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Hexen sind aus der phantastischen Literatur nicht wegzudenken. Wir finden sie in allen Formen, von der grauenvollen Heimsucherin bis hin zur fürsorglichen Apothekerin. Was macht diese Faszination, die dem Thema seit der Antike innewohnt, aus? Und was hat der Feminismus eigentlich damit zu tun? Eine Meinung.

Es ist anzunehmen, dass jede*r Leser*in schon einmal ein Buch, in dem Hexen thematisiert werden, gelesen hat. Sei es, dass man als Kind mit der Kleinen Hexe von Otfried Preußler auf dem Blocksberg getanzt hat oder, wenn man es eher mit dem Horrorgenre hält, das Grauen, dass eine uralte Hexe über den US-amerikanischen Ort Black Spring im Schauerroman Hex von Thomas Olde Heuvelt bringt, miterlebt hat.

Gerade im Zuge des boomenden Genres Cozy Fantasy ist Hexerei und Zauberei nicht mehr wegzudenken. Doch was steckt eigentlich dahinter? Sorgt die vermehrte Aufmerksamkeit dafür, für eine Befreiung der Frauen zu sorgen? Oder ist es doch nur eine Zementierung des Patriarchats im modernen Gewand?

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Die Hexe als Projektionsfläche

Das Konzept der Hexe in der Literatur ist ein wandelfähiges. Dies erklärt, warum sie schon lange vor der realen Gewalt im Zuge der Hexenverfolgung existiert hat, und Bücher mit magiefähigen Frauen in der Hauptrolle auch heute noch gerne geschrieben und gelesen werden. Grundsätzlich ist das Prinzip der Hexe geeignet, verschiedene menschliche Konflikte variantenreich präsentieren zu können. Es können die zentralen Themen Macht, Geschlecht, Angst, Abweichung und Wissen einzeln oder auch zusammen in den Fokus gerückt werden. Die Langlebigkeit der Figur resultiert nicht zuletzt dadurch, dass sie, im Gegensatz zu anderen phantastischen Gestalten wie etwa Orks, nicht auf bestimmte Charaktereigenschaften festgefahren ist, sondern ganz im Sinne der jeweiligen Autor*in ausgestaltet werden kann. Sie kann jede Rolle einnehmen: Täterin, Opfer, Mentorin, Rebellin, Heldin.

Die Macht der Hexe ist nicht durch Institutionen festgelegt, sie entspringt aus ihr heraus. Dieses Motiv kann sowohl Anlass für Befreiung als auch für Unterdrückung innerhalb der Erzählung bilden. Zudem kann es sowohl geeignet sein, die Strukturen von Macht und Marginalisierung innerhalb von Gesellschaften aufzuzeigen als auch dafür, die persönliche Betroffenheit eines Lebens außerhalb des Systems zu schildern. Gerade die durch Wissen eroberte Autonomie der Frau kann in feministischen Kontexten genutzt werden, eine klassische unabhängige Frau, die sexuell selbstbestimmt lebt und keiner männlichen Kontrolle untersteht, darzustellen. Dagegen kann genau dasselbe Motiv genutzt werden, um eine Bedrohung durch eben diese Eigenschaften und Lebensweise zu konstruieren. Ein klassisches Beispiel dafür ist die Hexe aus Hänsel und Gretel, die, im Gegensatz zum Vater der Kinder, der diese im Wald aussetzte, das Böse darstellt und getötet werden muss. Mona Chollet weist in ihrem Buch Hexen. Die unbesiegte Macht der Frauen darauf hin, dass gerade die Schilderung der Abenteurerin und der weiblichen Unabhängigkeit sie zu einem Hassobjekt für Reaktionäre macht, aber auch für andere Frauen einschüchternd wirken kann.

