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Sind neue Ideen immer gute Ideen? Mit Final Fantasy ist das erste Jenseits des Universums-Set für Magic: The Gathering erschienen, das im Standard legal ist. Doch war das eine gute Idee? Wir haben die Auswirkungen des Sets mit einigem Abstand für euch beobachtet.

Wenn Zahlen für sich sprechen, dann ist anscheinend alles gut. Mit Final Fantasy ist das bisher erfolgreichste Magic: The Gathering-Produkt aller Zeiten erschienen. In Rekordzeit waren die limitierten Produkte ausverkauft, die positiven Stimmen überschlugen sich scheinbar. Doch ist das gut für das Spiel und das Produkt? Schon im Frühjahr haben wir in einem Artikel gemutmaßt, welche Auswirkungen eine solche Verschiebung des Fokus auf Magic: The Gathering haben könnte. Jetzt, mit einigem zeitlichen Abstand, wollen wir die wichtigsten Punkte beleuchten und schauen, ob unsere Sorgen berechtigt waren.

Triggerwarnungen

keine typischen Trigger

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Und alles neu macht der Sommer – Der Start des Verkaufs und Preisentwicklung

Schon vor der eigentlichen Veröffentlichung überschlugen sich bei Magic: The Gathering Final Fantasy die Vorschusslorbeeren. Ein fantastisches Produkt, eine großartige Auswahl und spannende neue Karten. Unterschiedlichste neue Artwork-Varianten wurden angekündigt und wäre das noch nicht genug, lockte ein Bonus-Sheet mit spannenden Reprints, die fast alle viel gespielte Karten im Commander-Format sind.

Doch mit dem Hype kam die erste ernste Ernüchterung. Die Verfügbarkeit des Produktes war von Anfang an ein ernstes Problem.

Wer limitierte Produkte suchte, seien es Collector-Booster oder Collector-Commander-Decks, war auf frühe Vorbestellungen angewiesen oder musste auf dem Sekundärmarkt furchtbare Preise in Kauf nehmen. Ein Beispiel dazu: Waren zu Beginn Collector-Displays für knapp 400 EUR zu haben, kosten diese auf dem aktuellen Sekundärmarkt um die 700 EUR. Solche Preissteigerungen könnte man erwarten, wenn das Produkt schon älter wäre, Sammler*innen zahlen eben gern für noch original verschweißte Produkte deutlich höhere Preise. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Produkt aber noch kein Vierteljahr alt.

Jetzt kann an dieser Stelle natürlich argumentiert werden, dass normale Spielende Collector-Produkte gar nicht brauchen, um das volle Spielerlebnis zu erfahren. Alle spielerisch identischen Karten sind auch in Play-Boostern zu bekommen. Wer aber für die persönliche Sammlung spezielle Artworks haben wollte, muss merklich tiefer in die Brieftasche greifen.

Und dieser Kostenfaktor findet sich nicht nur bei Collector-Produkten. Auch normale Play-Booster-Displays haben sich als merklich teureres Produkt erwiesen. Im Augenblick sind diese nicht für unter 170 EUR zu bekommen. Wohlgemerkt für ein Produkt, das grundsätzlich noch gedruckt wird. Zum Vergleich: Die beiden letzten Sets, die sich innerhalb des Magic: The Gathering-Hintergrunds bewegten, sind merklich günstiger zu bekommen. Tarkir Drachensturm pendelt um die 110 EUR, Am Rande der Ewigkeiten um die 120 EUR. Wir reden also von mehr als einem Drittel Preisaufschlag.

Natürlich ist uns auch klar, dass ein Produkt zu betrachten, hier keine statistische Ausdruckskraft besitzt. Gleichzeitig ist mit den nächsten angekündigten Produkten, die ebenfalls Jenseits des Universums-Inhalte haben, ein ähnlicher Preis in den Vorbestellungen schon abzusehen. Ob diese Preissteigerung an einem höheren Verkaufspreis von Seiten Wizards of the Coast liegt, ist natürlich nicht einzuschätzen, aber es ist nicht zu erwarten, dass Magic: The Gathering Spiderman oder Magic: The Gathering The Last Airbender günstiger werden. Aber kann ich das Produkt denn ignorieren, falls ich kein Interesse daran habe?

Das wird jetzt gespielt? – Die Auswirkungen von Magic: The Gathering Final Fantasy auf unterschiedliche Formate

Anfang des Jahres hatten wir ebenfalls prognostiziert, dass Wizards of the Coast ganz zwangsweise den Preis des Produktes durch starke Karten rechtfertigen müsste. Natürlich ist dies auch in der Vergangenheit schon geschehen. Das Der Herr der Ringe Set ist ein fantastisches Beispiel für genau diesen Vorgang, bei dem einige der enthaltenen Karten viel Spiel sehen. Der zentrale Unterschied ist jedoch, dass Der Herr der Ringe nicht Standard legal wurde. Final Fantasy jedoch hat das Standard-Umfeld massiv verändert, genauer gesagt eine einzelne Karte hat das scheinbar geschafft:

Vivi Orunitia hat die letzten Turnier-Formate geradezu dominiert. Und auch das ist natürlich kein neuer Umstand. Schon ewig sind einzelne Karten oder Deck-Typen aus den Turnierszenen hervorgestochen und sind dann, mal schneller, mal langsamer, wieder verschwunden. Doch der neue Zauberer ist aus den Finalrunden nicht mehr wegzudenken und bisher hat sich kein Gegenkonzept gezeigt. Konzeptionelle Konter-Decks existieren natürlich, scheitern im Augenblick aber noch an der reinen Schlagkraft der Kombination des Zauberers und Agathas Seelenkessel.

In solchen Fällen rufen die Spieler*innen oft nach einem Bann, also einem Verbot der Nutzung der entsprechenden Karte im dominierten Format. Wizards of the Coast hat jedoch schon erklärt, dass es keinen Bann außer der neuen Taktung für Vivi Orunitia geben wird. Somit werden sich Spielende noch bis mindestens in den späten Herbst mit diesem Decktyp herumschlagen müssen.

In der Kombination sind das eigentlich keine guten Nachrichten für die Spielenden. Doch warum macht das Wizards of the Coast so?

Das Rad muss sich drehen – Mögliche Gründe für getroffene Entscheidungen

Wie man sehen kann lohnt sich die Kollaboration für Hasbro merklich
Wie man sehen kann lohnt sich die Kollaboration für Hasbro merklich

Magic: The Gathering-Purist*innen sprechen, wenig überraschend vor allem im Netz, von großer Abscheu über die Veränderungen im Hobby durch die Erweiterung der Inhalte mit „fremden“ Franchises. Der Kern von Magic: The Gathering würde sterben, das eigentliche Spiel verloren gehen und Wizards of the Coast würde es nur darum gehen, möglichst viel Geld zu drucken. Und wer auf die Zahlen schaut, mag potenziell zu einem ähnlichen Schluss kommen. Denn Hasbro, dem Mutterkonzern von Wizards of the Coast, könnte es doch besser gehen. Produkte, abseits von digitalen Angeboten, haben im Vergleich zum vorherigen Jahr merklich nachgelassen. Ausgenommen eben Wizards of the Coast und ganz explizit dabei Magic: The Gathering. Dort ist ein merklicher Gewinnzuwachs zu verzeichnen, der auch in der angehängten Übersicht explizit auf den Erfolg von Final Fantasy zurückzuführen ist.

Und für den Rest des Jahres kann mit ebenfalls positiven Zahlen gerechnet werden, zeigen doch Spiderman und Avatar: The Last Airbender ähnliche Vorverkaufszahlen wie zuvor Final Fantasy.

Doch sollte einen das dann nicht freuen, wenn es der Firma gut geht, die das gerne gespielte Spiel produziert?

