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Der Himmel tobt. Zwischen den griechischen und nordischen Gottheiten ist ein Streit um die griechischen Ländereien entfacht. Im Hybrid-Legacy-Spiel Divinus spielt ihr Halbgottheiten, deren Schicksal es ist, die Pantheons zu unterstützen. Wer nach zwölf Kapiteln die meiste göttliche Gunst erlangt, geht als neue Gottheit aus dem Wettstreit hervor.

Um am Ende der Kampagne zum Divinus, einer neuen Gottheit, aufzusteigen, sammeln die Spielenden in den zwölf Szenarien göttliche Gunst. Dazu erschaffen sie als Halbgottheiten von Szenario zu Szenario ihre eigenen Landschaften, bestehend aus einem Vier-mal-vier-Raster, sprich: 16 Landschaftsplättchen. Das Ziel eines jeden Szenarios ist, Aufgaben und Ziele der griechischen und nordischen Gottheiten zu erfüllen, die diese Bemühungen im Gegenzug mit ihrer Gunst belohnen.

Divinus ist ein digitales Hybrid-Legacy-Spiel mit einer Kampagne und einem Unendlichkeitsmodus zum Immer-wieder-Spielen. Wir verraten euch, ob und für wen sich das Plättchenlegespiel lohnt.

Triggerwarnungen

keine typischen Trigger

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Spielablauf

Nach einer kurzen narrativen Einführung in der kostenlosen, obligatorischen App und dem Spielaufbau werfen alle Mitspielenden ihre Würfel. Das Würfelergebnis bestimmt in der ersten Partie zum einen die Zugreihenfolge, und zum anderen werden die Würfel genutzt, um Haupt- oder Halbgottheit-Aktionen zu nutzen.

Die Person mit dem niedrigsten Augenzahlenwert erhält die Hoplitenfigur und beginnt. Die Würfelergebnisse werden ab sofort nicht mehr verändert.

Je nach Personenanzahl – zwei bis vier – hat jede*r Spieler*in sechs, fünf oder vier Würfel zur Verfügung. Zu Beginn der Kampagne können die Würfel nur für die Hauptaktion Erkunden eingesetzt werden. Die genutzten Würfel werden mit der zweiten Hauptaktion Ausruhen wieder aktiviert. Die weiteren Halbgottheit-Aktionen werden im Laufe der Legacy-Kampagne freigeschaltet.

Erkunden bedeutet, die eigenen Würfel zu nutzen, um sich eines der Landschaftsplättchen aus der Auslage zu nehmen. Dazu wählt die Person an der Reihe mindestens einen ihrer Würfel aus. Wählt sie mehr als einen, muss sie die Werte subtrahieren oder addieren. Der Gesamtwert bestimmt, von welchem der zwölf Felder auf dem Spielplan das Plättchen genommen wird. Die eingesetzten Würfel werden auf das leere Feld gelegt.

Der Spielaufbau: Im Zentrum sind die zwölf Landschaftsplättchen in der Auslage.

Die Spieler*in legt das Landschaftsteil nach bestimmten Legeregeln in die eigene Landschaft. Es darf anders als beispielsweise bei Dorfromantik nur an passende Geländearten (Ebenen, Berge, Gewässer) angelegt werden. Jedes neue Teil muss an ein bestehendes Teil mit mindestens einer Seite angrenzen, also nicht Ecke an Ecke. Ausliegende Landschaftsteile dürfen mit dem neuen Teil einmal überbaut werden, also obendrauf gelegt werden.

Bei der Hauptaktion Ausruhen erhält man die eingesetzten Würfel wieder zurück und darf alle Würfel, sowohl eingesetzte als auch aktive, neu würfeln. Die frei gewordenen Felder auf dem Spielplan werden mit neuen Landschaftsplättchen vom passenden Stapel aufgefüllt. Es gibt zwei Arten von Plättchen: Teile mit Fraktionssymbol – Wikinger, Griechen und Barbaren – und Teile mit geweihten Plätzen, die erst im Laufe der Kampagne an Bedeutung gewinnen.

Die Fraktionssymbole und Gebiete spielen eine Rolle bei der Erfüllung der aktuellen Aufgaben und Ziele der sich streitenden Gottheiten. Jede Gottheitenkarte zeigt zwei Ziele und jeweils die Höhe der Belohnung (Gunst). Ein Ziel könnte beispielsweise sein, das größte Berggebiet zu erschaffen.

Neben neuen Gottheiten gibt es in jedem Szenario neue Aufgabenkarten. Sobald eine Person die Voraussetzung einer Aufgabe erfüllt hat, wird dies in der App eingegeben. Das hat Auswirkungen auf die Geschichte. Außerdem können weitere Regeln dazukommen, Würfel manipuliert oder neue Orte entdeckt werden, die in Form von Stickern aufgeklebt werden müssen. Teilweise war der Spielfluss, vor allem in den ersten Szenarien, durch das Stickersuchen und Kleben extrem gestört, wodurch sich die Spielzeit um mindestens eine Viertelstunde verlängerte.

Hat man diese administrativen Aufgaben erledigt, bereitet das Spielprinzip von Divinus durchaus Freude und ist herausfordernd. Auch wenn durch den Würfelauswahlmechanismus und die zufällige Plättchenauslage eine gewisse Portion Glück im Spiel ist, erfordert Divinus doch strategische Weitsicht, um sich das optimale Landschaftsteil zu schnappen. Schließlich will man zum einen die ausliegenden Aufgaben erfüllen, die einem Belohnungen bringen, und zum anderen die Ziele der Gottheiten bestmöglich erreichen.

Abgesehen vom Wegschnappen von Plättchen, Stickern und Aufgaben gibt es kaum Interaktion. Ich ertappte mich allerdings öfter dabei, auf die Landschaft meines Gegenübers zu schauen und mitzuknobeln, welches Plättchen dort am besten passen würde. Und es ist durchaus sinnvoll auf die Landschaften der Mitspielenden zu schauen, um ihnen gegebenenfalls ein Plättchen wegzuschnappen, damit sie nicht die nächste Aufgabe erfüllen und einen Durchmarsch hinlegen, denn: Ist eine Person in einem Kapitel besonders erfolgreich, indem sie viel göttliche Gunst gesammelt hat, kommt es schnell zu einem Schneeballeffekt. Diese Person wird dann uneinholbar, sodass das Beenden der Kampagne nur noch Formsache ist.

Außerdem ist das Spiel zu zweit nicht zu empfehlen. In unseren Testrunden hat sich eine Person dann nämlich auf das Erfüllen der Aufgabenkarten gestürzt, die andere Person hat sich auf die Ziele der Gottheiten konzentriert. So konnte man sich gut aus dem Weg gehen, was zu noch weniger Interaktion führte und die Spannung minderte. Um den Wettstreit um die Plättchen, Aufgaben und Ziele zu verschärfen, sollte Divinus mit mindestens drei Halbgottheiten gespielt werden.

Warum gibt es eine App?

Schauen wir noch mal genauer auf die App: Diese übernimmt die Funktion von Story-Buch oder -karten. Außerdem gibt sie Anweisungen, welche Sticker benötigt werden und was mit dem neuen Spielmaterial zu tun ist.

Abgesehen von der Eingabe erfüllter Aufgaben lassen sich mit der App die Ortssticker scannen. Auf den ersten Blick eine innovative Funktion. In der Praxis funktioniert das bei schummriger Beleuchtung am Abend sehr schlecht, sodass man die Nummer des Ortes manuell eingeben muss. Da hätte es auch ein Buch zum Nachschlagen getan.

Besonders nützlich ist die App aber beim Punktezählen und in der Endwertung. So muss man nicht selbst rechnen.

Das ist aber auch der einzige positive Punkt. Das Design ist eher funktional als ästhetisch. Die narrative Begleitung ist sehr textlastig mit einer belanglosen Story. Besonders nervig war zudem, dass man jeden Schritt in der App doppelt bestätigen muss.

Die App ist nice-to-have, aber aus unserer Sicht tut sie dem Spielgeschehen keinen Gefallen. „Digitales Hybrid-Legacy-Spiel“ klingt natürlich attraktiver als „Legacy-Plättchenlegespiel“.

Mehr Legacy als Spiel?

Zu Beginn eines Szenarios wird je eine Szenarioschachtel mit neuem Spielmaterial geöffnet.

Wer mit Legacy-Spielen bisher kaum in Berührung gekommen ist, wird vom Legacy-Element bei Divinus vermutlich abgeschreckt. Insbesondere in den ersten drei Kapiteln wird mehr geklebt als gespielt. Immer wieder wird der Spielfluss beim Erfüllen einer Aufgabe und beim Scannen eines Ortes unterbrochen, da Dutzende Sticker auf den elf Stickerbögen gesucht und in die Anleitung oder an anderen Stellen aufgeklebt werden müssen. Zudem werden sogar Sticker über Sticker geklebt – und zwar buchstäblich. Hätten manche zusätzliche Regeln nicht besser komplett zwischen den Kapiteln eingeführt werden können, so wie es der Mitbewerber Aeon’s End: Legacy macht? Hinzu kommt, dass Spielmaterial hinzugefügt wird, welches (noch) nicht erklärt und gebraucht wird. Warum? Es hätte doch auch in einer späteren Schachtel Platz gefunden.

Ausstattung

Trotz des düsteren, stürmischen Covers herrscht in der Schachtel Ordnung. Divinus kommt mit einem passenden und funktionalen Papp-Inlay daher. Darin lassen sich die stabilen quadratischen Landschaftsteile ordentlich unterbringen. Der doppelseitige Spielplan ist thematisch passend und übersichtlich gestaltet.

In der Halbgottheitschachtel findet das Spieler*innen-Material Platz, wie die übergroßen Würfel.

Das Spielmaterial der Spielenden wird in den Halbgottheiten-Schachteln aufbewahrt. Zu Beginn befinden sich hier nur die Halbgottheiten-Würfel. Die Würfel sind übergroß, sodass es für Menschen mit kleinen Händen etwas schwierig ist, sie gleichzeitig zu würfeln. Doch durch ihre Größe lassen sich die Sticker zum Würfelmanipulieren einfacher aufkleben.

Apropos Sticker: Es gibt einen Umschlag mit insgesamt elf Stickerbögen. Beim Aufkleben der Sticker hatten wir in unseren Testrunden keine Probleme. Sie ließen sich gut anbringen und haben auch – insbesondere auf den Würfeln – gut gehalten.

Auch die Spielanleitung wird durch diverse Sticker ergänzt. Die Regeln werden eingängig mit vielen Bildern und Beispielen vermittelt. Am Ende gibt es eine Art Glossar. Um sich selbst nicht zu spoilern, sollte man die Einträge aber nur lesen, wenn man dazu aufgefordert wird.

Darüber hinaus gibt es noch zwölf Szenarioschachteln, in denen neues Material enthalten ist. Spielmaterial, welches für die Kampagne nicht mehr benötigt wird, wie szenariobasierte Aufgaben findet in der stabilen sogenannten Tartaros-Schachtel Platz.

Packshot © Mirakulus

Die harten Fakten:

  • Verlag: Mirakulus, Lucky Duck Games
  • Autor*in(nen): Filip Milunski
  • Illustrator*in(nen): Matijos Gebreselassie
  • Erscheinungsjahr: 2024
  • Sprache: Deutsch
  • Spieldauer: 45–60 Minuten
  • Spieler*innen-Anzahl: 2–4 (empfohlen mindestens zu dritt)
  • Alter: ab 12 Jahren
  • Preis: 65 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel

 

Bonus/Downloadcontent

Wer die Kampagne erneut spielen möchte, kann das Erneuerungspaket dazukaufen.

Außerdem gibt es zwei Erweiterungen: Schatten des Yggdrasil und Die Büchse der Pandora. Aus der Spieleschmiede-Kampagne lassen sich auch noch Spielmatten, Extrawürfel und eine All-In Box aller Verbesserungen und Erweiterungen erwerben.

Fazit

Das göttliche Thema verspricht ein Spiel epischen Ausmaßes, leider wurden wir etwas enttäuscht. Nach ein paar Partien wird klar: Die Box enthält ein leicht zugängliches Plättchenlegespiel mit App-Begleitung, das auf Auftragserfüllung und Würfelauswahlmechanismus setzt.

Aber: Für ein „einfaches“ Plättchenlegespiel kann Divinus mit schönem Material überzeugen. Außerdem ist es keineswegs langweilig. Es hat durchaus eine herausfordernde strategische Komponente. Schließlich möchte man immer das optimale Landschaftsteil erhalten, um Ziele und Aufgaben der Gottheiten zu erreichen.

Ernüchterung bringt vor allem die Legacy-Komponente. Die Story ist belanglos, und trotz der zwölf Schachteln mit zusätzlichem Spielmaterial kommt nicht so richtig Spannung auf. Auch die Varianz hält sich in Grenzen. Besondere Twists oder Überraschungen haben sich uns nicht offenbart. Tatsächlich wirkt Divinus von Partie zu Partie repetitiver. Darüber hinaus ist man während der Partie viel mit Stickerkleben beschäftigt, was den Spielfluss stört.

Dennoch: Familien mit spielerfahrenen Kindern oder Freund*innen des Genres können sich an dem göttlichen Plättchenlegen bei Divinus sicherlich erfreuen. Insbesondere, da es nach Abschluss der Kampagne durch den Unendlichkeitsmodus immer wieder gespielt werden kann. Und wer weiß, vielleicht bringen die Erweiterungen ja noch die vermisste Spannung und zusätzliche Überraschungen.

Wie die Halbgottheiten sind wir hin- und hergerissen und vergeben daher diplomatisch 3 von 5 Artefakten.

  • Schönes Material
  • Unendlichkeitsmodus nach Kampagnenabschluss
  • App zählt Gunstpunkte automatisch
 

  • Schneeballeffekt
  • Stickerkleben stört Spielfluss
  • Mäßige Funktionalität und Nützlichkeit der App


Artikelbilder: © Mirakulus

Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Sabrina Plote
Fotografien/Screenshots: Michelle Saarberg
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