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Vom 27. bis 30. März 2025 war es wieder so weit: Die Leipziger Buchmesse lockte Bücherfans, Verlage und Autor*innen in die Messehallen. Zwischen farbenfrohen Ständen und Lesebühnen mit Live-Events zeigte sich einmal mehr, wie vielfältig die Buchwelt ist. Parallel dazu öffnete das PAN-Branchentreffen seine Tore, direkt vor Ort auf dem Messegelände.

2025 öffnete die Leipziger Buchmesse wieder ihre Pforten. Mit einer auf den ersten Blick erstaunlichen Rekordbilanz: 296.000 Besucher*innen drängten in die Hallen, ganze 13.000 mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig waren die Ausstellendenzahlen auch dieses Jahr erneut leicht gesunken.

Während sich in den Messehallen oft kaum ein Durchkommen finden ließ, sah es beim zeitgleich stattfindenden PAN-Branchentreffen im Congress Center Leipzig eher überschaubar aus. Lag es an der überwältigenden Konkurrenz durch die zahllosen Veranstaltungen auf dem Messegelände, oder fehlte es schlicht an der richtigen Sichtbarkeit?

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Die Leipziger Buchmesse

Wie in jedem Jahr begann der Messedonnerstag für viele Besucher*innen mit einer schlichten, aber entscheidenden Frage: Wie um Himmels willen komme ich halbwegs pünktlich in die Messehallen? Wer gleich in der ersten Stunde einen Termin hatte, brauchte viel Geduld oder musste das Programm notgedrungen sausen lassen, so zäh war der Einlass dieses Jahr. Entsprechend überschaubar waren zu Beginn auch die Sitzreihen bei einigen Veranstaltungen.

Auch zwei Stunden nach Einlassbeginn ist die Schlange nicht kürzer geworden.
Auch zwei Stunden nach Einlassbeginn ist die Schlange nicht kürzer geworden.

Wer es schließlich hineingeschafft hatte, konnte sich allerdings über eine bunte Mischung freuen. In Halle 3, traditionell Heimat der Phantastik, gab es diesmal zwei eigene Lesebühnen. Doch auch in Halle 2, bei den großen Verlagen, und in der Hörbuch-Abteilung fanden sich zahlreiche Programmpunkte rund um Fantasy, Science-Fiction und Co. Ein besonderes Highlight war das Engagement der Initiative Verlage gegen Rechts, die im Gegensatz zur Frankfurter Buchmesse mit sage und schreibe 16 Panels auf der Messe vertreten war. Zwar standen ihre Diskussionen nicht ausdrücklich im Zeichen der Phantastik, berührten aber Themen, die für Autor*innen und Leser*innen des Genres durchaus relevant sind. Und auch die Autor*innen gegen Rechts, bei denen sich unter anderem der Autor Benjamin Spang engagiert, waren dieses Jahr in der Leipziger Autor*innenrunde vertreten.

Seit diesem Jahr gibt es mit Maskottchen Sam auch endlich ein Awareness-Team auf der Messe.
Seit diesem Jahr gibt es mit Maskottchen Sam auch endlich ein Awareness-Team auf der Messe.

Ein Beispiel für eine gelungene Veranstaltung war etwa das Panel zum feministischen Übersetzen, bei der sich Else Laudan, Aminata Cissé Schleicher und Dejla Jassim mit Fragen über Gerechtigkeit, Sprachsensibilität und diskriminierende Begriffe auseinandersetzten. Sie diskutierten, wer momentan welchen Text übersetzt und welchen Stellenwert die eigene Biografie oder Erfahrung mit Diskriminierung dabei haben sollte. Auch ging es um Strategien, um rassistische, sexistische oder ableistische Passagen so zu übersetzen, dass sie einerseits der Aussage des Originals gerecht werden, andererseits aber problematische Strukturen nicht einfach unkritisch reproduzieren. Nicht zuletzt sprachen sie auch über den harten ökonomischen Wind, der gerade durch die Übersetzer*innen-Szene weht, weil zahlreiche Förderungen gekürzt oder gestrichen werden.

Die Bibliothek aus Obsidian: das Live-Rollenspiel

Die bereits 2023 gestartete Pen-and-Paper-Reihe Die Bibliothek aus Obsidian ging dieses Jahr in die dritte Runde. Kurz vor der Verleihung des Seraph füllten sich die Reihen auf der großen Bühne in Halle 3, während Liza Grimm, Mikkel Robrahn, Anabelle Stehl, Lisanne Surborg und Christoph Hardebusch das Publikum in eine phantastische Welt entführten. Grundlage war wie immer das Regelwerk Die Schwarze Katze, das an Das Schwarze Auge angelegt ist, und in dem sprechende und abenteuerlustige Katzen im Mittelpunkt stehen.

Auch diesmal fehlte zwar eine grundlegende Einführung ins Rollenspiel, und die Würfelergebnisse bekamen die Zuschauer*innen nicht zu sehen, doch das tat der Stimmung keinen Abbruch. Viele Fans verfolgten gebannt, wie die Held*innen neue Geheimnisse der mysteriösen Bibliothek lüfteten.

