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Was würdest du tun, wenn es möglich wäre, seine eigene Realität zu erleben: In dem ein Filter die Wahrnehmung herum so verändert, dass du in einem beliebig gewählten Szenario leben kannst. Was für eine Welt würdest du wählen oder würdest du klar sehen wollen? Willkommen in der Zukunft von Clear!

Das Szenario von Clear erinnert mit seiner Mischung aus dystopischer Cyberpunk-Vision und Hard-Boiled-Krimi an Blade Runner. Scott Snyder (American Vampire, All-Star Batman) und Francis Manapul (Flash, Trinity) haben eine Geschichte über einen Detektiv geschaffen, der den Selbstmord seiner Ex-Frau untersucht. In einer Welt, in der es möglich ist, die Wahrnehmung den eigenen Bedürfnissen anzupassen, ist es schwer zu erkennen, was echt ist und was nur eine Illusion. Folgt uns in das San Francisco des Jahres 2052, in dem niemand mehr klar zu sehen scheint.

Triggerwarnungen

Gewalt, Mord, Selbstmord

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Inhalt

Sam Dunes arbeitet als Privatdetektiv und fotografiert beispielsweise Reiche, wie sie auf dem Schwarzmarkt illegale Veils (englisch für Schleier) kaufen. Veils sind Filter, die über neuronale Interfaces die eigene Wahrnehmung anpassen können. So ist es möglich, in einer ganz anderen Zeit zu leben oder Menschen erscheinen zu lassen, die gar nicht da sind. Man könnte buchstäblich in seiner Lieblingsgeschichte versinken und mit den Figuren interagieren. Doch bei seinem letzten Job wird ihm etwas injiziert und plötzlich verändert sich alles. Kurz darauf wird ihm die Leiche seiner Ex-Frau gezeigt, die sich bei einem Selbstmord das Leben genommen haben soll. Als er dann eine Nachricht von ihr bekommt, die sagt, dass sie ermordet wurde, beginnt er selbst zu recherchieren.

Snyder schafft es auf geniale Weise, langsam immer mehr Details über die Welt zu präsentieren. So lernen wir mit der Zeit die Bedeutung von Veils, WRKS (den Robotern dieser Zeit) oder auch Sams eigener Geschichte. Als Stilmittel nutzt er dabei den inneren Monolog Sams, der auch in klassischen Noir-Filmen benutzt wird. Dieses passt zur Atmosphäre der Handlung und kann ganz nebenbei Exposition bilden und die eigentliche Geschichte vorantreiben. Wer nicht zu viel lesen möchte, wird sich vermutlich daran stören, dass weniger gezeigt wird und viel mehr erklärt.

Das Szenario ist trostlos und die Handlung findet ausschließlich nachts statt. Dies sind viele Klischees, die zu einem Hard-Boiled-Krimi passen. Das SciFi-Szenario ist aber dennoch originell, da es vor allem mit den Möglichkeiten einer Welt spielt, in der das Reale und Virtuelle längst eins geworden ist. In der Hinsicht sind auch Vergleiche zu Matrix berechtigt, das ebenfalls mit den Möglichkeiten des Virtuellen spielte. Überraschende Wendungen sind natürlich ebenfalls Programm. Doch gerade am Ende wirken einige dieser Wendungen nicht ganz zu Ende gedacht.

Zeichenstil

Francis Manapul arbeitet hier zum ersten Mal in einem Team. Bisher hat er immer die Geschichten geschrieben, die er gezeichnet hat. Dennoch wirken Zeichnungen und Erzählung hier wie aus einem Guss. Die Bilder sind bunt, kreativ und erzeugen eine düstere Atmosphäre. Veils unterscheiden sich von der Realität oft in einem anderen Zeichenstil. Oft sind virtuelle Elemente auch leuchtend über der eigentlichen Zeichnung gelegt, um sie optisch abzuheben.

Die Bilder sind ein ganz großes Plus für diesen Band. Allein durch Perspektive und Bildkomposition werden die Beziehungen zwischen Figuren deutlich oder die Erzählung beschleunigt oder verlangsamt. Der Stil an sich ist modern und gehört zu dem Besten, was der amerikanische Markt hergibt.

Leider wäre hier aber auch mehr möglich gewesen. Gerade im Zusammenspiel zwischen verschiedenen Wahrnehmungsebenen hätte man noch viel interessantere Bilder erschaffen können. Doch in Anbetracht der Optik ist dies Meckern auf hohem Niveau.

Erscheinungsbild

Wie für Graphic Novels aus dem Haus Splitter üblich, kommt der Band in stabiler Hardcoverform mit dicken und wertigen Seiten. Die Bilder selbst sind von einem schwarzen Rand umgeben, bei dem fettige Finger leicht Abdrücke hinterlassen.

Am Ende des Bandes gibt es noch kurze Texte über den Autoren und den Zeichner, die Coverbilder der Einzelausgaben, sowie ein paar Alternativcover.

Der Band macht somit einen guten Eindruck, der dem hohen Preis angemessen ist.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Splitter
  • Autor*in: Scott Snyder
  • Zeichner*in: Francis Manapul
  • Erscheinungsjahr: 2024
  • Sprache: Deutsch
  • Format: Softcover
  • Seitenanzahl: 160
  • Preis: 25 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo

 

Fazit

Der Comic Clear ist für Fans von Cyberpunk und Detektivgeschichten im Stile eines Film Noir uneingeschränkt zu empfehlen. Das Highlight dieses Bandes sind die hochwertigen Zeichnungen, bei denen man auch optisch in eine virtuelle Realität abtaucht. Die Kriminalgeschichte ist spannend erzählt und weist viele überraschende Wendungen hervor. Ohne zu spoilern, hat mich aber nicht jede dieser Wendungen voll überzeugt. Dies kann man dem Comic aber verzeihen. Ebenso wie die vielen Gedankenboxen, in denen die Hauptfigur Sam ganz nebenbei die Welt erklärt. In Schreibratgebern heißt es oft „Show, don‘t tell“, doch gerade im Hard-Boiled-Krimi-Genre sind solche Expositionen üblich, sodass dies auch zum Weltenbau beiträgt. Dabei ist positiv hervorzuheben, wie nebenbei immer mehr Details über die Welt eingebracht werden, sodass Lesende immer alle Informationen haben, die zu diesem Zeitpunkt nötig sind. Insgesamt hat mir der Comic wirklich gut gefallen. Für die Höchstnote war mir dann aber doch zu viel ungenutztes Potenzial liegengeblieben.

  • Spannende Krimigeschichte
  • Atmosphärische Cyberpunk-Welt
  • Hochwertige Zeichnungen
 

  • Es wird viel erzählt, statt nur gezeigt
  • Nicht jede Wendung wirkt ganz stimmig
  • Das Thema hätte noch kreativere Bilder ermöglicht

 

Artikelbilder: © Panini Comics
Layout und Satz: Andreas Hübner
Lektorat: Lidia Strauch

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