Eure Schränke sind voll mit unbemalten Miniaturen, vielleicht sogar noch originalverpackt? Es werden immer mehr, und ihr wisst nicht, wie ihr die ganze Arbeit bewältigen sollt? Doch es gibt sie, die Wege aus der Schande.
Wer kennt das nicht? Man startet mit viel Elan und Begeisterung in ein neues Armeeprojekt und deckt sich mit allem ein, was man braucht. Man fängt an zu basteln und zu bauen, spielt vielleicht schon die ersten Spiele mit seinen noch nackten Kriegern. Doch bevor man seinen Figuren Farbe verpasst hat, winken auch schon wieder andere Projekte, oder man hortet und hortet, bis der graue Haufen der Schande immer größere Ausmaße angenommen hat. „Morgen fang ich an“, sagt man sich immer wieder. Doch der große Berg, vor dem man steht, ist schon beinahe entmutigend. Frust macht sich also breit und das, was eigentlich Hobby sein sollte, droht zur Pflichtarbeit zu verkommen. Und nichts ist schlimmer, als wenn sich das eigentliche Freizeitvergnügen wie Arbeit anfühlt.
Ich selbst kenne das Problem nur zu gut und möchte hier ein paar Strategien vorstellen, die helfen können, dem Ganzen Herr zu werden.
Der Arbeitsplatz
Ein unaufgeräumter Arbeitsplatz kann bereits dafür sorgen, dass keine richtige Motivation zum Figuren bemalen aufkommt. Darum sollte der Malplatz nach Möglichkeit immer aufgeräumt und gut sortiert sein. So hat man den nötigen Platz zum Arbeiten und hat alles was man braucht gleich griffbereit. Es ist also ratsam ihn nach jeder Sitzung wieder in Ordnung zu bringen, sodass man ihn beim nächsten Mal wieder einsatzbereit vorfindet.
Im Handel gibt es viele praktische Regallösungen, mit denen man Farben und Zubehör sauber und vor allem übersichtlich verstauen kann. Wenn man dann die Farben auch noch nach Ton sortiert, spart das viel Zeit und Mühe. Nie wieder kramen im Schuhkarton.

Aber auch wenn ihr keinen festen Malplatz habt und alles nach dem Benutzen anderweitig unterbringen müsst, gibt es mobile Lösungen in Form von Taschen, Koffern oder ähnlichem. Sie erfüllen den gleichen Zweck, sind platzsparend, und man kann sie ggf. sogar zu Maltreffen mitnehmen.
Batch Painting
Es hat sich als vorteilhaft erwiesen, an mehreren Modellen einer Sorte gleichzeitig zu arbeiten. Diese Form der Fließbandarbeit führt zu stetigem Fortschritt, und da man jeden Malschritt bei jedem Modell abarbeitet, ist die Farbe beim ersten Modell schon wieder so weit getrocknet, dass man nahtlos zum nächsten Schritt übergehen kann. Man nimmt also mehrere Modelle, welche nach gleichem Farbschema bemalt werden können und bemalt z.B. erst alle Hosen Blau, dann alle Hemden Weiß usw.

Meine persönliche Erfahrung ist es, dass etwa zehn Modelle pro Batch ein guter Wert sind. Nimmt man zu wenige, folgen die Malschritte evtl. zu kurz aufeinander, sodass die Farbe zwischenzeitlich nicht trocknen kann. Nimmt man zu viele, wird es dafür schnell langweilig, und man läuft Gefahr wieder demotiviert zu werden. Auch zu viele Doppelungen bei den Posen sollte man vermeiden. Denn wer möchte schon achtmal das gleiche Modell bemalen? Es zahlt sich außerdem aus, immer ganze Einheiten abzuschließen, ggf. auch in mehreren aufeinanderfolgenden Batches. So erzielt man ein zusätzliches Erfolgserlebnis durch einen abgeschlossenen Zwischenschritt.
