Teburu verspricht, das klassische Brettspiel durch digitale Unterstützung zu revolutionieren. Doch wie fühlt sich dieser technologische Sprung am Spieltisch wirklich an? Mit The Bad Karmas und Vampire: The Masquerade – Milan Uprising beginnt ein erster, spannender Test zwischen App, Miniaturen und Immersion.
Ein neues Spielgefühl entsteht, wenn sich digitale Technik nicht bloß aufdrängt, sondern wie selbstverständlich ins analoge Erlebnis einfügt. Genau das versucht Teburu – ein hybrides Brettspielsystem, das vertraute Spielmechaniken mit unsichtbarer Intelligenz verwebt und damit eine neue Form des immersiven Spielens ermöglicht. Entwickelt wurde das System von Xplored, einem italienischen Studio, das sich seit Jahren mit innovativen Spieltechnologien beschäftigt. Was dabei herausgekommen ist, wirkt in weiten Teilen wie Science-Fiction – bleibt aber im Herzen analog. Wir haben vor Release am 28. März 2025 das Board und die beiden Systemseller The Bad Karmas und Vampire: The Masquerade – Milan Uprising von Pegasus Spiele zur Verfügung gestellt bekommen, und haben dem System mal näher auf den Zahn gefühlt.
keine typischen Trigger. In den Spielen gibt es Gewalt, die hier aber nicht näher beschrieben wird.
Die Technik
Im Zentrum steht ein Spielbrett, das mehr kann, als bloß Karten und Figuren zu tragen. Sensoren im Inneren erkennen jede Bewegung der Spielfiguren, die über kleine RFID-Tags (funkbasierte, kontaktlose Identifikation) und Magnete verfügen. So weiß die dazugehörige App jederzeit, wo sich welche Figur befindet – ganz ohne manuelle Eingabe. Diese direkte Verknüpfung physischer Aktion mit digitaler Reaktion verleiht dem Spiel eine verblüffende Lebendigkeit. Die Positionen werden in Echtzeit erfasst, was ein nahtloses Spielgefühl erzeugt, das bei klassischen Apps kaum erreicht wird.
Ergänzt wird dieses System durch sogenannte Smart-Dice – Würfel, die über integrierte Bewegungssensoren verfügen und ihre Ergebnisse per Funk an das Spiel weiterleiten. So bleibt das Würfeln ein haptisches Erlebnis, doch das lästige Nachzählen und Modifikatorenrechnen übernimmt die App. Besonders eindrucksvoll wirkt der LED-Sockel, auf dem Boss-Figuren von Bad Karmas platziert werden. Farbige Lichter signalisieren etwa Verwundbarkeiten oder Zustandsveränderungen direkt auf dem Brett – ein Effekt, der Atmosphäre schafft, ohne vom Spiel abzulenken.
Herzstück der gesamten Technik ist der sogenannte Teburu Core, ein kleines Gerät am Rand des Brettes, das sämtliche Datenströme bündelt. Es übernimmt die Kommunikation zwischen App, Würfeln, Figuren und Lichteffekten. Der Core wird über USB-C betrieben und enthält gleichzeitig eine Ladestation für die kabellosen Würfel. Wichtig: Ohne externe Stromzufuhr funktioniert das System nicht, da der Core selbst keinen Akku besitzt – ein Punkt, den man beim Aufbau beachten muss.

Die dazugehörige Software spielt sich nicht in den Vordergrund, sondern begleitet das Spiel diskret und doch wirkungsvoll. Jede Spielfigur erhält ein digitales Pendant mit Fähigkeiten, Zuständen und Fortschritten. Kartenhand, Lebenspunkte und Kampagnenfortschritt werden auf einem zentralen Tablet oder Smartphone visualisiert, ohne dass physische Karten notwendig wären. Dadurch bleibt der Tisch aufgeräumt und das Spieltempo hoch. Soundeffekte, KI-gesteuerte Gegner und kontextbezogene Ereignisse runden das Erlebnis ab – ohne es zu dominieren. Sehr praktisch ist die Möglichkeit, mehrere Smartphones oder Tablets mit der App zu koppeln. Die Apps der einzelnen Spielenden können dann quasi den Charakterbogen ersetzen.
