Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten

Lena Falkenhagen ist Schriftstellerin und Narrative Director für Computerspiele. Die Autorin ist politisch aktiv und leidenschaftliche Larperin. Gemeinsam mit der Psychologin Marina Weisband hat sie im Sommer 2024 den Podcast Spielend Subversiv ins Leben gerufen. Im Interview erzählt sie über den Podcast, welcher sich mit Larp, Gesellschaft und Psychologie auseinandersetzt.

Triggerwarnungen

Keine typischen Trigger vorhanden

[Einklappen]

Interview

Lena Falkenhagen © Antje S.
Lena Falkenhagen © Antje S.

Teilzeithelden: Lena, wie bist du zum Larp gekommen?

Lena: Vor Ewigkeiten, ich weiß gar nicht wie lange das her ist. Ich habe vor vierzig Jahren angefangen Tischrollenspiele zu spielen, und war immer ganz neidisch auf die Leute, die damals noch an privaten Einladungscons gelarpt haben. Ich habe dann angefangen im DSA-Hintergrund Konvente zu organisieren, die eine Mischung aus Tischrollenspiel und Freeform-Liverollenspiel waren. Und das war dann ein fließender Übergang ins Larp, welches ich nun seit kanpp dreißig Jahren mache.

Teilzeithelden: Wie kam es dazu, dass du mit Marina einen Podcast ins Leben gerufen hast?

Lena: Marina und ich haben uns auch über Larp kennengelernt und hatten dann über die Tales Inside – Reihe näheren Kontakt. Sonst bewegen wir uns aber in sehr unterschiedlichen Larpkulturen. Marina kommt aus der deutschen Großconszene, wie zum Beispiel dem Epic Empires. Ich hingegen spiele vor allem auf privat organisierten kleineren Cons und mache viel internationales Larp. Die Welt der Großcons kenne ich gar hingegen nicht, auf meinem größten Larp waren etwa 250 Leute.

Ich besuchte also Marina in Münster und wir haben zusammen Kuchen gegessen. Wir hatten natürlich sofort angefangen, uns dabei über Liverollenspiel und die Unterschiede in der Szene auszutauschen. In diesem Gespräch meinte Marina dann „eigentlich müsste man darüber mal einen Podcast machen“ und so geschah es dann auch. Der Podcast hieß am Anfang deswegen auch „Spiel und Sahnetorte“.

Teilzeithelden: Nun heißt der Podcast aber nicht „Spiel und Sahnetorte“ sondern „Spielend Subversiv“. Warum subversiv?

Lena: „Subversiv“ hat etwas Aufwieglerisches, Unterschwelliges an sich, was ich oft mit Kunst verbinde. Kunst hat und soll etwas Subversives an sich haben. Also etwas, was unsere vorgefertigten Einstellungen und Glaubenssätze unterwandert und damit konstruktiv hinterfragt, wie wir in der Gesellschaft miteinander umgehen. Damit fasst der Begriff auch gut zusammen, wie ich zu Liverollenspiel stehe, und passt deswegen sehr gut als Titel für unseren Podcast.

Ich glaube, dass Larp sehr viel bewirken kann, ohne dass es direkt planbar ist. Es hat auf einer ersten Ebene viel mit Spiel, Unterhaltung und Leichtigkeit zu tun, kann aber auf einer zweiten Ebene auch tief berühren. Eine große Macht von Liverollenspiel ist, sich in einem sicheren Raum auf Situationen einlassen und Dinge erleben zu können, mit welchen man auch im realen Leben konfrontiert werden kann. So wie beispielsweise Musik, oder andere Kunstformen, viel mit uns machen kann, ist das auch beim Larp: Es erwischt uns oft auch emotional und hat so einen Einfluss auf unser echtes Leben.

Teilzeithelden: Wird das in der Larpszene manchmal unterschätzt?

Lena: Total. Liverollenspiel wird von vielen Leuten als Unterhaltungsmedium gesehen. Diese Funktion darf und soll es auch haben, die Subversivität in der Konfrontation und Auseinandersetzung mit Themen kann man Larp aber meiner Meinung nach nicht absprechen. Manchmal ist das beabsichtigt, manchmal entsteht das auch einfach aus dem Spiel heraus. Das können positive wie negative Situationen sein. Liverollenspiel ist sehr schlecht vorherplanbar, zwar können aus Designperspektive Dinge gelenkt werden, viele der besonderen Momente entstehen jedoch durch spontanes Spiel.

Teilzeithelden: Und das versucht ihr im Podcast zu thematisieren?

Lena: Wir versuchen zwei Dinge: Zum einen eine Wirkung in die Larpszene, zum anderen eine in die Gesellschaft. Die letztere ist, dass man über Liverollenspiel auch in der Öffentlichkeit sprechen sollte, wie auch über andere Kunst. Denn Larp ist eine Kunstform, ähnlich wie jedes Buch oder Musikstück. Natürlich ist es nicht immer gut und manchmal liegt der Fokus mehr auf Unterhaltung, manchmal mehr auf anderem, aber es kann ebenso behandelt werden wie andere Medien. Das hat auch damit zu tun, wie wir über Liverollenspiel reden und in der Öffentlichkeit darüber berichtet wird. Ist es etwas, was verschämt versteckt und aus dem Bewerbungsschreiben rausgehalten wird oder etwas, was genauso dazugehören kann?

Das andere, was wir versuchen, ist die Wirkung in die Larpszene hinein. Wir wollen nicht belehrend, sondern vor allem informativ sein. Es gibt ganz viele Leute, die Liverollenspiel als ein einziges Hobby betrachten, aber damit nur die Art von Larp meinen, die sie selbst spielen. Wir möchten die Bandbreite aufzeigen, denn es gibt so viele unterschiedliche Spielstile und Herangehensweisen an Liverollenspiel.

Teilzeithelden: Kann man das überhaupt? Larp in seiner ganzen Vielfalt als ein einziges Hobby anschauen?

Lena: Es ist natürlich ein sehr weites Spektrum. Aber zwischen einem Bilderbuch und einem Goetheroman ist es auch ein weites Spektrum. Liverollenspiel ist der Überbegriff für ein sehr breit gefächertes Medium. Manche Formen geben den Eindruck, sich auszuschließen. Marina erzählt in einer Folge von sehr kompetitivem, sportlichem Larp, und umgekehrt gibt es Spiele, welche Jane Austen nachempfinden oder Kurzlarps, die eine literarische Qualität haben. Doch selbst so unterschiedliche Larpstile haben Dinge gemein: Man verkörpert Rollen, wie ein Schauspieler auf der Bühne und ist gleichzeitig sein eigenes Publikum, sowie das der Mitspielenden.

Teilzeithelden: Was für Leute versucht ihr mit eurem Podcast zu erreichen?

 Lena: Wir haben kein bestimmtes Zielpublikum. Das Ganze ist ja genauso subversiv entstanden, wie das im Larp manchmal passiert: aus Lust und Laune heraus und nicht aus einem Anspruch, ganz Deutschland über Larp aufzuklären. Mir war jedoch wichtig, nicht nur für die Bubble zu sprechen, sondern auch Leuten, die noch nie von Liverollenspiel gehört haben, den Zugang dazu leichter zu gestalten.

Ich würde mir natürlich wünschen, dass auch Leute aus Politik und Kulturjournalismus zuhören, und sich über unseren Podcast vielleicht leichter über Liverollenspiel informieren können und Larp etwa auch Einzug in die Kulturförderlandschaft findet. Larp hat beispielsweise auch in der politischen Bildung viel Potenzial, da multiperspektivisch Themen vermittelt werden können.

Spielend Subversiv gibt es seit Sommer 2024.

Teilzeithelden: Zum Zeitpunkt dieses Interviews sind die ersten fünf Folgen von Spielend Subversiv online. Was habt ihr bisher für Feedback bekommen?

Lena: Bisher sehr Gutes. Ich glaube die Leute, die es nicht gut finden, hören einfach auf zuzuhören und geben keine Rückmeldung. Die anderen freuen sich aber darüber, dass wir das Hobby – blöd gesagt – endlich mal ernst nehmen und differenziert darüber sprechen, was Liverollenspiel mit uns macht. Die meisten Zuhörer*innen sind Leute, die das Hobby bereits kennen, es gibt jedoch auch ein paar von außerhalb.

Es wird auch oft gewünscht, dass wir bei den Themen noch mehr ins Detail gehen. Wir wussten am Anfang auch nicht, ob es ein unterhaltsamer oder informativer Podcast sein würde. Als Gamedesignprofessorin liebe ich es sehr, ausführlich zu informieren, aber ich hätte nicht gedacht, dass das unser Publikum tatsächlich auch einfordert.

Teilzeithelden: Du kommst aus dem Game Design, Marina aus der Psychologie. Wie beeinflusst euer beruflicher Hintergrund euren Blick auf Liverollenspiel?

Lena: Uns fällt es dadurch wohl leichter, das, was im Liverollenspiel geschieht, auch ernst zu nehmen und wahrzunehmen, was im Larp ganz spielerisch mit uns passiert. Es lässt uns wachsen und lehrt uns Dinge über uns selbst. Wir lernen über Larp uns selbst und beispielsweise auch unsere Grenzen besser kennen. Dass Spiele (auch Tischrollenspiele und Computerspiele) diese Macht haben, war mir schon länger bewusst, aber dass wir im Larp auch aktiv mit unserem Körper Dinge tun, verstärkt das nochmals.

Die psychologische Seite des Liverollenspiels ist eben diese transformative Kraft, die wir dem Medium zuordnen. Daraus entspinnen sich Themen wie Charakterentwicklung, Wachstum der Persönlichkeit und auch politische Bildung.

Teilzeithelden: In den ersten Folgen habt ihr einiges über verschiedene Larpformen erklärt und seid dann auf Themen wie Konfliktspiel oder Bleed eingegangen. Wie geht es nun weiter?

Lena: Wir dachten am Anfang beide, nach fünf Folgen, wissen wir nicht mehr, worüber wir reden sollen. Das hat sich anders herausgestellt: durch das Gespräch entstehen immer neue Themen, in welche wir eintauchen können. So ist zum Beispiel die psychologische Betrachtung von Larp in vielen Hinsichten noch nicht ausdiskutiert, das haben wir erst oberflächlich betrachtet. Mich interessiert auch, was der Rollenwechsel mit uns macht oder auch die unterschiedlichen Motivationen von Spieler*in und Charakter – da diese oft unterschiedliche Interessen verfolgen. Und so gibt es noch viele weitere Themen, über welche wir sprechen werden.

In der nächsten Folge wollen wir Hochstatusspiel thematisieren. (Diese Folge ist inzwischen schon erschienen und gibt es hier zu hören. A.d.R.)

Teilzeithelden: Und zum Schluss: Was wünschst du dir für Larp und euren Podcast?

Lena: Ganz träumerisch und arrogant? Ich würde mir wünschen, dass das Thema Larp auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ankommt und mehr als ein kurioses Hobby mit zwei Festivals im Jahr ist. Auch der Kulturjournalismus soll Liverollenspiel ernst nehmen und darüber reden, wie über andere Kunst auch.

Alle Informationen zum Podcast, sowie sämtliche Folgen gibt es hier: www.spielendsubversiv.de

Artikelbilder: Antje S., Spielend Subversiv
Layout und Satz: Andreas Hübner
Lektorat: Sabrina Plote

1 Kommentar

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein