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Ein Dorf, das Sticker für Sticker wächst, Bewohner*innen mit eigenen Geschichten und zehn Jahre voller kleiner Entscheidungen: Cozy Stickerville ist für das Spiel des Jahres 2026 nominiert und stellt uns dabei vor eine ehrliche Frage: Muss ein Brettspiel eigentlich ein Spiel sein?

Corey Konieczka hat Brettspielgeschichte geschrieben. Der Designer hinter Battlestar Galactica: The Board Game, Descent: Journeys in the Dark und Mansions of Madness hat das Genre der kooperativen Abenteuerspiele mitgeprägt wie kaum eine zweite Person. Als er 2020 Unexpected Games gründete, wurde es erst einmal still um ihn. Was folgte, war kein Rückzug, sondern ein Experiment: Was, wenn man ein Legacy-Spiel baut, das auf fast den gesamten Regelapparat verzichtet?

Das Legacy-Genre hatte zuvor Versprechen gemacht, die es nicht immer halten konnte. Pandemic Legacy: Season 0 hat gezeigt, wie packend ein kooperativer Kampagnenbogen sein kann, wenn Spannung und Systemkomplexität ineinandergreifen. Cozy Stickerville definiert sich als kooperative Dorfsimulation mit narrativem Fokus. Andere Spiele, die auf ähnlichen Konzepten aufbauen blieben hinter den eigenen Ansprüchen zurück, weil die Spannung zwischen Regelkorsett und erzählerischem Fluss nie aufgelöst wurde. Wer es noch nicht rauslesen konnte, ja ich war sehr enttäuscht von Mythwind und bin froh, dass, Cozy Stickerville es besser macht.

Cozy Stickerville erschien Anfang 2026 und die Jury des Spiel des Jahres hatte offensichtlich eine Meinung dazu: Cozy Stickerville wurde im Mai 2026 für den begehrten Preis nominiert, gemeinsam mit Dito! und Morty Sorty Magic Shop. Das Gewinnerspiel wird am 12. Juli in Berlin bekanntgegeben.

Triggerwarnungen

keine typischen Trigger

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Spielablauf

Eine Kampagne in Cozy Stickerville umfasst zehn Jahre. Jedes Jahr ein eigener Kartenstapel, jeder Monat eine Karte aus diesem Stapel. Die Grundstruktur einer Partie ist denkbar schlicht: Zu Beginn einer Runde sammeln alle Mitspielenden Rohstoffmarker ein, die auf dem Spielplan und offenliegenden Karten angezeigt werden. Am Vormittag zieht die aktive Person dann die oberste Karte des Jahresstapels und liest sie laut vor. Die Gruppe entscheidet, was zu tun ist. Am Nachmittag steht noch eine weitere Aktion offen, die über ausliegende Aktionskarten ins Spiel kommt.

Der noch makellose Spielplan
Der noch makellose Spielplan

Das ist der gesamte Regelrahmen. Und wer jetzt einen Moment innehält und fragt: „Ist das wirklich alles?“, hat das Spiel verstanden.

Denn Cozy Stickerville überträgt die gesamte Spielerfahrung auf die Entscheidungen, die dahinterstecken. Will das Dorf eine Bäckerei oder ein weiteres Wohnhaus? Lässt man die eigenbrötlerische Künstlerin in Ruhe oder sucht man das Gespräch? Will man Riesentorten backen oder geht man lieber fischen? Und dann ist da Wild Bill, jenes Dorforiginal, das unsere Gruppe in Schach gehalten hat. Seine Geschichte entfaltet sich über mehrere Jahre hinweg, wirft überraschende Wendungen auf und sorgt für Momente, über die man noch nach dem Aufräumen spricht. Ohne zu spoilern: Die Szenen rund um Wild Bill haben uns einige Diskussionen beschert.

Helfen wir der Bäuerin Dill oder doch den Salizars?
Helfen wir der Bäuerin Dill oder doch den Salizars?

Diese Figuren sind das emotionale Rückgrat von Cozy Stickerville. Jede von ihnen hat einen eigenen Schicksalsfaden, den die Gruppe spinnt. Die Entscheidungen sind fast durchgängig narrativ, keine davon mathematisch optimal oder taktisch falsch. Es gibt kein direktes Verlieren. Es gibt nur die Frage, ob das Dorf am Ende so geworden ist, wie man es sich vorgestellt hat. Lediglich Trophäen geben eine gewisse Richtung vor, ob Entscheidungen für das Dorf positive oder negative Auswirkungen haben.

