Bei den meisten Larps sind alle Teilnehmenden gemeinsam vor Ort. Es gibt jedoch auch Möglichkeiten, an einem Liverollenspiel teilzunehmen, ohne physisch anwesend zu sein. Wie geht das? Wir stellen das Konzept von digital zugeschalteten NSC für analoge Larps vor, oder Remote NPC.
Nicht-Spieler*innen-Charaktere – oder kurz NSC – verkörpern im Larp Rollen, welche von der Spielleitung bewusst eingesetzt und gesteuert werden. Die Vielfalt an Einsatzmöglichkeiten ist groß, von kurzen Auftritten in einzelnen Szenen oder durchgehende Rollen über eine ganze Con oder Con-Reihe. In den meisten Larps sind NSC jedoch ebenso vor Ort wie alle anderen auch.
Doch gerade in futuristischen Settings gibt es auch die Möglichkeit von Remote NPC, also Fern-NSC welche physisch nicht vor Ort sind, sondern über Distanz hinzugeschaltet werden. Das kann via Telefon, Chatnachrichten oder Videoanrufe stattfinden.
In Mangel eines deutschen Begriffes wird für diesen Artikel teilweise der englische Begriff verwendet, da sich dieser in der internationalen Larpszene bereits etabliert hat.
Inhaltsverzeichnis
Verschiedene Möglichkeiten
Kommunikation mit Rollen, die in einem Larp-Setting nicht vor Ort anwesend sind, findet sich in vielen Settings. Im klassischen Fantasy-Larp gibt es Briefe, in später spielenden Settings Telegramme, Funk, Telefonate oder – spätestens ab Genres, die in der digitalisierten Welt und in der Zukunft spielen – auch das Internet. Kommunikation nach außen macht eine Spielwelt komplexer und lässt sie größer erscheinen als nur die Figuren, die bei einer Con anwesend sind. Auch ist es eine gute Möglichkeit für die Orga, auf das Spielgeschehen Einfluss zu nehmen und gewisse Inhalte zu bewusst gesetzten Zeitpunkten im Spiel zu platzieren.

Meist geschehen solche Interaktionen im Orga-Raum via Drucker oder vorbereitete Schriftstücke und Requisiten. Während Briefe oder Telegramme physisch am Spiel existieren müssen, ändert sich die Situation, sobald die Charaktere digitale Endgeräte besitzen. Wenn eine Spielfigur ein Handy besitzt, kann sie auch mit diesem interagieren. Dasselbe gilt für Computer, Tablets, etc. wenn diese ein Teil der Spielwelt sind.
Damit öffnen sich auch neue Spielmöglichkeiten, denn die Person am anderen Ende des Geräts muss nicht mehr zwingend vor Ort sein. So kann die Telefonnummer, die man IT anrufen kann auch zu einer Person geben, die die Telefonate zu Hause entgegennimmt. Oder es werden beispielsweise über einen Discord-Server fiktive Social-Media-Kanäle erstellt, welche wiederum andere SCs sehen können und so das dort Geschehene ins Spiel einbinden. Eine weitere Möglichkeit sind private Chats oder Videoanrufe mit Verwandten einer Figur, die zu Hause geblieben sind – oder in Science-Fiction-Settings die Kommandozentrale.
Digitaler SC oder NSC?
Es müssen jedoch nicht immer NSC sein, die digital ins Spiel diazugeschaltet werden. Je nachdem, wie viel Spielraum und Selbstgestaltung die digitalen Figuren haben, können sie auch als SC betrachtet werden. Gerade bei Larps mit vorgeschriebenen Charakteren kann dieser Übergang auch fließend sein und letztendlich hängt es davon ab, was der Anspruch an die Rolle ist. Geht es darum, bewusst Inhalte zu platzieren? Oder sind es Figuren, die genau so frei agieren können, wie die anderen Spielenden? Vielleicht sind es Rollen, die in anderen Larps auch analog bespielt werden?

