Das Ende Mai im Early Access erschienene Singleplayerspiel Paralives ist eine neue, lang erwartete Lebenssimulation. Wie dieses Leben aussieht, entscheiden ganz alleine die Spieler*innen. Das Spiel hat schon jetzt eine solide und gut spielbare Grundlage, aber das kleine Entwickler*innenteam Paralives Studio hat sich noch viel für die Zukunft vorgenommen.
Im Jahr 2019 begann Alex Massé noch alleine das ambitionierte Projekt, eine Lebenssimulation zu verwirklichen. Durch Unterstützer*innen auf Patreon war es jedoch bald möglich, weitere Entwickler*innen anzustellen, wodurch Paralives Studio entstand. Heute umfasst das Team zwanzig Personen, wobei das Spiel während seiner gesamten Entwicklungszeit nur durch die Beiträge auf Patreon finanziert wurde.
Am 25.05.2026 wurde Paralives auf Steam im Early Access veröffentlicht. Die Kosten belaufen sich auf 38,99 EUR und es steht momentan für PCs (Microsoft Windows und Mac) zur Verfügung.
Wie man es von Lebenssimulationen wie Die Sims kennt, sind die drei großen Bereiche von Paralives das Erstellen der Charaktere (Paras/Parasonen), der Baumodus und der Live-Modus.
Tod, Feuer
Inhaltsverzeichnis
Charaktererstellung
Jeder neue Spielstand beginnt mit einem kleinen Tutorial (das empfohlen wird, aber übersprungen werden kann) in einem Zug, der auf dem Weg in die Stadt Melino ist, der bisher einzigen spielbaren Karte, abgesehen von einer Blankokarte. Es wird die grundlegende Steuerung der Kamera und Paras erklärt, bevor es auch schon an das Erstellen der eigenen Charaktere geht.
Die Charaktererstellung bietet hierfür eine Vielzahl an Möglichkeiten, sich zu verwirklichen. Vom Säugling bis zum*zur Senior*in stehen acht Lebensphasen zur Verfügung. Die Paras haben einen recht comichaften Stil, die dafür verantwortlichen schwarzen Linien können aber auch verringert oder entfernt werden. Die Charaktere selbst können auf detailreiche Weise gestaltet werden. Von Körpergröße, Frisur und Hautfarbe, hin zu verschiedenen Maßen von Körperteilen, bis zu Narben, Tattoos und sogar Beinprothesen stehen viele Möglichkeiten zur Auswahl. Es können sogar biologisch männliche und weibliche Ober- und Unterkörper kombiniert werden.

Gleiches gilt für die Kleidung, die als Sets für den Alltag, förmliche Anlässe, Sport und Nachtwäsche ausgewählt wird. Unabhängig vom Geschlecht stehen alle Kleidungsstücke zur Verfügung und manche von ihnen können weiter individualisiert werden, zum Beispiel, welche Art von Shirt unter einem offenen Karohemd getragen wird. Ein Highlight ist hier das Farbrad, um genau die gewollte Farbe auswählen zu können. Da jeder Farbe ein Code aus Zahlen und Buchstaben zugewiesen ist, kann dieser sogar kopiert werden, sodass ein anderes Kleidungsstück exakt gleich eingefärbt werden kann.
Neben dem Aussehen braucht jeder Charakter natürlich einen Namen. Hier können neben dem klassischen Vor- und Nachnamen ein zweiter Vorname und ein Spitzname ergänzt werden, sowie, ob der Nachname zuerst genannt werden soll. Als Gender stehen männlich, weiblich und divers zur Auswahl und für neutrale Pronomen hat man sich in der deutschen Übersetzung für Dey/Denen entschieden. Weitere Einstellungen betreffen das Zeugen von Kindern, Stillen und welche Aktionen in Beziehungen Eifersucht auslösen.

Zuletzt fehlt noch das Festlegen der Persönlichkeit. Jeder Charakter verfügt über die Attribute Konstitution, Verstand, Kreativität und Charisma mit Werten von jeweils null bis drei. Diese Attribute verleihen im Live-Modus verschiedene Boni und Vorteile – oder Nachteile, wenn sie auf null sind. So haben Paras mit hoher Konstitution mehr Balken beim Bedürfnis Hunger zur Verfügung, wodurch es länger dauert, bis sie wieder etwas essen müssen. Und ein hoher Wert in Charisma bringt zusätzliche Punkte, wenn man nach einem Job sucht.
Welche Wahl bei den Kategorien Temperament, Sozialbonus und Talent getroffen wird, hat Einfluss auf Verhalten, Gesprächsoptionen, Bedürfnisse und das Erlernen von Fähigkeiten. Zum Beispiel besitzen Paras die „Gut im Alleinsein“ sind, das zusätzliche Bedürfnis „Ich-Zeit“, das irgendwann durch allein sein erfüllt werden muss, wenn sie sich in Gesellschaft anderer Paras befinden.
Aktuell sind manche Funktionen und Optionen in der Charaktererstellung etwas versteckt oder nicht ganz intuitiv (wieder) zu finden.
Baumodus
Der Baumodus ist das wohl unangefochtene Highlight von Paralives. Er bietet schon jetzt umfangreiche Möglichkeiten, ein Haus nach den eigenen Wünschen zu gestalten. Hierbei ist es möglich, ein bereits bestehendes Gebäude in der Stadt zu kaufen oder ein leeres Grundstück zu bebauen. Wände können in beliebigen Winkeln platziert, Gegenstände auf unterschiedlichste Weise eingefärbt werden. Sogar das freie Rotieren im Raum, Vergrößern, Verkleinern und in die Länge ziehen ist möglich. So kann aus einem Sofa mit zwei Sitzplätzen eines mit zehn werden und aus dem kleinen Vorleger wird ein Teppich, der den Boden des gesamten Schlafzimmers bedeckt. Das Spiel lässt nur selten das Platzieren von Gegenständen nicht zu, es gibt keine Kollision und auch kein Raster. Lediglich Snapping hilft dabei, etwas mittig zu platzieren. Man hat also bei der Gestaltung sehr viele Freiheiten.

Was bereits während der Charaktererstellung sichtbar war, wird hier fortgesetzt: Inklusivität ist einfach da. Sie wird als nichts Besonderes behandelt, sondern ist ein normaler Teil des Lebens. So findet man bei den Gegenständen für die Hauseinrichtung unter anderem einen Rollstuhl, Krücken oder Hörgeräte. Und die inklusive Sprache wird durch y-Endungen erreicht. So wird aus einem Partner ein Partny.
Die Möglichkeit, sehr nah an alles heranzoomen zu können, ist sehr angenehm. Allerdings sind die Texturen einiger Gegenstände noch sehr unscharf oder verpixelt und ihre Benennung sowie Beschreibungstexte brauchen noch etwas Überarbeitung, da nicht immer direkt ersichtlich ist, um was es sich handelt.

Live-Modus
Im Live-Modus lässt sich in Aktion sehen, was man zuvor bei Charaktererstellung und Baumodus umgesetzt hat. Gemäß dem Genre der Lebenssimulation, steuern die Spieler*innen die Paras durch ihr Leben, kümmern sich um sie und treffen Entscheidungen für sie. Eine kleine Unterstützung für Ideen, wie dieses Leben gestaltet werden kann, geben drei verschiedene Erzähler*innen. Jeder bietet dabei größere Herausforderungen als der*die letzte und wird zu Beginn jedes neuen Spielstandes ausgewählt. Sie bieten jede Nacht drei verschiedene Karten an, die einfach nur Geldboni bringen können, aber auch Auswirkungen auf Karriere und Beziehungen haben. Wer gerne Drama mag, kann so einen verheirateten Para plötzlich für jemand anderen schwärmen lassen. Dramatik kann aber auch auf andere Weise entstehen, denn bisher existieren fünf Wege, wie Paras aus dem Leben scheiden können: durch Verhungern, Feuer, Schlafmangel, Pilzvergiftung und hohes Alter.

Auf diese Weise steuert man die Charaktere so erfolgreich wie man möchte durch ihr Leben. Mit wem freunden sie sich an und wer wird zum Partny? Welche Karriere schlagen sie ein und sind Kinder in der Beziehung ein Thema?
Neben verschiedenen Aktivitäten im Haus, welche die Grundbedürfnisse Schlaf, Essen, Toilette und Hygiene erfüllen, und dem Verbessern von Fähigkeiten wie Programmieren oder Kochen, kann auch die Stadt Melino erkundet und verschiedene Geschäfte besucht werden. Eine Zeitung informiert jeden Morgen über Geschehnisse des kommenden Tages, wie ein Treffen von Hobbyastronom*innen oder ein kostenloser Yoga-Kurs im Park. In der Welt gefundene Dinge wie Pilze und Metalle können im Museum und dem heruntergekommenen Gemeindezentrum für Belohnungen gespendet werden und immer wieder gibt es kleine Aufträge von anderen Paras, die erfüllt werden können. Und natürlich kann mit diesen anderen, vorgefertigten Paras interagiert oder auch selbst gespielt und ihre Geschichte entdeckt werden. Einmal in einen Spielstand geladen, gibt es keine Ladebildschirme, außer, der Haushalt wird gewechselt.

