Sie mogeln, lügen und betrügen – während sie ganz unscheinbar mit uns am Brettspieltisch sitzen: schummelnde Mitspielende. Fällt die Betrügerei auf, ist die Stimmung oft getrübt. Doch warum schummeln sie überhaupt? Und wie gehen wir damit um, wenn wir jemanden beim Schummeln erwischen?
Während ich Plättchen für Plättchen ungesehen aus meinem Beutel ziehe, tun es meine Mitspielenden ebenso – bis auf eine: Als ich gerade überlege, ob ich es riskieren soll, noch ein Plättchen zu ziehen, blicke ich auf und sehe, wie eine Mitspielerin heimlich in ihren Beutel lugt. Im nächsten Moment scheint sie das Plättchen fallen zu lassen und nach einem neuen zu greifen. Ein erneuter vorsichtiger Blick in den Beutel, und dieses Plättchen wird herausgezogen. Es wird an diesem Abend nicht das letzte Mal sein, dass ich diese Betrügerei beobachte. Um den Frieden am Tisch zu wahren, behalte ich meine Beobachtung für mich. Doch ich fühle mich unwohl und – betrogen. Ich muss nicht immer gewinnen, aber wegen einer schummelnden Person zu verlieren, fühlt sich an, als hätte ich doppelt verloren.
Quacksalber von Quedlinburg ist für mich das Schummelspiel schlechthin. Bestimmt gibt es noch viele weitere, bei denen regelmäßig gemogelt wird. Ich habe mich gefragt: Warum ist Schummeln so verbreitet, obwohl Fairness der Kern der meisten Spiele ist? Steht beim Brettspielen nicht vielmehr der Spaß am Spiel und die Gemeinschaft im Fokus anstatt des Gewinnens? Warum riskieren Schummler*innen den Spielspaß für einen vermeintlichen Sieg? Ich finde, wir müssen reden – über Schummler*innen am Brettspieltisch.
Betrug im Spiel
Inhaltsverzeichnis
Unsere Motivation, (ehrlich) zu spielen
Nicht alle mogelnden Mitspielenden haben buchstäblich das Ass im Ärmel, doch es gibt sie: Sie sagen Würfelergebnisse falsch an, bezahlen zu wenig Ressourcen oder reduzieren Schadenswerte zu ihren Gunsten. Ich gebe zu, einige Spiele verleiten fast schon zum Schummeln – Spiele, bei denen die Mitspielenden gleichzeitig agieren und man die anderen nicht „kontrollieren“ kann, da man selbst beschäftigt ist. Aber warum sollte ich denn überhaupt meine Mitspielenden kontrollieren? Schließlich gibt es doch ein Regelwerk, an das sich alle halten – oder? Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt – siehe oben – habe ich daran geglaubt, dass das Regelwerk eines Spiels in Stein gemeißelt ist. Unantastbar. Quasi das Gesetz, das am Brettspieltisch herrscht. Und ich dachte, für alle, die mit am Tisch sitzen, gilt das ebenso. Aber ich habe mich getäuscht und wurde enttäuscht.

Ich war schon immer ein Mensch, der sich minutiös an Regeln hält, an das Gute in jedem Menschen glaubt und den eigenen Vorteil zurückstellt. Zugegeben, bei Brettspielen entwickle auch ich einen gewissen Ehrgeiz und möchte auch mal gewinnen, aber nicht um jeden Preis. Das heißt, geschummelt wird in der Regel nicht. Denn am meisten gefällt es mir, mit anderen an einem Tisch zu sitzen, Spaß zu haben – und gemeinsam in die Spielwelten einzutauchen.
Wenn Menschen zum Brettspielen zusammenkommen, sitzen oft verschiedene Charaktere am Tisch, die ebenso vielfältige Motive haben, warum sie spielen. Jon Radoff hat dazu eine Matrix erstellt, die Folgendes darstellt: Die einen lieben es, in andere Welten einzutauchen (Immersion), andere schätzen die Geselligkeit und Interaktion (Kooperation), wieder andere legen Wert darauf, Erfolge zu erzielen (Achievement) und manche bevorzugen einfach den Wettstreit (Competition).
Während die ersten beiden Motive, Immersion und Kooperation, eher qualitativer Natur sind, zielen Erfolg und Wettbewerb auf die Quantität ab. Hierbei steht das Gewinnen und die Überlegenheit stärker im Fokus. Und diese Personen sind vermutlich auch anfälliger fürs Schummeln. Doch was treibt sie an, wenn es nicht die Fairness und der Spielspaß sind?
Die Psychologie des Schummelns: Warum die Versuchung so groß ist
Die gute Nachricht zuerst: Laut einer anonymen Umfrage auf BoardGameGeek schummeln die wenigsten absichtlich. Nur knapp sechs Prozent haben mehr als sechsmal oder sogar regelmäßig geschummelt. Aber etwa die Hälfte der Befragten hat mindestens einmal geschummelt. Die Versuchung scheint groß zu sein.
Und wenn wir ehrlich sind: Wer hat nicht schon mal in die Karten des Nachbarn gelugt oder den vom Tisch gefallenen Würfel erneut geworfen, weil er nicht das gewünschte Ergebnis zeigte? Aber: Ist das schon Schummeln? Ein Laborexperiment von Dan Ariely hat gezeigt, dass Menschen, wenn sie die Möglichkeit haben zu betrügen, nur wenig schummeln, damit es nicht auffällt. Schließlich haben die meisten von uns als Kinder schon gelernt, dass Schummeln unfair ist.

