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Das Hellboy-Franchise ist vor allem durch die beiden Kinofilme von Guillermo del Toro bekannt. Nach dem erfolglosen David-Harbour-Reboot von 2019 wagt The Crooked Man einen weiteren Versuch: Diesmal nicht als Blockbuster, sondern als kleinerer Horrorfilm, der sich nah an der Vorlage orientieren will. Klappt der Neustart beim zweiten Versuch?

Die Hellboy-Comics sind eine der erfolgreichsten Indie-Comicreihen, die auch über mittlerweile dreißig Jahre ihre hohe Qualität und ihre ganz eigene Atmosphäre bewahren konnten. 2004 brachte der Kult-Regisseur Guillermo del Toro Hellboy auch der breiten Masse nahe. Seine Kino-Version von Hellboy war eine Superhelden-Mischung aus Men in Black und Blade, mit Pulp-Elementen und einem starken emotionalen Kern, bei der Ron Perlman in der Rolle des Hellboy aufging. Hellboy II – Die goldene Armee führte Del Toros Ansatz fort und fokussierte sich weiter auf den fast Studio-Ghibli-artigen Gegensatz von märchenhaft-übernatürlicher Natur und der Menschenwelt. 2019 versuchte Hellboy – Call of Darkness die Reihe als aufgedreht brutale Action-Komödie im Deadpool-Stil zu rebooten, floppte aber und erntete aber dank einer überfüllten Handlung und schwachen schauspielerischen Leistungen einige Goldene Himbeeren.

Nun versucht Hellboy: The Crooked Man ein weiteres Mal, die Hellboy-Reihe auf die Bildschirme zu bringen – diesmal als BluRay- oder Streamingfilm mit deutlich geringerem Budget. Statt del Toros gefühlvoller Superhelden-Version und dem überdreht-brutalen Call of Darkness versucht The Crooked Man es allerdings mit etwas neuem: Vorlagentreue. Wer Hellboy bis jetzt von del Toro kannte, wird vom düsteren, kargen Ton, der direkt auf Mike Mignolas Comics basiert, überrascht sein. Doch kann The Crooked Man auch mit dem neuen Ansatz, trotz des kleineren Budgets überzeugen?

Triggerwarnungen

Gewalt, Tod, Hexen, Besessenheit, Sexuelle Gewalt, Body Horror, Tod, Versklavung

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Story

Die Handlung beginnt abrupt, die Charaktere werden erst im Lauf des Filmes eingeführt und näher beleuchtet. Im Jahr 1958 fährt Hellboy in einem Zug durch Amerika. Als Agent der B.U.A.P. (Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen) überführt er eine eingefangene Monsterspinne ins Hauptquartier der Behörde. Plötzlich wächst die Spinne jedoch auf Riesengröße und verursacht einen Zugunfall. Mitten in den Appalachen gestrandet bleibt Hellboy keine Wahl, als mit der Jung-Agentin Bobbie Jo Song die Verfolgung des Spinnenmonsters aufzunehmen, um herauszufinden, was ihren plötzlichen Riesenwuchs verursachte. Die beiden begegnen bald Tom Ferrell, einem Kriegsveteranen aus der Gegend. Ferrell kennt sich mit den Sagen und Geschichten der Appalachen aus, weiß von den Hexen und Teufeln, die die entlegene, arme Gegend heimsuchen. In seiner Jugend hatte er selbst mit einer Hexe, Effie Kolb, zu tun, was ihn heute noch heimsucht.

Mit der Unterstützung von Tom nehmen Hellboy und Bobbie Jo den Kampf gegen die Hexen auf, und gegen ihren teuflischen Meister: Den Crooked Man.

n den Appalachen sind Hexenflüche an der Tagesordnung. ©Vuelta Entertainment GmbH

In dieser Geschichte gibt es einige Unterschiede zu den bisherigen Filmen, die aber auf den Comics beruhen. Anders als in den Filmen wird das Übernatürliche nämlich nicht versteckt, sondern ist allgemein bekannt. So auch Hellboy, der als berühmter Agent das Titelbild von Zeitungen ziert, statt sich verstecken zu müssen.