Wenn sie sich unterhalten, benutzen Paras die rudimentär erdachte und nicht übersetzbare Sprache Parli, ähnlich wie Simlisch bei Die Sims, die sich aber dennoch deutlich davon unterscheidet. Möchte man mit einem Para (oder mehreren) eine Unterhaltung beginnen, gibt es zunächst nur die Option, mit ihnen zu reden. Nach kurzer Zeit erhält man dann die Möglichkeit, etwas Konkretes zu sagen, wie nach dem Tag des Gegenübers zu fragen oder einen Witz zu machen. Die bei der Charaktererstellung festgelegte Persönlichkeit steuert hier zusätzliche Gesprächskarten bei. Diese Karten sind, farblich erkennbar, in verschiedene Kategorien unterteilt: Smalltalk, Witze, Flirten und Gemeinheiten und sie beeinflussen jeweils die Stimmung der Paras. Manche Gesprächsoptionen, wie das Flirten, haben nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit, erfolgreich zu sein, die jedoch mit besserer Beziehung steigt.

Ein Blick in die Zukunft
Wichtig ist, nicht zu vergessen, dass sich Paralives in der Early Access Phase befindet und damit kein fertiges Spiel ist. Die häufigsten und schwerwiegendsten Probleme betreffen die Performance, sowie Bugs, die in einem so komplexen Spiel wie einer Lebenssimulation unweigerlich auftreten. Das Paralives Studio arbeitet, wie in der Entwicklungsphase, eng mit der Community zusammen, sammelt Feedback und versucht es umzusetzen. Bereits innerhalb der ersten zwei Wochen nach Veröffentlichung gab es mehrere Behebungen von Fehlern und deutliche Verbesserungen der Performance.

Paralives bietet bereits jetzt Content für viele Spielstunden. Während sich das Team zunächst auf allgemeine Verbesserungen des Spiels konzentrieren möchte, sind für die Zukunft viele weitere Dinge für alle Spielbereiche von Paralives geplant. Hierfür wird die Early Access Phase nach bisherigem Plan etwa zwei Jahre dauern. Aber auch weitere Verbesserungen stehen an. So benötigen etwa die Reaktionen der Paras aufeinander und auf ihre Umgebung noch deutlicher Überarbeitung, um überzeugender zu wirken, und auch die Aspekte von Eltern-Kind-Beziehungen sind bisher nicht sonderlich tiefgreifend. Spannend wird auch die Überarbeitung der nicht vorhandenen Kollision in Kombination mit der Wegfindung der Paras. So können sie sich zwar nicht gegenseitig in die Quere kommen oder an Engstellen hängen bleiben, dafür führt es aber auch dazu, dass Paras sich beim Unterhalten an die seltsamsten Orte stellen oder mit dem Kopf in der Haustür Liegestützen machen.

Ergänzungen wie Wetter, Jahreszeiten, weitere Berufe, Tiere und mehr sollen in kostenlosen Updates in das Spiel integriert werden. Es soll keine kostenpflichtigen Erweiterungen geben. Angedeutet wurde, dass der Preis von aktuell 38,99 EUR nach Verlassen des Early Access steigen wird, hierzu ist aber bisher nichts Näheres bekannt. Mit der Veröffentlichung sollen auch die Beitragszahlungen auf Patreon enden. Ob die geplante Finanzierung nur durch einmaligen Kauf des Spiels mit gleichzeitiger Entwicklung über Jahre hinweg aufrechterhalten werden kann, wird die Zukunft zeigen. Positiv anzumerken ist jedoch die Zusammenarbeit des Studios mit der Modding-Community. Diese wird aktiv beworben und durch Updates unterstützt.
Paralives hat noch einiges an Weg vor sich, um ein vollkommen ausgereiftes Spiel zu sein. Für ein Spiel mit einem kleinen Entwickler*innenteam in der frühen Phase des Early Access sieht es allerdings schon sehr vielversprechend aus. Wenn das Studio das Momentum aufrechterhalten und alles zukünftig Geplante umsetzen kann, weiterhin so eng mit der Community zusammenarbeitet und das Spiel, bei dem man merkt, wie viel Leidenschaft hineingeflossen ist, weiterentwickelt, dann hat Paralives das Potenzial, zu einer großartigen Lebenssimulation zu werden, die nicht das Schicksal vieler Vorgänger teilt und nach kurzer Zeit wieder von der Bildfläche verschwindet.
Artikelbilder: © Paralives Studio
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Katrin Holst
Screenshots: Ayleen Schmidt


















