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Nieselregen und Neon-Reklamen: So sieht Los Angeles in der dystopischen Zukunft von Blade Runner aus. In der neuen Case File für das Blade Runner RPG stehen die Spieler*innen vor zwei schwierigen Fragen: Was hat es mit einem mysteriösen Einbruch bei Wallace Corp auf sich? Und können sie einander überhaupt trauen?

Fiery Angels ist die zweite Case File, also ein von Free League publiziertes Abenteuer, für das Blade Runner RPG. Die Spieler*innen streifen dabei als Blade Runner, also Replikanten-Jäger*innen, des Los Angeles Police Departments erneut durch die verregneten Straßen L.A.s und müssen dabei nicht nur einen mysteriösen Vorfall um illegal produzierte Replikanten unter die Lupe nehmen, sondern sich auch ihren ganz eigenen Dämonen stellen.

Das Szenario setzt die Ereignisse der ersten Case File Electric Dreams fort, kann aber unabhängig davon gespielt werden. Allerdings tauchen einige Charaktere aus Electric Dreams auch in Fiery Angels auf, da beide Abenteuer den Metaplot des Blade Runner RPGs entwickeln. Die Spieler*innen können dementsprechend problemlos erneut ihre Charaktere verkörpern, die sie bereits in Electric Dreams hatten, oder sie erschaffen neue Blade Runner.

Triggerwarnungen

Gewalt, Tod, mentales Trauma

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Fiery Angels für die Spielleitung

Bereits die Einleitung zu Fiery Angels warnt davor, dass die Spielleitung einiges im Blick behalten muss, um das Abenteuer erfolgreich zu leiten. Das ist definitiv richtig, denn die Geschichte, die Fiery Angels erzählt, ist ein verzwickter Kriminalfall, den die Spieler*innen lösen sollen. Wie schon bei Electric Dreams wird das Abenteuer vor allem durch die verschiedenen Schauplätze gegliedert, die die Charaktere im Laufe des Spiels aufsuchen können. In welcher Reihenfolge sie das tun, ist den Spieler*innen freigestellt, ist aber in vielen Fällen davon abhängig, welche Hinweise die Charaktere an welchen Orten finden.

Denn Fiery Angels ist, wie man es von einer Blade Runner Geschichte erwarten kann, eine Detektivgeschichte. Die Spielleitung muss also immer die verschiedenen Schauplätze mitsamt den dort auffindbaren Hinweisen im Hinterkopf haben. Um hier den Überblick zu behalten, gibt das Buch der Spielleitung ein Diagramm an die Hand, das alle Schauplätze und deren Verbindungen zueinander kurz auflistet.

In Fiery Angels werden die Spieler*innen zu Blade Runner des LAPDs.

Außerdem ist in Fiery Angels das Zeitmanagement der Charaktere sehr wichtig. Wenn sie zu viele Schichten am Stück arbeiten, bedeutet das Mali für ihre nächsten Würfe. Doch bei ihren Ermittlungen dürfen sie sich trotzdem nicht alle Zeit der Welt lassen. Denn während die Charaktere ermitteln, treiben auch die Antagonist*innen ihre Pläne weiter voran. Bestimmte Ereignisse, sogenannte Countdown Events, passieren nach einer bestimmten Anzahl an Schichten – mit oder ohne Wissen der Charaktere. Dementsprechend sollte die Spielleitung auch die vergangene Zeit im Auge behalten. Hilfreich ist hier eine Tabelle, die einen genauen Überblick über alle Countdown Events gibt und außerdem Optionen für ein bis vier Spieler bietet. Da mehrere Spieler*innen sich theoretisch aufteilen können und so schneller vorankommen, liegen die Countdown Events für mehrere Spieler*innen näher beieinander als für weniger Spieler*innen.

Das Buch schafft es, trotz der Fülle an Informationen, diese strukturiert und klar für die Spielleitung aufzubereiten. Zuerst gibt es einen kurzen Abriss der gesamten Handlung, sowie einen Überblick über die wichtigsten NSCs und einige Anmerkungen zur Detektivarbeit und zu Downtime Events, Ereignissen, die den Charakteren passieren, während sie gerade einmal nicht arbeiten. Schließlich werden die einzelnen Schauplätze der Ermittlung genau vorgestellt. Dadurch, dass die Charaktere die Schauplätze in einer beliebigen Reihenfolge besuchen können, sollte sich die Spielleitung intensiv auf die Sitzung vorbereiten, um unnötiges Blättern zu vermeiden. Hierfür ist das PDF tatsächlich sehr sinnvoll: Durch die Lesezeichen ist hier das Navigieren besonders einfach. Ansonsten ist allerdings keine weitere Vorbereitung von Seiten der Spielleitung notwendig, da das Szenario sehr detailliert ausgearbeitet ist.

Die Geschichte

Die folgenden Absätze enthalten Spoiler zur Geschichte von Fiery Angels. Wer also selbst herausfinden möchte, was es mit den Fiery Angels auf sich hat, schaltet sein Esper-Gerät jetzt besser aus.

In dem Abenteuer dreht sich alles um illegal hergestellte Replikanten. Die Spieler*innen werden direkt in die Geschichte hineingeworfen und müssen einen Mann befragen, der kurz zuvor in die Datenbanken von Wallace Corp eingedrungen ist, dem Konzern, der Replikanten produziert. Der auf frischer Tat ertappte Mann steht nun unter Verdacht ein illegaler Replikant zu sein und außerdem möchte Wallace Corp wissen, wer hinter dieser Aktion steckt.

Für Blade Runner Fans ist es natürlich keine Frage, was nun ansteht: ein Voight-Kampff-Test! Tatsächlich muss einer der Charaktere einen Test mit dem Verdächtigen durchführen, um herauszufinden, ob es sich um einen Menschen oder eine Maschine handelt. Dieses Befragungs-Szenario lässt sich gut rollenspielen zwischen Spielleitung und einem*einer Spieler*in. Der Test braucht nur wenige Würfe. Nach jeder Frage wirft der Charakter seinen Insight-Skill gegen den Manipulation-Skill des vermutlichen Replikanten. Je mehr Erfolge der Charakter hat, desto sicherer ist er sich bezüglich der Identität des Verdächtigen.

An einer späteren Stelle kommt der Voight-Kampff- beziehungsweise Empathie-Test ein weiteres Mal vor, dieses Mal muss sich allerdings einer der Charaktere dem Test unterziehen, was viel Rollenspielpotenzial birgt. Welche Antworten der Charakter auf die mitunter seltsamen Fragen des Empathie-Tests gibt, ist natürlich dem*der Spieler*in überlassen. Leider, und das ist wirklich schade, in einem sonst so auf Immersion und Rollenspiel ausgerichteten System, spielen die Antworten des Charakters im Grunde keine Rolle. Denn wie schon in der Eröffnungsszene, kommt es beim Test nur auf die Würfe an.

Jeder gute Blade Runner weiß, wie man einen Voight-Kampff-Test durchführt.

Trotz dieses kleinen Mankos ist das gesamte Szenario äußerst atmosphärisch und passt perfekt in das Blade Runner-Universum. Während ihrer Ermittlungen müssen die Charaktere erkennen, dass es von bestimmten Personen Replikanten-Kopien gibt, die die echten Menschen ersetzen sollen. Das Problem: Auch einer der SCs hat unwissentlich einen Replikanten-Doppelgänger, der immer wieder mit den Charakteren aneinandergerät. So müssen sich die SCs schließlich fragen, wem sie überhaupt noch trauen können. Für den Charakter, der nun mit seinem Doppelgänger konfrontiert ist, bietet dies eine besonders spannende Erfahrung, da der*die Spieler*in am Anfang genauso wenig weiß, wie alle anderen. Das Buch empfiehlt der Spielleitung hier zurecht, eine*n erfahrenere*n Spieler*in auszuwählen, der*die kopiert wurde. Für einen Rollenspiel-Neuling könnte das etwas kompliziert werden.

Außerdem verzichtet Fiery Angels, ganz im Geiste der Filme, auf einfache Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Am Ende stehen die Charaktere vor der Wahl, wen sie nun unterstützen wollen. Denn auch die eigentlichen Antagonist*innen haben nachvollziehbare Gründe für ihr Handeln, wenn dieses auch moralisch verwerflich erscheint. Zwar ist das Szenario auch für Personen verständlich, die sich wenig oder gar nicht mit dem Blade Runner-Kanon auskennen. Jedoch gibt es immer wieder Orte oder Personen, die Fans bekannt vorkommen dürften. Einer der Schauplätze, den die Charaktere aufsuchen können, ist das Yukon-Hotel, das schon im ersten Blade Runner-Film auftaucht. Ein wichtiger NSC ist Ray McCoy, der Spielcharakter aus dem Blade Runner Videospiel von 1997.

Von Tatort zu Tatort – Die Detektivarbeit

Die Detektivarbeit bildet in Fiery Angels das Herzstück des Spiels. Pro Schicht können die Charaktere einen Schauplatz aufsuchen und dort nach Hinweisen suchen. Die Hinweise führen dann zu weiteren Schauplätzen. Manche Schauplätze können immer wieder aufgesucht werden. So können verschiedene Beweisstücke erst durch den Forensiker im Revier des LAPD ausgewertet werden. Dort haben die Charaktere auch Zugriff auf den Mainframe des LAPDs. Das Spurensuchen erfolgt nicht nur durch Würfeln, sondern auch über die Crime Scene Photos. Das sind Bilder, die den Schauplatz zeigen und anhand derer die Spieler*innen entscheiden können, welche Stellen sie sich genauer ansehen möchten. Falls den Charakteren auf den Bildern nichts Interessantes auffällt, können sie auch stattdessen würfeln. Durch dieses System kommen die Ermittlungsarbeiten nicht zum Erliegen. Gleichzeitig können sich die Spieler*innen wirklich wie Detektiv*innen fühlen, da sie nicht nur durch Würfelglück auf Spuren stoßen. Das trägt definitiv zur Immersion bei.

Die Crime Scene Photos sind für die Ermittlungen unabdingbar.

Dass die Charaktere nicht irgendwann völlig feststecken, wird auch dadurch gewährleistet, dass es immer mehrere Hinweise an verschiedenen Orten gibt, die den Charakteren neue Schauplätze erschließen. Das Hinweisnetz ist dabei so dicht, dass die Charaktere zu jeder Zeit zumindest einen Ort kennen, den sie noch besuchen sollten. Trotzdem werden die Ermittlungen dadurch nicht unbedingt trivial: Einige Hinweise verlangen durchaus von den Spieler*innen, dass sie die gesammelten Informationen zusammentragen und sinnvoll kombinieren. Genauso so sollte eine gute Detektivgeschichte funktionieren.

Neben den Crime Scene Photos können die Charaktere immer wieder andere Handouts bekommen. Diese Handouts sind zum Beispiel Zeitungsartikel, Aufnahmen von Sicherheitskameras, die man per Zoom und Enhance auswerten kann oder Polizeiakten zu Verdächtigen. Diese sind alle sehr schön und detailverliebt designt. Auch hier lohnt es sich, genau hinzuschauen. Bereits das allererste Handout, die erste Seite einer aktuellen Zeitung, gibt einen Hinweis auf die Hauptgegenspielerin des Szenarios.

Die Handouts sind allesamt schön designt.

Erscheinungsbild

Auf 64 Seiten vermittelt das Buch alle wichtigen Informationen. Die PDF-Datei hat kein Inhaltsverzeichnis, was durchaus wünschenswert gewesen wäre. Dafür existiert am Ende des Buches ein Stichwortverzeichnis, in dem die Seiten allerdings nicht verlinkt sind. Trotzdem ist die Datei schnell navigierbar durch die Lesezeichen im Dokument.

Das Design der Handouts und der Mugshots, also die Porträts der wichtigsten NSCs, ist überaus gelungen. Die Mugshots sind allesamt in düsteren Farben gehalten und vermitteln eine passend melancholische Stimmung. Ein wenig ungünstig ist, dass jeweils alle Mugshots und alle Handouts in einer PDF-Datei enthalten sind, sodass man zunächst die einzelnen Bilder voneinander trennen muss, wenn man diese den Spieler*innen digital zukommen lassen will.

Die physische Edition von Fiery Angels enthält alle Handouts direkt bereit zum Austeilen an die Spieler*innen.

© Free League

Die harten Fakten:

  • Verlag: Free League
  • Autor*in(nen): Tomas Härenstam, Joe LeFavi
  • Erscheinungsjahr: 2024
  • Sprache: Englisch
  • Format: Box/ PDF/ VTT
  • Seitenanzahl: 64
  • ISBN: 978-91-89765-35-1
  • Preis: 38,36 EUR/ 16,58 EUR/ 19,09 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, DriveThruRPG, Sphärenmeister

 

Fazit

Fiery Angels erzählt eine spannende Geschichte, die man als Fortsetzung zum ersten Szenario Electric Dreams spielen kann oder aber unabhängig davon. Das Szenario ist sehr detailreich ausgearbeitet und ermöglicht es den Spieler*innen, sich wirklich wie ein Blade Runner zu fühlen. Das gelingt, da das Szenario den Spieler*innen zwar einiges zutraut, wenn es um die Detektivarbeit geht, sie allerdings nie alleine lässt, sollte es mal Probleme geben. An verschiedenen Stellen ergeben sich spannende Situationen für die Spieler*innen, zum Beispiel wenn ein Charakter sich einem Empathie-Test unterziehen muss. Der Empathie-Test ist leider etwas banal geraten, da die tatsächlichen Antworten keine Rolle spielen. Trotzdem zieht sich durch das Szenario eine dichte Atmosphäre, die zum Beispiel von den Mugshots, den Handouts und auch den vielen Verweisen auf Personen und Ereignisse aus dem etablierten Blade Runner Kanon erschaffen wird. Insgesamt ist Fiery Angels eine sehr gelungene Erweiterung des Blade Runner RPGs.

  • Immersive Spielmechaniken
  • Spannende Geschichte
  • Dichte Atmosphäre

 

  • Voight-Kampff-Test spielmechanisch schwach

 

Artikelbilder: © Free League
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Hendrik Pfeifer
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