Nachdem bereits 2021 der erste Band der gleichnamigen Comicreihe erschien, legt Boris Koch mit Das Schiff der verlorenen Kinder seine Geschichte nun in Romanform als Einzelband vor. Diese ungewöhnliche Reihenfolge hat sicherlich ihren Reiz, doch kann der Roman auch abseits der gezeichneten Form überzeugen?
Felix und Leo wachsen in einer zerrütteten Familie inmitten von Gewalt auf, bis das Undenkbare passiert: Mitsamt ihrem Kinderzimmer werden sie auf ein riesiges Schiff transportiert, das durch einen dunklen Ozean, der Nimmersee, schippert. Was zunächst nach einer Rettung klingt, ist in Wirklichkeit der Beginn weiteren Leidens. Das Aufwachen aus dem Albtraum, aus dem sie gerade entkamen, ist kein schönes, helles, friedliches. Denn das Schiff wird von grausamen Monstern beherrscht, die gemeinsam mit den Kindern ihren Weg auf die „Seelenfänger“ fanden und die alle Kinder in sklavenähnlichen, mit Unmenschlichkeiten gespickten Zuständen halten. Doch die Brüder entkommen wie durch ein Wunder dem Angriff eines Werwolfs und können sich gemeinsam mit zwei Mädchen, Chrissy und Asra, unentdeckt in ein Versteck retten. Letztere versteckte sich schon längere Zeit in dem verzweigten Rohrsystem des Schiffes. Gemeinsam versuchen die Kinder, einen Ausweg zu finden. Am Leben erhält sie die Hoffnung. Die Hoffnung auf das Finden des verschollenen, angeblich gutmütigen Kapitäns des Schiffes und die Hoffnung auf das Finden der Weltenschlüssel, die ihnen eine Rückkehr nach Hause ermöglichen. Den Kindern gelingt es, inmitten dieser gefährlichen, hasserfüllten Umgebung über sich hinauszuwachsen und die Herausforderungen, vor denen sie immer wieder stehen, anzunehmen. Schaffen es die Kinder, die grausamen Monster zu besiegen und ihr, vermeintlich vorgezeichnetes, Schicksal zu wenden?
Gewalt gegen Kinder, Folter, suizidales Verhalten, Misshandlung, sexualisierte Gewalt, enge Räume
Inhaltsverzeichnis
Story
Boris Koch hält sich nicht lange mit der Vorgeschichte von Leo und Felix auf. In einem kurzen Rückblick wird erzählt, wie die Ausgangslage zur Reise der beiden war und schnell werden Lesende in die ungewöhnliche Situation an Bord der Seelenfänger hineingesogen, ähnlich wie es den beiden Protagonisten ergeht. Aus deren Sicht wird das Fortschreiten der Geschichte erzählt.
Und ähnlich des Erlebens der beiden weitet sich der Erfahrungsraum mit dem weiteren Verlauf. Erst auf das Zimmer beschränkt, dann über die Flure und schließlich über das Rohrsystem durch das ganze Schiff. Dabei werden auch mehr und mehr Horrormomente durch die Brille der Kinder drastisch geschildert.
Der Spannungsaufbau von Das Schiff der verlorenen Kinder geht dabei steil nach oben, denn je mehr die beiden mit Hilfe der Mädchen entdecken, desto dringlicher wird der Handlungsbedarf. Es gelingt ausnehmend gut, die Kinder als Kinder und nicht, wie es in Romanen über Kinder, die an Erwachsene gerichtet sind, vorkommen kann, als kleine Erwachsene darzustellen. Somit können Lesende nie sicher sein, wie die Hauptcharaktere im Angesicht der Gefahr und der Hoffnungslosigkeit reagieren. Dies hält die Spannung zusätzlich hoch. Trotz einiger Längen in der Geschichte wird diese durch die anhaltend düstere Atmosphäre nicht gebrochen.
Das Setting ist außergewöhnlich und bietet Raum für die unterschiedlichsten Schrecken. Die Idee, dass die Nimmersee auf der Rückseite der Wirklichkeit angesiedelt ist, bietet zudem einiges an Reflexionsmaterial für die Leser*innen. Denn die Monster, die bereits die zurückgelassene Wirklichkeit, das Leben, aus dem die Kinder auf das Schiff gerissen wurden, bevölkerten, zeigen hier ein uneingegrenztes und maßloses Gesicht des Schreckens. Gleichwohl kommt ein für die Kinder in der Wirklichkeit nicht verfügbarer Faktor hinzu: Freundschaft. Der Autor beschreibt sehr realistisch, wie sich das anfängliche Misstrauen der vier hin zu einer verschworenen Gemeinschaft, die familienähnliche Züge aufweist, entwickelt. Schließlich sind sie die einzigen, die aufgrund ihres Versteckes die Möglichkeit haben, das Unmögliche zu erreichen: die Monster zu besiegen und alle Kinder zu befreien.