Völlig losgelöst – Verliert Magic: The Gathering seinen Kontakt zur Spielerschaft?

Eigentlich kann man aus den genannten Veränderungen auch positive Effekte ableiten. Denn mit den Jenseits des Universums-Produkten kann Wizards of the Coast neue Spieler*innen für dieses fantastische Spiel gewinnen. Doch die Frage ist, ob tatsächlich Spielende rekrutiert werden oder nur Personen, die kurzfristig den Hype mitnehmen oder, noch schlimmer, die Produkte de facto als Spekulationsmasse nutzen. Schon länger schlägt sich Pokémon mit genau solchen Einflüssen herum, bei denen weniger mit den Karten gespielt wird, sondern Produkte nur zum Wiederverkauf erworben werden. Und mit Final Fantasy haben sich, so auch auf Reddit und an anderen Orten nachzulesen, diverse Käufer*innen genau aus dem gleichen Grund auf das Produkt gestürzt. Und hiermit sei jetzt keinesfalls schlecht über die Personen gesprochen, die große Final Fantasy-Fans sind und eine besondere Version von Sephiroth oder Kefka besitzen möchten. Wenn jedoch innerhalb eines halben Abends der Vorverkauf von neuen Magic: The Gathering-Produkten bei den großen deutschen Händlern mit dem Ausverkauf aller Gegenstände endet, liegt das nicht nur an ein paar enthusiastischen Fans. Neben den Personen, die Sammelkarten als Investitionsmasse nutzen, schlägt hier aber noch ein zweiter Faktor zu: Die Angst, das neueste Produkt zu verpassen, auf Englisch „fear of missing out“. Mit der immer schnelleren Kadenz von Magic: The Gathering-Sets, plötzlichen Veröffentlichungen auf der Secret LairSeite und ähnlichen Vorgängen haben wir uns selbst auch mehr als einmal dabei erwischt, dass wir überlegt haben, jetzt doch noch „schnell“ eins der Produkte zu erwerben.

Für Wizards of the Coast könnte das aber natürlich nicht besser laufen. Aber wie lange funktioniert das?

Und was kommt nun? – Ein Blick in die Zukunft

Mit Magic: The Gathering weiterhin auf dem aufsteigenden Ast gibt es eigentlich keinen Grund für Wizards of the Coast, etwas am Konzept zu ändern. Für 2026 ist mit Lorwyn zwar bisher nur ein Set angekündigt, das sich sogar innerhalb des bestehenden Magic: The Gathering-Hintergrunds bewegt. Nach aktuellem Plan werden uns aber mindestens drei Sets erwarten, die wieder Jenseits des Universums-Konzepte bedienen werden. Und nach den bisherigen Ergebnissen kann man davon ausgehen, dass auch diese Produkte sich verkaufen werden wie geschnitten Brot. Doch wie lange kann man dieses Konzept aufrechterhalten? Zumindest in naher Zukunft dürfte es keine ernsten Änderungen in diesem Plan geben, gibt es doch noch unzählige Franchises, die Wizards of the Coast noch bedienen kann, und wir schauen mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf diese Entwicklung.

Auf der einen Seite gibt es Settings, die wir aus persönlichen Gründen gerne sehen würden. Mehr MCU-Produkte, Warcraft oder Star Trek wären nur einige der möglichen Optionen. Doch auf der anderen Seite treiben immer wildere Set-Ideen auch einen merklichen Teil der geliebten eingesessenen Spielerschaft aus Magic: The Gathering heraus. Wir können daher nur hoffen, dass Wizards of the Coast einen tragbaren Mittelweg findet, der uns nicht immer weiter mit gefühlt willkürlich gewählten Settings überflutet.

 

Artikelbilder: © © Wizards of the Coast / Hasbro, Inc. © Square Enix in allen Fällen
Layout und Satz: Mika Eisenstern
Lektorat: Saskia Harendt

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