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Er gilt als das erste Phantastikmagazin der Welt, ein gewagtes Experiment, das phantastische, okkulte und erotische Kunst des frühen 20. Jahrhunderts sammeln wollte, aber unweigerlich in Vergessenheit geriet. Jetzt ist die erste Ausgabe von Der Orchideengarten in kleiner Auflage neu gedruckt worden – und mit ihm ein Stück Phantastikgeschichte.

Wir schreiben das Jahr 1919. Jules Verne und Kurd Laßwitz, zwei Gründerväter der modernen Science-Fiction, leben bereits nicht mehr. Das Erscheinen von H. G. Wells Der Krieg der Welten liegt 20 Jahre zurück. In der Zeit nach dem ersten Weltkrieg erlebt Europa beinahe so etwas wie einen künstlerischen Kreativitätsschub, nicht zuletzt getrieben von einem ganz neuen Gefühl für das Unbewusste. Dies bereitet auch einen fruchtbaren Boden für phantastische Autoren. Kafkas Ein Landarzt ist gerade erschienen, noch im selben Jahr wird er In der Strafkolonie veröffentlichen. In einem Jahr wird der tschechische Autor Karel Čapek inspiriert von seinem Bruder Josef im Theaterstück R.U.R. das Wort Roboter prägen. Von H. P. Lovecraft hat allerdings noch niemand gehört. Das Pulp-Magazin Weird Tales, das ihn berühmt machen wird, ist noch gar nicht erschienen. Die Phantastik duckt sich gewissermaßen gerade zum Sprung – einem Sprung, der stark zu dem vielfältigen Genrekonglomerat beitragen soll, das sie heute ist. Vielleicht spürt das auch der österreichische Schriftsteller Karl-Hans Strobl, selbst Verfasser phantastischer Romane, als er zusagt, Alfons von Czibulkas Zeitschrift Der Orchideengarten herauszugeben.

“Uferlos und unbegreiflich”

Man merkt sofort, dass die Idee hinter diesen sogenannten „phantastischen Blättern“ weit über die Ambitionen einer reinen Unterhaltungszeitschrift hinausgeht. Der Orchideengarten ist eine Plattform für die Faszination des Okkulten, für jede Art Phantastik, die mit Grenzen spielt, Grenzen zwischen Leben und Tod, Realität und Wahn, aber auch den Grenzen gesellschaftlicher Akzeptanz. Die titelgebende Orchidee besticht schließlich nicht nur durch Seltenheit und ungewöhnliche Formen und Farben, sondern auch durch ihre distinkte erotische Konnotation – schon ihr Name kommt vom griechischen Wort ὄρχις für Hoden. Phantastische, groteske und erotische Literatur, begleitet von zahlreichen Illustrationen meist zeitgenössischer Künstler, das ist das Konzept, mit dem Strobl und von Czibulka ihre Blätter unter die Leute bringen wollen.

Die Herausgeber wenden sich nicht an die Leser von Groschenromanen, sondern verstehen das Magazin als eine Kunstzeitschrift.

Sie sehen im Phantastischen nicht nur ein Gimmick, sondern das natürliche Ziel jeglicher Kreativität. „Alle Kunst ist Phantastik“, bewerben sie 1918 in einer Probeausgabe ihr Projekt, „denn sie ist uferlos und unbegreiflich.“ Dem soll das Magazin Rechnung tragen, indem es neben modernen Autoren auch große Namen der letzten Jahrhunderte zu Wort kommen lässt.

Mit diesem hohen artistischen und intellektuellen Anspruch kann Der Orchideengarten eigentlich nicht als Äquivalent zu den zeitgleich immer populärer werdenden US-amerikanischen Pulp-Magazinen betrachtet werden. Zwar wird auch er auf dem minderwertigen Papier gedruckt, das den Begriff pulp prägt, doch damit enden die Gemeinsamkeiten schon. Strobl und von Czibulka wenden sich nicht an die Leser von Groschenromanen, sondern verstehen das Magazin als eine Kunstzeitschrift. Damit die Grafiken und insbesondere die spektakulären Coverbilder richtig zur Geltung kommen, gibt es teure Sonderdrucke auf besserem Papier.  So wird das eingeschränkte Zielpublikum vielleicht zu einem der Gründe, aus denen das vermutlich älteste Fantasy-Magazin der Welt heute fast in Vergessenheit geraten ist. Der Druck rentiert sich für den neu gegründeten Dreiländerverlag nur mäßig und die Hefte werden schnell dünner. Außerdem erregen die teils obszönen Darstellungen öffentlichen Anstoß und der Verlag muss stets befürchten, gegen das Gesetz zur Verbreitung unzüchtiger Schriften zu verstoßen. Bereits 1921 wird Der Orchideengarten wieder eingestellt.