Eine Sitzung dauert etwa eine halbe bis dreiviertel Stunde. Ein Kapitel, ein Jahr im Leben des Dorfes. Was dabei passiert, lässt sich schwer in Spielmechanik-Vokabular fassen: Es gibt Momente der Übereinkunft, Momente des Lachens, Momente, in denen eine Entscheidung unerwartet schwerfällt. Nicht weil ihre Konsequenz abstrakt punktemäßig wichtig wäre, sondern weil es sich falsch anfühlen würde, die falsche Wahl zu treffen. Das ist narratives Eintauchen. Und das ist seltener als man denkt.

Dauerhaft sichtbar werden diese Entscheidungen über das namensgebende Herzstück des Spiels: die Sticker. Mehr als 800 liegen dem Spiel bei, und jeder Aufkleber ist eine Entscheidung. Welches Gebäude findet seinen Platz wo auf dem Spielplan? Welche Tiere bevölkern die Wiesen? Welches Schild hängt vor dem Dorfkrug? Und wie soll unsere Flagge aussehen? Jede Platzierung ist permanent, jede verändert das Spiel in den folgenden Runden. Das Dorf wächst sichtbar, greifbar, unumkehrbar. Und das hat etwas ungewöhnlich Befriedigendes. Am Ende einer Session schaut man nicht auf einen Punktestand. Man schaut auf ein Dorf, das man gemeinsam gebaut hat. Das ist ein Unterschied, den nicht alle narrativen Spiele und erst recht nicht viele „cozy“ Spiele liefern können.

Cozy Stickerville fühlt sich mit zwei Personen optimal an. Nicht weil die Spielstruktur es erzwingt, sondern weil die Art, gemeinsam zu entscheiden und Geschichten zu erleben, bei kleinerer Runde besonders intensiv ist. Das Spiel lässt sich auch mit mehr Personen angehen, aber die emotionale Dichte des Erlebnisses skaliert nicht mit der Kopfzahl.

Wer Dorfromantik Sakura kennt, versteht den Geist von Cozy Stickerville, auch wenn die Spielmechaniken kaum unterschiedlicher sein könnten. Auch dort geht es um kooperatives Gestalten, um ein sanftes Spielgefühl, um etwas, das am Ende schön aussieht. Der Unterschied: Bei Dorfromantik Sakura gibt es am Ende eine Wertung. Bei Cozy Stickerville gibt es eine Geschichte. Heredity – Die Geschichte von Swan zeigt, wohin das Spektrum kooperativer Kampagnenspiele mit narrativer Energie noch führen kann. Für alle, die nach Cozy Stickerville Lust auf mehr haben, ist das ein empfehlenswerter nächster Schritt. Wer nach einem Abend mit dem Spiel gefragt wird, was passiert ist, erzählt keine Punktzahl. Der erzählt von Wild Bill und Käpt‘n.

Mehr als die Startaufstellung wollen wir noch nicht präsentieren.
Mehr als die Startaufstellung wollen wir noch nicht präsentieren.

Ausstattung

Das beiliegende Pappinsert reicht vollkommen aus.
Das beiliegende Pappinsert reicht vollkommen aus.

Die Sticker sind das Aushängeschild von Cozy Stickerville und sie enttäuschen nicht. Der grafische Stil ist durchgehend warm, kohärent und liebevoll: Häuser, Tiere, Pflanzen, Schilder, Dorfbewohner*innen mit wiedererkennbaren Silhouetten. Alles aus einem Guss, alles in einem Stil, der sich nicht widerspricht. Das Dorf, das am Ende auf dem Spielplan klebt, sieht tatsächlich aus wie ein gewachsenes, gelebtes Dorf (so vernünftig geklebt wurde). Das ist keine Selbstverständlichkeit bei Sticker-Spielen, und Konieczka und das Team von Unexpected Games haben hier offensichtlich Wert auf stilistische Konsistenz gelegt.