Vor allem aber ist The Crooked Man ein Horrorfilm. Es gibt Actionszenen, anders als bei den vorherigen Filmen liegt der Fokus hier aber klar auf dem Horrorteil, der vorher entweder gar nicht, bei del Toro, oder 2019 als Splatter vorkam. The Crooked Man macht sich dabei, wie die gleichnamige Comicgeschichte, die die Vorlage bildet, die abgelegen Natur der Appalachen sowie die ganz eigene Kultur der Gegend zu nutze. Die Appalachen sind eine bewaldete Gebirgskette an der amerikanischen Ostküste, die für den Kohlebergbau besiedelt wurde, aber schon lange für ihre Abgelegenheit sowie die Armut und Aussichtslosigkeit der Bevölkerung bekannt ist. Auch 1958 sind hier TV und Telefon noch nicht angekommen. Die Appalachen waren in der amerikanischen Kultur die stereotypische Region für zurückgebliebene, abergläubische, aber auch gefährliche Hinterwäldler, bis in den Siebzigern durch Filme wie Blutgericht in Texas oder Hügel der blutigen Augen das Klischee in die Wüsten des US-Südwestens wanderte. Ein bekanntes Beispiel ist das Dorf Dunwich bei H.P. Lovecraft, das genau diese Klischees rezipiert: Abgelegene, langsam dahinsiechende, rückständige, degenerierte Hinterwäldler. Dazu hat sich in den Appalachen eine eigene Folklore mit einem starken Hexenglauben entwickelt. The Crooked Man nimmt diese Aspekte geschickt auf und verbindet sie zu einem gelungenen Folk-Horror-Ansatz.

Darsteller*innen

Die Hauptrolle als Hellboy übernimmt diesmal der eher unbekannte Jack Kesy. Natürlich spielt die Maske hier eine große Rolle: Hellboy ist diesmal sehnig statt massiv, mit einer dunklen rötlichen Haut statt dem vorherigen Knallrot. Das hilft dabei, den Film zu erden, statt als Actionspektakel zu präsentieren. Kesy spielt Hellboy zurückhaltender und stiller als in den vorherigen Filmen, mit selteneren, schwarzhumorig-zynischen Bemerkungen. Er ist zwar erst seit sechs Jahren ein aktiver Agent (Perlmans Hellboy war 2004 seit vierundfünfzig Jahren im Dienst), aber das Erlebte hat ihn tief gezeichnet. Er ist ein erfahrener Ermittler des Übernatürlichen, der zwar die Fälle überlebt, aber meist als einziger der B.U.A.P.. Das Hellboy sich hier zurückhält und zuhört hat aber einen Nebeneffekt: Er tritt auch narrativ zurück. Das ist zwar kein Problem, denn in den Comics ist Hellboy öfters nur die Blickpunktfigur, während andere Charaktere im Zentrum stehen, so wie hier Tom Ferrell. Es kann allerdings unerwartet sein, wenn man die vorherigen Filme erwartet.

Hellboy, Bobbie Jo und Tom ©Vuelta Entertainment GmbH

An Hellboys Seite ist Bobbie Jo Song, eine Agentin bei ihrem Feldeinsatz. Sie wird von der Deutsch-Koreanerin Adeline Rudolph gespielt, die schon als Agatha Night in Chilling Adventures of Sabrina Erfahrung mit Hexen sammeln konnte. Im Mai wird sie in Mortal Kombat II als Prinzessin Kitana zu sehen sein. Bobbie Jo Song wurde für den Film dazu erfunden, damit Hellboy und Tom jemandem Dinge erklären können, die im Comic narrativ anders gelöst wurden. Darüber hinaus hat sie aber auch ihren eigenen Handlungsstrang, der ihre Faszination für das Übernatürliche, besonders für Hexen, gemischt mit ihrer gutmeinenden Unerfahrenheit, behandelt.

Die nächstgrößere Rolle ist Jefferson White als Tom Ferrell. In einer gewissen Weise ist Tom die Hauptfigur des Films. Als junger Mann verbrachte er Zeit mit Effie Kolb und wurde beinahe selbst zu einem Hexer. Er beging ein Ritual und bekam vom Teufel einen Zauberknochen, den er jedoch nie einsetzte. Trotzdem fürchtet er, dass er seine Seele verloren hat. Nach Jahren ist er wieder in seine Heimat zurückkehrt und findet mit Hellboys Unterstützung heraus, was der Crooked Man und seine Hexen mit Toms Familie und Freunden angestellt haben.

Besonders glänzen kann Joseph Marcell, bekannt als der Butler in Der Prinz von Bel-Air, in der Rolle des Reverend Nathaniel Watts. Watts ist alt, erblindet und musste machtlos mitansehen, wie der Crooked Man und die Hexen immer mehr Menschen seiner Gemeinde korrumpierten und die ganze Region dem Bösen weihten. Watts hält in seiner Kirche, deren heiligen Boden die Hexen nicht betreten können, mit seinem unbeugsamen Glauben aber immer noch die Stellung.

Reverend Watts stellt sich dem Bösen ©Vuelta Entertainment GmbH

Die Schauspieler*innen machen ihre Arbeit solide und erfüllen ihre Rollen gut. Bis auf Marcell/Watts sticht allerdings niemand heraus. Wer den Film auf Englisch schaut, sollte unter Umständen Untertitel verwenden, da die breiten Akzente nicht immer leicht verständlich sind. In der englischen Tonspur fällt auch besser auf, dass Adeline Rudolph hier ihre Deutschkenntnisse zum Besten bringen kann.

Inszenierung

Zur Inszenierung muss man klar voransagen, dass The Crooked Man ein deutlich geringeres Budget als die vorherigen Filme hatte. Soweit man das in Zeiten von Streaming noch anwenden kann, ist The Crooked Man ein B-Film. Wer Hochglanz-Blockbuster-Optik mit perfekten Tricks braucht, wird hier nicht glücklich werden.

The Crooked Man macht aus seinem begrenzten Budget aber meistens das Beste. Die kargen Wälder unterstreichen die abgelegene, einsame Atmosphäre der Appalachen. Hier unterstützt die geradlinige Aufnahmeart den Effekt, der die Wälder als alles andere als romantisch oder dramatisch verklärt zeigt. Man fühlt sich wirklich wie in einer abgelegenen, heruntergekommenen Gegend, in der etwas lauern kann.

Auch die Kirche hat bessere Tage hinter sich ©Vuelta Entertainment GmbH

Bei den Tricks für die übernatürlichen Effekte muss man allerdings Verständnis zeigen. Sie sind nicht schlecht, aber doch oft als Trick erkennbar. Gerade die Riesenspinne ist leider besonders gut als CGI-Effekt erkennbar.

Um die Tricks zu verhüllen, wird vor allem in der zweiten Hälfte das Bild sehr dunkel. Am Anfang ist es zwar schon ziemlich farblos, was allerdings noch zu der oben genannten Atmosphäre passt und an Found-Footage-Horror erinnern lässt. Im weiteren Verlauf und in einigen Szenen wird es allerdings teilweise schwer, genauere Details zu erkennen, oder was genau vor sich geht.

Dazu gibt es viele schiefe Perspektiven und verzerrte, mit Fischaugenobjektiv gefilmte Szenen, ganz im Stil klassischer Horrorfilme.

Stunts und Kampfszenen sind solide gemacht. Im Gegensatz zu den Actionspektakeln davor liegt hier allerdings nicht der Fokus.

Erzählstil

Der Erzählstil von The Crooked Man ist etwas eigensinnig. Hier gibt es keine geradlinige, glattbügelte Blockbuster-Schiene. Wie unter Story erwähnt, beginnt der Film abrupt und stellt seine Figuren erst während der Handlung vor. Dazu gibt es eine Vielzahl von Einschüben, Flashbacks, Erinnerungen und Visionen. Zu manchen der Hexenrituale und Zauber, wie etwa den Hexenbällen, gibt es kurze Einschübe, die im Stil eines altmodischen, zerkratzten Lehrfilms erklären, wie die Hexerei gemacht wird. Dazu kommen einige Flashbacks und Visionen, die auf die Vergangenheit von Tom Ferrell, dem Crooked Man und Hellboy eingehen.
Das ist nicht so komplex wie in Kunstfilmen, gibt Crooked Man jedoch einen ungewöhnlichen Erzählrhythmus, der sich nach einer anfänglichen kurzen Irritation vom üblichen etwas abhebt.

Für ein paar Monster mehr hat Hellboy immer Zeit ©Vuelta Entertainment GmbH

Erscheinungsbild/Umfang

Die DVD und BluRay ist eine normale Version, die als Bonus Interviews mit Cast & Crew sowie den Filmtrailer beinhalten. Dazu gibt es eine auf 666 Stück begrenzte Mediabook-Edition mit dem Script als Bonusheft.

Die harten Fakten:

  • Regie: Brian Taylor
  • Darsteller*in(nen): Jack Kesy, Adeline Rudolph, Jefferson White, Joseph Marcell, Leah McNamara
  • Erscheinungsjahr: 2025
  • Sprache: Deutsch/Englisch
  • Format: DVD/Blu-Ray, Streaming
  • Preis: 14,99€ DVD / 17,99€ Blu-Ray
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon

Fazit

Hellboy: The Crooked Man ist ein neuer Hellboy-Film, der nach dem Misserfolg der Version von 2019 mit kleinerem Budget direkt auf DVD und BluRay erschien. Wer ein lustiges Blockbuster-Action-Spektakel erwartet, ist hier leider falsch am Platz. Crooked Man ist ein düsterer Folk-Horror-Film, der 1958 in den Tiefen der verarmtem Appalachen spielt und die besondere Folklore der Region aufgreift. Hellboy hält sich hier zurück, während seine Mit-Agentin Bobbie Jo und der örtliche, hexenerfahrene Tom Ferrell teils die leitenden Rollen übernehmen. Damit reiht sich The Crooked Man in das Phänomen ein, das viele Hollywood-Adaptionen den ersten Blockbuster-Film sehr stark umschreiben, während ein danach erscheinender, kleinerer zweiter Film sich deutlich näher an der Vorlage bewegt, wie zum Beispiel bei Teenage Mutant Ninja Turtles: Out of the Shadows, G.I. Joe – Die Abrechnung, Doom: Die Vernichtung oder Resident Evil: Welcome to Raccoon City. Das kommt nicht immer gut an, nicht zuletzt, da dies oft eine sehr andere Grundstimmung mit geringerem Budget und fehlendem Feinschliff kombinieren.

The Crooked Man macht vieles richtig und solide, das geringere Budget und an einigen Stellen fehlender Feinschliff sind nicht zu übersehen. Wer aber auch an B-Filmen Spaß haben kann, amerikanischen Folk-Horror oder die Hellboy-Comics, oder am besten alles davon zusammen, wird auch an The Crooked Man Gefallen finden. Anderen kann es vielleicht helfen, sich Crooked Man wie einen Fernsehfilm oder eine Pilotfolge vorzustellen – für eine Streamingserie bietet sich hier ein vielversprechender Ansatz.

  • Solider Folk-Horror
  • Frisches Appalachen Setting
  • Trifft Geist und Stimmung der Vorlage
 

  • Übersichtliches Budget
  • Dunkles Bild

 

 

Artikelbilder: ©Vuelta Entertainment GmbH
Layout und Satz: Annika Lewin

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