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Mit Kith & Kin hat das Team rund um die erfolgreiche Pen-and-Paper-Show Critical Role im November 2021 seinen ersten Roman veröffentlicht. Die Geschichte, geschrieben von Bestseller-Autorin Marieke Njikamp, folgt den Charakteren Vex’ahlia und Vax’ildan aus der ersten Kampagne. Wir berichten, ob das Buch sich lohnt.

Critical Role ist schon längst kein reines Live-Streaming eines Rollenspiels Mit Comic-Büchern, der Animationsserie und einem eigenen Verlagshaus, in dem zuletzt ein Brettspiel erschien, hat sich das Unternehmen zu einem echten Medien-Powerhouse gemausert.

Kith & Kin ist der erste Roman aus der Welt von Exandria. Geschrieben wurde er von Marieke Njikamp unter gestalterischer Mitwirkung von Laura Bailey, Liam O’Brien und dem Critical Role-Kreativteam.

Story

Die Story folgt den halbelfischen Zwillingen Vax’ildan und Vex’ahlia (im Folgenden auch Vax und Vex), den Spieler*innencharakteren von Liam O’Brien und Laura Bailey in der ersten Kampagne der Dungeons & Dragons-basierten Hitshow. Erzählt wird die Geschichte der Zwillinge, bevor sie der Abenteuergruppe Vox Machina beigetreten sind.

Unsere beiden Protagonist*innen sind zu Beginn der Haupthandlung noch jung, werden als Anfang zwanzig beschrieben. Zusätzlich bekommen wir Rückblenden zu ihren 10-jährigen Ichs präsentiert. Der Roman ist jedoch, wie sämtliche anderen Veröffentlichungen von Critical Role, nicht als Content für Jugendliche gedacht. Die saloppe, aus der Webshow bekannte Mundart der Zwillinge ist im Roman erhalten geblieben. Zudem werden einige schwierigere Themen wie sexuelle Belästigung nicht ausreichend kontextualisiert, um sie an ein jugendliches Publikum zu richten, und die teils recht brutale Gewalt ist allgegenwärtig.

Die eigentliche Geschichte startet, als die beiden Held*innen Westruun, eine Stadt im Zentrum Tal’Doreis, erreichen. Vex gerät dort an einen schmierigen Edelmann, dessen Avancen sie bestimmt zurückweist. In der darauffolgenden Nacht bemerkt Vax, dass seine Schwester von einer vermummten Gestalt verfolgt wird. Nach einer actionreichen Auseinandersetzung stellt sich heraus, dass die berühmt-berüchtigte Untergrundorganisation The Clasp einen Kopfgeldvertrag auf Vex’ahlia angenommen hat. Diesen versucht Vax’ildan kurzerhand zu negieren und begibt sich dafür direkt in die Höhle des Löwen. Der Anführer der Clasp macht ihm ein Angebot: Um den Vertrag aufzuheben, müssen die Zwillinge einen Ring für ihn stehlen, was sie kurzum in eine gefährliche wie auch moralisch konfliktreiche Mission führt.

Der Aufhänger für die Story ist leider genauso dünn, wie es auf den ersten Blick klingt.

Der Aufhänger für die Story ist leider genauso dünn, wie es auf den ersten Blick klingt. Ein Nobelmann setzt einen Kopfgeldvertrag auf Vex’ahlia aus, nur weil sie seiner sexuell übergriffigen Einladung nicht folgt? Zu uninspiriert, selbst wenn man die Situation als Charakterkommentar des Typus „privilegierter Narzisst“ werten möchte.

Von dieser Stelle an möchten wir inhaltliche Spoiler vermeiden. Ab etwa einem Drittel des Buches setzt die Haupthandlung ein. Diese zieht sich im Mittelteil allerdings sehr, was bei der recht knapp bemessenen Seitenzahl von ca. 350 Seiten verwundert. Leider ist die Handlung zudem sehr vorhersehbar. Fantasy-Fans werden bei der Lektüre keinerlei frische Ideen oder gar überraschende Wendungen entdecken. Das ist allerdings auch Geschmackssache – denn das, was der Plot macht, macht er dafür zumindest souverän. Einzig das Ende wirkt bedauerlicherweise etwas gehetzt, viele der Ereignisse überschlagen sich in den letzten Kapiteln. Generell wirkt das Erzähltempo nicht ganz gelungen.

Positiv hervorzuheben ist der diverse Cast, der sowohl nicht-binäre Charaktere als auch gleichgeschlechtliche Paare beinhaltet. Auch wenn der Roman teilweise mit deutlichen Stereotypen arbeitet, entwickeln die Nebencharaktere ihren eigenen Charme. Ganz wie man es von einem Critical Role-Werk gewöhnt ist. Einzig und allein die Rückblenden hinterlassen in dieser Hinsicht einen faden Beigeschmack. Während zwar erfolgreich etabliert wird, warum die Elfenstadt Syngorn für die beiden kein Zuhause darstellt, ist das daraus folgende Resultat in Sachen Charakterisierung leider sehr schwarz und weiß.

Im Fokus der Geschichte stehen natürlich die Zwillinge. Die Autorin lässt ihre Protagonist*innen in vielerlei Hinsicht in moralischen Grauzonen agieren. Schlussendlich landen die zwei, wie auch der Klappentext verrät, auf zwei unterschiedlichen Seiten eines Konflikts. Die Botschaft des Romans sticht dadurch überdeutlich hervor: Vax und Vex halten zusammen, egal was passiert. Hier kommen Fans voll auf ihre Kosten. Zusätzlich kriegen wir kleine Momente zu sehen, die bei Zuschauenden der ersten Kampagne ein Lächeln hervorlocken dürften, da sie direkte Anspielungen beinhalten.

Schreibstil

Die Dialoge lassen uns im Zwiespalt zurück.

In Sachen Schreibstil positiv hervorzuheben sind Njikamps szenische Beschreibungen. Diese sind flüssig und immersiv, ohne blumig zu werden. Lesende werden bei jedem Szenenwechsel vollständig abgeholt. Leider fällt im Kontrast dazu stark auf, dass es bei den emotionalen Beschreibungen häufig zu Wiederholungen kommt. Njikamp scheint ihren Leser*innen hier nicht zuzutrauen, selbst zwischen den Zeilen lesen zu können. Sämtlicher emotionaler Subtext wird noch einmal in Wortlaut wiederholt – ein Merkmal, das sich oft in der Kinder- und Jugendbuchsparte findet, in der die Autorin sonst schreibt. Wen das nicht stört, der wird ein solides, aber nicht herausragendes Leseerlebnis haben.

Die Dialoge lassen uns im Zwiespalt zurück. Die bekannten Neckereien zwischen den Zwillingen hat die Autorin hervorragend auch in die Buchform übersetzt. Und das ist genau das, was die Fans wollen: Vex und Vax in Action, wie wir sie kennen. Unterstützt wird dies in Hörbuchform natürlich davon, dass Bailey und O’Brien ihre Charakterrollen selbst sprechen.

Den 10-jährigen Versionen der Zwillinge kauft man die komplizierten Sätze und philosophischen Aussagen, die sie teilweise tätigen, jedoch nicht ab – und O’Brien beim Hörbuch ganz generell auch nicht diese Altersstufe, dank der eher düsteren Intonierung seines Charakters. Das ist besonders schade, weil ein stärkerer Kontrast die in der Geschichte enthaltende „Trainingsmontage“ hervorragend unterstützt hätte.

Die Autorin

Mit der niederländischen Kinder- und Jugendbuchautorin Marieke Njikamp hat sich das Team von Critical Role eine bekannte Schriftstellerin ins Boot geholt. Vorherige Erfahrungen mit Auftragsarbeiten, zum Beispiel für die Comicreihe rund um Kate Bishop als Hawkeye sowie die beliebte US-amerikanische Kinderbuchreihe Goosebumps (auf Deutsch Gänsehaut) dürften bei der Wahl entscheidend gewesen sein. Berühmt geworden ist Njikamp allerdings durch ihren Jugendbuch-Bestseller This Is Where It Ends (auf Deutsch 54 Minuten im S. Fischer Verlag).

