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So nah und doch so fern: Mit Avatar TLA und Spider-Man sind direkt hintereinander zwei Magic: The Gathering Produkte erschienen, von denen eines gut angenommen wurde und eines krachend scheiterte. Doch woran liegt das? Wir sind auf Spurensuche gegangen, um die Ursachen zu finden.

2025 war ein Jahr voller Kontroversen für Magic: The Gathering. Der Hauptdiskussionspunkt dabei ist die immer größere Einbindung von sogenannten Universum Beyond Sets, Magic: The Gathering Sets, die nicht in der eigenen Welt spielen, sondern stattdessen bekannte Franchises bedienen. Mit Final Fantasy schien Wizards of the Coast dabei ein großer Wurf gelungen zu sein, wurde das Set doch völlig überschwänglich angenommen und brachte astronomischen Umsatz. Im Herbst versuchte man dann mit zwei weiteren Sets diese Energie weiter zu nutzen und auf den schon fahrenden Zug aufzuspringen. Doch mindestens teilweise scheiterte dieser Plan kläglich. Das erste Universes Beyond Set im Herbst, Spider-Man, entwickelte sich zu einem echten Ladenhüter. Avatar TLA wiederum konnte besser abschneiden, wenn auch bei Weitem nicht so erfolgreich wie Final Fantasy. Doch woran liegen diese massiven Unterschiede? Mit etwas Abstand zu den Veröffentlichungen haben wir viele Gespräche mit Personen in der Spielebasis geführt und versuchen einen möglichst objektiven Blick auf die Gründe zu liefern.

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Fantasy-Gewalt

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Liegt’s an der Pappe? – Die Produktauswahl der beiden Sets

Magic: The Gathering-Spieler*innen finden Veränderungen in den meisten Fällen eher schwierig. So hatte die Veränderung von Draft- zu Play-Boostern oder auch die Verringerung der Booster pro Display von 36 auf 30, wenig überraschend, vor allem negative Reaktionen zur Folge. Hätte es zur Veröffentlichung von Spider-Man eine solche Umstellung gegeben, wäre Unmut zu erwarten gewesen. Dies war jedoch nicht der Fall. Sowohl Spider-Man als auch Avatar TLA kommen mit der fast gleichen Produktpalette daher, wie wir sie auch aus Am Rande der Ewigkeiten kannten: Play-Booster Displays und Collector-Displays machten den Großteil der verkauften Produkte aus. Darüber hinaus bieten Spider-Man und Avatar TLA beide Szeneboxen mit speziellen Karten, die nur in diesen zu finden sind. Außerdem bietet Avatar TLA noch Jumpstart-Displays, bei denen man zwei Booster ineinander mischt und ein kleines funktionales Deck erhält. Zudem gibt es das erste Mal ein sogenanntes Commander-Bundle, das eigentlich ein leicht aufgerüstetes Gift-Bundle ist. Dieses Commander-Bundle enthält neun Play-Booster, einen Collector-Booster, einen Click-Wheel-Lebenszähler und drei – normalerweise recht günstige – Commander-Karten. Zusätzlich erhält man hier zwei von zehn möglichen Karten, die es in den entsprechenden Artworks nur in diesem Bundle gibt.

Aber ist das der ausschlaggebende Punkt? Den größten Verkaufsanteil machen ohne Frage Play- und Collector-Displays aus. Wenn wir jetzt, Anfang 2026, auf die Preise der beiden Produkte schauen, sieht man einen deutlichen Unterschied: Ein Display mit 30 Avatar TLA Boostern kostet im Augenblick ca. 130 € auf dem Sekundärmarkt, was ungefähr dem Einführungspreis entspricht. Ein Display mit der gleichen Anzahl Booster Spider-Man bekommt man schon für ungefähr 80 €. Aber was drückt den Preis so? Ist es die Spielerfahrung?

Macht das denn keinen Spaß? – Limit-Erfahrungen und Kartenrelevanz

Wenig überraschend bringen beide Sets eigene Fähigkeiten mit sich, die man im Spiel nutzen kann. In Spider-Man haben wir Netzschuss und Wahnwitz dazubekommen. Mit Netzschuss kann man eine Kreatur vergünstigt ins Spiel bringen, wenn man dafür eine getappte Kreatur zurück auf die Hand nimmt. Das muss nicht zwangsweise in der Kampfphase geschehen. Bei Wahnwitz kann man eine Karte für alternative Kosten wirken, wenn sie in diesem Zug abgeworfen wurde. Anders als die Fähigkeit Wahnsinn muss das nicht zwingend im Moment des Abwerfens geschehen, dafür kann man damit Karten nur zu dem Zeitpunkt spielen, zu dem dies sonst auch legal wäre, Kreaturen zum Beispiel in einer der eigenen Hauptphasen. Beide Fähigkeiten fühlen sich im Spiel sinnvoll umsetzbar an und gehen schnell in Fleisch und Blut über. Netzschuss findet dabei in Limited-Umgebungen merklich öfter Verwendung als Wahnwitz.