Im Gegensatz zu Weird Tales, dem heutigen Paradebeispiel für frühe Phantastikmagazine, gibt es keinerlei Bestrebungen, ihn wiederzubeleben. Weder war er lang genug auf dem Markt, um sich einen Namen zu machen, noch bieten die folgenden Jahrzehnte in Deutschland noch den gleichen Nährboden für grenzüberschreitende und kreative Phantastik, wie es in der Weimarer Republik der Fall gewesen war. Außerdem sind die Namen Strobl und von Czibulka nach 1945 durch ihre Nähe zum Nationalsozialismus belastet, so dass das Interesse an ihren Werken und selbst an Strobl als namhaftem deutschem Phantastikautoren gering bleibt. Außerhalb gut sortierter Fachbibliotheken kaum zugänglich, verkommt Der Orchideengarten zu einem Gegenstand literaturwissenschaftlichen Spezialwissens.

Die Orchideengärtner

Über 90 Jahre später übernimmt Jonas Ploeger, Inhaber des kleinen Ein-Mann-Verlags Zagava, einen Büchernachlass und traut seinen Augen kaum: Vor ihm liegen alle drei Jahrgänge des Orchideengarten in gebundener Form. Es ist ein beinahe schicksalhafter Zufall, denn der Düsseldorfer Verleger ist auf ungewöhnliche Phantastik und Liebhaberexemplare fernab vom Mainstream spezialisiert und interessiert sich für bildende Kunst und Grafikgestaltung. Doch bis die erste Ausgabe tatsächlich als Nachdruck ins Sortiment genommen werden kann, müssen noch viele Jahre ins Land gehen. Zagava ist international orientiert und verlegt seine Bücher auf Englisch, insofern bietet sich eigentlich auch eine Übersetzung des Orchideengartens an. Doch diese würde der Idee eines unverfälschten Reprints genauso entgegenlaufen wie eine zweisprachige Ausgabe. Verzichtbar ist eine englische Textversion aber nicht. Daher übernimmt die britische Autorin Helen Grant die Aufgabe, die Texte der ersten Ausgabe zu übersetzen. Eine Lösung dafür, wie diese Übersetzungen ins Heft aufgenommen werden können, ohne das Originallayout zu zerstören, wird schließlich in Zusammenarbeit mit Grafiker Jan-Marco Schmitz gefunden.

Doch damit ist die Arbeit längst nicht vorbei. In Deutschland verfällt das Urheberrecht 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Für Jonas Ploeger bedeutet das, dass die Nutzungsrechte der meisten Texte und Zeichnungen aus dem Magazin bei den Angehörigen der Künstler liegen, die mühsam ausfindig gemacht werden müssen. Währenddessen bearbeitet Jan-Marco Schmitz die im Laufe der Jahre verblassten Farben der Titelseite digital nach. 2017 ist das Projekt endlich beendet und die erste Ausgabe des Orchideengartens geht in Druck. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Auf 24 Seiten, die bis auf wenige Millimeter an die Originalgröße herankommen, laden die phantastischen Blätter auf eine Zeitreise in die Gedankenwelt deutscher Phantastikautoren von 1919 ein. Der originalgetreue Nachdruck enthält sämtliche Werbeanzeigen, Texte, Zeichnungen und Buchbesprechungen, unverfälscht und unkommentiert.

In zweiter Blüte

Die Frage, ob sich der Preis von 18 EUR für ein Magazin von wenigen Seiten lohnt, ist beinahe müßig. Der Orchideengarten ist ein Sammlerstück, ein Stück Phantastikgeschichte und qualitativ so hochwertig, wie man es sich nur wünschen kann. Der gar nicht so heimliche Star der Zeitschrift ist Edwin Henels Cover, das mit knalligen Kontrasten und vielen Details den Blick auf sich zieht. Die Textauswahl im Heft garantiert einige schöne Lesemomente, wobei es schwer ist, die Geschichten und Gedichte unabhängig von ihrem geschichtlichen Kontext zu betrachten. Als historisches Dokument regt das Magazin ständig zum Nachdenken an. So hält man bereits bei dem vorangestellten Zitat aus Goethes Faust inne und fragt sich, was von Czibulkas und Strobl bezwecken. Ahnen sie, dass die Phantastik in nicht allzu langer Zeit immer stärker in die Form eines Genres gepresst werden wird, dem gesellschaftlich und akademisch wenig Anerkennung zukommt? Versuchen sie hier, dagegenzuhalten und Goethe zum Schutzpatron einer modernen Phantastik hochzustilisieren? Oder sind dies bereits anachronistische Überlegungen einer modernen Leserin, und die Macher der Zeitschrift wollten einfach eine ihrer liebsten Goethe-Szenen einbauen, zumal sie so hervorragend zu der begleitenden Zeichnung passt? Fragen über Fragen.