Der Seraph 2025

Die gesamte Longlist des Seraph in einem Regal in der Phantastikbuchhandlung.
Die gesamte Longlist des Seraph in einem Regal in der Phantastikbuchhandlung.

Am Freitag stand dann der wohl wichtigste Termin der Phantastik-Szene an: Die Phantastische Akademie e. V. verlieh auf der großen Bühne in Halle 3 den Seraph 2025 vor gut gefüllten Zuschauerrängen und auch im Livestream war die Veranstaltung wieder zu sehen. Der Seraph wird seit 2012 für deutschsprachige Phantastik in den Kategorien Bestes Buch und Bestes Debüt vergeben, seit 2018 wird außerdem der Beste Independent-Titel ausgezeichnet.

Dieses Jahr hatte es die Jury in den Nominierungen mit besonders vielen dystopischen Romanen zu tun. In der Eröffnungsrede wurde erklärt, Ziel sei es dieses Jahr gewesen, Bücher zu würdigen, die eine Balance halten zwischen einerseits neuen Ideen, die das Genre sprengen und andererseits das Altbekannte zu wahren wissen. Die Dankesreden fielen alle sehr berührend aus. Man merkte durch die Reaktionen der Gewinner*innen deutlich, wie viel der Seraph als Auszeichnung in der Phantastik bedeutet.

Die strahlenden Seraph Gewinner*innen Freya Petersen, Theresa Hannig und Kai-Holger Brassel auf der Bühne.
Die strahlenden Seraph Gewinner*innen Freya Petersen, Theresa Hannig und Kai-Holger Brassel auf der Bühne.
2025 zeichnete die Jury die folgenden Bücher mit einem Seraph aus:

Kategorie Bestes Buch: Parts Per Million von Theresa Hannig

Kategorie Bestes Debüt: Mutter der Masken – Säure von Freya Petersen

Kategorie Bester Independent-Titel: All An! von Kai-Holger Brassel

Zum ersten Mal wurde zudem ein Ehren-Seraph verliehen, der an Oliver Graute ging. Nach 14 Jahren beim Seraph-Team zog er sich jüngst zurück, doch seine langjährigen Verdienste und seine Vorreiterrolle für die Phantastik sollten nicht ungewürdigt bleiben. Mit der Auszeichnung machte die Akademie unmissverständlich klar, wie wertvoll persönliches Engagement für das Genre ist.

Abgerundet wurde die Preisverleihung durch die traditionelle Lange Nacht der Phantastik in der Leipziger Innenstadt. Die frisch gekürten Gewinner*innen lasen dort aus ihren Romanen vor.

Das PAN-Branchentreffen

Das PAN-Branchentreffen 2025 fand in diesem Jahr direkt auf dem Leipziger Messegelände statt. Unter dem Motto „Welten erschaffen, um die Welt zu retten“ sollte es darum gehen, wie man Phantastik nicht nur als bloßen Eskapismus nutzt, sondern auch für positive Veränderungen einsetzt. Allerdings wurde schon in der Eröffnungsrede deutlich, dass die Phantastik im deutschsprachigen Raum noch immer häufig nicht ernst genommen wird, obwohl sie gerade jetzt viel Potenzial für neue Perspektiven hätte. Gut besucht waren die Vorträge trotz spannender Themen leider nicht. Das mag zum einen an den frühen Terminen und dem Einlasschaos gelegen haben. Es wirkte aber auch so, als könnte das Programm neben all den frei zugänglichen Veranstaltungen auf dem Messegelände nicht genug von sich überzeugen.

PAN: Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich der Phantastik-Autoren-Netzwerk e.V., ein Verband, der die Interessen von Phantastik-Autor*innen vertritt. Gegründet wurde er im November 2015, seitdem berichtet Teilzeithelden regelmäßig über PAN, vom Interview mit den Gründerinnen bis zu Artikeln über die bisherigen Branchentreffen.

Progressive Phantastik heute

Unter dem Programmpunkt „Durch Sturm und Wind: Weltverbesserung durch Progressive Phantastik“ versammelten sich die Autor*innen Mary Stormhouse und Aiki Mira, während Eleanor Bardilac das Gespräch moderierte und die Diskussion immer wieder in spannende Richtungen lenkte. Man war sich schnell einig, dass sich der Begriff „progressiv“ längst nicht nur auf einzelne Themen bezieht, sondern vor allem auf Schreibende, die sich trauen, gesellschaftspolitische Fragen aufzugreifen. Dennoch herrschte eine gewisse Ernüchterung: Anders als noch 2019 oder 2020, als es Aufbruchsstimmung gab, ist die aktuelle Stimmung in der Verlagsbranche deutlich gedämpfter. Politische Unsicherheiten und eine zurückhaltende Haltung der Großverlage führen dazu, dass viele innovative Autor*innen nicht mehr so leicht einen Fuß in die Tür bekommen. Kritisch angesprochen wurde auch die Gefahr vor einer sprachlichen Elite der Progressiven, die sich nur im eigenen Diskurs bewegt und damit Außenstehende ausschließt. Wie Eleanor Bardilac es etwas drastisch ausdrückte: „Sei kein elitäres Arschloch.“ Zum Abschluss beteiligten sich Autor*innen aus dem Publikum rege an der Diskussion und tauschten konkrete Tipps aus.