Tatsächlich hat Spider-Man als Set im Augenblick relativ wenig Einfluss auf Constructed-Formate. Wenige einzelne Karten wie beispielsweise Durchgang ins Multiversum oder Spinnensinn werden zwar gespielt, aber ansonsten haben die Karten kaum Interesse bei Turnierspielenden geweckt. Dem gegenüber steht eine überraschend gute Limited-Erfahrung. Im Draft macht Spider-Man merklich viel Spaß. Unterschiedliche Deck-Typen können sinnvoll gebaut werden, was die Grundlage für eine gesunde Limited-Umgebung ist.

Avatar TLA wiederum hat gleich vier neue Fähigkeiten dabei. Diese sind Erdbändigen, Feuerbändigen, Luftbändigen und Wasserbändigen.

Erdbändigen lässt uns ein Land dauerhaft in eine Kreatur verwandeln. Spannend ist dabei vor allem, dass das Land, sollte es das Spielfeld verlassen, getappt auf dieses zurückkehrt. So verliert man nicht nur kein Mana, wenn die Landkreatur zerstört werden sollte, sondern kann dies beispielsweise auch nutzen, um Länder, die man opfern muss, wiederzubekommen. Warum nicht eine Tagebaumine zu einer Kreatur machen, die dann noch wiederkommt?

Feuerbändigen erzeugt beim Angreifen rotes Mana, das man dann aber in der entsprechenden Kampfphase verwenden muss. Viele der Kreaturen mit Feuerbändigen haben daher auch noch eine aktivierbare Fähigkeit, die man im Kampf nutzen kann, um sie beispielsweise stärker zu machen. Luftbändigen wiederum schickt eine Permanente ins Exil, von wo sie dann für zwei generische Mana wieder gespielt werden kann. Dies kann sowohl dafür genutzt werden, eigene Kreaturen spontan zu schützen, als auch feindliche wenigstens für den Moment zu entfernen. Wasserbändigen schließlich ist eine aktivierte Fähigkeit, die man neben Mana auch durch das Tappen von Kreaturen oder Artefakten bezahlen kann. Diese Fähigkeit ähnelt somit Einberufen, hier können aber eben neben Kreaturen auch Artefakte die Kosten bezahlen und es geht um einen wiederholbaren Effekt. Auch diese vier Fähigkeiten sind gut zu verstehen, wenn auch die Wichtigkeit im Limited deutlich unterschiedlich ist. Am meisten begegnet einem dort Erd- oder Wasserbändigen, was entsprechende Decks oft auch stärker macht. Wenn wir uns die Nutzung der Karten in anderen Formaten anschauen, ist der Einfluss deutlich größer als noch bei Spider-Man.

Sowohl Wan Shi Tong der Bibliothekar als auch Dachsmaulwurf-Junges werden extensiv gespielt. Letztere Karte so viel, dass einige Spielende einen Notfall-Bann forderten, ähnlich wie zuvor bei Vivi Orunitia aus dem Final Fantasy Set. Aber auch jenseits dieser beiden Karten bietet Avatar TLA mehr spielbare Karten für unterschiedliche Formate als Spider-Man. Das zeigt sich auch merklich im Preis für Einzelkarten auf dem Sekundärmarkt. Natürlich ist dieser volatil und passt sich Angebot und Nachfrage an. Jedoch zeigt sich hier ein deutlicher Unterschied, der potenziell dann auch die unterschiedlichen Display-Preise rechtfertigen könnte. Die gefühlt bessere Limited-Erfahrung bei Spider-Man hat darauf jedoch kaum Auswirkungen. Doch gibt es noch einen dritten und wahrscheinlich entscheidenden Grund, warum das eine Produkt sich merklich besser verkauft als das andere.