Besonders spannend ist der modulare Aufbau des Systems. Durch geplante Firmware-Updates und Erweiterungen sollen neue Funktionen hinzukommen, ohne dass die Hardware ausgetauscht werden muss. Schon jetzt wird an einem Remote-Modus gearbeitet, der gemeinsame Partien über das Internet ermöglichen soll – jede*r spielt am eigenen physischen Brett, doch die Welten sind digital verbunden. Perspektivisch träumt Xplored von persistenten Spielwelten, in denen einzelne Gruppen Spuren hinterlassen, die andere beeinflussen. Möglich machen soll das eine offene Plattform mit SDK und Game Engine Toolkit (also Software, die ermächtigt, eigene Spiele zu entwickeln), die auch Hobby-Entwickelnden erlaubt, selbst Spiele zu gestalten.
So zeigt Teburu auf eindrucksvolle Weise, wie analoges Spiel durch digitale Technik nicht ersetzt, sondern erweitert werden kann – und dass der Begriff „Brettspiel“ längst nicht mehr nur für Pappe, Würfel und Karten steht, sondern für ein ganzes Ökosystem neuer Möglichkeiten.
The Bad Karmas and the Curse of the Zodiac
The Bad Karmas war das erste Teburu-Spiel, das per Crowdfunding finanziert wurde – nicht nur als Spiel, sondern als technischer Prüfstein für das gesamte System. Inhaltlich bietet es einen klassischen Boss-Battler-Ansatz (ähnlich wie beispielsweise bei Vagrantsong), bei dem eine Gruppe von bis zu fünf Figuren gegen gigantische, symbolisch aufgeladene Kreaturen antritt. Jede dieser Boss-Figuren unterscheidet sich nicht nur optisch, sondern auch mechanisch deutlich – Angriffsverhalten, Reaktionsmuster und Schwachstellen variieren spürbar und werden durch die App in Echtzeit gesteuert. Dadurch entsteht eine Dynamik, die über das hinausgeht, was mit Karten oder festgelegten Bewegungs- oder Angriffs-Tabellen möglich wäre. Die Bosse reagieren auf das Verhalten der Gruppe, wechseln Taktiken, passen Angriffe an – das wirkt organisch und bleibt auch über mehrere Partien hinweg herausfordernd.
Stärken zeigt das Spiel insbesondere im Zusammenspiel mit der Technik. Der LED-Ring unter den Bossfiguren liefert situative Hinweise, etwa zu verwundbaren Zonen, und macht visuell sofort klar, wo Gefahr oder Gelegenheit lauert. Das Würfelsystem funktioniert stabil, alle Ergebnisse werden korrekt verarbeitet, inklusive Modifikatoren und Sonderfähigkeiten. Dadurch fällt ein großer Teil der Verwaltungsarbeit weg. Die Gruppe kann sich vollständig auf Positionierung, Synergien und Reaktion auf die KI-Aktionen konzentrieren – ein klarer Vorteil gegenüber vergleichbaren Systemen ohne digitale Unterstützung.
Spielerisch bleibt The Bad Karmas allerdings klar auf Taktik und Kampf fokussiert. Eine zusammenhängende Kampagne oder ausgearbeitete Storystruktur fehlen weitgehend – es handelt sich im Kern um eine Abfolge taktischer Gefechte. Wer also erzählerische Tiefe oder Charakterentwicklung erwartet, wird enttäuscht. Als technisches Showcase funktioniert das Spiel dennoch sehr gut, da es alle zentralen Komponenten von Teburu sinnvoll nutzt: Echtzeit-Feedback, Positionsverfolgung, automatische Schadensverwaltung und eine adaptive Gegner-KI. Gerade als Einstieg in das System bietet The Bad Karmas einen funktionalen und fordernden Rahmen, der zeigt, wie viel Komplexität sich mit digitaler Hilfe beherrschbar machen lässt.
