Geschätzte Lesezeit: 11 Minuten

MODERN LIQUID: CALLISTO ist ein leidenschaftliches Projekt mit dem Ansatz von „Cyberpunk in Space“. Es geht 350 Jahre in die Zukunft, das Sonnensystem zu erkunden, das von Großkonzernen bestimmt wird. Um diese Dystopie zu erleben, benötigt es lediglich ein paar W10 und etwas Abenteuergeist.

Die Liste von Sci-Fi-Systemen und -Welten ist lang, wenn auch wesentlich kürzer als die des Fantasy-Genres. Fans von Sci-Fi folgen oft der Faszination einer nahen Zukunft, in der noch unentwickelte Technologien das Leben der Menschen verbessern könnten. Doch dazu kommt die beängstigende Vorstellung von Konzernen, die Menschen nur noch als Ressource sehen, einer apokalyptischen und lebensfeindlichen Welt, aber auch die Sehnsucht zum Aufbruch in neue Welten, eine neue Zeit oder unbekannte Abenteuer.

CALLISTO versucht, diese Sehnsucht an den Spieltisch zu bannen und mit einfachen Regeln zu versehen, ohne dabei auf zu viel Realismus und Nachvollziehbarkeit zu verzichten. Wir haben uns angesehen, wie gut das Franz A. Grenzel, der für die Druckversion Unterstützung vom Black Mask Verlag erhalten hat, gelungen ist.

Triggerwarnungen

Dystopie, Sklaverei, Umweltkatastrophe, soziales Ungleichgewicht, Krieg

[Einklappen]

Die Spielwelt

Es ist das Jahr 2368: Die Menschen der Erde leben entweder in einer der großen, hochtechnologisierten Arkologien (Kofferwort aus „Architektur“ und „Ökologie“, also autark funktionierende Städte in einem zusammenhängenden Gebäudekomplex), den umliegenden Metropolregionen oder in den verfallenen Überresten der alten Städte. Der globale Kollaps der Erde hat sich immer weiter zugespitzt und diese bizarre Dualität einer dystopischen Zukunft hervorgerufen. Auf der Suche nach Lösungen, die viel zu spät angestrebt wurden, haben vor allem Großkonzerne den Aufbruch der Menschheit ins Weltall vorangetrieben.

Das Staatensystem wurde in Callisto bereits in den 2070ern aufgelöst, in denen ein Konzernkrieg das Machtverhältnis gänzlich in private Hände legte. Seit knapp 300 Jahren leben Menschen also in einer Konzernwelt, in der die meisten globalen Organisationen in ihrer bisherigen Form aufgelöst wurden. Ihren Machtbereich breiten die Konzerne auch über den Erdball hinaus ins Sonnensystem aus, auch wenn sie dort nicht ganz so viel Einfluss haben.

Die Welt im Jahr 2368.
Die Welt im Jahr 2368.

Auf der Erde leben nach der Klimakatastrophe mitsamt Polkappenschmelze nur noch rund drei Milliarden Menschen, die sich größtenteils in den Arkologien tummeln, hinzu kommen aber rund 200 Millionen auf dem Merkur oder dem Mars, der Venus oder auf Raumstationen. Inzwischen gibt es ganze Generationen, die im All geboren wurden und die Erde nie gesehen haben.

Auch Androiden sind Bestandteil eines normalen Alltags geworden, ebenso wie kybernetische Implantate. Sogar die Vermischung von Tiergenen mit denen von Menschen zur Erschaffung von Hybridwesen (Zybride genannt) wurde entwickelt, sorgt aber für eine moderne Form der Sklavenhaltung oder zumindest einer Ausgrenzung dieser Menschen. Zuletzt gibt es noch Psioniker*innen, die mit der Macht ihres Geistes Wundersames bewirken können. Sie sind hochbegehrt und registrierungspflichtig.

Manchmal wird CALLISTO theoretisch.
Manchmal wird CALLISTO theoretisch.

Man merkt der Spielwelt ihre Inspirationsquellen an, die aus vielen modernen Sci-Fi- und Cyberpunk-Welten stammen: The Expanse, Detroit: Become Human und Ghost in the Shell, aber auch Shadowrun oder Demolition Man. Dennoch ist die Spielwelt etwas Eigenes und fügt sich mit ihrer Mischung aus Sci-Fi und den Ansätzen wissenschaftlicher Hintergründe zu einem guten Ganzen zusammen.