Beispielsweise in Vampire the Masquerade oder anderen Kampagnensettings in der Jetztzeit können Charaktere von Spielenden, die nicht vor Ort sind auch per SMS oder Anruf ins Geschehen einbezogen werden, selbst wenn die Personen gerade nicht da sind. Das hilft dem Gefühl, eine größere Welt zu bespielen als nur die Handvoll Menschen an dem einen Domänenabend und die Charaktere (und Spielenden) bekommen dennoch mit, was passiert.
Vorteile
Die digitale Teilnahme ermöglicht eine viel einfachere Zugänglichkeit. Auch wenn das Hobby davon lebt, sich physisch an einem Ort zu treffen, gibt es viele Gründe, die verhindern können, immer persönlich aufzutauchen. Beispielsweise die weite Distanz oder der Ausstattungsaufwand können solche Hürden sein. Ebenso gibt es terminliche, gesundheitliche und nicht zuletzt finanzielle Gründe, die einen daran hindern können auf Con zu fahren.
Remote NPC sind eine gute Möglichkeit, dennoch larpen zu können. Je nach Intensität der Rolle kann man beispielsweise ab und zu Input für das Spiel geben und gleichzeitig OT-Verpflichtungen nachgehen – vielleicht nicht am stressigsten Arbeitstag, aber gerade bei Larps die über Werktage stattfinden, ist das nicht immer mit dem Berufsalltag vereinbar. Auch braucht man nicht viel mehr als ein Handy oder Laptop, was der Zugänglichkeit ebenso zuträgt.
Ein weiterer Vorteil ist, auch mit Menschen zu spielen, die sich geografisch nicht gerade um die Ecke befinden. Besonders wer international larpt, kennt das Problem, dass sich das Umfeld über immer größere Distanzen oder gar halbe Kontinente erstreckt und es nicht immer einfach ist, gemeinsam zu einer Con zu fahren.

Aus Sicht der Orga ist es außerdem eine gute Möglichkeit, die Gestaltung der weiteren Welt auszulagern. Larps zu leiten ist oft sehr intensiv und birgt tausend Aufgaben gleichzeitig – Remote NPCs können Aufgaben abnehmen, die ansonsten der Orga anfallen.
Und nicht zuletzt kann es natürlich dem Setting beitragen, wenn sich die Spielwelt nicht nur auf den einen Ort beschränkt, sondern es auch Figuren gibt, die nicht mit auf der Weltraummission sind, sondern Zuhause um das Leben ihrer Liebsten bangen. Auch ein fiktives Social Media wirkt plastischer, wenn nicht alle Kommentare von anwesenden Personen stammen.
Nachteile
Für viele ist ein großer Reiz an Larp als Hobby, die Möglichkeit physisch und analog mit anderen Menschen zu spielen und für ein Wochenende mal das Handy wegzulegen. Genau dieses Gerät dann als Teil des Spiels zu haben, kann störend sein. Selbst wenn es dem futuristischen Setting entspricht, sind Pushnachrichten von OT-Verwandten nicht unbedingt das was man sich während einem Larp wünscht.
Komplexere Lösungen fordern zudem eine gewisse Medienkompetenz aller Teilnehmenden und die entsprechende technische Ausstattung.
Aus Sicht der NSC kommt außerdem die Schwierigkeit hinzu, dass es um einiges schwerer ist, ein Gefühl für den Raum zu bekommen, wenn man mit einem Spiel nur digital interagiert. Wie viel Konflikt ist zu viel? Zu was für Reaktionen führen meine Nachrichten vor Ort? Trifft der Ton meiner Nachricht gerade den des Spiels? Besonders wenn die Kommunikation schriftlich stattfindet, kann das schwierig werden.
Hier hilft es, vorher klar Erwartungen zu kalibrieren und während dem Spiel (zum Beispiel via Orga) einzuchecken, ob das gerade die Stimmung trifft. Wenn man daneben durch die OT-Welt geht, ist das Larp auch weniger immersiv und eine kurze Nachricht an die Orga einfach möglich, ohne aus dem Spiel zu reißen.