Aber dann gibt es diese sechs Prozent, die öfter schummeln. Die Motive sind vielseitig und reichen von einem fast schon zwanghaften Drang zu gewinnen bis zur schieren Langeweile. Für manche ist der Sieg so wichtig, dass es ihnen weniger um den Spielspaß geht, als um die Bestätigung des eigenen Könnens.
Andere wiederum schummeln aus der Angst heraus, als Verlierer*in dazustehen. Sie wollen nicht gewinnen, sondern einfach nur verhindern, zu verlieren. Auch Frust und Langeweile können eine Rolle spielen, wenn man keine Chance mehr sieht beziehungsweise das Spiel zu lange dauert. Das Schummeln wird dann zur Abkürzung, um das Spiel zu beenden oder die eigene Position zu verbessern.
Interessanterweise neigen besonders kreative Menschen zum Schummeln. Sie sind geschickt darin, wirksame Strategien zu entwickeln, um ihren Regelbruch zu verschleiern und nicht aufzufliegen. Und wer einmal merkt, dass das Schummeln ungestraft funktioniert, wird es wahrscheinlich wieder tun.
Hilfe, es sind Schummler*innen am Tisch!
Wenn der Betrug doch erkannt und aufgedeckt wird, kann dies eine Reihe von Folgen haben. Das Fundament jedes Spiels ist Vertrauen. Sobald es verletzt ist, ist die Stimmung augenblicklich ruiniert. Aber nicht nur die Stimmung, sondern auch das Spiel selbst ist ruiniert. Denn Fairness spielt plötzlich keine Rolle mehr. Die angespannte Stimmung am Tisch kann sich zu einem ausgewachsenen Streit entwickeln, bei dem das Spiel in den Hintergrund rückt.
Damit es nicht so weit kommt, sollte die Schummelei entschärft werden, ohne die Person bloßzustellen. Schließlich steht das gemeinsame Spiel weiterhin im Fokus. Wir haben fünf Ideen, wie man der Mogelei begegnen kann:
- Ignorieren: Sofern die Schummelaktion nur minimalen Einfluss auf den Spielverlauf hat, ist Ignorieren eine gute Wahl, um den Frieden am Tisch zu wahren. Wird aber mehrmals gemogelt oder das Spiel stark beeinflusst, sollte das Verhalten unterbunden werden.
- Humorvoll ansprechen: „Wow, die Würfel gehorchen dir ja aufs Wort, sie zeigen immer das, was du brauchst.“ – Mit einem solchen Kommentar macht man die Person charmant auf ihr Fehlverhalten aufmerksam. Wer sich ertappt fühlt, wird vermutlich die Schummelei aufgeben.
- Indirekt eingreifen: Um zu unterbinden, dass jemand beispielsweise zu viele Ressourcen nimmt, kann ein*e Spieler*in das Verteilen übernehmen. Durch das Eingreifen kann die schummelnde Person ihre Strategie nicht mehr ausführen.
- Die Spielregeln wiederholen: Manchmal kann es auch sinnvoll sein, die entsprechenden Spielregeln erneut laut vorzulesen, um die Person auf ihr falsches Verhalten aufmerksam zu machen. Schließlich ist es auch möglich, dass die schummelnde Person die Regeln falsch verstanden hat.
- Ein Vier-Augen-Gespräch (nach dem Spiel) führen: Gibt es während des Spiels keine Gelegenheit, auf das Schummeln zu reagieren, bietet sich ein Gespräch nach dem Spiel an. Der Person sollte klar werden, dass sie mit ihrem unfairen Verhalten den anderen den Spielspaß verdirbt. Verbanne sie nicht direkt aus der Runde, sondern gib ihr eine Chance, beim nächsten Mal fair zu spielen.

Fazit: Der wahre Gewinn liegt in der Fairness
Ganz ehrlich, wer hat nicht schon einmal eine Fähigkeit nachgeholt, obwohl die nächste Person schon am Zug war, oder einen Kartentext zu den eigenen Gunsten ausgelegt? Kleine Regelverstöße passieren, ob aus Versehen oder absichtlich. Ich verliere aber nicht das Vertrauen in die Brettspiel-Community. Denn die meisten von uns wissen, dass der wahre Reiz eines Spiels im fairen Wettstreit liegt.
Schummeln mag kurzfristig einen Sieg bringen. Doch was bringt ein Sieg, wenn er durch Betrug errungen wurde? Der wahre Gewinn liegt in den Momenten der Spannung, in der Herausforderung und in einem fairen Spiel, das alle genießen können.
Mein Appell an alle Schummler*innen: Lasst es bitte. Spielen lebt vom Spaß, vom Vertrauen – und ja, auch vom Verlieren. Spiele wie Dead Cells demonstrieren, wie viel Freude selbst das Scheitern bereiten kann, weil es uns anspornt, es beim nächsten Mal besser zu machen. Wer aus Niederlagen lernt, genießt einen Sieg doppelt so sehr. Wahre Gewinner*innen sind nicht die, die am Ende die höchste Punktzahl haben, sondern diejenigen, die den Spielspaß über den Sieg stellen und die Fairness am Brettspieltisch wahren.
Übrigens: Wer das Schummeln, Lügen und Betrügen nicht lassen kann, denen empfehle ich Spiele, in denen genau das zum Kern der Erfahrung gehört. Deduktionsspiele, wie beispielsweise Die Werwölfe von Düsterwald, belohnen die, die am besten täuschen. Bei allen anderen Spielen gilt: Haltet euch an die Regeln. Die Brettspielwelt ist groß genug, um für jede Vorliebe das passende Spiel zu finden.
Titelbild: © kiko_jimenez | depositphotos
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Layout und Satz: Kai Frederic Engelmann
Lektorat: Alexa Kasparek


