Bemale Armeen, keine Individuen
Besonders bei großen Armeeprojekten ist man gut beraten, die eigenen Ansprüche etwas herunterzuschrauben. Zumindest, wenn man Schwierigkeiten mit den Fortschritten hat. Aber in einem 40er Trupp Orks kommt es doch wirklich nicht mehr darauf an, dass jeder ein kleines Kunstwerk ist. Darum lieber ein paar Details weniger malen und dafür mehr Modelle fertigbekommen. Bei Rank and File-Systemen, also Spielen, bei denen Modelle in Blöcken (in Reih und Glied) aufgestellt werden, kann man z.B. sehr gut das erste Glied mit etwas mehr Liebe bemalen und bei den hinteren Modellen, die ohnehin nicht im Fokus sind, dafür etwas weniger Mühe investieren. Dafür darf man sich dann bei den Charaktermodellen, die den Mittelpunkt der Armee darstellen, wieder etwas mehr austoben.
Für Systeme mit wenigen Modellen ist diese Methode allerdings nur eingeschränkt geeignet. Denn hier ist jedes Modell ein Charakter für sich. Aber letztendlich sind nicht perfekt bemalte Modelle keine Schande, unbemalte dafür schon.
Die Deadline
Ebenfalls hilfreich kann ein gesetztes Zeitlimit sein, bis zu welchem eine bestimmte Anzahl von Modellen bemalt sein soll. Dies kann ein willkürlich gesetzter Zeitpunkt sein, ein Turnier, für welches man sich anmeldet, oder ein Spiel unter Freunden. Man kann auch kleinere Zwischenziele einplanen, um zu vermeiden, dass man den ganzen Berg einfach vor sich herschiebt, bis die Zeit dann doch wieder zu knapp wird.
Gerade bei der zahlungspflichtigen Anmeldung zu einem Turnier mit Bemalpflicht sollte man sich allerdings im Klaren sein, dass Kosten auf einen zukommen könnten, sollte man die eigenen Ziele doch nicht erreichen. Es sollte also abgewogen werden, ob der Zeitdruck als Motivation ausreicht, bevor man sich eventuell in Unkosten stürzt.
In der Gruppe sind wir stark
Konkurrenz belebt das Geschäft, sagt eine Weisheit. Dies lässt sich durchaus auch aufs Figuren bemalen übertragen. Schließt euch also mit Freunden zusammen und setzt euch eine gemeinsame Deadline. Erarbeitet doch vielleicht eine Aufbaukampagne, bei der ihr in festgelegten Intervallen immer größer werdende Spiele mit euren bemalten Modellen spielt.
Eine weitere Möglichkeit bieten auch Online-Communities, in welchen man sich mit anderen zu einer Challenge verabreden kann. Jeder bemalt dann bis zu einem festgelegten Zeitpunkt eine bestimmte Menge oder Punktzahl an Modellen.

Auch ein gemeinsames Bemalen der Figuren kann ein gutes Mittel sein, um die eigene Motivation zu erhalten. Dabei spielt es keine Rolle, ob man sich persönlich trifft oder per Skype verabredet. Der Vorteil am virtuellen Treffen ist natürlich, dass man dies bequem von zu Hause aus machen kann und die Malsachen nicht gepackt und transportiert werden müssen. Diverse Communities bieten auch Discord-Server an, auf denen man sich auch spontan mit anderen Menschen verabreden kann.
Auditive Unterstützung
Will man längere Zeit am Maltisch verbringen, bietet es sich an, für etwas Nebenunterhaltung zu sorgen. Zwar soll es durchaus Menschen geben, die beim Malen Serien oder Filme gucken, mich lenkt dies jedoch zu sehr ab und stört meine Konzentration. Viel zu oft bleibt mein Blick dann auf dem Bildschirm hängen und die Miniatur in meiner Hand wird vernachlässigt. Darum bevorzuge ich etwas für die Ohren. Ein gutes Hörbuch sorgt für viele Stunden Unterhaltung und je nach Wahl vielleicht sogar für die passende Atmosphäre. Aber auch Podcasts oder Hörspiele sind gut geeignet, sich die eventuell eintönige Fließbandarbeit zu versüßen. Trotzdem kann man immer beide Augen auf der Miniatur halten und einem erfolgreichen Malabend steht nichts im Wege.
Bemale mehr, als du kaufst
Der Berg wird nur dann kleiner, wenn ihr mehr bemalt, als ihr neu dazu kauft, logisch. Also kauft erst dann wieder ein neues Modell, wenn ihr eine bestimmte Anzahl an Modellen bemalt habt. Die nötige Menge bemalter Miniaturen könnt ihr für euch selbst festlegen. Zwei ist dabei natürlich das Minimum. Wenn ihr es euch zutraut, könnt ihr aber durchaus auch fünf oder mehr Modelle ansetzen. Bleibt aber auf jedem Fall realistisch. Denn sonst lauft ihr schnell Gefahr, gegen eure aufgestellten Regeln zu verstoßen, wenn doch etwas zu verlockend erscheint und ihr es unbedingt haben möchtet.
Eine zusätzliche Möglichkeit den Zufluss neuer Modelle einzuschränken ist ein Hobbybudget. Stellt euch selbst jeden Monat einen festen Betrag für Neuanschaffungen zur Verfügung. Führt eine Liste über die monatlichen Einnahmen und Ausgaben und versucht dabei nicht ins Minus zu geraten. Natürlich könnt ihr auch Geld für größere Anschaffungen ansparen. Solltet ihr einmal nicht warten können, ist es auch okay euer virtuelles Konto zu überziehen, solang ihr im Anschluss wieder spart.
Does it spark joy?
Diese Frage stellt Marie Kondo in ihrer erfolgreichen Netflix-Serie Aufräumen mit Marie Kondo regelmäßig. Auch für unser Problem lässt sich dieser Grundsatz gut anwenden. Denn jede Figur, die ihr nicht besitzt, müsst ihr auch nicht bemalen. Darum ergibt es Sinn, die eigene Sammlung ab und zu auf Überflüssiges zu überprüfen. Besonders bei Dingen, die schon lange unberührt liegen, sollte man sich fragen: “Brauch ich das wirklich noch?“ Natürlich ist es leichter gesagt als getan und auch ich hänge sehr an meinen Errungenschaften. Doch oft hat man sich irgendwann etwas gekauft, was man dann doch nie angefangen hat. Und seien wir realistisch, wahrscheinlich auch nie anfangen wird. Darum ab mit den alten Sachen in die Verkaufsbörsen. Wenn ihr möchtet, könnt ihr auch verkaufte Modelle der Liste von fertigen Modellen hinzufügen und so z.B. für zwei verkaufte Modelle ein neues anschaffen. Und selbstverständlich könnt ihr das eingenommene Geld eurem Hobbybudget hinzufügen.
Abschließende Worte
Wie man sehen kann, gibt es durchaus einige Möglichkeiten, sich die Arbeit zu erleichtern, und dem scheinbar unüberwindbaren Berg ein wenig den Schrecken zu nehmen. Zwar muss der innere Schweinehund nach wie vor selbst überwunden und viel Fleiß investiert werden, aber mit einem guten Plan, etwas Struktur, Fließbandarbeit und auch der Unterstützung von außen lässt sich schon viel erreichen und dabei sogar noch etwas Geld sparen. Wie ihr dabei genau vorgeht bleibt natürlich euch überlassen und sicher gibt es auch noch weitere Möglichkeiten, dieses Problem anzugehen. Ich hoffe jedoch, dass ich zumindest für Anregung sorgen konnte und wünsche euch viel Erfolg bei der Bewältigung eurer Projekte.
Fotografien: Dennis Rexin, Aufbaukampagnen-Screenshot: © Verlag Martin Ellermeier, Bearbeitung: Melanie Maria Mazur



















Tja, es hilft auch enorm sich ab und zu zusammen zu reißen und einfach zu machen.
Habe mich wiedererkannt und werde es mal mit den besagten Tipps versuchen :)
Würde mich freuen irgendwann mal zu hören, ob es geholfen hat :)