Die Weltbeschreibungen sind sicherlich nicht erschöpfend, aber bieten an vielen Stellen interessante Ansätze und genügend Crunch, um sich zurechtzufinden, wenn konkrete Fragen aufkommen. So liest man von Hongkong, in dem Sölder*innen sich wohl besonders wohlfühlen, oder vom fast paradiesisch klingenden Île-de-France mit seinen grünen Oasen und dem freien Zugang zu Kultur und Bildung. Die starken Unterschiede in den Lebensrealitäten der Menschen in verschiedenen Regionen der Erde, vom Weltraum ganz zu schweigen, bieten zahlreiche Spielansätze. Harte Fakten muss es im Sci-Fi auch geben (natürlich spielt der „Fiction“-Bereich von „Science-Fiction“ dennoch eine wichtige Rolle): Wer sich fragt, warum es sinnvoller sein könnte, mit konstant 0,3G zu fliegen, statt zwei Schübe mit 1G zu absolvieren oder andersherum, wird Antworten finden. Fans von Technobabble können sich also ebenfalls in der Welt von CALLISTO gut wiederfinden.

Die Regeln

Anzeige
Anzeige

Das LIQUID-System von Marcus Johanus ist ein Universalsystem, das auf W10 basiert und schon einige Jahre erhältlich ist. MODERN LIQUID baut auf diesen Regeln auf und so nutzt auch CALLISTO das W10-System.

Für Proben werden ein Attribut und eine Fähigkeit kombiniert, um den Zielwert zu ermitteln, der sich in diesem System „Chance“ nennt. Mit dem W10 muss die Chance getroffen oder unterwürfelt werden, um erfolgreich zu sein. Darüber hinaus spielt die gewürfelte Zahl eine Rolle: Je höher die Zahl ist, mit der ein Erfolg erzielt wurde, desto besser das Ergebnis („Qualität“). Bei vergleichenden Proben bestimmt die Qualität auch, wer gewinnt, wenn beide Proben erfolgreich waren.

Eine gewürfelte 1 löst einen „Schicksalswurf“ aus, bei dem ein erneut gewürfelter W10 entweder einen kritischen Patzer für die Probe ermittelt (1–5) oder einen kritischen Erfolg auslöst (6–10). Dieser Wechsel von Je-niedriger-desto-besser zu Je-höher-desto-besser erschließt sich erst auf den zweiten Blick und kann anfangs zu Irritationen führen.

Proben, Chancen und der Schicksalswurf.
Proben, Chancen und der Schicksalswurf.

Proben können wiederholt werden, indem Mana ausgegeben wird: eine Ressource, die nichts mit Magie zu tun hat, was durchaus irritierend sein kann, sondern Glück darstellt. Auch ein Malus kann in Kauf genommen werden, um noch einen Versuch zu wagen.

CALLISTO stellt sich als einfaches Regelsystem vor, wird diesem Anspruch aber nur bedingt gerecht. Relativ schnell gibt es eine Menge Matheaufgaben zu bewältigen: Abgeleitete Werte und komplizierte Berechnungen, ab wieviel Lebenspunkten im Negativbereich ein Charakter stirbt, stehen anderen Mathcrunchern wie Pathfinder in nichts nach.

Sci-Fi- und futuristische Systeme sind dabei natürlich immer prädestiniert für komplizierte Darstellungen einer realistischen Welt. Da ist ein einfacher Regelansatz nicht leicht. Durch bekannte Konzepte sind die Grundlagen vermeintlich einfach: Sechs Sekunden Kampfrunden, einfache und komplexe Aktionen oder vor dem Kampf anzusagen, ob jemand nur betäubt, statt ausgeschaltet werden soll – das ist doch alles bekannt. Doch einfache Aktionen erfordern beispielsweise niemals eine Probe. Und die Anzahl an komplexen Aktionen ist nicht beschränkt, solange man gewillt ist, Mali in Kauf zu nehmen. Man sieht schnell, dass ein kurzer Überblick nicht reicht und es komplizierter werden kann als zu Beginn angenommen.

Im dritten Ringbuch von CALLISTO findet sich die umfangreiche Ausrüstung inklusive Dienstleistungen und Raumschiffen oder Drohnen. Dort werden nicht nur zahlreiche Möglichkeiten zum Schutz der wichtigsten Organe vorgestellt, sondern natürlich auch Anti-G-Anzüge oder Waffen aller Couleur. Auf 132 Seiten bleibt kein Wunsch unerfüllt.

Charaktererschaffung

Beispielkästen helfen bei der Charaktererstellung.
Beispielkästen helfen bei der Charaktererstellung.

Charaktere werden mit einem gemeinsamen Gruppenkonzept oder Spielstil erstellt. Das bedeutet, dass sich die Rollenspielgruppe vorher einigt, ob sie zum Beispiel Abenteuer erleben, Sölder*innen oder Sicherheitskräfte sein wollen.

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf wählt man eine Rolle innerhalb der Gruppe. CALLISTO nennt das ein Konzept und grenzt sich damit bewusst vom Begriff Klasse ab. Dadurch gibt es auch keine Level, sondern Charaktere entwickeln sich direkt mit Erfahrungspunkten weiter, die sie investieren. Face, Hacker, Jäger oder Techniker sind nur einige dieser Konzepte, die sich aus klassischen Vorlagen entlehnen. Teilweise gibt es dabei nur Nuancen in den Unterschieden. Krieger, Killer und Soldat ähneln sich in gewisser Weise, Vermittler und Face ebenso. Überraschend ist besonders das Konzept Reporter, das in manchen Settings umzusetzen nur schwer vorstellbar ist.

Es ist ein interessanter Ansatz, dass nach der Wahl eines gemeinsamen Spielstils und der individuellen Charakterkonzepte erstmal der Charakterbogen erklärt wird. Daraufhin folgt eine Übersicht, die Schritt für Schritt durch die Erstellung führt.

Es beginnt mit dem Steckbrief: Welche Lebensform ist der Charakter und wo kommt er her? Menschen, Crispr oder Zybride (beides Formen von genmanipulierten Menschen) können genauso gewählt werden wie Androiden und alle haben Vor- und Nachteile. Es macht auch einen Unterschied, ob der Charakter in Schwerelosigkeit geboren wurde oder nicht. Im Steckbrief wird festgelegt, welche Sprachen gesprochen werden, wie der Charakter lebt und welchen Beruf er hat. Etwas seltsam ist, dass der Beruf auf Proben einen Einfluss haben kann, aber nicht muss, und es keine Auswahlmöglichkeiten gibt, sondern an dieser Stelle sehr frei entschieden werden kann, während sich die gelernten Sprachen durch die entsprechende Fähigkeit erhöhen.

Zybride sind Tier-Mensch-Hybride.
Zybride sind Tier-Mensch-Hybride.

Attribute und Fähigkeiten werden mit einem Punktesystem gekauft. Typischerweise wird mit den drei Kategorien physische, mentale und soziale Attribute gearbeitet, Fähigkeiten hingegen teilen sich in Begabungen, Fertigkeiten und Kenntnisse. Diese Dreiteilung ist für das Punktesystem relevant, da während der Erstellung unterschiedlich viele Punkte auf die Kategorien verteilt werden.

Mit Bonuspunkten kann der Charakter dann verfeinert werden: Vor- und Nachteile, Psi-Kräfte oder Spezialisierungen sorgen für Individualisierung. Dann folgt die Ausrüstung inklusive kybernetischer Implantate, wenn der Charakter solche haben soll, und die restlichen abgeleiteten Werte werden berechnet.

Der Aufbau der Charaktererstellung ist gleichzeitig sehr strukturiert und etwas durcheinander. Es gibt viele Hilfen und Erklärungen, aber dennoch muss man viel blättern und suchen, vor allem aber rechnen. Die Psi-Kräfte sind ziemlich umfangreich, können nur von Menschen als Vorteil erworben werden und vertragen sich gleichzeitig nicht gut mit Implantaten. Es stellt sich die Frage, warum ein Mensch kein Psioniker werden sollte oder, wenn kein Psioniker gespielt werden soll, welchen Grund es gäbe, einen Menschen zu wählen. Darüber hinaus bringt die Charaktererschaffung viele unterschiedliche Charaktere hervor und ist tatsächlich sehr spaßig.

Erscheinungsbild

Die Illustrationen sind nicht alle im gleichen Stil, aber dennoch passend.
Die Illustrationen sind nicht alle im gleichen Stil, aber dennoch passend.

MODERN LIQUID: CALLISTO kommt in drei Ringbüchern. Solche ungewöhnlichen Konzepte, also nicht ein oder mehrere Bücher mit Buchrücken zu veröffentlichen, sind eine Stärke von kleinen und unabhängigen Systemen, denn es werden mehrere Begründungen dafür geliefert: Übersichtlichkeit und Kostenreduktion. Die Bücher sind aufgeteilt in Regeln, Weltbeschreibung und Ausrüstung. Dass die Weltbeschreibung nicht mehrfach einer Gruppe vorhanden sein muss, die Regeln aber gegebenenfalls schon, ist ein fairer Gedanke.

