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Rund 400 Teilnehmende trafen sich im April zur Solmukohta. Die diesjährige Edition der Konferenz fand in Tampere in Finnland statt. Die vier Tage boten Szenetreffen, Austausch und Weiterbildung rund um das Thema Nordic Larp. Dieser Artikel fasst zusammen, was passiert ist.

Solmukohta ist der finnische Name für die jährlich stattfindende Nordic-Larp-Konferenz, welche abwechselnd in Dänemark, Schweden, Norwegen und eben Finnland stattfindet. Mary Stormhouse hat 2022 hier schon vom Knutpunkt (der Name ändert je nach Land) in Dänemark berichtet. 

Ich bin zwar schon länger in der Nordic und Modern Larp-Szene unterwegs, war dieses Jahr jedoch zum ersten Mal dabei.

Eine Woche in Finnland

Die Reise ging schon am Montag vor der Konferenz los: Wie jedes Jahr gehört auch diesmal die Week in …  ebenfalls zu der Konferenz. In den dreieinhalb Tagen vor der eigentlichen Veranstaltung findet im jeweiligen Land ein Rahmenprogramm statt.

Neben einem zentralen Treffpunkt zum Ankommen, Kaffeetrinken und Kennenlernen, finden hier verschiedene Veranstaltungen zu Larp-Theorie sowie kleinere Larps statt. Die Week in Finnland hilft, besonders nach langer Anreise, langsam anzukommen und sich in den Modus der Veranstaltungen einzufinden. Am Treffpunkt sind immer ein paar Leute und es hilft sehr, die Woche mit einem feministischen Minilarp mit nur fünf Teilnehmenden zu starten und sich in die Sauna ins AirBnB mit Freund*innen zu verkriechen, als direkt von der großen Masse überrollt zu werden.

Am Dienstagabend fand mit etwa 80 Spielenden das Fae-Larp 3 AM Forever von The Wild Hunt im Studierendentheater Tampere statt. Es wird die Premierenparty eines obskuren und nicht sonderlich guten Stückes des heruntergekommenen Orpheus Theaters bespielt. Die Grenze zwischen menschlicher und Fae-Welt verschwimmt, immer mehr geben sich die prätentiösen Kunstmenschen der Ekstase hin. Ein wundervolles Beispiel eines kurzen, aber intensiven Larps, das Mut macht, sich in den Trubel neuer Leute zu werfen.

Auch bildete es ein guter Auftakt in die Woche, mit Menschen in einer schummrigen Theaterparty um den Verstand zu tanzen und dieselben Gesichter am nächsten Tag bei der Edularp-Konferenz ganz OT wieder anzutreffen. Bei dieser treffen sich jährlich Menschen, die im Edularp-Bereich arbeiten, zum Austausch und um aktuelle Projekte vorzustellen.

Die Theorie-Veranstaltungen der “Week in Finnland” fanden in einem Konferenzraum der Uni Tampere statt

Eine ähnliche Veranstaltung fand dieses Jahr zum ersten Mal mit dem Sublime Pretense statt, ein Symposium über die Überschneidung von Larp und Kunst – beides Bereiche, die langsam aber sicher auch in der OT-Berufswelt ankommen, wo jedoch oft die Vernetzung fehlt.

Über den Verlauf der Woche kamen immer mehr Leute an, der Höhepunkt der Week In … sind jeweils die Nordic Larp Talks am Vorabend der Konferenz: 10-Minütige Kurzvorträge zu unterschiedlichen Themen, von einem Larp mit UNO-Mitarbeitenden über inklusives Veranstalten zu einem Manifest zu Larps in der Klimakrise. Die Vorträge wurden gefilmt und sind online zu finden.

Neben zahlreichen neuen und alten Gesichtern, welche jeden Abend das lokale Irish Pub überfüllten, half die “Week In” schon eine geballte Ladung an Larps und theoretischem Input abzubekommen. So kann man nicht nur mit weniger Schlaf, sondern auch mit um einiges weniger Druck in die Konferenz gehen.

Szenetreffen

Die Konferenz selbst begann am Donnerstagnachmittag. Die Konferenz ist vor allem ein großes Szenetreffen, welches in den skandinavischen Ländern angefangen hat, inzwischen jedoch Leute aus ganz Europa und darüber hinaus anzieht. Viele sind langjährige Larp-Organisator*innen, aber auch Leute, die neu dabei sind, werden herzlich aufgenommen.

Unterschiedliche Larp-Hintergründe und Kulturen treffen aufeinander und kommen in den Austausch. Es tut gut, über meinen eigenen Hobby-Tellerrand zu schauen und mitzubekommen, was für Formen und Möglichkeiten Larp annehmen kann.