Historische Wurzeln: Die Hexe als Feindinbild

Generell gilt in der landläufigen Meinung die Hexenverfolgung als Verfolgung von Frauen, die aus unterschiedlichen Gründen von der Norm abweichen, sei es durch ihr Erscheinungsbild, ihr Wesen, ihr Verhalten oder auch Schicksalsschläge. Forschende weisen dagegen in jüngster Vergangenheit teilweise darauf hin, dass dieses Bild inkorrekt sei, da die Verfolgung und Ermordung Menschen aller Geschlechter widerfahren sei.

Unabhängig davon stellt die Wahrnehmung der Hexenverfolgung einen Sonderfall im Hinblick auf Verfolgung und Mord dar: Quasi-staatliche Folter und Tötung werden als Tourist*innenmagnet mit lustigen Bildern von Frauen auf Besen dargestellt. In diesem Ausmaß findet sich in der heutigen Wahrnehmung der Geschichte kaum ein anderes Ereignis, das dermaßen präsent ist und gleichzeitig so verleugnet wird.

Die Tatsache, dass Frauen bis heute, negativ konnotiert, als Hexe bezeichnet werden, machten sich Frauen im Zuge der Selbstbefreiung in den 1960er-Jahren zunutze, in dem sie die Organisation WITCH (Women’s International Terrorist Conspiracy from Hell) gründeten und Demonstrationen beispielweise vor der New Yorker Börse abhielten. Die Bewegung zog weltweit Anhängerinnen an und die Motive, die dieser Bewegung entstammten, sind auch heute noch auf feministischen Shirts zu finden. Dies führte in konservativen, kirchlichen Kreisen zu einem Aufschrei und klassische Hexenmotive wie Kinderlosigkeit oder Selbständigkeit wurden wieder herausgeholt, um Frauen zu diskreditieren und den Untergang der hetero-normativen Familie zu prophezeien. Diese Motive finden auch heute in den phantastischen Romanen Anklang: So sind die Frauen in Der Hexenzirkel Ihrer Majestät von Juno Dawson diejenigen, die machtvoll und selbstbestimmt ihre Leben leben. Dagegen sind in Romanen, die eher dem Genre Romantasy zuzuordnen sind, Hexen tatsächlich kinderlos und müssen oftmals trotz ihrer vielfältigen Begabungen einen Mann finden, damit sie ein erfülltes Leben führen können.

Böse, ambivalent, (anti-)feministisch: Verschiedene Zugänge und ihre Auswirkungen

Die Erzählung von der bösen Hexe, die Kinder stiehlt und Menschen heimsucht, ist ein bis heute beliebtes Thema unterschiedlicher Gattung: Während es bei Horrorromanen geradezu gesetzt ist, dass die Hexe für Grauen sorgt und besiegt werden muss, wie beispielsweise im jüngst erschienenen All Hallow’s Eve von Michael Penning, ist es in anderen Gattungen subtiler (siehe beispielsweise Der Zauberer von Oz). In der Absolutheit, wie Hexen als das Urböse gezeigt werden, die die Macht haben, alles zu zerstören, ist die Problematik innewohnend: Hexen sind im Gegensatz zu anderen phantastischen Wesen immer Menschen. Anderssein wird somit zum Problem. Wenn ein*e Autor*in sich dieser Verantwortung bewusst ist, können auch großartige Bücher über böse Hexen entstehen. Die große Fallhöhe besteht darin, dass der Fokus nur auf gewöhnlichen Protagonist*innen liegt, die im Angesicht der bösen Andersartigkeit agieren müssen, während die Hexe eindimensional gezeichnet ist.