Edwin Hanels ‚Die Angst‘ illustriert die Geschichte ‚Meister Jericho‘ von Karl Hans Strobl.

Unabhängig von allen historischen Interessen kann man sich bei diesem ersten Heft auf eine unterhaltsame Lektüre gefasst machen. Sicher, dass man die meisten Autorennamen heute nicht mehr kennt, mag seine Gründe haben. Rudolf Schneiders Kurzgeschichte Traum liest sich wie eine Kafka-Hommage, ohne so ganz den gleichen emotionalen Eindruck zu hinterlassen. Auch in Paul Franks subtilem Text 18. XII. 18. erschnuppert man gleich wieder den Zeitgeist: Personengrenzen werden durchlässig und eine zufällige Begegnung kann in der absoluten Auflösung im Fremden enden. Karl Hans Strobls Beitrag Meister Jericho nimmt den meisten Raum im Heft ein, eine Schauergeschichte in einprägsamen Bildern, die abwechselnd an Edgar Allan Poe und E. T. A. Hoffmann erinnert. Neben Kurzgeschichten wurde im Orchideengarten auch Lyrik abgedruckt, die zwar ebenfalls keine Weltliteratur, aber eine willkommene Abwechslung ist und die spezifische Stimmung, für die sich die deutsche Phantastik 1919 offenbar interessiert, besonders gut einfangen. Eine spannende Beigabe ist außerdem Victor Hugos Text Der Weg zum Schafott, der nicht im eigentlichen Sinne phantastisch ist, sondern von Hugos starkem Engagement gegen die Todesstrafe zeugt. Auch dass dieser Text ausgewählt wurde, zeigt: Das Magazin interessiert sich weit mehr für die Stimmung hinter der eigentlichen Handlung. Wenn alle Kunst phantastisch ist, wie Strobl und von Czibulkas glauben, dann scheint ihre Uferlosigkeit und Unbegreiflichkeit hinter diesen Zeilen über die letzten Stunden eines zum Tode Verurteilten besonders deutlich auf. Was wäre phantastischer als der Tod?

Die Übersetzung ist jeweils auf Halbseiten zwischen den eigentlichen Magazinseiten gedruckt. Das ist die Art, auf die ich zweisprachige Ausgaben ab jetzt immer lesen möchte.

Alle Texte liegen außerdem in englischer Übersetzung vor und die von Untertiteln beim Film inspirierte Lösung für das oben genannte Layoutproblem ist spektakulär: Die Übersetzung ist jeweils auf Halbseiten zwischen den eigentlichen Magazinseiten gedruckt, die das Gesamtbild und das Gefühl einer Originalzeitschrift kaum stören. Das ist die Art, auf die ich zweisprachige Ausgaben ab jetzt immer lesen möchte, Zeitschriften oder nicht. Gelohnt hat sich der Aufwand allemal. „Die Resonanz ist bisher sehr positiv“, freut sich Ploeger im Gespräch. Dabei komme viel Rückmeldung gar nicht aus Deutschland, denn Der Orchideengarten sei in Amerika fast bekannter als hier. Diese Berühmtheit verdankt er vermutlich der Tatsache, dass dort das Interesse an der Geschichte von Pulp-Magazinen größer ist und auf die Feststellung, dass Weird Tales nicht den Rang des ersten Phantastikmagazin beanspruchen kann, automatisch die Frage folgt: „Welches war es dann?“ Doch auch in Deutschland stößt der Reprint zunehmend auf Begeisterung. Diese bleibt nicht ungehört. Ende Juni soll das nächste Heft in Vorbereitung gehen. Und danach? „Bei dem Tempo kann ich die Zeitschrift natürlich nicht vollständig nachdrucken“, weiß Ploeger. „Da würde ich ja die letzte Ausgabe gar nicht mehr erleben.“ Das hindert ihn jedoch nicht daran, weitere Orchideenpläne zu hegen. Unter anderem hofft er, schon bald Prints der grafisch restaurierten Cover zum Kauf anbieten zu können. Updates und News können Phantastikfreunde auf der Facebookseite des Nachdrucks verfolgen. Was als kaum mehr als ein Groschenheft begann, treibt heute als Geheimtipp neue Blüten. Bedenkt man, was Strobl und von Czibulkas sich für die phantastische Kunst wünschten, wirkt es beinahe, als habe Der Orchideengarten erst hier im Nachdruck sein volles Potential entfaltet.

Der Orchideengarten kann direkt über die Seite von Zagava bestellt werden.

 

Artikelbilder: © Zagava, Fotografie: ©  Heike Lindhold, Bearbeitung: Melanie Maria Mazur
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.

 

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