Gute Story, tolle Charaktere, schöne Grafik und eingängiges Gameplay? Das alles bietet euch Eriksholm – The Stolen Dream. Wer hier allerdings ein Spiel für knallharte Taktiker*innen sucht, wie Commandos oder Shadow Tactics, sollte seine Erwartungen zurückschrauben. Eriksholm punktet auf andere Weise.
Gewalt, Alkohol, Tabak
Taktik-Schleichspiele haben in den letzten Jahren eine kleine Renaissance gefeiert. Dank des inzwischen leider geschlossenen Studios Mimimi Games, das das Genre quasi im Alleingang wiederbelebt hat, wurden wir mit Spieleperlen wie Desperados 3 und Shadow Tactics belohnt. Eriksholm bleibt dem Genre treu, setzt den Fokus allerdings auf interessante Charaktere und eine kinoreife Inszenierung. Hervorzuheben ist hier die vollständige englische Vertonung, deren Sprecher*innen einen außergewöhnlich guten Job geleistet haben.
Worum geht es?
Gemeinsam mit Protagonistin Hanna wachen wir in einem spartanisch eingerichteten Zimmer auf. Die Sonne scheint durch das Fenster, und noch leicht benommen blicken wir in das müde Gesicht unseres jüngeren Bruders Herman. Nach einer Umarmung sitzen wir in der nächsten Szene am Tisch und unterhalten uns über dies und jenes. Wir verabreden uns zu einem abendlichen Spaziergang, nachdem Herman seine Schicht in der örtlichen Kohlenbucht absolviert hat. Am nächsten Morgen wachen wir erneut auf, als es an der Tür klopft. Einen Augenblick später steht ein Polizeibeamter in unserem Zimmer und fragt uns nach unserem Bruder. Erst da bemerken wir, dass Herman am Abend zuvor nicht nach Hause gekommen ist. Der Polizist drängt uns dazu, mit auf die Wache zu kommen, doch wir können mit einer List durch einen Lüftungsschacht verschwinden.
Damit ist der Grundtenor gesetzt und unsere Reise beginnt. Wir finden uns in einem fiktiven nordischen Setting der frühen 1900er Jahre wieder, wie schon der Name der titelgebenden Industriemetropole Eriksholm erahnen lässt. Die Stadt, die ohnehin mit einer recht hohen Armut zu kämpfen hat, wird obendrein noch von einer Seuche namens Herzpocken gebeutelt. Erkrankte Menschen erliegen ihr in aller Regel. Das sorgt für eine aufgeheizte Stimmung innerhalb der Bevölkerung und setzt den amtierenden Bürgermeister unter Druck.

Im Verlauf des Spieles lernen wir mit Alva und Sebastian noch zwei weitere Charaktere kennen, die Hanna auf ihrer Reise begleiten und ihr mit ihren Fähigkeiten zur Seite stehen.
Es gilt also herauszufinden, was mit Herman passiert ist und warum die Polizei auf der Suche nach ihm mit einer ungewohnt hartnäckigen Vehemenz vorgeht. Dabei geraten unsere Protagonist*innen in Geschehnisse voller Intrigen und Verrat, die in eine Verschwörung münden und das Leben aller Bewohner*innen von Eriksholm für immer verändern werden.
Wie spielt es sich?
Nach dem Intro übernehmen wir zunächst die Kontrolle über Hanna. Gespielt wird in der für das Genre der Schleich-Taktik nicht unüblichen isometrischen Ansicht. Die Kamera kann zu jeder Zeit frei gedreht und gezoomt werden. Das ist im Verlauf des Spieles sogar zwingend nötig, da man sich nur so einen Überblick über die einzelnen, in sich abgeschlossenen, Karten verschaffen kann. Eriksholm biedert sich nicht dem leider immer noch anhaltenden „Open-World“-Trend an, sondern bietet mit seinen acht Kapiteln, die in kleinere Unterkapitel gegliedert sind, kompakte Schleich- und Rätselabschnitte.
Dabei fallen weder das Eine noch das Andere besonders fordernd auf. Im Schatten der Gebäude können sich unsere Charaktere vor den neugierigen Blicken der Wachen verstecken. Das heißt, wir warten den richtigen Zeitpunkt ab und huschen dann von Schatten zu Schatten. Die Rätsel glänzen hier leider nicht mit Kreativität. Mal muss ein Schalter umgelegt oder ein Knopf gedrückt werden. Viel zu selten dürfen wir zum Beispiel die Kontrolle über einen Containerkran übernehmen, um uns eine Deckung zu bauen. Generell ist die Interaktion mit der Spielwelt kaum gegeben. Außer ein paar Zettel, die es einzusammeln gilt und die dem Spielenden die Lore näher bringen, gibt es nichts weiter zu tun. Hier wurde Potenzial verschenkt.