Die harten Fakten (The Bad Karmas and The Curse of the Zodiac)

- Verlag: Pegasus Spiele, Xplored
- Autor*in(nen): Davide Garofalo, Riccardo Landi
- Illustrator*in(nen): Andrew Baker, Hamish Fraser, Daniel J. Walsh
- Erscheinungsjahr: 2025
- Sprache: Deutsch (durch die App in vielen Sprachen verfügbar)
- Spieldauer: 40 bis 90 Minuten
- Spieler*innen-Anzahl: 1 bis 5 Personen
- Alter: ab 14 Jahren
- Preis: ca. 130 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel
Vampire: The Masquerade – Milan Uprising
Im Kontrast zu The Bad Karmas zeigt Milan Uprising, dass Teburu nicht nur für Taktiksysteme geeignet ist. Hier stehen narrative Entwicklung und Entscheidungsvielfalt im Vordergrund. Inhaltlich orientiert sich das Spiel an der bekannten World of Darkness-Lizenz und nutzt deren politische, moralisch ambivalente Themen konsequent aus. Die Spielenden übernehmen die Rollen rivalisierender Vampircharaktere, deren Entscheidungen sowohl kurzfristige als auch langfristige Auswirkungen auf den Verlauf der Geschichte haben. Die App übernimmt dabei die Verwaltung aller Pfade und Konsequenzen – was zunächst wie bekannte Storytelling-Tools bei App-basierten Spielen klingt, entfaltet mit Teburu eine deutlich größere Wirkung. Dialoge sind vertont (wenn auch zum Zeitpunkt des Tests noch nicht auf Deutsch), Musik und Effekte passen sich dem Geschehen an, und der Spielfluss bleibt stabil, weil keine manuelle Zuordnung von Karten oder Tokens nötig ist.
Besonders auffällig ist die Varianz innerhalb einzelner Szenarien. Entscheidungen führen nicht nur zu Verzweigungen im Gesamtverlauf, sondern verändern auch innerhalb einer Partie die Stimmung und Zielsetzung. Das System merkt sich getroffene Entscheidungen und lässt sie später wieder aufgreifen, was klassische Legacy-Systeme über Kartenstapel nur mühsam abbilden könnten. Diese Reaktionsfähigkeit erzeugt ein immersives Spielerlebnis, das eher an interaktive Rollenspiele als an herkömmliche Brettspiele erinnert.
Allerdings bleibt Milan Uprising nicht ohne Schwächen. Der fehlende deutsche Sprachausgabe-Modus stellt derzeit eine klare Einstiegshürde dar, gerade für Spieler*innen ohne Routine im Englischen. Zudem ist die Spielstruktur stark an die App gebunden – ohne funktionierende Software lässt sich das Spiel praktisch nicht durchführen. Wer damit kein Problem hat, erhält ein atmosphärisch dichtes, in sich kohärentes Spielerlebnis, das klassische Story-Brettspiele deutlich hinter sich lässt. Milan Uprising zeigt, dass Teburu nicht nur Verwaltung, sondern auch Erzählung digital unterstützen kann – vorausgesetzt, man lässt sich auf die Technik ein.

Die harten Fakten (Vampire: The Masquerade – Milan Uprising)
- Verlag: Pegasus Spiele, Xplored
- Autor*in(nen): Davide Garofalo, Riccardo Landi, Paolo Tajé
- Illustrator*in(nen): Jarrod Castaing, Marco Fornaciari, Andrea Stanga
- Erscheinungsjahr: 2025
- Sprache: Deutsch (durch die App in vielen Sprachen verfügbar)
- Spieldauer: 40 bis 90 Minuten
- Spieler*innen-Anzahl: 1 bis 4 Personen
- Alter: ab 18 Jahren
- Preis: ca. 130 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel
Erstes Fazit und Ausblick
Die erste Partie mit Teburu war von einer gewissen Skepsis und Hype begleitet. Ein Brettspiel, das Strom braucht, eine App zur Regelverwaltung, Würfel mit Sensor (mit denen ich nicht so gute Erfahrungen in der Vergangenheit hatte) – der technische Aufwand wirkt zunächst überdimensioniert. Nach dem Aufbau und der ersten Runde zeigte sich jedoch, dass das System funktional ist. Die App reagiert präzise auf Bewegungen der Figuren, erkennt Würfelergebnisse korrekt und übernimmt einen Großteil der Verwaltung, was den Spielfluss tatsächlich verbessert.
Gerade bei komplexeren Spielen entsteht dadurch ein klarer Vorteil. Statusveränderungen, Effekte, Lebenspunkte oder Initiative werden automatisch verwaltet. Der Spieltisch bleibt aufgeräumt, Nachschlagen in Regelheften entfällt. Die Integration audiovisueller Elemente – Musikwechsel, Soundeffekte, Animationen – verstärkt die Atmosphäre spürbar, ohne vom Spiel abzulenken. Besonders bei Bosskämpfen, die über visuell hervorgehobene Schwachstellen und eine digital gesteuerte KI funktionieren, entsteht ein deutlich höheres Maß an Immersion als bei rein analogen Lösungen.
Trotzdem bleiben Einschränkungen. Die Technik muss stabil laufen, sonst stockt das Spiel. In der Testrunde gab es kleinere Verzögerungen beim Würfeltracking, die durch einen Neustart des Cores behoben werden konnten. Die Bluetooth-Kopplung funktionierte nicht immer auf Anhieb, was gerade beim ersten Spielstart frustrierend wirken kann. Zudem verlangt das System eine gewisse Eingewöhnung – nicht nur in die Spielregeln, sondern auch in die Bedienung von App und Hardware. Und Stichwort Spielregeln: Ich hätte mir händeringend ein haptisches Nachschlagewerk gewünscht. Die Apps übernehmen zwar die Tutorial-Funktion sehr gut, aber ich möchte doch ab und an nochmal eine Regel nachschlagen können und nicht nur ein sehr unvorteilhaftes Glossar in der App.
Die Zielgruppe ist klar umrissen: Wer händische Verwaltung schätzt oder bewusst analog spielt, wird Teburu vermutlich als unnötige Komplexität empfinden. Für Gruppen, die Wert auf Spielfluss, audiovisuelle Unterstützung und automatisierte Verwaltung legen, bietet das System dagegen eine spürbare Erleichterung. Besonders für kooperative Szenarien mit vielen Gegnern und Zuständen funktioniert das System sehr gut. Auch Solospielende profitieren davon, dass sie ohne zusätzliche Verwaltung mehrere Figuren gleichzeitig führen können.
Die Hardware wirkt durchdacht, aber sie ist auch kostspielig. Ohne eine ausreichende Auswahl an kompatiblen Spielen bleibt das System in der Nische. Derzeit eignet es sich vor allem für Dungeon-Crawler und erzählerische Kampagnenspiele mit hoher Regelkomplexität. Für klassische Eurogames sehe ich (Stand heute) keinen Mehrwert. Hier hängt viel davon ab, wie offen die Plattform für neue Inhalte bleibt und ob zukünftige Titel den potenziellen Nutzen von Teburu tatsächlich ausreizen. Die zweite Kampagne zu The Bad Karmas ist bereits gelaufen und ein Sword & Sorcery ist angekündigt.
Insgesamt bleibt ein gemischter, aber positiver Eindruck. Teburu ist kein Spiel, sondern ein System, das funktionieren kann – wenn die Technik mitspielt, die Spielgruppe offen ist und das passende Spiel zur Verfügung steht. Als Ergänzung zur analogen Spielerfahrung bietet es interessante Möglichkeiten, ersetzt klassische Formate aber nicht.

- Innovatives Spielerlebnis
- Kooperatives Gameplay
- Technik wirkt wertig
- Abhängigkeit von der Technologie
- Hohe Einstiegskosten
Artikelbilder: © Pegasus Spiele
Screenshots: © Xplored
Layout und Satz: Kai Frederic Engelmann
Lektorat: Lidia Strauch
Fotografien: Tim Billen
Das Spiel wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.
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