Das ambivalente Bild, das andere Autor*innen genreübergreifend von Hexen zeichnen, wirft ein gänzlich anderes Licht auf die Figur: In Practical Magic von Alice Hoffman beispielsweise lernen Lesende unterschiedliche Lebensweisen von Hexen kennen, die jeweils in ihrer Generation verhaftet sind und gleichzeitig größtenteils selbstbestimmt leben. Allerdings findet eine enorme Anpassungsleistung an die Gesellschaft durch die magiebegabten Frauen statt. Anders löst dies Brom in seinem Buch Slewfoot, der es schafft, dass durch die Hexe die Grausamkeit einer Gesellschaft aufgedeckt wird und Mechanismen der Frauenfeindlichkeit durch gezeigt werden. Ambivalente Erzählstrukturen laden dazu ein, Frauen (oder Hexen) zu zeigen, wie sie sind: verschieden, divers, mit hellen und dunklen Seiten. Grundsätzlich erscheint diese Art der Hexenerzählung geeignet, um gleichermaßen Spannung und Charakterentwicklung zu zeigen, ohne zwangsläufig Frauen einschränkend zu erzählen.

Nur weil Hexen in Romantasy-Erzählungen vorkommen, bedeutet dies nicht, dass diese Bücher per se als antifeministisch zu gelten haben. Allerdings ist hier eine erhöhte Fallhöhe vorhanden: Denn die liebe Hexe, schusselige Hexe, die ihr Leben ohne Mann nicht sicher führen kann oder die gerettet werden muss (obwohl sie Magie beherrscht) und somit sich selbst degradiert, tut der Sache der Frauen keinen Gefallen. Besonders, da Hexen all das symbolisieren, was im Verdacht steht, fragile Männlichkeit herauszufordern, kann es einen schmalen Grat darstellen, hier die richtige Balance zwischen Konflikt und bekanntem Typus zu erzielen. Zeitgleich sind durch die Varianz erzählerischer Themen, wie Geburt, Krankheit und Tod, Sexualität, Heilung, noch viele Geschichten unerzählt und dies wird den Mythos weiter aufrechterhalten.

Die große Chance für Hexenromane, Feminismus zu etablieren, bietet sich durch die Diversität, die die Frauen ausmachen: Sie können intersektional, queer, neurodivergent sein. Die Hexe als die ultimative Außenseiterfigur bietet eine große Bandbreite an Möglichkeiten, Frauenfiguren zu gestalten. Sie können in der Vergangenheit außerhalb menschlicher Stätten naturverbunden leben oder im urbanen Raum in der heutigen Zeit. Sie können Kinder haben, eine Familie, oder auch nicht. Wichtig ist, dass es ein selbstbestimmtes, freies Leben ohne Zwänge von außen ist. Somit können Hexenromane auch feministische Herzen erfreuen.

Anderseits können sie auch patriarchale Strukturen kritiklos abbilden und verfestigen. Wenn Hexen, trotz der innewohnenden Macht, des Wissens und ihrer Unabhängigkeit sich in patriarchale Strukturen fügen, ihre Talente und ihr Wesen verleugnen oder verbergen, nehmen sie als Frauen genau den Platz ein, den ihnen die patriarchale Gesellschaft zugesteht.

Fazit: Zwischen Fluch und Freiheit

Bücher über Hexen sind heute in den verschiedensten Formen zu finden, angefangen beim Kinderbuch über Romantasy bis hin zur Horrorliteratur. Dabei sind unterschiedliche Schwerpunktsetzungen zu finden. Teils werden Frauenbilder ungeachtet der Außenseiterrolle, die den magiebegabten Frauen innewohnt, verwendet, die dazu geeignet sind, die patriarchale Gesellschaft, in der wir immer noch leben, weiter zu zementieren.

Andererseits gibt es immer öfter Bücher, die mit der althergebrachten Frauenrolle brechen und Hexen als eigenständige, interessante, unabhängige Frauen darstellen.

Wie grundsätzlich im Kapitalismus liegt hier die Entscheidung in den Händen der Konsument*innen. Wer progressive phantastische Literatur über Hexen lesen möchte, dem*der sei geraten, entsprechende Bücher zu kaufen und so zu fördern, dass weitere spannende Bücher in diesem Bereich verlegt werden.

Artikelbilder: depositphotos © likozor
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Alexa Kasparek

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