuren und versuchen, in ausreichender Zahl in erhaltenen Wäldern zu bleiben; jede Kiwi-Figur, die bis Ende der Partie überlebt, zählt für sie. Punkte werden je nach Fraktion auf unterschiedliche Weise erzielt – das ist der Clou des Spiels. Beispielsweise erhalten die Engländer*innen zunächst Punkte fürs Abholzen und Besiedeln, später punkten sie überwiegend fürs Possum-Jagen. Jede Partie Kauri erzählt so ihre eigene kleine Geschichte, in der mal die Natur, mal die Kolonialmacht, mal die Eindringlinge Oberwasser gewinnen. Dank der einzigartigen Fähigkeiten und Siegbedingungen der vier Parteien gleicht keine Partie der anderen.
Trotz der asymmetrischen Rollen bleibt der Regelumfang überschaubar. Anders als bei Root teilt man sich in Kauri ein gemeinsames Grundregelwerk – jede Partei folgt also den gleichen Phasen und Spielabläufen, nur die Aktionsmöglichkeiten und Ziele unterscheiden sich. Diese Vereinheitlichung zahlt sich aus: Auch Genre-Neulinge finden sich schnell ins Spiel ein, denn die Kernmechanik (Karten ziehen, zwei ausspielen, Aktion durchführen) gilt für alle gleich. Die Einstiegshürde bleibt dadurch moderat, obwohl in Summe natürlich vier unterschiedliche Fähigkeitssets erlernt werden wollen. Kauri bietet ein flottes, einsteigerfreundliches Spielerlebnis im gehobenen Familiensegment und vermeidet die berüchtigte Downtime vieler Strategie-Kracher – durch gleichzeitige Aktionsplanung wird kaum jemand kaltgestellt. Für erfahrene Strateg*innen mag das Spielgefühl etwas leichter

ausfallen, doch es ist gerade dieser frische, unkomplizierte Ansatz, der Kauri so attraktiv macht. Wer hilft ungewollt wem? Sollte als Māori vielleicht zugelassen werden, dass die Engländer*innen Bäume fällen, um die Possums auszubremsen? Können die Kiwis die Kolonist*innen dazu provozieren, die eigene Jagd auf Possums vorzeitig zu beginnen? Solche Fragen machen den Reiz von Kauri aus. Auch Interaktion wird großgeschrieben: Jede Aktion kann den Plänen der Mitspielenden in die Quere kommen, bewusst oder unbewusst.
Die Punktwertungen sind bewusst geradlinig gehalten und schnell verinnerlicht. Auch wiederholen sich die Abläufe über fünf Epochen; wer möchte, kann darin eine gewisse Repetitivität erkennen. In unseren Partien fühlte es sich jedoch eher wie ein stringentes Wettrennen an – gerade kurz genug, um nicht langweilig zu werden. Nach etwa 45 bis 60 Minuten steht die Siegerfraktion fest, und wir ertappten uns sofort bei der Diskussion: „Nochmal, diesmal in einer anderen Rolle?“ Der Wiederspielwert entsteht vor allem daraus, jede Fraktion einmal auszuprobieren. Da sie sich wirklich vollkommen unterschiedlich spielen, ist der Reiz groß, in eine neue Rolle zu schlüpfen. Langfristig dürfte Kauri nicht die epische Tiefe eines abendfüllenden Expert*innenspiels erreichen – aber es füllt eine tolle Nische: ein thematisches, asymmetrisches Spiel für die Familie und Gelegenheitsspielende, das trotzdem genug Pfiff für Vielspielende bietet.
Ausstattung
Bei Kauri fällt die hohe Qualität der Ausstattung auf. Schon beim Öffnen der Box beeindruckt die Menge und Detailtreue der über 130 Holzfiguren und Marker. Jede Fraktion ist durch eigene Figuren repräsentiert – Kiwi-Vögel, Possums, schiffartige Siedlungen der Engländer*innen und kunstvoll gestaltete Dorfplättchen der Māori. Besonders die possumbehaarten Holzmarker stechen dabei hervor. Das Spielbrett zeigt Neuseelands Nordinsel (Te Ika-a-Māui) in kräftigen Farben und detaillierter Illustration. Die Gestaltung stammt von Jérémie Fleury, dessen Stil – eine Mischung aus Comic und Realismus – zur Atmosphäre des Spiels passt. Die deutsche Spielanleitung ist gut strukturiert und lässt keine Fragen aufkommen. Unterstützend wirken die Spielhilfen: Jede Person erhält eine Übersichtskarte, die die Fraktionsaktionen und die Rundenphase zusammenfasst. Auch Neulinge fanden damit schnell ins Spiel.

Die Ausstattung weist durchweg eine hohe Materialqualität auf, und alle Holzkomponenten sind sauber verarbeitet und stabil. Einzig die Verpackung könnte für mehr Ordnung sorgen: Die Spielbox kommt ohne spezifisches Plastik-Inlay, sodass alle Teile in Tütchen oder Fächern verstaut werden müssen. Hier hätten zusätzliche Einsätze oder eine durchdachtere Innenaufteilung den Aufbau erleichtern können. Aber das würde irgendwie auch den naturverbundenen Charme des Spiels wieder etwas schmälern.
Die harten Fakten:
- Verlag: Koalla Spiele
- Autor*in(nen): Charlec Couronnaud

- Illustrator*in(nen): Jérémie Fleury
- Erscheinungsjahr: 2025
- Sprache: Deutsch
- Spieldauer: 45 Minuten
- Spieler*innen-Anzahl: 2 bis 4 Personen (am besten in Vollbesetzung)
- Alter: ab 10 Jahren
- Preis: ca. 45 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel
Bonus/Downloadcontent
Die offizielle deutsche Anleitung steht aktuell nicht online zur Verfügung; eine französische Regel-PDF kann über Débâcle Jeux heruntergeladen werden.
Fazit
Bei mir hat Kauri einen sehr positiven Eindruck hinterlassen. Das Spiel verbindet Anspruch mit Zugänglichkeit: Der asymmetrische Wettstreit in Neuseeland fühlt sich frisch und thematisch stimmig an. Besonders Phantastik-Fans werden hier auf ihre Kosten kommen, da Kauri historische Realität in ein spannendes Szenario mit tierischen Protagonisten und taktischen Elementen verwandelt. Die Stärken des Spiels sind klar erkennbar: ein ungewöhnliches Setting, vielfältige Mechaniken und eine hochwertige Ausstattung. Trotz des strategischen Anspruchs bleibt das Spiel so übersichtlich, dass auch Familien einen Zugang finden, ohne dass erfahrene Vielspielende sich unterfordert fühlen. Allerdings ist Kauri kein komplexes Strategie-Epos für lange Spieleabende. Wer besonders tiefe Mechanismen oder ausufernde Komplexität sucht, wird hier eher ein cleveres Familienspiel-Plus vorfinden. Außerdem sollte die Bereitschaft vorhanden sein, sich auf das asymmetrische Spielgefühl einzulassen – nicht alle mögen es, am Tisch sehr unterschiedliche Rollen zu übernehmen. Dennoch schmälert dies den positiven Gesamteindruck kaum: Kauri bietet unterhaltsame, interaktive Runden, die bei uns für reichlich Gesprächsstoff und wiederholte Partien gesorgt haben. Zusammengefasst ist Kauri ein durchdachtes und unterhaltsames Brettspiel, das nicht nur die Kiwi-Vögel ins Spiel bringt. Es gibt fünf von fünf Māori-Tempeln.

- Stimmige Einbindung des thematischen Konflikts
- Gut umgesetzte Asymmetrie
- Hochwertiges Spielmaterial
- Fehlende strategische Tiefe
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Für spielunerfahrene Familien etwas zu anspruchsvoll
Artikelbilder: © Koalla Spiele, depositphotos © juliuscwt
Layout und Satz: Annika Lewin
Lektorat: Alexa Kasparek
Fotografien: Tim Billen
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