Mary Stormhouse, Eleanor Bardilac und Aiki Mira diskutieren in gemütlicher Atmosphäre über den Stand der Progressiven Phantastik.
Mary Stormhouse, Eleanor Bardilac und Aiki Mira diskutieren in gemütlicher Atmosphäre über den Stand der Progressiven Phantastik.

Gastland Norwegen

Ein weiterer Höhepunkt war die Veranstaltung „Norwegen und die Phantastik“, in der der Wahl-Norweger Bernhard Stäber und Håkon Marcus über Besonderheiten der dortigen Literaturszene sprachen. Dabei rückten als Merkmal der Norwegischen Phantastik vor allem Landschaft und Natur in den Fokus. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass Norwegen noch heute riesige Gebiete hat, die kaum vom Menschen berührt sind. Viele norwegische Autor:innen greifen auf die reiche Mythologie des Landes zurück, in der Götter wie Odin und Co. ebenso präsent sind wie lokaler Volksglauben. Stäber und Marcus betonten jedoch, dass es nicht nur um das Wiederkäuen alter Legenden gehe. Einige setzen bewusst auf ein modernes Setting, das Alltagsthemen und neue Gesellschaftsentwürfe einbindet. Gerade hier werde deutlich, dass Phantastik durchaus eine Brücke zur realen Welt schlagen kann und keineswegs nur Eskapismus sei. In Norwegen hafte dieser Vorwurf dem Genre zudem weniger als Stigma an, als es in Deutschland oft der Fall ist.

Von der Zukunft träumen

Auch die diesjährige Seraph-Gewinnerin Theresa Hannig hielt einen Vortrag zum Thema Empowerment durch Utopien. Sie begann mit der Beobachtung, dass wir durch unseren Nachrichtenkonsum und die ständige Präsenz von Dystopien in Filmen und Romanen häufig ein sehr negatives Zukunftsbild zeichnen. Geschichten, erklärte sie, seien jedoch mehr als bloßer Zeitvertreib: Sie stiften Gemeinschaft, fördern Kooperation und helfen uns, Informationen besser zu behalten. Utopien könnten in diesem Sinne ein Gegengewicht bieten, gerade weil sie sich häufig stärker auf Kooperation stützen und damit auch an weibliche Lebensrealitäten anknüpfen. In der anschließenden Diskussion beschäftigten sich die Teilnehmenden mit der Frage, wie man aus erprobten Erzählmustern ausbricht, ohne sein Publikum zu verlieren. Hannigs persönliches Fazit: Mehr Mut zu positiven Zukunftsentwürfen.

Am Sonntag ging der Blick wieder in eine düsterere Richtung. In „Aufstieg der KI, Zweitheimat Mars, Roboter als Mensch 2.0“ diskutierten Brandon Q. Morris und Joshua Tree, moderiert von Philipp Tree, darüber, wie sehr Science-Fiction bereits in unsere Wirklichkeit hineingreift. Im Podcast-Stil (die Veranstaltung war Teil der Reihe Treecorder) debattierten sie, ob künstliche Intelligenz eine Bedrohung ist oder eher eine Chance, die Welt zu retten. Datensparsamkeit, demokratische Regulierung von Algorithmen und die Gefahr einer kulturellen Fragmentierung standen ebenso im Raum wie die Frage, warum wir heutzutage viel vorsichtiger an bemannte Raumfahrt herangehen. Der Mars, so war man sich einig, könnte eine Art „Plan B“ sein, nur bräuchten wir dafür eine stabile Erde als Ausgangspunkt. Trotzdem sei der Traum vom Mars auch für die vom Klimawandel bedrohte Erde relevant. Denn es könne uns so manche Technologie, die für eine Marsmission entwickelt wird, helfen, den Klimawandel auf unserem Heimatplaneten zu bewältigen. Zum Abschluss fiel dann die sogenannte Baum-Allegorie: Jede Science-Fiction-Geschichte sei wie ein Ast, den wir an den großen Zukunftsbaum anheften, ohne zu wissen, welcher Zweig letztlich Wirklichkeit wird. Auch wenn niemand vorhersagen kann, wohin uns KI, Raumfahrt und neue Gesellschaftsentwürfe führen, lohnt es sich, weiterhin das Handeln in der Gegenwart zu überdenken. Und genau darin liegt letztlich die Kraft der Phantastik.

 

 

Artikelbilder/Fotografien: © Julie Tabea Fiona Wolz
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Hendrik Pfeifer
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