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Gifted and Talented von Olivie Blake ist ein charaktergetriebener Urban Fantasy-Roman über eine reiche und zutiefst dysfunktionale Familie. Die drei zerstrittenen Geschwister Meredith, Arthur und Eilidh ringen nach dem Tod ihres Vaters um dessen Imperium. Wer wird gewinnen? Und welche Wahrheit über die Familie Wren kommt dabei ans Licht?

An Olivie Blakes Atlas-Trilogie scheiden sich die Geister. Der erste Teil The Atlas Six hat viel Potenzial erkennen lassen: eine dichte Dark Academia-Atmosphäre, komplexe Charaktere und philosophische Gedankenspiele. Allerdings wurde die Handlung in den nächsten beiden Teilen zunehmend verworren, sodass viele Lesende spätestens im letzten Band den Zugang zur Geschichte verloren. Auch mit ihrer Romeo-und-Julia-Adaption Für immer dein Feind schlug Blake eine ähnliche Richtung ein.

Mit Gifted and Talented legt Blake nun ein Familiendrama erster Güte vor. Das Wren-Imperium steht auf dem Spiel, denn der Familienpatriarch ist tot. Doch welches seiner drei Kinder soll sein Erbe antreten? Bleibt die Frage, ob es Olivie Blake diesmal gelingt, ihre schriftstellerischen Stärken voll auszuspielen, ohne sich erneut in den Schwächen ihrer früheren Werke zu verlieren.

Triggerwarnungen

Essstörung, Tod der Eltern, Depression

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Story

Thayer Wren stirbt unerwartet an einem Schlaganfall. Mit seinem Tod hinterlässt der Gründer des Technologiekonzerns Wrenfare Magitech nicht nur ein gewaltiges Vermögen, sondern auch eine entscheidende Frage: Welches seiner drei Kinder wird sein Erbe antreten?

Da ist zunächst Meredith, die älteste Tochter. Sie hat sich längst von ihrem Vater und dessen Unternehmen gelöst und gemeinsam mit dem Konkurrenten ein eigenes Tech-Unternehmen aufgebaut. Als ihr Ex-Freund, der Investigativjournalist Jamie, nach Jahren wieder auftaucht und damit droht, ihre Geheimnisse zu veröffentlichen, gerät ihre mühsam aufgebaute Karriere ins Wanken. Denn der Erfolg ihres Unternehmens beruht nicht allein auf technologischem Fortschritt: Meredith nutzt ihre magische Begabung, um die Testergebnisse für den Erfolg von Birdsong zu fälschen und ihre App gezielt bekannt zu machen. Sollte die Wahrheit darüber ans Licht kommen, könnte sie alles verlieren.

Arthur Wren hingegen hat sich für eine politische Karriere entschieden. Als aufstrebender demokratischer Kongressabgeordneter lebt er von öffentlicher Anerkennung und dem Wunsch, von möglichst vielen Menschen geliebt zu werden. Gleichzeitig ist sein Privatleben ein kaum zu entwirrendes Geflecht aus unerfüllten Sehnsüchten, einer scheiternden Ehe und seiner Liebe zu einer Adeligen und deren Freund. Während er sich darauf vorbereitet, seine Frau zu verlassen und Vater zu werden, gerät auch seine politische Zukunft ins Wanken. Arthur kann sich kaum noch in der Öffentlichkeit zeigen. Denn in seiner Nähe beginnen elektronische Geräte unkontrolliert zu reagieren und verrückt zu spielen.

Die jüngste Schwester Eilidh galt lange Zeit als das Lieblingskind des Vaters. Als weltberühmte Balletttänzerin schien ihr eine glänzende Zukunft sicher zu sein, bis eine Verletzung ihre Karriere abrupt beendete. Seitdem kämpft sie mit dem Verlust ihrer Identität und einem Selbstwertgefühl, das vollständig an ihre Leistung gebunden war. Gleichzeitig trägt sie etwas Bedrohliches in sich. Eine dämonische Kraft schlummert in ihr, die ihr immer wieder das Leben rettet. Doch jede Rettung hat ihren Preis. Sobald diese Macht hervorbricht, werden Eilidhs Mitmenschen von apokalyptischen Katastrophen heimgesucht. Mit jedem Mal fragt sie sich, ob sie irgendwann tatsächlich für das Ende der Welt verantwortlich sein wird.

Das Cover wurde von der talentierten Künstlerin Little Chmura gestaltet, die bereits bei anderen Projekten mit Olivie Blake zusammenarbeitete.
Das Cover wurde von der talentierten Künstlerin Little Chmura gestaltet, die bereits bei anderen Projekten mit Olivie Blake zusammenarbeitete.

Wie von Olivie Blake zu erwarten, sind die Figuren der Geschwister vielschichtig und ihre Beziehungen untereinander ebenso verworren wie ihr Verhältnis zu ihrem verstorbenen Vater. Thayer Wren bleibt auch nach seinem Tod eine bestimmende Kraft in ihrem Leben. Seine Erwartungen, seine Bevorzugungen und die Verletzungen, die er seinen Kindern zugefügt hat, prägen jede ihrer Entscheidungen. Der Kampf um das Erbe ist deshalb nicht nur ein Machtkampf um die Führung eines Unternehmens. Meredith, Arthur und Eilidh sind dabei nicht unbedingt liebenswerte Figuren. Genau darin liegt jedoch ein großer Reiz des Romans. Niemand ist frei von Fehlern, niemand besitzt uneingeschränktes Recht und keine der Figuren lässt sich eindeutig als gut oder böse einordnen. Trotz ihrer fragwürdigen Entscheidungen wird nachvollziehbar, weshalb sie zu den Menschen geworden sind, die sie nun sind. Alle drei Geschwister haben gelernt, ihren persönlichen Wert an ihren Leistungen und an der Aufmerksamkeit anderer zu messen. Meredith braucht den geschäftlichen Erfolg, Arthur die Zustimmung der Öffentlichkeit und Eilidh die Perfektion ihres Körpers. Der Tod ihres Vaters zwingt sie dazu, sich erneut mit seinen Erwartungen auseinanderzusetzen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob sie überhaupt wissen, wer sie ohne ihre Karrieren, ihre Begabungen und den Namen Wren sein könnten.

Das Magiesystem ist stark an physikalische Vorstellungen angelehnt und, wie für die Autorin typisch, fest in der modernen Welt verankert. Die Magie wird als ein Netzwerk beschrieben, das sich über die Erde hinaus erstreckt und mit elektromagnetischer Energie vergleichbar ist. Nur wenige Menschen können bewusst darauf zugreifen, theoretisch lässt sie sich jedoch äußerst vielseitig einsetzen. Bei den drei Geschwistern wirkt die Magie vor allem wie ein äußerer Ausdruck ihrer inneren Konflikte.

Schreibstil

Olivie Blakes Sprache lebt von ironischen Spitzen, scharfen Kommentaren und gleichzeitig eindrucksvollen Sprachbildern. Dabei scheut sie auch vor Umgangssprache und modernen Redewendungen nicht zurück. Kurze Einschübe wie „Nur ein Spaß. Haha.“ oder „Klappe jetzt.“ lockern den Text auf und wirken beim Lesen zunächst ungewohnt, sind aber zunehmend unterhaltsam. Die Übersetzung von Heide Franck und Alexandra Jordan fängt sowohl den trockenen Humor als auch die moderne, stellenweise sehr bildhafte Sprache überzeugend ein.

Im Inneren des Buches finden sich zwischen den Kapiteln immer wieder Illustrationen von Little Chmura.
Im Inneren des Buches finden sich zwischen den Kapiteln immer wieder Illustrationen von Little Chmura.

Erzählt wird hauptsächlich aus der Perspektive der drei Geschwister. Die Handlung springt dabei zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her und gibt nach und nach Einblick in ihre Beziehungen und Beweggründe. Ergänzt wird die Erzählung durch kritische Kommentare sowie zwei Zwischenspiele einer Erzählinstanz namens „Gott“. Diese liefert auf ihre eigenwillige Art und Weise zusätzliche Informationen über die Welt des Romans und ordnet die Motive der Figuren ein.

Der Roman nimmt sich viel Zeit für Gespräche, Gedankengänge und ausführliche Betrachtungen der Figuren. Der Kampf um das Erbe entwickelt sich deshalb vor allem als psychologisches Familiendrama. Immer wieder wird die Handlung unterbrochen, damit die Figuren ihre Beziehungen, Motive und inneren Widersprüche reflektieren können. Diese Ausführlichkeit dürfte die Meinungen der Lesenden ähnlich stark spalten wie bereits bei The Atlas Six. Wer eine schnelle, geradlinige Handlung erwartet, könnte manche Passagen als langatmig empfinden. Wer dagegen Freude an moralisch ambivalenten Konflikten hat, erhält viel Raum, um tief in die dysfunktionale Familie Wren einzutauchen.

Die Autorin

Olivie Blake ist das Pseudonym der US-amerikanischen Autorin Alexene Farol Follmuth. Sie schreibt vor allem fantastische und spekulative Literatur für Erwachsene, in der sie sich häufig mit zwischenmenschlichen Beziehungen, moralischen Konflikten und der Komplexität von Leben und Liebe beschäftigt.

Internationale Bekanntheit erlangte sie mit The Atlas Six. Der Roman erschien zunächst im Selbstverlag. Nach der Neuveröffentlichung durch einen Verlag entwickelte sich das Buch zum New York Times-Bestseller und wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Mit The Atlas Paradox und The Atlas Complex führte Blake die Reihe als Trilogie fort. Unter ihrem bürgerlichen Namen schreibt sie außerdem Jugendbücher.

Erscheinungsbild

Das Cover wurde von der talentierten Künstlerin Little Chmura gestaltet, die bereits bei anderen Projekten mit Olivie Blake zusammenarbeitete. Für die deutsche Ausgabe wurde das Motiv der Originalausgabe übernommen. Mit seiner modernen und zugleich leicht mystischen Gestaltung passt es gut zum Genre und zur Atmosphäre des Romans.

Auch im Inneren des Buches finden sich zwischen den Kapiteln immer wieder Illustrationen von Little Chmura. Sie greifen die Gestaltung des Covers auf und sorgen für ein stimmiges Gesamtbild.

© Fischer Tor

Die harten Fakten

  • Verlag: Fischer Tor
  • Autorin: Olivie Blake
  • Erscheinungsdatum: 29.04.2026
  • Sprache: Deutsch (Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Heide Franck und Alexandra Jordan)
  • Format: Hardcover
  • Seitenanzahl: 656
  • ISBN: 978-3-596-71250-2
  • Preis: 26,00 EUR (Print) + 22,99 EUR (E-Book)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon (englisch, deutsch)

 

Fazit

Gifted and Talented von Olivie Blake ist ein charaktergetriebener Urban Fantasy-Roman über eine reiche, magisch begabte und zutiefst dysfunktionale Familie. Nach dem Tod von Thayer Wren kämpfen seine drei Kinder Meredith, Arthur und Eilidh um sein Erbe und die Zukunft des Familienunternehmens. Dabei geht es jedoch weniger um einen klassischen Erbstreit als um alte Verletzungen, gegenseitige Abhängigkeiten und den Wunsch nach Anerkennung.

Die drei Geschwister sind vielschichtig ausgearbeitet und alles andere als sympathisch. Gerade die moralische Ambivalenz macht die Beziehungen und Konflikte innerhalb der Familie besonders interessant.

Olivie Blakes Schreibstil ist ironisch und zugleich bildhaft, spart aber auch nicht mit einem Blick für scharfe Gesellschaftskritik. Die gelungene Übersetzung von Heide Franck und Alexandra Jordan sowie die Illustrationen von Little Chmura runden das Buch auch gestalterisch ab. Gifted and Talented ist ein anspruchsvoller und unterhaltsamer Roman für alle, die moralisch ambivalente Charaktere und tiefgreifende Familienkonflikte schätzen.

  • Authentische Charaktere
  • Komplexe Beziehungen
 

  • Ausschweifende Gedankengänge

 

Artikelbilder: © Fischer Tor
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Sabrina Plote
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