Der Spielplan ist doppelseitig. Eine kluge Entscheidung, die nach Abschluss der ersten Kampagne eine vollständig eigenständige Spielerfahrung ermöglicht, ohne Auffrischungspaket oder zusätzlichen Kauf. Beide Seiten bieten leicht unterschiedliche Ausgangsbedingungen und damit unterschiedliche Geschichten. Zum Zwischenspeichern gibt es eine praktische Tuckbox. Das ist Wiederspielwert, der keine Zusatzinvestition voraussetzt.

Die restlichen Komponenten sind solide: Ereigniskarten stabil und gut lesbar, Rohstoffmarker handlich, Aktionskarten klar strukturiert. Die Anleitung ist sehr kurz. Wenige Seiten, schnell überflogen, sofort verstanden. Wer ein Spiel sucht, das in fünf Minuten erklärt und in dreißig Minuten entspannt runtergespielt ist, findet es genau hier.

© Asmodee
© Asmodee

Die harten Fakten:

  • Verlag: Asmodee / Unexpected Games
  • Autor*in(nen): Corey Konieczka
  • Illustrator*in(nen): Jonathan Aucomte, Olivier Fagnère, Damien Mammoliti, Tomasz Morano
  • Erscheinungsjahr: 2026
  • Sprache: Deutsch
  • Spieldauer: ca. 30–45 Minuten pro Kapitel (10 Kapitel gesamt pro Spielplanseite)
  • Spieler*innen-Anzahl: 1–6 (empfohlen: 1–2)
  • Alter: ab 10 Jahren
  • Preis: ca. 40 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon

 

Bonus/Downloadcontent

Das offizielle Regelwerk steht auf der Website von Asmodee zum kostenlosen Download bereit – wer das Spiel noch nicht kennt, findet dort außerdem eine eigenständige Prolog-Variante, mit der sich das Spielgefühl ohne Kampagneneinstieg kennenlernen lässt. Auf der Unexpected Games-Website gibt es zudem ein Community-Touristenzentrum: Wer sein fertiges Dorf fotografiert und hochlädt, kann die Kreationen anderer Spielenden weltweit erkunden – ein charmantes Angebot, das dem Gemeinschaftsgefühl des Spiels entspricht.

Fazit

Cozy Stickerville ist nicht für alle. Das ist kein Vorwurf – es ist Teil des Konzepts.

Die erste Seite der Sticker. Wir wollen ja nicht zu viel vorwegnehmen.
Die erste Seite der Sticker. Wir wollen ja nicht zu viel vorwegnehmen.

Wer am Ende eines Spielabends eine Rangtabelle sehen möchte, liegt falsch. Wer kompetitiven Druck oder taktische Tiefe sucht, ebenfalls. Wer aber ein gemeinsames Erlebnis sucht, das sich anfühlt wie eine Visual Novel, die man zusammen aufblättert, Kapitel für Kapitel, über Wochen, der findet in Cozy Stickerville etwas Seltenes: ein Spiel, das seinen eigenen Anspruch vollständig einlöst. Ohne Kompromiss.

Die Sticker sind wunderschön, die Bewohner*innen-Geschichten überraschend berührend, die Zugänglichkeit vorbildlich. Dass es keine Niederlage gibt, fühlt sich nicht wie Kapitulation vor der Komplexität an, sondern wie eine bewusste Haltung: Cozy Stickerville will keine Gewinner*innen produzieren. Es will, dass alle am Tisch am Ende lächeln.

Dass die Brettspielwelt sich damit schwertat, das Spiel einzuordnen (Legacy? Storytelling-Spiel? Interaktives Erlebnis?) spricht für das Spiel, nicht gegen es. Dinge, die sich schwer einordnen lassen, sind oft die interessantesten.

Die Spiel des Jahres-Nominierung ist verdient. Cozy Stickerville erreicht eine Zielgruppe, die klassische Brettspiele bisher nicht selbstverständlich angesprochen hat. Und tut das mit stilistischer Konsequenz und echtem Herzblut. Zehn vollwertige Kampagnenkapitel, danach nochmal zehn auf der Rückseite.

Cozy Stickerville erhält 5 von 5 liebevoll platzierten Aufklebern.

  • Wunderschöne, kohärente Sticker-Optik
  • Zugänglich
  • Berührend narrativ dank starker Charaktere
 

  • Kaum Spielmechanik – kein Spiel für Taktik-Fans

 

 

Artikelbilder: © Asmodee
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Maximilian Düngen
Fotografien: Tim Billen
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