Die Ringbücher sind sehr stabil verarbeitet und halten intensive Lesebelastung aus, ohne Seiten zu verlieren. Alles ist sinnvoll aufgebaut, wobei besonders positiv auffällt, dass die Kapitel zu Beginn eine Übersicht über die Inhalte auflisten. Neben einem sowieso schon vorhandenen Inhaltsverzeichnis und Index hilft das bei der Übersicht. Auch im Layout wurden sich viele Gedanken gemacht, indem es unterschiedliche Farben für Textboxen gibt, die Wichtiges, Hinweise und Beispiele abgrenzen, und spielmechanische Begriffe konsequent hervorgehoben werden. Attribute sind dunkelblau umrandet, Fähigkeiten hellblau, Würfelwerte rot und so weiter. Das setzt sich auch beim Spielleitungsschirm fort. Einzig die vielen Tabellen können mitunter den Lesefluss zu häufig unterbrechen, sodass Passagen mehrfach gelesen werden müssen.

Die Illustrationen stammen von verschiedensten Künstler*innen, Bildagenturen oder sind teilweise frei erhältlich. Manche stammen aus den älteren Veröffentlichungen des Regelsystems. Dadurch gibt es natürlich keinen einheitlichen Stil in CALLISTO: Man findet 3D Renderbilder genauso wie Zeichnungen im Comicstil oder alles dazwischen. Dafür wurde aber auf durch KI generierte Bilder verzichtet und der futuristische Look ist auch mit dem Potpourri der Kunststile gut getroffen.

Callisto Cover
Callisto Cover

Die harten Fakten:

  • Verlag: Eigenverlag
  • Autor*in(nen): Frank A. Grenzel
  • Illustrator*in(nen): Patrick K., Manu De Mey, Peter Jacubinas, Quantic Dementia, ArroLL uvm.
  • Erscheinungsjahr: 2025
  • Sprache: deutsch
  • Format: Ringbuch/PDF
  • Seitenanzahl: 470
  • ISBN: –
  • Preis: 40 EUR (Ringbücher)/gratis bzw. pay what you want (PDF)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, DriveThruRPG

 

Bonus/Downloadcontent

Auf der Internetseite gibt es viel zu entdecken, darunter den Link zum Discord-Server des Systems, einen 3D Avatar-Creator und das Kompendium für Foundry VTT. Dort findet sich auch ein Hinweis auf den YouTube-Kanal Raumzeit, der dem Autor von CALLISTO bei der Inspiration zum Worldbuilding geholfen hat.

Fazit

Eine Arkologie kann ein gutes Leben versprechen.
Eine Arkologie kann ein gutes Leben versprechen.

MODERN LIQUID: CALLISTO stellt eine interessante Welt vor, die sich wie eine Mischung aus Shadowrun, Cyberpunk und The Expanse liest. Großkonzerne beherrschen alles bis zum Horizont und darüber hinaus, Genmanipulation führt nicht nur zu vermeintlich perfekten Menschen, sondern auch zu Sklaverei und sozialer Spaltung. Die Menschen der Erde sind nur noch wenige im Vergleich zu heute und müssen mit einer massiv größeren Schere zwischen arm und reich in einer Welt geprägt von Arkologien und Überresten der Vergangenheit leben. Raumstationen und Kolonien haben ihre ganz eigenen Regeln des (Über-)Lebens.

Das spannend beschriebene Sonnensystem wird mit einem W10-System bespielbar gemacht, dass übersichtlich und als einfach vorgestellt wird. Ein genauerer Blick zeigt, dass es dennoch schnell an Komplexität gewinnt und wie viele Sci-Fi-Systeme immer wieder zwischen den einfachen Grundlagen und der Schwierigkeit, den Science-Aspekt sinnvoll abzubilden, hin- und herspringt. CALLISTO ist da keine Ausnahme, schlägt sich aber ordentlich.

Der Verzicht auf durch KI generiertes Bildmaterial und die Hingabe des Autors sollte man genauso in Betracht ziehen wie den unschlagbaren Preis der PDF-Version. Diese ist nämlich gratis, wobei eine freiwillige Zahlung über das DriveThruRPG-System möglich ist. In der Druckversion als Bundle mit den drei Ringbüchern, SL-Schirm, Lesezeichen und Charakterbögen in einem Umfang von über 470 Seiten sind die 40 Euro, die man beim Black Mask Verlag dafür zahlt, mehr als fair.

Wir vergeben einen militärischen Ganzkörperanzug mit 4 von 5 Zusatzsystemen und Helm.

  • Interessante Welt
  • Günstiges Leidenschaftsprojekt
  • Größtenteils kluge Struktur
 

  • System pendelt von einfach zu kompliziert
  • Viele Berechnungen
  • Psionik überpräsent

 

Artikelbilder: © Norbert Schlüter
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Alexa Kasparek
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.
Dieser Artikel enthält Affiliate-Links. Durch einen Einkauf unterstützt ihr Teilzeithelden, euer Preis steigt dadurch nicht.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein