Was passiert am Tag vor der Revolution? Ursula K. Le Guin, die Grand Dame der englischsprachigen Science-Fiction, nimmt uns mit auf eine Reise zu den unterschiedlichsten Welten. In dieser Anthologie versammeln sich Erzählungen, die einen Bogen über die Jahrzehnte ihres Schreibens spannen. Doch lohnt sich diese Sammlung auch für Neueinsteigende?
Ursula K. Le Guin gehört zu den Autor*innen, deren Texte auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung erstaunlich lebendig wirken. Der Tag vor der Revolution ist eine eigens für den deutschsprachigen Raum zusammengestellte Originalanthologie. Sie vereint zahlreiche Texte aus der späten Schaffensphase Le Guins in den 1990er Jahren, von denen viele hier erstmals auf Deutsch erscheinen, ergänzt durch neu übersetzte frühere Erzählungen.
In ihrer Gesamtheit ermöglicht die Anthologie, die Entwicklung von Le Guins Schreiben über mehrere Jahrzehnte hinweg nachzuvollziehen und mitzuerleben, wie sich ihr Blick auf Gesellschaft und das Menschsein stetig weiterentwickelt. Dabei lesen sich viele der versammelten Texte aus Der Tag vor der Revolution wie ein Blick aus der Vergangenheit auf unsere Gegenwart.
Tod und Verlust, Sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch, Sklaverei und Ausbeutung, Psychische Belastungen
Inhaltsverzeichnis
Story
Die in dieser Anthologie versammelten Erzählungen bewegen sich größtenteils im Universum des Hainish-Zyklus, jenem weit verzweigten Zukunftsentwurfs, der Ursula K. Le Guins Werk über Jahrzehnte hinweg geprägt hat. Im Zentrum steht eine Vielzahl menschenähnlicher Zivilisationen, deren kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung derjenigen der Erde weit voraus ist. Raumfahrt, interstellare Kontakte und politische Verflechtungen bilden dabei meist nur den Hintergrund. Im Vordergrund stehen fast immer die sozialen Strukturen und inneren Konflikte der Figuren. Jedoch beschränkt sich die Anthologie nicht ausschließlich auf ferne Welten. Gerade ab der zweiten Hälfte finden sich auch Erzählungen, die ganz oder teilweise auf der Erde spielen; ein Schauplatz, den man von Le Guin eher selten kennt.
Den Einstieg bietet die Erzählung Neun Leben. Sie handelt von der Forschungsbasis Libra, auf der Martin und Pugh auf Unterstützung für den Abbau von Uran warten. Diese erhalten sie in Form einer Gruppe von Klonen, bestehend aus fünf Männern und fünf Frauen. Die Klone scheinen nur mit sich auszukommen, bis bei einem Beben die Höhle einstürzt und nur einer von ihnen überlebt. Schnell wird deutlich, dass dieser einzelne Klon kaum lebensfähig ist: Er hat nie gelernt, als eigenständiges Individuum zu existieren. Obwohl die Geschichte bereits 1969 entstand, wirkt sie in ihrer Auseinandersetzung mit Identität und Individualität erstaunlich zeitlos.
In zwei Erzählungen kehrt Le Guin zu dem Planeten Gethen, auch Winter genannt, zurück, der bereits aus Die linke Hand der Dunkelheit bekannt ist. Sie vertieft erneut jene Fragen, die diesen Roman so außergewöhnlich gemacht haben und stellt sich dabei auch der Kritik, die nach der Veröffentlichung an sie herangetragen wurde. Die auf Winter lebenden Menschen besitzen nach ihrer Geburt zunächst kein festes Geschlecht, sondern sind androgyn. Im Laufe ihres Lebens können sie dann vorübergehend ein Geschlecht annehmen. Diese Entscheidung ist jedoch nicht endgültig. Während Le Guin im Roman konsequent das Pronomen „he“ für die Bewohnenden von Winter verwendete, passt sie diese Entscheidung in den späteren Texten bewusst an.
Ein weiteres spannendes Konzept entwickelt Le Guin in den miteinander verbundenen Erzählungen von Die Geschichte der Shobys bis Berglandbräuche. Auf dem Planeten O sind stets vier Menschen miteinander verheiratet. Sie bilden zwei Paare, wobei bestimmte sexuelle Beziehungen gesellschaftlich geregelt sind und jede Person dadurch sowohl eine heterosexuelle als auch eine homosexuelle Beziehung lebt. Jedoch fehlt in ländlichen Regionen häufig eine vierte Person, um eine Ehe zu vervollständigen, was zu sozialen Spannungen und persönlichen Konflikten führt. Auch hier nutzt Le Guin das ungewöhnliche Ehe-Modell nicht als bloße Kuriosität, sondern als Mittel, um Machtverhältnisse innerhalb einer Gemeinschaft zu untersuchen.
Schreibstil
Le Guins Sprache ist meist schlicht, aber präzise. Die Sätze sind klar gebaut und verzichten auf unnötige Ausschmückung. Es wird wenig erklärt oder ausformuliert, alles ergibt sich aus dem Kontext; aus Dialogen und Handlung. Auch die fremden Welten erschließen sich nicht über lange Beschreibungen, sondern werden nach und nach durch das Geschehen selbst verständlich.
