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In einer eiskalten Welt ist das geheimnisumwitterte Mädchen Halla ein begehrtes Ziel: Von unterschiedlichen Gruppen verfolgt, muss es sich auf eine gefährliche Flucht begeben. Das Romandebüt des Sängers der finnischen Metal-Band INSOMNIUM beginnt mit einer gewöhnlichen Quest. Sticht Der Weg des ewigen Winters trotzdem aus den Massen an Fantasy-Romanen heraus?

Dass die Phantastik und die Metal-Szene eine gegenseitige Anziehungskraft haben, ist seit langem eine feststehende Tatsache. Bekanntestes Beispiel hierfür ist wohl die Band Blind Guardian, deren Songtexte sich häufig mit phantastischen Themen befassen. Doch auch in letzter Zeit sind einige interessante Neuerscheinungen in diesem Bereich zu beobachten: So veröffentlichten die Mittelalter-Rocker von Saltatio Mortis ein passendes Set aus Album, Buch und DSA-Abenteuer und die deutsche Death-Metal-Band Darkest Horizon brachte mit Nadzieja ein Fantasy-Buch heraus.

Das nun in deutscher Übersetzung erschienene Werk Der Weg des ewigen Winters des Sängers der finnischen Melodic-Death-Metal-Band INSOMNIUM ist kein Produkt der letzten Jahre. Vielmehr bildet es eine Weiterentwicklung einer Kurzgeschichte, die Sänger Niilo Sevänen bereits in den 2010er-Jahren verfasste und für die er einen Preis erhielt. Als dazugehörend kann das Album Winter´s Gate betrachtet werden, das vor fast zehn Jahren erschien.

Triggerwarnungen

Höhen, Enge Räume, Gewalt gegen Kinder, Mord

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Story

Die Geschichte beginnt im Jahre 1007 in Konstantinopel. Augenscheinlich findet die Handlung in einem historischen Setting statt, mit einer maßgeblichen Änderung: Vor sieben Jahren fand ein mysteriöses Ereignis statt, das keinen Stein der bis dahin bekannten Welt auf dem anderen ließ. Denn der blaue Stern erschien am Himmel und seitdem überzog eine klirrend eisige Kälte Europa. Doch damit nicht genug: Mit der Kälte kamen grauenvolle Wesen, die ein Leben im Norden Europas seitdem fast unmöglich machen.

In dieser Gemengelage lebt der Barde Orpheus in Konstantinopel und hält sich mehr schlecht als recht über Wasser. Bis zu einem ereignisreichen Auftritt, bei dem seine Schwester einem Mord zum Opfer fällt, der dazu dient, sich deren Pflegetochter Halla zu eigen zu machen. Orpheus, der Zeuge der grauenvollen Geschehnisse wird, nimmt sich des Mädchens an und beginnt mit ihr eine Flucht, die weit aus Konstantinopel herausführt. Doch ihre Verfolger*innen lassen sich nicht leicht abschütteln. Somit beginnt für die beiden eine gefährliche Reise, bei der das Ziel nicht immer klar ist. Und auch die Begleiter*innen könnten Freund*in oder Feind*in sein. Halla selbst ist nicht klar, welche Rolle sie in diesem Spiel hat, und auch nicht, welche ihr innewohnenden Kräfte sie zu einem begehrten Ziel machen. Kindlich-naiv ist ihr vordergründig nicht klar, was mit ihr passiert. Doch ihre Träume scheinen ihr Zugänge zu gewähren, die ihr im wachen Zustand (noch) verwehrt sind.

Gleichzeitig wird die Geschichte der historisch verbürgten Königin Theophanu erzählt, die zur selben Zeit ihren seit langer Zeit verschollenen Sohn sucht und die Hoffnung niemals aufgibt, dass er als rechtmäßiger König zurückkehrt. Scheinbar ist ihr Schicksal mit dem von Halla verwoben. Und auch sie begibt sich auf die Reise nach Antworten.

Ein großer Pluspunkt von Der Weg des ewigen Winters ist, dass deutlich wird, wie eng die verschiedenen Völker des frühen Mittelalters miteinander verwoben waren. Durch das Kälteereignis, das den Norden fast unbewohnbar machte, umso mehr. Insbesondere die Auswirkungen auf das christliche Rom sind immens, sodass das Rom im Buch ein ganz anderes als das in den historischen Darstellungen ist. Somit sorgt der Autor dafür, dass sich Lesende, selbst wenn sie über das historische Hintergrundwissen verfügen, nie sicher sein können, was sie im weiteren Verlauf des Buches erwartet.

Sevänen legt mit Der Weg des ewigen Winters einen gut recherchierten Roman vor, der historische Begebenheiten durch das Ereignis des blauen Sterns gekonnt umwandelt. Auch die Charaktere, allen voran Orpheus und die Verfolgerin Skadi, sind glaubhaft beschrieben und weisen eine plausible Entwicklung auf. Hallas Entwicklung wird weiterhin für Spannung sorgen, vor allem da ihre Rolle in der weiteren Entwicklung der Welt im Trüben liegt. Auch das Wirken und die Weitsicht Theophanus sind sehr interessant zu lesen. Diese Mischung aus Charakteren und historischem Setting machen Der Weg des ewigen Winters zu einem herausragenden Buch, das in seinen Bann zieht.

Schreibstil

Niilo Sevänen macht vieles richtig: Er nutzt verschiedene Perspektiven, um die vielfältigen Motive der Figuren sichtbar zu machen. Dabei setzt er eine stringente Weiterentwicklung der beiden Haupterzählstränge um. Allerdings wechseln die Perspektiven innerhalb der Kapitel sehr abrupt, sodass Leser*innen sich erst einmal an den Erzählstil gewöhnen müssen. Mit fortschreitender Geschichte fällt das jedoch nicht mehr ins Gewicht und sorgt im Gegenteil dafür, dass die Handlung breiter erzählt wird. Auch die Mysterien, die sich nach und nach, zumindest ansatzweise, auflösen, halten die Spannung hoch. Ein großes Manko, zumindest aus Leser*innensicht, ist das Cliffhanger-Ende. Da der nächste Teil erst im Februar in der finnischen Originalausgabe erscheinen wird und noch keine deutsche Übersetzung angekündigt ist, sorgt das für ein unbefriedigenden Abschluss von Der Weg des ewigen Winters.

Gerade weil der Debütroman in seinen Bann zieht und auch sprachlich durchaus unterhält, ist das in jeder Hinsicht sehr offene Ende ein Ärgernis. Ein weiteres Ärgernis geht zulasten des Lektorats der deutschen Ausgabe: Namen werden häufiger vertauscht oder falsch geschrieben, sodass hier des Öfteren ein Bruch des Leseflusses geschieht.

Der Autor

Niilo Sevänen, geboren 1979, ist vorrangig als Sänger, Bassist, Komponist und Texter der finnischen Melodic-Death-Metal-Band INSOMNIUM aktiv. Er verfügt über ein Studium der Literatur- und Kulturgeschichte. Der Weg des ewigen Winters ist sein Debüt als Romanautor. Für seine Kurzgeschichte Winter’s Gate, auf der ein 2016 veröffentlichtes Album der Band basiert, wurde er mit einem Preis ausgezeichnet.

Erscheinungsbild

Das Cover von Der Weg des ewigen Winters wirkt fast schon klischeehaft zu einem phantastischen Roman passend. Der abgebildete Rabe bildet einen netten Verweis auf die Band INSOMNIUM. Positiv zu vermerken sind das Lesebändchen, die Karte auf der Innenseite (auch wenn sich hier wiederum ein kleiner Schreibfehler eingeschlichen hat) sowie die gute Inhaltsangabe auf der Rückseite des Buches.

Cover

Die harten Fakten:

  • Verlag: Lübbe
  • Autor: Niilo Sevänen
  • Erscheinungsdatum: 28. November 2025
  • Sprache: Deutsch (Aus dem Finnischen übersetzt von Gabriele Schrey-Vasara)
  • Format: Gebundenes Buch
  • Seitenanzahl: 448
  • ISBN: 978-3-7577-0165-9
  • Preis: 24 EUR (Print) + 19,99 EUR (E-Book)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon

 

Fazit

Der Sänger der finnischen Metal-Band INSOMNIUM legt mit Der Weg des ewigen Winters einen spannend erzählten ersten Teil einer geplanten Trilogie vor. Nachdem Europa nach einem unheilvollen Ereignis unter klirrender Kälte leidet, obliegt es dem Barden Orpheus, seine Nichte Halla, die über geheimnisvolle und von verschiedenen Seiten begehrte Kräfte verfügt, zu retten. Eine gefährliche Flucht beginnt.

Die Protagonist*innen sind sehr glaubhaft ausgestaltet, mit einer nachvollziehbaren Entwicklung mit fortschreitender Handlung. Die verschiedenen Erzählstränge, die sich teilweise vereinen und Raum für Spekulationen lassen, sorgen für ein interessantes und kurzweiliges Lesevergnügen, trotz einiger Fehler im Lektorat. Niilo Sevänen versteht es, historische Fakten und phantastische Elemente in einem eiskalten Europa zu einem packenden Roman zu verweben, sodass Der Weg des ewigen Winters ein wahres Highlight dieses Lesewinters ist. Es bleibt zu hoffen, dass die weiteren Teile der Trilogie ebenfalls ins Deutsche übersetzt werden.

  • Packende Verbindung von Historie und Phantasie
  • Faszinierendes Setting
 

  • Einige Lektoratsfehler

 

Artikelbilder: © Lübbe
Layout und Satz: Dominic Niederhoff
Lektorat: Gloria Puscher

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