Keine Lust auf U-Bahn fahren in Magic: The Gathering? – Der Flavor der Karten

Die größte Kritik musste Spider-Man schon vor der eigentlichen Veröffentlichung einstecken, und diese begleitete das Produkt durch seine komplette Veröffentlichungszeit: der Stil des Sets. Magic: The Gathering spielt, mal mehr, mal weniger, in einem Fantasy-Hintergrund. Dieser kann zwar Ausläufer in Sci-Fi- oder Steampunk-Elemente haben, bleibt aber vor allem der modernen Welt fern.

Spider-Man mit seinem Setting in New York durchbricht diese Wand jedoch – wenig überraschend – klar. Karten wie Hotdog-Stand, U-Bahn-Waggon oder Taxifahrer lösten vor allem Abneigung bei Spielenden aus, sich mit den Karten auseinanderzusetzen. Das Gefühl ist dabei grundlegend subjektiv, hinterlässt aber doch merkliche Spuren bei der Spielerschaft. Auch in größeren Läden blieben die Draft-Veranstaltungen vergleichsweise leer. Ironischerweise konnte man diesen Umstand auch an einem hausgemachten Problem von Wizards of the Coast gut ablesen. Denn die Firma hat die Rechte für die Verwendung des Spider-Man-Hintergrundes nur für die Papierversion der Karten erworben. In den Online-Versionen wie MTG Arena oder MTG Online wurden stattdessen Karten erstellt, deren Charaktere sich dann innerhalb des MTG-Universums bewegen. Beispiele gefällig? Der genannte Hotdog-Stand ist hier der Schlemmerwagen, der U-Bahn-Waggon ist der Rankengeflochtene Wagen und der Taxifahrer ist der Vollgas-Fanatiker. Insgesamt fühlen sich die Karten viel stimmiger an, und in der Online-Version gibt es diese Akzeptanzproblematiken damit schlicht gar nicht. Im Gegenteil hat sich ein Hype um die Rückseite der Online-Version von Norman Osborn entwickelt. In der Papierversion wird dieser wenig überraschend zum ikonischen Grünen Kobold. Die In-Universe-Version wiederum, Goben, gelehrter Gen-Spleißer, wird dann zu Fleem, Gobens Schöpfung, einer witzig anzuschauenden fliegenden Kreatur.

Avatar TLA wiederum wurde sowohl in Papier als auch in der Online-Version mit den gleichen Artworks und Namen veröffentlicht. Hier ist für die meisten Fans aber die Fallhöhe zwischen Hintergrund und MTG selbst natürlich nicht so hoch. Avatar TLA bespielt eben klar einen Fantasy-Hintergrund, der sich ohne große optische Probleme in die Welt von Magic: The Gathering integrieren lässt.

Die Akzeptanz für das Set war und ist somit bedeutend höher und erzeugte zumindest im deutschsprachigen Raum nicht so viel Stirnrunzeln wie Spider-Man.

Und woran hat es denn nun gelegen? – Ein Fazit

Natürlich wird es nicht möglich sein, in letzter Instanz festzustellen, woran die Akzeptanz eines Sets nun liegt beziehungsweise woran diese dann wiederum scheitert. Die Zahlen bei den Verkäufen und damit einhergehend die Verfügbarkeit des Produktes sprechen aber eine eindeutige Sprache. Eigentlich müsste man erwarten, dass Spider-Man als etwas älteres Produkt schlechter verfügbar ist. Das Gegenteil ist aber der Fall. Egal ob im gut sortierten Einzelhandel, dem lokalen Spieleladen oder online: Spider-Man ist überall zu bekommen. Die große Frage ist dabei auch, ob Wizards of the Coast ein solches Abstimmen mit der Geldbörse genug merken wird, auf dass dann der entsprechende Veröffentlichungsplan und die Auswahl an Produkten angepasst wird. Mit Teenage Mutant Ninja Turtles steht das nächste Produkt mit einem sehr ähnlichen Flair schon in den Startlöchern. Der kommende Sommer wird dann wahrscheinlich zeigen, ob sich der Trend so fortsetzt und ob uns dann, um schon die Zukunftsmusik einzuläuten, 2027 andere Produkte bringt, die wieder stärker am Kerngedanken von Magic: The Gathering sind. Denn der Inhalt und damit einhergehend die Spielmechanik stimmen immer noch und machen Freude. Nur die Form mag im Augenblick viele Spielende nicht glücklich machen.

 

Artikelbilder: © Wizards of the Coast
Layout und Satz: Dominic Niederhoff
Lektorat: Nina Horbelt

Besprochene Produkte wurden kostenlos zur Verfügung gestellt.

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