Stadtführer klingen für viele nach langweiliger Lektüre. Night City ist allerdings eine Stadt, die von Korruption, Gangs und organisiertem Verbrechen regiert wird. In dieser bleihaltigen Atmosphäre trifft man Menschen, die sich mit Cyberware ausgestattet haben, manche davon bis zur Cyberpsychose. Und dann ist da auch noch der Krater einer Atombombe mitten in der Stadt. Night City 2045 ist ein Stadtführer für Adrenalinjunkies, die sich in dieser Stadt austoben wollen.
Der Quellenband Night City 2045 ist fast durchgehend als Ingame-Stadtführer angelegt und verzichtet bewusst auf den distanzierten Blick von außen. Stattdessen überlassen die Macher das Wort den Medias – den Journalist*innen, Streamer*innen und Untergrund-Reporter*innen des Settings. Jeder Distrikt erhält so seine eigene Stimme: mal investigativ, mal zynisch, immer nah am Puls der Straße. Das Ergebnis ist kein trockenes Nachschlagewerk, sondern ein atmosphärisch dichter Reiseführer direkt von der Straße, der die Spielgruppe mitten in das pulsierende Chaos von Night City versetzt.
Krieg, Tod, Drogen, Entführung, Folter, psychische Erkrankungen
Inhalt
Using Night City
Dieses erste Kapitel ist nicht als Ingame-Text verfasst. Es dient als Einleitung, wie das Buch zu verwenden ist, und führt zwei kleine neue Regelmechaniken ein. Als erstes werden sogenannte Security Codes vorgestellt. Diese bestehen aus einer Zahl, einer Fraktion und einer Intensität. Wenn die Spielleitung sich dazu entscheidet, einen Alarm auszulösen, wird mit einem W10 gewürfelt. Unterwürfelt man die Zahl, so erscheint eine Eingreifgruppe der angegebenen Fraktion in der entsprechenden Intensität. Die Intensität kann von Light über Medium bis Heavy reichen und in einer kleinen Tabelle wird erläutert, wie viele Gegner genau zu erwarten sind.
Das Buch (und somit auch diese Rezension) verweist an dieser Stelle darauf, dass für manche Gegner die kostenlosen DLCs Hardened Mooks, Hardened Lieutenants und Hardened MiniBosses benötigt werden. Sollten die Spielenden ganz genau wissen wollen, wie viel Zeit ihnen bleibt, bis die gegnerische Verstärkung eintrifft, kann die Spielleitung mit einem W6 (schnelle Verstärkung) oder einem W10 (Verstärkung mit normaler Geschwindigkeit) die Anzahl der Minuten bis zur Ankunft erwürfeln.
Die zweite Regelmechanik sind die Utility Codes. Die Würfelmechanik ist dabei dieselbe wie beim Security Code, nur, dass hier ermittelt wird, ob ein Areal gerade mit Wasser, Strom und CitiNet versorgt ist. Es wird empfohlen, dies nur einzusetzen, wenn es dem Spiel dienlich ist und nicht permanent darauf zu würfeln.
Night City Facts
Dieses Kapitel ist als Aufzeichnung einer Vorlesung an der Universität von Night City konzipiert. Während der Fokus des Grundregelwerkes noch auf die Weltgeschichte gerichtet ist, werden hier die Ereignisse des 4. Konzernkrieges nur in Bezug auf die Auswirkungen auf Night City betrachtet. Auch die Gründung durch den fiktiven Stadtgründer und seine Vision der Stadt werden vorgestellt. Das Kapitel schließt mit Informationen zum Wetter, zur Gesetzgebung, Einbürgerung, zum Führerschein und zu öffentlichen Verkehrsmitteln.

Dabei handelt es sich keineswegs um einen Kommunalpolitik-Simulator, sondern um Ansätze, welche das Spiel bereichern. So wird beispielsweise erläutert, was man braucht, um eingebürgert zu werden, wie eine Ausweiskontrolle stattfindet und was man benötigt, um arbeiten zu dürfen. Da die typischen Edgerunner*innen in Cyberpunk Red öfter gegen die Gesetze verstoßen, ist es für die Spielleitung hilfreich zu wissen, weswegen die Edgerunner*innen verhaftet werden könnten. Das direkt anschließende Kapitel „Flashmaps“ bietet einen schnellen visuellen Überblick über die Eisenbahnnetze, Hotspots, Wohnraum, Märkte und medizinischen Einrichtungen der Stadt.
Night City Factions
In diesem Kapitel folgt eine detaillierte Aufschlüsselung der Gruppen, die die Straßen Night Citys beherrschen. Es ist unterteilt in Gangs, organisierte Kriminalität und Sicherheitsfirmen. Die Vorstellung erfolgt dabei nach einem einheitlichen Schema. Nach dem Namen als Überschrift werden die Anführenden, meist nur eine einzelne Person, das „Geschäftsfeld“, Standorte in Form von besonderen Locations und woran man die Mitglieder erkennt, aufgelistet. Letzteres hat meist etwas mit dem Logo der Fraktion zu tun, welches als Bild unmittelbar neben der Auflistung platziert ist.
Neben aus dem zeitgleich erschienenen Videospiel Cyberpunk 2077 und dessen Erweiterung Phantom Liberty bekannten Größen wie Maelstrom, 6th Street, Tyger Claws oder Scavengers sind auch Fraktionen, welche nur in der Pen-and-Paper-Reihe vorkommen, aufgelistet. Dazu gehört beispielsweise die Sicherheitsfirma Danger Gal. Diese hochprofessionellen Dienstleister fallen durch ihre Anime-inspirierten Outfits und eine Menge Pink und Plüsch auf. Ihre Elitesicherheitskräfte bekämpfen das Verbrechen mit auffällig lackierten Waffen der Linie „Sanroo Hello Cutie“ bei dröhnendem J-Pop.

Fast schon konträr dazu wirken die DeadWoods, eine sogenannte Posergang (also eine Gang mit einem auffälligen Kleidungsmotto) mit dem Thema Wilder Westen. Sie tragen Cowboyhüte, schießen mit Revolvern und „reiten“ ihre Motorräder, um Güterzüge zu bewachen. Doch Vorsicht: Dies ist eine knallharte Gang, kein offiziell lizenzierter Sicherheitsdienstleister. Fast schon normal wirkt dagegen die Skiv-Family, eine klassische Mafia-Familie, die sich im Bauwesen und am Hafen um ihre Geschäfte kümmert. Und dies sind nur drei der über siebzig Fraktionen, die aufgelistet werden.
Die Regionen

Die nächsten vier Kapitel behandeln die größeren Regionen der Stadt. Der Stadtkern, auch The Island genannt, besteht aus zwölf Distrikten, darunter zum Beispiel Little Europe, The Hot Zone, South Night City und Old Combat Zone. Leicht nordöstlich des geographischen Mittelpunktes dieser Region befindet sich der Distrikt The Hot Zone, bei dem es sich um das ehemalige Herz der Stadt handelt. Nachdem 2023 Johnny Silverhand oder Morgan Blackhand (kommt darauf an, wen man fragt) den Arasaka-Tower mit einer kleinen Atombombe in einen radioaktiv verseuchten Krater verwandelt hat, ist auch das gesamte Umfeld weiterhin verstrahlt und die Aufräumarbeiten dauern auch im Jahr 2045 noch an.
Somit bietet das Areal Raum für eher postapokalyptische Abenteuer, ohne dass man das System wechseln müsste. Im Kontrast dazu stehen die umliegenden Distrikte, welche langsam wieder erblühen. Besonders gut gelingt dem Buch die Darstellung der krassen Gegensätze: In Little Europe stehen bröckelnde Backsteingebäude direkt neben verchromten Neon-Türmen – das fängt das typische Cyberpunk-Gefühl perfekt ein und liefert sofort visuelle Aufhänger für die Spielleitung. Hier beweist der Quellenband Mut zur Lücke: Bei Schauplätzen wie Safe Child werden lediglich Gerüchte über Geisterkinder erwähnt. Das System liefert zwar keine Regeln für Übernatürliches, gibt der Spielgruppe aber genau den richtigen atmosphärischen Schubs, um ein horrorfilmwürdiges Kopfkino zu erschaffen.

The Northside besteht nur aus drei Distrikten. Während es sich bei Watson Development fast schon um eine normale Innenstadt handelt, wo Familien leben und abends eine rege Clubszene existiert, bietet Kabuki eine asiatisch angehauchte Atmosphäre. Die Verbindung aus westlich-amerikanischer Kultur mit asiatischen, meist japanischen Werten und Gegenständen ist ein beliebter Mix im Cyberpunkgenre. In diesem Distrikt trägt das Sicherheitspersonal kunstvolle Oni-Masken. Ein für die Spielenden spannender Anlaufpunkt ist Data Inc., der einzige überlebende Laden einer alten Elektronikkette, und heute ein wichtiger Treffpunkt für Netrunner. Um den kulturellen Schmelztiegel für die Spielgruppe noch greifbarer zu machen, kann eine Spielrunde sicherlich auch im Red Oktober in Watson Development beginnen. Dabei handelt es sich um eine, in einer stillgelegten U-Bahn-Station errichtete, Bar im Sowjet-Stil, deren Personal Repliken von Marineuniformen trägt und mit (oft künstlichen) Akzenten spricht. Für manche Spielleitungen sicherlich eine grandiose Schauspielherausforderung.
Aus insgesamt sieben Distrikten besteht der östlichste und größte Teil von Night City namens The Mainland. Spielerisch bietet dieses Areal mit dem politischen Zentrum North Heywood ein augenscheinliches Heile-Welt-Szenario. Da hier allerdings Polizisten und Kartellmitglieder Tür an Tür leben, sind Konflikte vorprogrammiert. Für Spielende mit exotischem Geschmack gibt es das Night City Animal Shelter. Diese Klinik hat sich kurioserweise auf Bodysculpting für Menschen spezialisiert, die ihr Aussehen chirurgisch an Tiere (wie zum Beispiel Hunde) angleichen lassen wollen.
Der Süden der Stadt namens The Southside besteht aus den Distrikten Pacifica Playground und Rancho Coronado. Ersteres bietet den Charakteren einen Vergnügungspark und Casinos, welche fast schon dazu einladen, einen großen Coup zu planen. Generell ist diese Region von häufigen Gangkonflikten geprägt, sodass Spielende mit kämpfenden Charakteren hier voll auf ihre Kosten kommen dürften.
Eine besondere Lokalität ist hier das MetalStorm. Es ist eine Bar unter der Pacifica-Brücke, die das spirituelle und kulturelle Zentrum für die Full-Body-Conversion (FBC) Community in Night City bildet; hier besteht buchstäblich alles aus Metall – inklusive der Gäste. Für Spielende eine Möglichkeit, hemmungslos der Chrome-Sucht zu frönen.

Auch abseits der Stadtgrenzen bleibt der Quellenband erfreulich vielseitig. Die Outskirts liefern mit ihren Badlands, Windparks, Müllhalden und Banditenlagern genau die richtige Kulisse für raue Roadtrips, Schmuggel und Nomadenabenteuer. Das ist wenig subtil, aber gerade deshalb praktisch: Wer staubige Endzeitstimmung oder Mad Max-Feeling sucht, wird hier schnell fündig.
Noch turbulenter geht es im Playland by the Sea zu. Der Freizeitpark ist in seiner Mischung aus greller Fassade, Ausbeutung, Kinderarbeit, Gangkontrolle und latentem Todesrisiko ein Paradebeispiel dafür, wie gut das Buch den zynischen Kern von Cyberpunk einfängt.
Erscheinungsbild
Das Erscheinungsbild ist hochwertig. Im Gegensatz zu den Vorgängerbüchern ist der Text visuell deutlich strukturierter und damit angenehmer zu lesen. Die Illustrationen beschränken sich größtenteils auf hochauflösende Karten, dazu je ein Stimmungsbild am Anfang eines Distrikts, die Logos der Fraktionen und ein wenig obligatorische innerweltliche Werbung. Durch ein grobes Inhaltsverzeichnis am Rand jeder Seite weiß man stets in welchem Kapitel man ist. Der Text ist klar zu lesen.
Mit 311 Seiten und dem Aufbau eines Reiseführers wirkt es auf den ersten Blick wie ein reines Nachschlagewerk, das sich jedoch auch gut am Stück durchlesen und einen tief in die Stimmung des Systems eintauchen lässt. Zwei besondere Ansätze sind im Erscheinungsbild hervorzuheben. Zum einen wird direkt am Anfang auf einer Übersichtskarte mit einem Disclaimer darauf verwiesen, dass dies Version von Night City nicht der „realen“ Version entsprechen muss und Baustellen jederzeit Straßen oder sogar ganze Wohnblöcke verlegen könnten. Zum anderen sind die Räume zwischen den Straßen nicht nach Gebäuden unterteilt, sondern als ganze Fläche zwischen den Straßen gefärbt, was spontane Anpassungen ermöglicht.

Die harten Fakten:
- Verlag: R. Talsorian Games
- Autorin(nen): Alyson Cybe et. al.
- Illustratorin(nen): Winter Jaye et. al.
- Erscheinungsjahr: 2026
- Sprache: Englisch
- Format: Hardcover A4 und PDF
- Seitenanzahl: 311
- ISBN: 978-1-950911-38-7
- Preis: 53,95 EUR (Hardcover); 26,23 EUR (PDF)
- Bezugsquelle: Fachhandel, DriveThruRPG
Fazit
Das Warten hat sich gelohnt: Mit dem Quellenband Night City 2045 bekommen Neueinsteigende sowie Veteranen von Cyberpunk Red endlich den langersehnten, detaillierten Reiseführer durch die gefährlichste Metropole der Welt an die Hand. Es bietet auf 311 Seiten mit über 600 Schauplätzen verteilt auf 24 Distrikte alles, was das Chrome-süchtige Herz begehrt, um Night City zum Leben zu erwecken. Ergänzt wird das Ganze durch eine Auflistung der Gangs und Sicherheitsdienste von Night City und hervorragendes Kartenmaterial. Das Buch glänzt aber nicht nur durch seine schiere Masse an Inhalten, sondern auch durch seine Präsentation. Die Aufmachung als innerweltliches Werk aus der Perspektive verschiedener Medias sorgt für herrlich lockere, zynische und tief in die Lore eintauchende Texte, die sich auch abseits des Spieltisches wunderbar lesen lassen. Gleichzeitig vergisst der Band nie seinen spielpraktischen Nutzen: die Karten, sofort einsetzbare Mechaniken wie die Security Codes und Hunderte kleiner Aufhänger bieten ein perfektes Fundament für eigene Abenteuer. Egal ob für spontane Runs oder epische Kampagnen – dieses Buch ist ein Pflichtkauf für alle, die Night City zum Leben erwecken wollen. Lasst die Eurodollars regnen, Chooms.

- Klare Struktur
- Ergänzende Regelmechanik
- Großartige Karten
-
Harte Themen (nicht für alle geeignet)
Artikelbilder: © R. Talsorian Games
Layout und Satz: Mika Eisenstern
Lektorat: Hendrik Pfeifer
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Über den Autor
Die Zwölfe zum Gruße. Bastian Kotthaus-Hohendahl kommt aussem Pott wech, ist beruflich und der Liebe wegen nach Hessen gekommen und lebt dort mit seiner Frau und ihren zwei Fellkindern. Im Jahr 2010 erkrankte er unheilbar am Pen-and-Paper-Virus durch DSA 4.1. Mittlerweile ist er zwar auf 5 umgestiegen, bleibt Aventurien aber stets treu. Doch auch in den Sprawls der Zukunft ist er manchmal anzutreffen und auf den Mittelaltermärkten der Region.


