Während wir uns also durch die einzelnen Levelabschnitte bewegen, stehen uns drei Protagonist*innen mit unterschiedlichen Fähigkeiten zu Verfügung, die natürlich auch gekonnt miteinander kombiniert werden wollen. So kann Hanna Feinde mit einem Blasrohr betäuben und durch Schächte kriechen.

Alva kann mit ihrer Zwille Wachen ablenken, Lichtquellen zerstören und auch an Abflussrohren hochklettern, wohingegen Sebastian Widersacher*innen von hinten ausschalten kann und obendrein noch des Schwimmens mächtig ist. Wie schon erwähnt, müssen die Fähigkeiten in einzelnen Situationen kombiniert werden. Da muss Alva beispielsweise eine Lichtquelle zerstören, damit eine Wache angelockt wird.
Somit macht sie den Weg für Hanna frei, die dann aus dem Schatten heraus agieren kann, oder Sebastian schwimmt durch einen Kanal, um einer ungünstig stehenden Wache von hinten das Licht auszuknipsen.

Leider wurde auch hier Potenzial verschenkt, da die Stellen, an denen man die Fähigkeiten aller drei Protagonist*innen richtig getimed einsetzen muss, viel zu spärlich gesät wurden. Dennoch gibt es ein paar kniffligere Stellen, an denen man nach klassischem Trial-and-Error-Prinzip vorgehen muss. Gerade dann ist das weitere Vorgehen nicht immer direkt ersichtlich, was auf Dauer schon Frust aufkommen lässt. Allerdings sind die Speicherpunkte stets fair gesetzt. Somit halten sich Wiederholungen, nach dem digitalen Tod, in Grenzen.
Alles in allem ist Eriksholm weniger ein Spiel für eingefleischte Taktiker*innen, die ihr Vorgehen minutiös planen und chirurgisch präzise den ausgearbeiteten Plan ausführen. Man spricht hier mehr das Klientel an, dass sich abends gemütlich auf die Couch setzt und dabei gerade genug gefordert werden will, damit es nicht langweilig wird. Die interessante Story und die großartige Inszenierung tun hier ihr Übriges.
Inszenierung und Technik
In letzter Zeit wird man als Spieler*in immer wieder durch erfreulich hohe Qualität von Indie-Games überrascht, galt dieser Umstand doch lange Zeit nur für Titel von Triple-AAA-Studios. Glücklicherweise ist River End Games ein perfektes Beispiel für ein Studio, dem man die Leidenschaft, mit der sie ans Werk gehen, deutlich anmerkt. Von den sehr gut geschriebenen Dialogen bis hin zur erstklassigen englischen Vertonung stimmt einfach alles. Generell muss man an dieser Stelle die Arbeit der Sprecher*innen lobend erwähnen. Die Gespräche wirken natürlich und an den richtigen Stellen emotional. Das ist selbst bei vermeintlich unwichtigen NPC-Diskussionen der Fall.
Wir können an einer Stelle ein Gespräch zwischen zwei Eheleuten belauschen, in dem es um eine Flasche Wein geht. Der Mann wirkt zunehmen nervöser in Bezug auf eine Ansammlung Tauben in der Nähe. Seine Frau wirft ihm Unsinn und Paranoia vor, lässt sich dann aber doch von seinem Verhalten anstecken. Schlussendlich ergreifen beide die Flucht, wenn wir die Tauben mit einem gezielten Stein aufschrecken. Das sind Szenen, denen wir gerne gelauscht haben, und die deutlich zeigen, dass die Qualität durchgehend auf einem hohen Level gehalten wurde.
Die Darstellung der Figuren ist zu jeder Zeit glaubwürdig und nachvollziehbar. Zu keinem Moment treffen die Protagonist*innen irrationale Entscheidungen, die rein der Dramatik dienen sollen. Die, leider viel zu selten vorkommenden, Cutscenes sind stimmig inszeniert. Hier wurde das Augenmerk auf Kameraposition und Lichtverhältnisse gelegt, wie schon in der ersten Szene deutlich wird. Die sanfte Musik, das Vogelgezwitscher im Hintergrund, alles soll einen Eindruck von Geborgenheit aber auch von Aufbruch vermitteln.
Die Nahaufnahme von Hannas Gesicht, während sie aufwacht, bis hin zum Schwenk zu ihrem Bruder. Die Lichtverhältnisse sind sorgsam gewählt worden. Während Hannas Gesicht vom Sonnenlicht direkt beschienen wird, um mit ihrem Aufwachen gleichzeitig auch den Aufbruch zu signalisieren, hat man bei Herman lediglich den unteren Körper beleuchtet, um aufkommende Emotionen im Gesicht des Bruders besser in Szene zu setzen. All das sind Elemente, die man so auch aus dem Filmhandwerk kennt. Sanfte Kameraschwenks vom gedeckten Tisch hin zu einer Person, die das Wort ergreift, sind ein weiteres Indiz dafür, dass man hier Leute beauftragt hat, die durchaus ein Verständnis von einer guten Inszenierung haben.

Natürlich erfindet Eriksholm das Rad nicht neu, doch ist es einfach schön zu sehen, dass ein kleines Studio mit gerade einmal vierzehn Mitarbeitenden in der Lage ist, ein Spiel auf inszenatorisch höchstem Niveau zu kreieren. Das alles wird durch die Unreal Engine 5 in Sachen Darstellung untermalt. Schon des Öfteren hat die Engine ihre Grafikpracht unter Beweis gestellt und das ist hier nicht anders.
Doch im Vergleich zu anderen Titeln hat man bei den River End Games tatsächlich ein Augenmerk auf die Performance und die Optimierung gelegt. Das Spiel läuft, ordentliche Hardware vorausgesetzt, butterweich und lässt die typischen UE5-Probleme glücklicherweise vermissen. Stalker 2 wäre ein Kandidat, bei dem die Optimierung nach wie vor zu wünschen übrig lässt. Framedrops und permanentes Gestotter bei Bewegungen sind nur zwei Beispiele, mit denen sich Spieler*innen in dem Fall herumschlagen müssen. Hier wurde also gute Arbeit geleistet.
- Entwicklerstudio: River End Games
- Publisher: Nordcurrent Labs
- Plattform: PC, Xbox, Playstation
- Sprache: Englisch
- Oberfläche und Untertitel: Deutsch
- Mindestanforderungen:
- Betriebssystem *: Windows 10
- Prozessor: Intel Core i7-8700k / AMD Ryzen 5 3600
- Arbeitsspeicher: 16 GB RAM
- Grafik: Nvidia GeForce GTX 980 /AMD Radeon RX 580
- Speicherplatz: 15 GB verfügbarer Speicherplatz
- Genre: Taktik-Schleichspiel
- Releasedatum: 15.07.2025
- Spielstunden: 10
- Spieler*innen-Anzahl: 1
- Altersfreigabe: USK 12 / PEGI 16
- Preis: 39,99 EUR
- Bezugsquelle: Steam, GoG, Epic, PSN Store, Xbox
Fazit
River End Games hat mit Eriksholm – The Stolen Dream ein Spiel geschaffen, das das Genre der isometrischen Schleichspiele in Punkto Taktik zwar aufweicht, dafür aber im Bereich der Inszenierung, sowie des Storytellings, einige Schippen drauflegt. Die Geschichte rund um Hanna und ihre Freund*innen ist interessant erzählt, und dank der abwechslungsreichen Level kam nie das Gefühl der Langeweile auf. Stets wollten wir wissen, wie es weitergeht. Technik und Optimierung sind auf einem soliden Level. Zum Zeitpunkt des Tests gab es keine Bugs oder Abstürze zu vermelden. Angesichts der Probleme, die die Unreal Engine 5 in Sachen Performance mit sich bringt, ist es schön zu sehen, dass selbst ein so kleines Studio wie River End Games dazu in der Lage ist, an den richtigen Stellschrauben zu drehen.
Das etwa 10 Stunden Spielzeit umfassende Spiel ist ein gelungenes Taktik-Schleichspiel in der Light Version, welches sich vor größeren Produktionen absolut nicht verstecken muss. Es bleibt also abzuwarten, was uns River End Games in Zukunft noch auf die Bildschirme zaubern wird. Die Messlatte wurde hoch angesetzt.

- Sehr gute Inszenierung
- Erstklassige englische Vertonung
- Interessante Charaktere und Story
- Schwache Rätsel
- Zu wenig Interaktion mit der Spielwelt
- Abseits der Hauptgeschichte gibt es wenig zu tun
Artikelbilder: © eriksholmgame.com
Layout und Satz: Mika Eisenstern
Lektorat: Rick Davids
Screenshots: Robert Wörmann
Dieses Produkt wurde privat finanziert.
Über den Autoren
Robert Wörmann hatte schon in jungen Jahren seine Griffel an Maus, Tastatur und Gamepad. Das hat sich bis heute nicht geändert. Zitat: Mich wird man mit einem Gamepad in der Hand beerdigen. Zockt er nicht gerade, frönt er seiner zweiten Leidenschaft: Filme und Serien. Langweilig wird´s da nämlich nie. Ist er mal nicht digital unterwegs, leitet er noch die ein oder andere Rollenspielgruppe, setzt sich aber auch gerne als Spieler an den Tisch.
Beruflich hat er sich nicht weit von seinem Hobby entfernt und arbeitet als Systemadministrator im schönen Alpenvorland.




