Erscheinungsbild

Das Cover, designt von Scott Biel und illustriert von Nikki Dawes, zeigt die beiden titelgebenden Figuren Vax und Vex. Dawes hat über die Portfolio-Plattform Artstation Entwürfe veröffentlicht, die deutlich machen, dass der Fokus gänzlich auf den Zwillingen liegt.

Dieser Fokus ist auch gewollt, schließlich sind es die beiden Charaktere, die Leser*innen für das Werk begeistern sollen. Das vex’ahlische Blau, für das die Figur bekannt ist, durfte natürlich auch nicht fehlen. Insgesamt ein stimmiges Erscheinungsbild, dem nichts entgegenzusetzen ist.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Del Rey (Print), Random House Audio (Hörbuch)
  • Autorin: Marieke Njikamp, unter der Mitwirkung des Critical Role-Teams
  • Erscheinungsdatum: 30. November 2021
  • Sprache: Englisch
  • Format: Hardcover, Hörbuch
  • Länge: 353 Seiten (Print), 16 Stunden (Hörbuch)
  • ISBN: 9780593496626 (Printausgabe)
  • Preis: 35,95 EUR (Hörbuch; auch via Audible erhältlich), 21,99 EUR (Print), 12,59 EUR (E-Book)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo

 

Bonuscontent

Wer Behind-the-Scenes-Content mag, der wird bei Critical Role stets bedient. Unter der Moderation von Mica Burton wurde auf dem Youtube-Kanal des Unternehmens ein Q&A mit der Autorin und den involvierten Darstellenden veröffentlicht.

Wer sich zudem eine längere Hör- oder Leseprobe zu Gemüte führen möchte, bevor sie*er sich für einen Kauf entscheidet, der*dem sei dieser Artikel von Polygon.com ans Herz gelegt.

Fazit

Als eigenständiger Fantasy-Roman kann Kith & Kin uns nicht überzeugen – vor allem nicht in der Erwachsenensparte, in der Critical Role sich selbst sieht. Dazu ist der Schreibstil der Autorin zu sehr von ihren vorherigen Kinder- und Jugendbüchern geprägt, in denen Subtext oft vermieden wird. Der Einstieg in die Geschichte wirkt zudem dünn und lieblos.

Der Roman ist vorrangig ein Titel, der für Fans von Critical Role und vor allem der beiden Hauptcharaktere gemacht wurde. Als dieser funktioniert er dann auch. Die Dialoge zwischen den Zwillingen wirken natürlich und charaktertreu. Die moralischen Fragen des Romans sind das Herzstück der Geschichte und entsprechend gut herausgearbeitet. Wer also für Vex und Vax kommt, der wird bedient und mit dem Buch zufrieden sein. Aber auch die Nebencharaktere bleiben positiv in Erinnerung.

Besonders das Hörbuch ist bei diesem Titel empfehlenswert, da mit Robbie Daymond als Erzähler und Bailey und O’Brien als Sprecher*innen von Vex und Vax ein ausgezeichnetes Trio am Start ist.

Kith & Kin sei an dieser Stelle all denjenigen zu empfehlen, die Charakterstudien einem komplexen Plot vorziehen. Wir beenden die Lektüre mit gemischten Gefühlen und empfehlen für mehr Vox Machina-Content die Vorgeschichte in Comicform oder die Serien-Adaption The Legend of Vox Machina auf Amazon Prime.

  • Das Hörbuch überzeugt
  • Geliebte Charaktere sind gut getroffen
  • Diverser Cast an Nebencharakteren
 

  • Jugendbuchartiger Schreibstil trotz erwachsenem Zielpublikum
  • Dünner Aufhänger und vorhersehbarer Plot

 

Artikelbilder: © Penguin Random House, Nikki Dawes
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Susanne Stark
Dieses Produkt wurde privat finanziert.

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