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In der Cozy-Science-Fiction-Novelle Automatic Noodle von Annalee Newitz versuchen vier Roboter in einem vom Krieg gezeichneten San Francisco ein Nudelrestaurant aufzubauen. Zwischen gesetzlichen Einschränkungen und misstrauischen Menschen suchen sie dabei vor allem eines: einen sicheren Platz für sich. Doch der Weg dorthin erweist sich schwieriger als erwartet.

Die Rechte, die intelligente Roboter haben sollten, werden im Genre der Science-Fiction immer wieder diskutiert. Wenn Maschinen nicht nur Werkzeuge sind, sondern über ein Bewusstsein und eine eigene Handlungsfähigkeit verfügen, stellt sich zwangsläufig die Frage nach ihrem Platz in der Gesellschaft: Haben sie Anspruch auf Schutz, auf Selbstbestimmung, vielleicht sogar auf Bürger*innenrechte?

Mit solchen Fragen beschäftigt sich auch die Novelle Automatic Noodle von Annalee Newitz. Die Geschichte spielt in einem zukünftigen San Francisco im Jahr 2064, nach einem Krieg und der Abspaltung Kaliforniens von den Vereinigten Staaten. In dieser Welt existieren sogenannte HEEI (Human Embodied Equivalent Intelligence), Roboter mit menschenähnlicher Intelligenz, die zwar offiziell einen rechtlichen Status besitzen, deren Rechte jedoch stark eingeschränkt sind. Was zunächst wie eine typische Cozy-Science-Fiction-Geschichte wirkt, lässt sich auch als Reaktion auf die aktuellen politischen Entwicklungen in den USA lesen.

Vor diesem Hintergrund erzählt Automatic Noodle von vier Robotern, die in einer verlassenen Ghost Kitchen, also einer Küche, die vollkommen ohne Menschen geführt wird, wieder zum Leben erwachen und beschließen, ein eigenes Biang Biang Nudel-Restaurant zu eröffnen. Doch der Versuch, sich eine unabhängige Existenz aufzubauen, stößt schnell auf bürokratische Hürden, gesellschaftliche Vorurteile und gezielte Onlinekampagnen gegen ihr Geschäft.

Triggerwarnungen

Diskriminierung

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Story

Eines Tages fährt sich der Roboter Staybehind in dem Restaurant, in dem er arbeitet, durch ein Notfallprotokoll hoch. Zu seinem Schrecken liegt der letzte bewusste Moment bereits ein halbes Jahr zurück. Auch die anderen Roboter, die mit Staybehind gearbeitet haben, sind mitten in ihren Bewegungen erstarrt. Das Notfallprotokoll wurde durch Wassermassen ausgelöst, die sich wegen des anhaltenden Regens auf den Straßen von San Francisco ihren Weg ins Restaurant gebahnt haben. Schnell fährt Staybehind die Kolleg*innen wieder hoch. Gemeinsam leeren sie den Laden vom Wasser und bauen sich eine provisorische Notstromversorgung auf, immer die Frage im Hinterkopf, was in den letzten sechs Monaten nur passiert ist.

Als Robles, der einzige Mensch, der zuvor mit ihnen zusammengearbeitet hat, völlig heruntergekommen vor der Tür auftaucht und fragt, was mit ihnen passiert ist, wird klar, dass etwas gewaltig schiefgelaufen ist. Die früheren Besitzer*innen scheinen in illegale Geschäfte verwickelt gewesen zu sein und sind aus Kalifornien geflohen und in die USA ausgewandert. Daraufhin wurde das Restaurant ohne jede Ankündigung geschlossen. Für die vier angestellten Roboter geht es nun ums Überleben. Staybehind will auf keinen Fall zulassen, dass sie noch einmal einfach so heruntergefahren werden. Denn wenn das passiert, wachen sie vielleicht nie wieder auf.

Also beschließen die vier, das zu tun, was sie am besten können: ein eigenes Restaurant eröffnen. Diesmal mit wirklich gutem Essen. Biang Biang Nudeln, die Menschen tatsächlich genießen. Doch ihnen stehen einige Hürden bevor. In der neuen Verfassung Kaliforniens gelten HEEI zwar als Bürger*innen des unabhängigen Staates, allerdings nur unter starken Einschränkungen: Sie dürfen keinen Besitz haben, kein eigenes Konto führen und schon gar kein Geschäft betreiben, ohne dass ein Mensch offiziell dahintersteht.

Die Geschichte wird von den vier Charakteren getragen, die versuchen, entgegen allen Hürden und Unstimmigkeiten gemeinsam ein Geschäft zu führen.

Zum einen ist da der Militärroboter Staybehind. Er hat früher in einer Einheit gedient, die nach Kämpfen zurückblieb, um Nachzügler*innen aufzuspüren. Staybehind will um jeden Preis das Überleben aller sichern und steht dem halb-illegal geführten Restaurant deshalb am skeptischsten gegenüber. Was, wenn jemand vom roboterfeindlichen „Wachsamkeitskomitee“ auf sie aufmerksam wird?

Dann ist da Sweetie, die früher an der Kasse gearbeitet hat und dafür einen menschlichen Oberkörper auf metallenen Spinnenbeinen besitzt. Nachdem sich die Besitzer*innen des Restaurants aus dem Staub gemacht haben, hat Sweetie keine Lust mehr, sich für Menschen zu verbiegen. Stattdessen beginnt sie, den eigenen Körper neu zu entdecken. So, wie sie ihn selbst mag.

Cayenne war im Krieg mit den Oktopusarmen perfekt dafür geeignet, Leben zu retten. Außerdem hat Cayenne ein Upgrade bekommen, das sowohl Riechen als auch Schmecken ermöglicht. Ursprünglich wurde dieses System entwickelt, um giftige Chemikalien aufzuspüren. Jetzt hilft es Cayenne herauszufinden, was Menschen wirklich gut schmeckt.

Zuletzt ist da noch Cayennes Freund*in Hands. Hands hat den Krieg zwischen den USA und Kalifornien nie miterlebt und träumt davon, mit den großen Roboterhänden, aus denen Hands‘ Körper besteht, etwas Großartiges zu kochen. Hands sieht im Restaurant vor allem eine Chance, endlich das zu tun, was Hands am liebsten macht: mit Cayenne gemeinsam kochen.

Schreibstil

Die Erzählperspektive wechselt in Automatic Noodle zwischen den vier Robotern und erlaubt so Einblicke in ihre unterschiedlichen Denkweisen und Motivationen. Eine Besonderheit der Kommunikation ist, dass die Roboter nur selten laut miteinander sprechen. Stattdessen tauschen sie sich häufig über interne Chats aus, wodurch sie selbst dann privat kommunizieren können, wenn sie sich im selben Raum befinden.

Der Schreibstil von Annalee Newitz ist klar und gut zugänglich. Besonders die Dialoge haben Tempo und Humor, wodurch die Figuren schnell greifbar werden. Das San Francisco der Nachkriegszeit lernt man dabei weniger als konkreten Ort kennen, denn die Geschichte konzentriert sich stark auf das Restaurant als zentralen Schauplatz. Viele Aspekte des gesellschaftlichen Lebens verlagern sich in dieser Zukunft ins Digitale, was auch die Wahrnehmung der Welt in der Erzählung prägt.

Der*die Autor*in

Annalee Newitz ist ein*e US-amerikanische*r Journalist*in und Autor*in. Newitz wurde 1969 in Irvine, Kalifornien, geboren und lebt heute in San Francisco. Sowohl in journalistischen Texten als auch in der Science-Fiction beschäftigt sich Newitz mit Fragen nach Machtstrukturen, gesellschaftlichem Wandel und der Zukunft menschlicher und nichtmenschlicher Akteur*innen. Zu den bekanntesten Romanen zählen Autonomous, The Future of Another Timeline und The Terraformers. Weitere Informationen finden sich auf der Webseite.

Erscheinungsbild

Die Novelle Automatic Noodle ist auf den ersten Blick ein echter Cover-Kauf. Das bunt schillernde Cover mit seinen knalligen Farben fällt in der Buchhandlung sofort ins Auge und passt mit seinem verspielten, leicht futuristischen Stil gut zur Atmosphäre der Geschichte.
Leider zeigt sich im Inneren bei der Druckqualität ein kleiner Schwachpunkt. Auf manchen Seiten wirkt die Druckstärke etwas schwächer, sodass der Text stellenweise weniger kräftig erscheint als auf den übrigen Seiten.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Tordotcom
  • Autor*in: Annalee Newitz
  • Erscheinungsdatum: 05.08.2025
  • Sprache: Englisch
  • Format: Hardcover
  • Seitenanzahl: 176
  • ISBN: 978-1250357465
  • Preis: 24,00 EUR (Print) + 13,39 EUR (E-Book)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon

 

Fazit

Automatic Noodle von Annalee Newitz verbindet auf schöne Weise das beliebte Genre Cozy Science-Fiction mit gesellschaftspolitischen Fragen. Hinter der zunächst warmen und humorvollen Geschichte über ein kleines Nudelrestaurant verbirgt sich eine Erzählung über Zugehörigkeit, Diskriminierung und den Wunsch nach einem sicheren Platz in der Gesellschaft. Besonders überzeugend sind dabei die vier sehr unterschiedlichen Roboterfiguren. Ihre Dialoge sind lebendig und oft witzig, wodurch sich die Novelle schnell lesen lässt.

Wer eine ausführliche Erkundung des futuristischen San Franciscos erwartet, wird hier weniger fündig. Stattdessen steht das gemeinsame Projekt der Figuren im Mittelpunkt, was gut zum Cozy-Charakter der Geschichte passt. Viele der angesprochenen Themen sind bereits bekannt und werden hier nicht völlig neu erfunden. Dennoch funktioniert die Geschichte gerade durch ihre warme Atmosphäre und den Fokus auf Gemeinschaft. Wer eine kurze, herzerwärmende Science-Fiction-Geschichte für zwischendurch sucht, ist hier genau richtig. Die 176 Seiten vergehen beim Lesen jedenfalls wie im Flug.

Unsere Bewertung

  • Sympathische Figuren
  • Klarer, humorvoller Schreibstil
  • Cozy-Atmosphäre mit kritischem Unterton
 

  • Nicht besonders originell

 

Artikelbilder: © Tordotcom
Lektorat: Gloria Puscher
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