Die vier Kinder sind alle sehr nahbar und gut ausgearbeitet, wobei jedes seine eigene (Horror-) Geschichte und daraus resultierende Handlungsweisen mitbringt. Zusätzlich wird das magische Denken, das Kinder bis zu einem gewissen Alter aufweisen, sehr schön und zur Geschichte passend in Szene gesetzt.
Schreibstil
Boris Koch gelingt es, die allumspannende Düsternis, die die Kinder begleitet, für die Lesenden erlebbar zu machen. Er beschreibt jedes Grauen, das in der Dunkelheit des Schiffes lauert, sehr anschaulich und lässt die Lesenden jederzeit an den Erfahrungen der vier Kinder teilhaben. Eine Straffung der Erzählung an der ein oder anderen Stelle hätte dem Buch vermutlich trotzdem gutgetan und die Geschichte noch dichter gemacht.
Ein Aspekt von Das Schiff der verlorenen Kinder ist jedoch sehr zu loben: Jedes Kind, das im Buch vorkommt, hat einen Namen, der ausdrücklich erwähnt wird. Mit einem Namen erhält man eine Persönlichkeit, eine Identität, eine eigene Geschichte. Da es sich durch die Bank um „verlorene Kinder“, also um misshandelte, verletzte, traumatisierte junge Menschen handelt, wird mit diesem Kniff dem Schicksal, welches diese Kinder durchleiden mussten und auf der Seelenfänger weiterhin müssen, Tribut gezollt.
Der Autor
Der 1973 geborene freie Autor Boris Koch lebt in Leipzig. Vorrangig schreibt er Bücher für Kinder und Jugendliche und wurde mit einigen Preisen ausgezeichnet. Das Schiff der verlorenen Kinder ist sein erster Roman, der sich an ein erwachsenes Publikum richtet. Zusammen mit der Illustratorin Frauke Berger veröffentlichte er außerdem Graphic Novels: die gleichnamige Reihe und den Einzelband Die Schöne und die Biester (beide bei Splitter erschienen). Mehr über sein Schaffen und seine Bücher kann auf der Homepage von Boris Koch eingesehen werden.
Erscheinungsbild
In düsteren grünschwarzen Tönen gehalten, bildet das Cover von Das Schiff der verlorenen Kinder das Bug der gewaltigen Seelenfänger ab. Es fängt perfekt die Düsternis des Romans ein und bereitet auf das bevorstehende Leseerlebnis vor. Auf der Rückseite wird in zwei Sätzen die komplette Storyline des Romans äußerst treffend und ohne Spoiler beschrieben, während der Klappentext einen detaillierteren Blick auf die Handlung bietet.
Die harten Fakten:
- Verlag: Heyne
- Autor: Boris Koch
- Erscheinungsdatum: 29.10.2025
- Sprache: Deutsch
- Format: Gebundenes Buch
- Seitenanzahl: 544
- ISBN: 978-3-453-27510-2
- Preis: 24 EUR (Print) + 14,99 EUR (E-Book)
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon
Fazit
In seinem genreübergreifenden Werk Das Schiff der verlorenen Kinder, das am ehesten der Dark Fantasy zuzuordnen ist, schildert Boris Koch die Erfahrungen der Brüder Leo und Felix, die nach einem Streit im zerrütteten Elternhaus, mitsamt ihrem Zimmer auf das riesige Schiff „Seelenfänger“ verfrachtet werden. Dort herrschen grausame Monster und halten alle Kinder unter sklavenartigen Bedingungen. Den Kindern gelingt es, sich zusammen mit den Mädchen Asra und Chrissy in dem weit verzweigten Rohrsystem des Schiffes zu verstecken. Von dort aus versuchen die vier Kinder, sich und alle anderen zu retten.
Es gelingt dem Autor ausnehmend gut, die Düsternis und Grausamkeit der Rückseite der Wirklichkeit, wo das Schiff verortet ist, zu beschreiben und die Kinder auch wirklich als Kinder mit Ängsten und Träumen zu schildern. Die Spannung wird trotz einiger Längen durchgehend hochgehalten.
Der Roman bietet eine zusätzliche Ebene, die zwar einen anderen Zugang zur Geschichte als die gleichnamige Graphic Novel-Reihe hat, jedoch sowohl als Zusatz als auch ohne Kenntnis dieser zu lesen ist. Das Setting ist aufgrund seiner Außergewöhnlichkeit ein Highlight für Menschen, die viel phantastische Literatur lesen.

- Konsequent düstere Erzählweise
- Glaubhaft gestaltete Charaktere
- Außergewöhnliches Setting
- Mitunter einige Längen
Artikelbilder: © Heyne
Layout und Satz: Dominic Niederhoff
Lektorat: Lidia Strauch
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