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Im Jahr 2022 war es endlich so weit: Das ausgearbeitete Rollenspiel Avatar Legends erschien nach einer furiosen Kampagne auf Kickstarter und erfüllte somit den Traum von vielen rollenspielenden Fans der Zeichentrickserie. Ein Jahr später hat Pegasus Spiele die deutsche Übersetzung auf den Markt gebracht. Kann sie, wie auch das Original, überzeugen?

Avatar Legends entführt in eine Welt, die durch die beiden Zeichentrickserien Avatar – Der Herr der Elemente und Die Legende von Korra berühmt geworden ist. Zahlreiche Comics bauten diese Welt weiter aus. Mit diesem Rollenspiel ist es nun möglich, sie selbst am Spieltisch zu erleben – inzwischen auch mit einem deutschen Regelwerk. Bereits letztes Jahr haben wir uns die englische Version angeschaut und eine ausführliche Rezension dazu verfasst. Dennoch ist die deutsche Übersetzung durch die fehlende Sprachbarriere und somit größere Zugänglichkeit insbesondere für Rollenspielende interessant, die mit Kindern oder Jugendlichen spielen oder einfach lieber Bücher auf Deutsch lesen.

Triggerwarnungen

Krieg, Gewalt, Genozid

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Die Spielwelt

In der Welt von Avatar spielen die vier Elemente – Wasser, Erde, Feuer, Luft – eine große Rolle. Denn es gibt Lebewesen, darunter auch Menschen, die in der Lage sind, eines dieser Elemente zu kontrollieren und ihrem Willen zu unterwerfen. Diese Menschen werden Bändiger*innen genannt. Unter ihnen gibt es in jeder Generation einen, der besonders mächtig ist: der Avatar. Er ist in der Lage, alle vier Elemente zu beherrschen und gilt als Vermittler zwischen der Menschen- und der Geisterwelt.

Die Welt selbst ist entsprechend in vier Nationen aufgeteilt. Am größten und vielfältigsten ist das Erdkönigreich – sowohl was die Geografie als auch die Bevölkerung angeht. Im Westen befindet sich die Feuernation auf einer vulkanisch aktiven Inselkette. Der südliche und nördliche Wasserstamm bewohnt jeweils einen der beiden Pole und die Luftnomad*innen nennen einen der vier Lufttempel im Norden, Osten, Süden und Westen ihr Zuhause.

Wie auch in den Serien, so ist die Welt von Avatar Legends inklusiv. Man denke nur an die blinde Toph, eine der Hauptpersonen in Avatar – Der Herr der Elemente, oder den im Rollstuhl sitzenden Teo. Viele dieser Charaktere nutzen diese vermeintlichen Schwächen und machen sie zu ihren größten Stärken. So ist es auch im Rollenspiel absolut denk- und machbar, einen solchen Charakter zu spielen.

Eine der vielen Facetten des Erdkönigreichs.
Eine der vielen Facetten des Erdkönigreichs.

Auch die Welt von Avatar ist nicht frei von Konflikten. Seien es Auseinandersetzungen zwischen Bändiger*innen und Nicht-Bändiger*innen oder ein weltumspannendes Ereignis wie der Hundertjährige Krieg, der von der Feuernation begonnen wurde und die Auslöschung fast aller Luftnomad*innen zur Folge hatte.

In Avatar Legends können die verschiedensten Abenteuer in insgesamt fünf Ären erlebt werden, jede mit eigenen Konflikten, Herausforderungen und Errungenschaften: die Ära Kyoshi, die Ära Roku, die Ära des Hundertjährigen Krieges, die Ära Aang und die Ära Korra. Die letzten beiden Ären spielen dabei nicht zur Zeit der jeweiligen Zeichentrickserien, sondern einige Zeit danach.

 

Die Regeln

Avatar Legends basiert auf den PbtA-Regeln und legt somit den Fokus auf ein narratives Spielerlebnis. Gewürfelt wird mit 2W6 und das Ergebnis addiert. Meist kommt zusätzlich der Wert des Charakters in Kreativität, Fokus, Harmonie oder Leidenschaft hinzu, je nachdem, welcher auf den ausgeführten Zug zutrifft. Ist das Endergebnis 10 oder größer, so hat man einen starken Erfolg erzielt, wodurch zusätzlich ein Bonus oder Vorteil erlangt wird. Eine 7-9 ist ein schwacher Erfolg und jeder Wurf mit 6 oder niedriger bedeutet einen Misserfolg. Das heißt jedoch nicht zwingend, dass die Aktion gescheitert ist. Der Charakter kann durchaus sein Ziel erreicht haben, jedoch mit negativen Konsequenzen.

Die Gewichtung der Prinzipien kann sich im Spielverlauf ändern.
Die Gewichtung der Prinzipien kann sich im Spielverlauf ändern.

Anstatt Lebenspunkte zu besitzen, erleiden Charaktere in Avatar Legends Erschöpfung und insgesamt fünf verschiedene Zustände in körperlich oder geistig besonders anstrengenden Situationen. Während Erschöpfung recht einfach etwa durch Schlaf wieder abgebaut werden kann, müssen für das Entfernen von Zuständen riskantere Aktionen unternommen werden. So muss man etwa ein persönliches Opfer bringen, um den Zustand „Schuldbewusst“ wieder loszuwerden.