Die Texte verändern im Verlauf der Anthologie zunehmend ihren Blickwinkel, reflektieren das Erzählen selbst und spielen bewusst mit Nähe und Distanz. Auch im Umgang mit dem Fremden unterscheidet sich Le Guin deutlich von vielen klassischen Science-Fiction-Erzählungen. Das Unbekannte erscheint nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung für Wahrnehmung und Denken. Besonders deutlich wird dies in Das Gesichtsfeld, wo der Verlust vertrauter Seh- und Ordnungsstrukturen sich unmittelbar in der Sprache widerspiegelt. Die Erzählweise wird tastender, fragmentierter und macht den geistigen Zusammenbruch der Figuren nicht nur nachvollziehbar, sondern sprachlich erfahrbar.
Die deutsche Übersetzung von Karen Nölle trägt entscheidend dazu bei, dass die Qualitäten der Texte erhalten bleiben.
Die Autorin
Ursula K. Le Guin (1929–2018) war eine der einflussreichsten Stimmen der angloamerikanischen Science-Fiction- und Fantasyliteratur. Geboren in Berkeley, Kalifornien, wuchs sie in einem akademisch geprägten Umfeld auf; ihr Vater war Anthropologe, ihre Mutter Schriftstellerin. Ab den 1960er-Jahren veröffentlichte sie zahlreiche Romane und Erzählungen. Mit Die linke Hand der Dunkelheit und dem Erdsee-Zyklus erlangte sie internationale Bekanntheit. Für ihr Lebenswerk erhielt sie unter anderem den National Book Award.
Erscheinungsbild
Das Cover ist in Rot- und Weißtönen gehalten und zeigt einen fernen Planeten. Die Gestaltung hat einen Retrocharme, ist aber genretypisch und vermittelt klar, dass es sich um Science-Fiction handelt. Das Buch ist aufgrund der Vielzahl der ausgewählten Geschichten relativ dick, was sich in der Wahl eines dünneren Papiers widerspiegelt. Dadurch bleibt es trotz der Seitenzahl handlich. Die Schriftgröße ist dabei nicht zu kein und ermöglicht ein angenehmes Leseerlebnis, auch über längere Zeit.
Die harten Fakten:
- Verlag: FISCHER Tor
- Autorin: Ursula K. Le Guin

- Erscheinungsdatum: 29.10.2025
- Sprache: Deutsch (Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Karen Nölle)
- Format: Hardcover
- Seitenanzahl: 784
- ISBN: 978-3-596-71087-4
- Preis: 36,00 EUR (Print) + 24,99 EUR (E-Book)
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon
Bonus/Downloadcontent
Der der Anthologie vorangestellte Essay Science Fiction lese ich nicht ist nicht nur Teil des Buches, sondern auch auf der Website von Fischer Tor frei zugänglich. Er bietet einen persönlichen und zugleich reflektierten Einstieg in Le Guins Verständnis von Science-Fiction und ihrer literarischen Arbeitsweise. Ergänzt wird der Band durch ein Nachwort der Übersetzerin, in dem sie unter anderem auf Le Guins Ringen mit dem Schreiben eingeht. Dabei wird auch Bezug auf die Entstehung und Bedeutung der Fantasy-Reihe Erdsee genommen. Auch dieses Nachwort ist online auf der Verlagswebsite zu finden.
Darüber hinaus hat Autor*in Aiki Mira einen eigenständigen Artikel mit dem Titel „Ich gehe jetzt“ – Lesen als queere Praxis. Warum Lesen heute radikaler ist als Schreiben veröffentlicht, der sich inhaltlich mit der Anthologie auseinandersetzt und eine zeitgenössische, queere Lesart der Texte eröffnet.
Fazit
Die Anthologie Der Tag vor der Revolution bietet einen umfassenden Einblick in das erzählerische und gedankliche Werk Ursula K. Le Guins. Die versammelten Geschichten bewegen sich größtenteils im Hainish-Zyklus, öffnen sich aber auch ungewohnten Schauplätzen wie der Erde und greifen zentrale Themen wie Geschlecht, Identität und Zusammenleben immer wieder neu auf. Action steht dabei selten im Vordergrund; stattdessen überzeugt der Band durch neue Gesellschaftsentwürfe und mutige Ideen. Besonders hervorzuheben ist Le Guins Fähigkeit, vertraute Konzepte konsequent zu hinterfragen und alternative Denkmodelle ernsthaft durchzuspielen.
Mit einem Preis von 36,00 Euro liegt das Buch im oberen Preissegment. Angesichts von 25 Geschichten auf knapp 800 Seiten, darunter viele bislang nicht auf Deutsch erschienene Texte, ist das Verhältnis von Preis und Leistung jedoch stimmig. Der Band richtet sich klar an Leser*innen, die bereits Fan von Le Guin sind und gerne mehr von ihr lesen möchten. Wer bereit ist, sich Zeit zu nehmen und sich auf Le Guins ruhige, klare Erzählweise einzulassen, wird mit einem außergewöhnlich dichten und nachhaltigen Leseerlebnis belohnt.

- Mutige Gesellschaftsentwürfe
- Reflexion über das eigene Schreiben
- Informatives Nachwort
Artikelbilder: © FISCHER Tor, depositphotos ©diversepixel
Layout und Satz: Annika Lewin
Lektorat: Hendrik Pfeifer
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.
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