Die Location, welche zahlreiche Konferenzräume, Hotel und sogar eigenen Club in sich vereint, befand sich eine kurze Busfahrt etwas außerhalb der Stadt. Direkt zwischen Wald und See gelegen hatten wir das Hotel die ganzen vier Tage für uns.

Untergebracht wurden alle in Zweier- oder Dreierzimmer, oder auch für einen Aufpreis alleine. Auch die Buffet-Verpflegung war gut und ausreichend, um ein paar hundert Larper*innen durch das Wochenende zu bringen.

Das Hotel © Scandic Rosendahl

Mit der Eröffnungszeremonie ging es auch schon los. Das Team wurde vorgestellt, eine riesige Runde Schere-Stein-Papier gespielt und das Programm war eröffnet. Schon am ersten Abend gab es Vorträge und Workshops, die im fortlaufenden Abend von Partys und gemütlichem Beisammensein abgelöst wurden.

Als Neuling war es ein ziemlich überfordernder Abend und es hilft gerade fürs erste Mal, nicht direkt am selben Tag angereist zu sein. An jeder Ecke trifft man Leute, die man seit Jahren nicht mehr gesehen hat und doch intensive Larp-Erinnerungen teilt.

Und auch wer niemanden kennt: Die ganze Veranstaltung ist einladend und darauf ausgelegt, neue Leute kennenzulernen und die Gruppen immer wieder zu mischen. Es gibt die Regel, immer einen freien Stuhl offen zu lassen, dass sich zu jedem Gespräch jemand dazustellen darf. Partys finden grundsätzlich zeitlich auf eine Stunde beschränkt statt (es macht keinen Spaß, wenn alle deine Freund*innen für einen ganzen Abend in einem Zimmer verschwinden). Und generell wird zur allgemeinen Verständlichkeit dazu angehalten, Englisch zu sprechen.

Vorträge und Workshops

Das diesjährige Thema war “Kitsch”

Der Hauptteil der Konferenz besteht aus einem geladen vollen Programm an Vorträgen, Panels und Workshops. Wenn über zehn Dinge zur gleichen Zeit stattfinden, kann das schnell mal überfordernd sein und es hilft, sich schon vor dem Wochenende etwas mit dem Programm auseinanderzusetzen. Alles mitzubekommen ist unmöglich, dafür gibt es umso mehr Auswahlmöglichkeit. Und umso wichtiger: Es ist okay, sich auch mal rauszunehmen und Pause zu machen.

Larp steht an einer spannenden Schwelle zwischen Hobby, Kunst und Professionalisierung. So gibt es inzwischen einen nicht unbeachtlichen Anteil an Leuten, die Larp aus einer theoretischen und wissenschaftlichen Perspektive beleuchten. Andere berichten aus jahrelanger Erfahrung oder stellen ihre aktuellen Projekte vor.

Ich war unter anderem an Vorträgen zu Hierarchien in Larp, dem Unterschied zwischen Rollen und Charakteren, einem Workshop zu Blackbox-Larps, habe an einer rollenspielartigen Kunstinstallation teilgenommen und durfte selber bei einem Panel über Antagonist*innenspiel sprechen. Und das ist nur ein kleiner Einblick in die möglichen Programmpunkte.

Die Konferenz war sehr gut organisiert und man merkt, dass sich viele Dinge über die Jahre etabliert haben. Es ermutigt, selber mehr zu machen und im eigenen Design-Prozess neue Dinge auszuprobieren.

Als langjähriger Larper, der langsam ins Organisatorendasein hereinrutscht, habe ich die Informationen aufgesaugt wie ein trockener Schwamm. In dem schnelllebigen Hobby tat es mir gut, dieses Mal von außen zu betrachten und in den Austausch zu kommen.

Die Welt macht vor Larp nicht halt

Die Vorträge fanden in verschiedenen Konferenzräumen vor Ort statt

Und das ist gut so. Oft wird Larp eine reine Realitätsflucht nachgesagt und deswegen belächelt. Und auch wenn das manchmal genau das erwünschte Ziel davon ist, einfach mal ein Wochenende in eine andere Welt, ein anderes Leben zu schlüpfen, so hat doch unsere Realität immer noch Einfluss auf unser Hobby.

So erzählen drei Larper aus Palästina aus ihrer Lebensrealität in einem Kriegsgebiet und wie Larp jungen Menschen dabei helfen kann, mit dem daraus entstehenden Trauma umzugehen. In der Edularpkonferenz erzählt eine Lehrerin, wie sie mit Hilfe lektionenübergreifender Rollenspiele ihren Schüler*innen die Komplexität von realen Krisengebieten näherbringt.

Auch die Klimakrise ist als Thema allgegenwärtig. Eine unangenehme Thematik, die gerade im internationalen Larp, zu welchem viele per Flugzeug weit anreisen, gerne ignoriert wird. Und auch bei Solmukohta ist es nicht anders: Ich konnte mir zwar die Zeit nehmen, über drei Tage mit Zug und Fähre aus der Schweiz auf dem Landweg anzureisen, doch musste aus Arbeitsgründen zurück fliegen.

Doch es ist nicht einfach nur schlecht: Die Konferenz macht Hoffnung darauf, was Larp alles kann. Die Konferenz bringt kreative Menschen zusammen, die alle voll Ideen brennen, wie unser Medium genutzt werden kann, auch reale Probleme anzugehen.

Das Buch

Wie in den meisten Jahren wird begleitend zur Konferenz ein Buch veröffentlicht, welches alle Teilnehmenden im Preis inkludiert als physisches Exemplar bekommen. LINK stellte Kasia das Diesjährige buch schon bei den Nordic Larp talks vor.

Liminal Encounters: Evolving Discourse in Nordic and Nordic-inspired Larp ist schwer und gefüllt mit Artikeln zu allen möglichen Larp-verwandten Themen: Zum Beispiel wird das Thema Nacktheit im Larp angegangen oder wie man für große Altersunterschiede designt. Es gibt Tipps, was man als Spieler*in tun kann, wenn das eigene Spielerlebnis nicht funktioniert und Überlegungen dazu, was Nordic Larp und Solmukohta ausmacht. Die Artikel motivieren und regen zum Nachdenken, Widersprechen und Selbermachen an.

Viele der Themen sind in den Nordic Larp Talks oder bei Solmukohta-Veranstaltungen schon aufgetaucht und werden in dem Buch vertieft. Die vergangenen Bücher sind alle online als PDF erhältlich, das wird mit dem diesjährigen nicht anders sein.

Partys, Larps und Rituale

Und natürlich wird auch gefeiert. Es wären nicht Larper*innen, wenn nicht an jeder Ecke Spiele oder Aktionen auftauchen. Neben der Kaffeemaschine wird man dazu aufgefordert, einer Karotte mit aufgeklebten Wackelaugen die Welt zu zeigen und fotografisch zu begleiten, im Aufzug daneben trinken drei viktorianische Damen Tee, während daneben drei Leute das spontan erfundene Ameisen-Larp spielen und nach einem blauen Gegenstand suchen.

Neben den ganzen Theorie-Veranstaltungen gab es auch jeden Tag verschiedene Minilarps zu besuchen. Man konnte sich zwar im Vorfeld dazu anmelden, doch oft tauchten dann doch nicht alle 10 Leute auf, die geplant hatten dabei zu sein. Ich merkte selber, die voll ich von dem ganzen Input rundherum war, dass ich gar nicht mehr das Bedürfnis hatte, viel zu spielen – was ich im Vorfeld nicht erwartet hätte.

Die Kunstinstallation (kein Ritual!) im Fahrstuhl

Natürlich dürfen auch die großen Rituale nicht fehlen: die Dragshow und die zahlreichen Partys. Es wurden Disneylieder gesungen, im Pool geplanscht und sich zu vergangenen und neuen Larps getroffen. Und es wäre nicht Finnland, wenn dem Hotel nicht vier Saunas zu Verfügung stünden (inklusive Larp darin). Das diesjährige Kitsch-Thema wurde in vollen Zügen ausgelebt.

Es ist ein einladender und offener Raum, man fühlt sich willkommen: ein bisschen wie eine Afterparty aber ohne Larp – oder ganz viele gleichzeitig. Schlussendlich ist es der Kontrast, der die Veranstaltung ausmacht: gehäufter Theoretischer Input eines Mediums, welches sich rasant entwickelt und professionalisiert, und gleichzeitig die geballte Spielfreude von 400 Larper*innen, die aufeinandertreffen, um gemeinsam zu lernen und eine gute Zeit zu haben.

Fazit

Die Konferenz ist auf jeden Fall einen Besuch wert – gerade für Larp-Veranstaltende und solche, die es werden wollen, hilft es unendlich, sich mit anderen darüber auszutauschen und dazuzulernen. Oder wer sich mit dem Hobby mal von außen auseinandersetzen will und sich über die eigene Larp-Bubble heraus orientieren will, ist sie ebenfalls zu empfehlen. Es mag erst beängstigend klingen, statt ein Wochenende Larp die hart erkämpften Ferien mit Theorie zu verbringen – aber ich kann alle nur dazu ermutigen. Denn unser Medium kann noch so viel mehr. 

 

Titelbild:© GekaSkr | depositphotos
Layout und Satz: Andreas Hübner
Lektorat: Alexa Kasparek
Fotografien: Rumo Wehrli

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