Beispiel Together At Last
Es gibt (besonders seit der Pandemie) auch vermehrt Larps welche gänzlich online stattfinden. Anders als bei einem online Pen-and-Paper nutzen sie die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation immersiv und als Teil der Spielwelt und werden, beispielsweise über Discord mit Hilfe von Nachrichten, Bildern und (Video-)Telefonaten stattfinden. Eines davon war Together Forever von Reflection Larp Studios. Es ist also nicht erstaunlich, dass ein fiktives Social Media auch in der Real-Life-Version Together At Last davon eine große Rolle spielt.

In dieser leicht futuristischen Welt treffen sich Menschen nicht mehr physisch, außer in einem speziellen Programm, um ihren perfekten Dating-Match zu finden. Die digitale Welt ist also schon ein großer Teil des Settings und so passt es dort auch gut dazu, dass Freund*innen, Familie oder Arbeitskontakte der Figuren vor Ort als Remote NPC dargestellt werden. Die meisten NSC haben einen Charakter (selten auch mehrere) mit Verknüpfungen sowohl zu den SC als auch NSC und interagieren über Videocalls oder dem IT-Teil des Discordservers wo die Facebook-Profile aller Charaktere dargestellt werden. Ebenso gibt es dort einen IT-News-Kanal oder einen Gruppenchat der daheim gebliebenen Eltern.
Einen solchen NSC habe ich bei Run 3 und Run 7 gespielt und zweimal einen Vater von zwei der teilnehmenden Rollen gespielt. Man bekommt einen kurzen Charakterbeschrieb und kann sich vorher mit den Verknüpfungen absprechen – so haben wir beispielsweise verabredet mindestens einmal zu telefonieren.
Beim ersten Beispiel habe ich während dem Spiel vor allem IT Social-Media-Posts gemacht, um den Konflikt zwischen den Kindern zu fördern und ab und zu ein paar Chatnachrichten geschrieben. Beim zweiten Mal hat sich ergeben, dass sich mit der IT-Ehefrau des Charakters eine Art Chat-Foren-Rollenspiel entwickelte, in wem wir ausgespielt haben, was die Charaktere Zuhause machen. Das ist keinesfalls Pflicht, hat die Charaktere aber nochmals plastischer werden lassen.
Es ist auf jeden Fall eine gute Erfahrung und das Gefühl “nebenbei” larpen zu können, ersetzt zwar den Besuch einer Con nicht, aber bringt dennoch eine Menge Larpgefühl in den Alltag. Etwas seltsam ist es doch, wenn das Spiel vorbei ist und man selber nur einen nun stummen Discordserver vor sich hat anstatt gemeinsam die Afterparty zu genießen.
Together at Last nutzt noch eine weitere Möglichkeit von Remote NPC: Es gibt in dem Dating-Programm eine Simulation für die potenziell werdende Eltern, um auszuprobieren wie es ist Kinder zu haben. Diese AI-Teenager werden via Videocall in kurzen 5 bis 20-minütigen Szenen ebenfalls von den Remote NPC-Spielenden dargestellt.
Fazit
Kommunikation über weiter Distanzen und Social Media sind Teil unserer Realität und haben so auch den Einzug in Larp-Settings gefunden. Es kann eine spannende Möglichkeit sein, die Welt von Larps plastischer und größer zu zeichnen. Auch können Leute mit wenig Aufwand an einem Larp teilnehmen, an dem sie sonst nicht könnten. Dennoch birgt es Hürden, gerade in nuancierter, zwischenmenschlicher Kommunikation oder wer Larp als rein analoges Hobby sehr genießt. Auf jeden Fall ist es ein interessantes Spielelement und bietet eine Möglichkeit zu larpen, auch wenn es der Alltag mal nicht zulässt.
Artikelbilder: © Hagen Hoppe, Soraya Koefer, Reflection Larp Studios, Jonas Dietz
Layout und Satz: Dominic Niederhoff
Lektorat: Nina Horbelt


