Zudem unterliegt jeder Charakter einem Gleichgewicht. Dieses wird durch zwei Prinzipien dargestellt, die zwar keine Gegensätze sind, zwischen denen der Charakter aber dennoch hin- und hergerissen ist. So zum Beispiel „Loyalität“ und „Selbstbewusstsein“ oder „Eigenständigkeit“ und „Zutrauen“. Diese Prinzipien stellen Überzeugungen und Ideale dar und je nachdem, was während eines Abenteuers geschieht, kann der Charakter sich mehr in die eine oder andere Richtung lehnen. Gerät er jedoch zu weit auf eine Seite, so ist er aus dem Gleichgewicht und braucht erst etwas Zeit, um wieder vernünftig agieren zu können. 

 

Charaktererschaffung

Zunächst wählt man eines von zehn Rollenbüchern (englisch: Playbooks) für den Charakter aus. Dieses bestimmt seine Prinzipien und Startwerte und verlieht ihm bestimmte zusätzliche Züge (Aktionen). So gibt es den „Hammer“ der Probleme und Konflikte am liebsten mit Gewalt löst oder den*die „Eiserne*n“, der*die immer versucht das Richtige zu tun, egal wie.

Zusätzlich zum Rollenbuch, das den Grundstein des Charakters legt, besitzt jeder eine von sechs Ausbildungen. Entweder kann er eines der vier Elemente bändigen oder kennt sich mit Waffen aus oder ist im Umgang mit Technologie bewandert. Die letzten beiden Ausbildungen stehen dem Bändigen dabei in nichts nach. Im Laufe der Abenteuer können fortgeschrittene Techniken erlernt werden, wie das Metallbändigen für eine*n Erdbändiger*in.

 

Erscheinungsbild

Das Buch ist qualitativ hochwertig, der Text gut zu lesen und wichtige Wörter sind durch Kursivierung oder Fettung hervorgehoben. Um genauer nachlesen zu können, wird im Text häufig auf die erklärenden Textstellen verwiesen, wenn etwa eine Regel erwähnt wird.

Zusammenhalt und Zusammenspiel sind auch in Avatar Legends von großer Bedeutung.
Zusammenhalt und Zusammenspiel sind auch in Avatar Legends von großer Bedeutung.

Beim Layout wurde die englische Version eins zu eins übernommen. Lediglich manche Absätze oder Bilder sind leicht verschoben, da meist der Text der deutschen Übersetzung etwas länger ist als das englische Original.

Die Übersetzung selbst ist solide und es sind keine groben Fehler aufgefallen. Lediglich die Übersetzungen von Kapitel 3: Die Grundlagen des Spiels (englisch: Fundamentals of Play) und Kapitel 5: Grundzüge (englisch: Core Moves) erscheinen etwas unglücklich, da sich beides sehr ähnelt. Positiv ist jedoch hervorzuheben, dass, während das Problem in der englischen Sprache gar nicht erst gegeben ist, in der deutschen Übersetzung darauf geachtet wurde, zu gendern oder neutrale Begriffe zu verwenden, um alle lesenden Personen miteinbeziehen zu können.

 

Avatar Legends deutsch CovershotDie harten Fakten:

  • Verlag: Pegasus Spiele
  • Autor*in(nen): Elizabeth Chaipraditkul (Projektmanagement), Brendan Conway (Chefdesign)
  • Erscheinungsjahr: 2023
  • Sprache: Deutsch
  • Format: Hardcover, PDF
  • Seitenanzahl: 304
  • ISBN: 978-3-96928-094-2
  • Preis: 39,95 EUR (Hardcover), 29,95 EUR (PDF)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo, DriveThruRPG, Sphärenmeister

 

Fazit

Avatar Legends ist nicht nur etwas für Fans der Serien und Comics, sondern für alle, die eine Welt, in der die Elemente eine große Rolle spielen, interessant finden. Hintergründe und Personen werden detail- und bildreich beschrieben und erklärt, sodass eine Kenntnis des Ausgangsmaterials nicht zwingend notwendig ist.

Das Metallbändigen ist schwierig zu meistern.
Das Metallbändigen ist schwierig zu meistern.

Die Regeln sind relativ leicht verständlich und fügen sich dabei gut in die bereits vorhandene Welt ein. Somit ist Avatar Legends auch für die verschiedensten Grade von Rollenspielerfahrung geeignet – sofern man ein narratives System spielen oder zumindest ausprobieren möchte. Für die Welt und ihre Atmosphäre ist es auf jeden Fall besser geeignet als ein regellastiges System.

Denn wie sagte schon Toph: „Let´s break some rules!“

Für knapp vierzig Euro erhält man ein hochwertiges, vollfarbiges Buch, das auf dreihundert Seiten mit Erklärungen und Regeln vollgepackt ist, um Abenteuer in der Welt einer der besten Serien erleben zu können.

 

  • Solide Übersetzung

  • Geeignet für alle Interessierten der Spielwelt

  • Gelungene Adaption

 

 

 

Artikelbilder: © Pegasus Spiele
Layout und Satz: Norbert Schlüter
Lektorat: Hendrik Pfeifer
Fotografien: Ayleen Schmidt
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.
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