Wer kennt das nicht? Das Ende eines Films ist unbefriedigend. Der Tod eines Buchcharakters unzufriedenstellend. Der Handlungsbogen einer Serie nicht den eigenen Vorstellungen entsprechend. Der Wunsch, etwas zu ändern, etwas neu zu erschaffen, etwas anders zu erleben – so beginnt sie oft: die Idee für eine Fanfiction.
Fanfiction – was ist das?
Wann immer ich von meinem Hobby Fanfiction zu schreiben erzähle, ernte ich verwunderte, interessierte, aber auch ratlose Blicke. Fanfiction, soso. Ist das etwas Anrüchiges? Die Frage kommt nicht so selten, wie man denkt, und ist einfach zu beantworten: nur, wenn die*der Autor*in das möchte.
Fanfiction (oder auch Fanfic, Fanfiktion, FF) – das ist das geschriebene, literarische Werk zu einer bereits existierenden Vorlage. Diese kann ein Film, eine Serie, ein Computerspiel, ein Kartenspiel oder Brettspiel, ein Buch oder Comic oder ähnliches sein, aber es kann sich auch um real existierende Charaktere (z. B. Sportler*innen, Schauspieler*innen, Fernsehstars, Influencer*innen, etc.) drehen. All das kann als Vorlage für einen von Fans geschriebenen literarischen Text dienen. So gibt es zum Beispiel in einem der größten Archive alleine über 6.000 Werke zu Warhammer 40k, 25.000 Werke zu Herr der Ringe und über 450.000 Werke zu Harry Potter.
Eine vorgeschriebene Länge gibt es dabei für einzelne Fanfictions nicht. Ob es sich dabei um ein Gedicht, einen Einzeiler oder ein ganzes Universum mit über acht Millionen Wörtern, die selbst Mehrteiler wie „Das Rad der Zeit“ von der Länge her in den Schatten stellen, handelt, ist dabei den Autor*innen selbst überlassen. Es gibt keine Vorgaben, nur die, die man sich selbst macht.
Bereits im sogenannten Canon, also dem Quellenmaterial, vorhandene Charaktere, Erzählstränge, Orte können – müssen aber nicht – eingebunden und mit neuen Erzählsträngen verknüpft werden. Es können gleichermaßen neue Charaktere, sogenannte „original characters“ hinzuerfunden werden wie auch bereits vorhandene Charaktere aus der eigenen Handlung hinausgeschrieben werden. Alles ist möglich, nichts ist ein Muss.
Die Frage, wie alt der Drang der Menschen ist, Fanfiction zu schreiben, lässt sich mitunter nicht so leicht beantworten: Es wird vermutet, dass Fanfictions so alt wie die Fiktion selbst sind, denn es liegt uns Menschen im Blut, Geschichten zu erzählen, vorhandene Geschichten abzuwandeln oder zu ergänzen. In der Geschichte der Menschheit ist es immer wieder zu solchen Momenten gekommen, meist aus ganz unterschiedlichen Motiven und Gründen.
In der jüngeren Geschichte indes wird die konkrete Entwicklung von Fanfictions auf Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes-Geschichten in den Jahren um 1930 herum sowie um die Gene Roddenberrys Star Trek und der dort ansässigen Science-Fiction-Szene mit den in den Sechzigern erscheinenden Star Trek-Fanzines zurückgeführt. Diese enthielten neben Bildern und Informationen zur Serie – Fanfictions.
Überhaupt waren Fanzines, von Fans für Fans geschriebene Magazine, die genauso wie auf Papier geschriebene Fanfiction oft unter der Hand weiterverteilt wurden, lange Zeit das Medium für Fanfiction.
Mit dem Einzug des Internets in das alltägliche Leben der Menschheit hat sich auch die Fankultur geändert. Das, was früher über wenige Kanäle weit verteilt wurde, ist heute offen und frei zugänglich im Internet.
Eine beliebte Kategorie der Fanfiction ist bereits seit den Sechzigern der Bereich Slash-Fanfiction, eine Kategorie von weiblich gelesenen Personen für weiblich gelesene Personen geschriebene Geschichten, die romantisierte oder eindeutig sexuelle Inhalte über zwei oder mehr männliche Personen beinhalten.
Plattformen – oder auch: Wo kann man lesen?
Das 2008 gegründete, weltweit größte, internationale Archiv, in dem über zwölf Millionen Geschichten, über 64.000 Fandoms und fast sieben Millionen Nutzer*innen zu finden sind, ist Archive of Our Own, kurz AO3. Bei AO3 handelt es sich um ein Projekt der Organization for Transformative Works (OTW), einer gemeinnützigen Organisation, die von Fans für Fans gegründet wurde, um die Interessen und die Geschichte von Fanworks sowie Fankultur im Allgemeinen zu bewahren.
AO3 vertritt – ganz im Geist der Kreativität – die Einstellung, dass jedes Werk, solange es nur deutlich genug von der Vorlage abweicht um nicht eine Kopie zu sein, verdient hat, archiviert zu werden.
Thematisch eng verknüpft mit AO3 ist die ebenfalls beliebte und belebte Plattform Tumblr, die nicht nur Fanfictionschreibenden eine kreative Heimat gibt, die aber auch für Autor*innen von Originalwerken, Schauspielenden und an der Produktion einen beliebten Aufenthaltsort darstellt.
Weitere Möglichkeiten, Fanfiction zu veröffentlichen, befinden sich auf Archiven wie Fanfiktion.de, Fanfiction.net, Belletristica.de, Animexx.de, Livejournal.com, Wattpad.com. Selbst auf Social Media-Seiten wie Instagram, X und Threads gibt es große Fanfiction-Zirkel, die über entsprechendes Material diskutieren. Fanfiction über Foren auszutauschen, war insbesondere in den 2000ern ein beliebtes Mittel.

Genre, Tropes, Pairings, Tags, cw/tw – haben Fanfiction jetzt doch Regeln?!
Die kurze Antwort: ja und nein.
Beinahe alle Archive verfügen über Suchfunktionen, mithilfe derer man nach Fandom, Autor, Pairing, Trope, Genre, Tags oder Geschichtenart filtern kann.
Wer das erste Mal auf der Suche nach einer Geschichte in einem Archiv stöbert, wird sie bald finden: die Begriffe Genres, Tropes, Pairings, Tags, Content-Warnungen, Trigger-Warnungen, Charaktere. Das sind Vokabeln, die nicht nur dazu dienen, sich im Wirrwarr von tausenden geschriebenen Geschichten zurecht zu finden, sondern auch auf inhaltliche Themen hinzuweisen, die Bestandteil einer Geschichte bzw. eines Werkes sein können.
Der Begriff Genre wird vielfach verwendet, um anzugeben, ob es sich bei einer Fanfiction um ein nicht-romantisches und nicht-sexuelles Werk handelt, oder sie sich auf eine oder mehrere romantische oder sexuelle Hetero- oder Queer-Verpartnerungen konzentriert. Anderweitige Genres können ebenfalls Romanzen, Fantasy, Krimi, Science Fiction, Horror, Humor, Drama, Fluff oder Ähnliches sein.
Bei einem Trope hingegen handelt es sich um ein gemeinsames, thematisches Handlungs- oder Charakterelement in einem Genre der Belletristik. Dies kann z. B. Enemies to Lovers, There is only one bed, Alternative Universe Setting, Constructed Reality, Arranged Marriage, Hurt and Comfort, Kink, Mary Sue, Soulmate ,… sein.
Pairings hingegen dienen dazu, den Lesenden eine Vorschau zu geben, um welche Charaktere es sich in welchen Paarungen handelt. Ein Schrägstrich, der sogenannte „Slash“ oder „/“ deutet dabei auf amouröse Paarungen hin, ein „und“ oder auch „&“ deutet meist auf Freundschaft und/oder platonische Liebe. Pairings müssen nicht auf zwei Personen bezogen sein, die Zahl nach oben ist offen.
Triggerwarnungen (tw) und Contentwarnungen (cw) dienen der Sensibilisierung der Lesenden für Themen, die entweder schlechte Erinnerungen oder im schlimmsten Fall Traumata triggern können oder die in ihrer Natur dazu dienen, ggfs. Unwohlsein hervorzurufen. Ein Beispiel für eine Triggerwarnung ist „Gewalt“. Eine Content-Warnung ist dahingehend allgemeiner gehalten und deutet darauf hin, dass es Inhalte sensibler Natur geben könnte.
Tags dienen hingegen als Schlagworte zu einer Geschichte. Tags beinhalten für gewöhnlich eine bunte Mischung aus Genres, Tropes, Triggerwarnungen und Contentwarnungen, gewürzt durch Stichworte, die die Autorin bzw. der Autor ihren bzw. seinen Lesenden mitteilen möchte.
Das Zusammenspiel aus Genre, Trope, Pairings, Triggerwarnungen, Contentwarnungen und Tags dient damit zur Navigation in einem reichlichen Angebot und ist ein wertvoller Eckpfeiler für eine Geschichte.
Fanfiction – kommerziell oder „free for all“?
Aufgrund ihrer Natur und ihrer Existenz in der rechtlichen Grauzone des Urheberrechts sind Fanfictions grundsätzlich nicht kommerziell. Das Verwenden von Charakteren, Handlungssträngen oder gegebenen Settings wird zwar in den meisten Fällen stillschweigend akzeptiert und wird auch – wie im Fall des Saarländischen Rundfunks explizit gefördert – aber es bedeutet gleichzeitig auch, dass mit dem Quellenmaterial keine kommerziellen Erlöse erzielt werden dürfen, da das Urheberrecht nicht bei den Fanfictionschreibenden liegt.
Wenngleich viele Originalautor*innen, Produzent*innen und Zeichner*innen Fanfictions tolerieren, akzeptieren und sogar würdigen, gibt es einige Autor*innen, so zum Beispiel Anne Rice, George R. R. Martin und Diana Gabaldon, die sich explizit gegen das Schreiben und Veröffentlichen von Fanfictions aussprechen.

Fanfiction – was ist denn gerade „en vogue“?
Wie alles, liegt auch hier das Gefallen im Auge der Betrachtenden. Es gibt große Fandoms, die alleine durch ihre Anzahl an Kreativschaffenden seit Jahrzehnten bei den Fans beliebt sind. Hierzu gehören zum Beispiel Star Trek, Star Wars, Herr der Ringe, Harry Potter, das Marvel- und DC-Universum, Supernatural, etc.
Dies sind nur einige internationale Fandoms, die auch von vielen deutschen Leser*innen frequentiert werden.
Aber nicht nur internationale Vorlagen erfreuen sich wachsender Beliebtheit. So stellt auch ein ureigenstes deutsches Kulturgut eine sehr beliebte Grundlage für Fanworks im Allgemeinen und Fanfics im Besonderen:
Der Tatort.
Nicht nur bei den älteren Zuschauenden beinahe jeden Sonntag wieder ein Muss, so ist auch der Tatort seit Jahren mit seinen diversen Teams auf dem Vormarsch zu einer der beliebtesten deutschen Fanfictionvorlagen. Thiel und Börne aus Münster, zunächst führend in der Tatort-Fanfiction-Statistik, wurden in den letzten fünf Jahren von Schürk, Hölzer, Baumann und Heinrich aus dem Tatort Saarbrücken vom Fanfiction-Thron gestoßen. Das junge Vierer-Team aus dem Saarland regt mit nunmehr fast 1800 Geschichten auf der Plattform AO3 die Fantasie der Fans an, die insbesondere den beiden Kommissaren Schürk und Hölzer im Rahmen von Slashfanfiction ein besonderes Augenmerk widmen.
Jedes Jahr – zur Ausstrahlung im Januar – trendet ausgerechnet der Tag Tatort Saabrücken mit seinen 4180 Followern auf Tumblr – ein Umstand, der den Verantwortlichen dieses Tatorts rund um den SR sehr wohl bekannt ist. So hat Christian Bauer, Redakteur beim Saarländischen Rundfunk, im Rahmen der Vorpremiere die Kreativität der Fans auf der Plattform Tumblr gelobt und bereits verraten, dass er durchaus auch den einen oder anderen Blick auf die Plattform wirft. Peter Meyer, Leiter Unternehmenskommunikation, hat ebenfalls den Stellenwert der Fanfictions für den Tatort Saarbrücken positiv und anerkennend hervorgehoben.
So haben die Schauspielenden, die Schöpfer*innen, Drehbuchautor*innen, der SR aber auch die ARD Degeto und die Bavariafiction mit ihrem Charakterdesign und ihrer horizontalen Erzählweise eine gute Grundlage für ein erfolgreiches Quellenmaterial geschaffen und versorgen die Fans im Rahmen ihrer Dreharbeiten und der Ausstrahlung der Tatorte immer wieder mit neuen, frischen und frechen Informationen.
Damit ist der SR seiner Zeit weit voraus und hat mit viel Fingerspitzengefühl rund um die Geschichte um Adam Schürk und Leo Hölzer ein Universum geschaffen, das aus der deutschen Institution Tatort eine Fan-fähige Vorlage für Fanfictions gemacht hat. Drehstart für den nächsten Tatort an der Saar ist übrigens schon diesen Juni.

Fanfiction – hop oder topp? Ein Fazit.
Fanfiction hat, wie bereits eingangs geschrieben, einen erheblichen Vorteil gegenüber der Vorlage: Die Schreibenden wie auch die Lesenden bestimmen selbst, wohin der Weg sie führen wird und wie man eine Geschichte gerne weitergeschrieben oder auch weitergelesen hätte. Fanfiction erweitern und bereichern durch ihre Diversität ein Universum.
Am besten lassen sich durch Fans geschriebene Geschichten wie eine Heimkehr in ein bekanntes Haus vorstellen. Man muss nicht erst suchen, wo die Tassen stehen, man weiß bereits, wo sie sich befinden und kann so schnell und effizient zu seinem geliebten Kaffee kommen.
So ergänzen, erweitern verändern Fanfiction nicht nur vorhandenes Material, sie sind auch eine spannende und frei verfügbare Alternative zu Büchern und alle Male einen zweiten und dritten Blick wert.
Artikelbilder: © Fanfiktion.de, © archiveofourown.org, © Saarländischer Rundfunk, Quelle: SR/Manuela Meyer, Peter Liwowski
Titelbild: depositphotos © LeraKora
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Denise Hollas
Über die Autorin
Aurelia Lindbergh schreibt seit ihrem elften Lebensjahr. Im Laufe der Zeit hat sie nicht nur das Erfinden von Geschichten für sich entdeckt, sondern auch das Eintauchen in ein Fandom und damit die Fusion zwischen eigenen Ideen und der inhaltlichen Vorlage. Mit Leidenschaft schreibt sie Fanfiction und beteiligt sich in diversen Fandoms.
Im eigentlichen Berufsleben arbeitet sie als Wunscherfüllerin für andere. Ihr Hobby ist daher eine willkommene Abwechslung vom Alltag.


















