Mit Red City wagt Marie Lu den Sprung von der Young-Adult- zur Erwachsenenphantastik. In Angel City kämpfen zwei mächtige Alchemiesyndikate um die Vorherrschaft. Mittendrin stehen Sam und Ari, einst beste Freund*innen, nun auf gegnerischen Seiten. Doch die größte Gefahr könnte ausgerechnet in ihren eigenen Wünschen nach Macht und Zugehörigkeit liegen.
Schon die Vermarktung von Marie Lus Red City zeigt, wie unterschiedlich sich der Roman einordnen lässt. Während die amerikanische Ausgabe mit „The Godfather meets The Magicians“ vor allem Magie und organisiertes Verbrechen in den Vordergrund stellt, setzt Piper für die deutsche Ausgabe mit „Romeo & Julia meets Der Pate“ deutlich stärker auf die tragische Liebesgeschichte.
Auch die ersten internationalen Kritiken loben vor allem die Mischung aus Crime-Drama, Magie und gesellschaftlichen Gegensätzen. Im Zentrum stehen Sam und Ari, zwei Außenseiter*innen, die sich in einer Welt behaupten müssen, die von Reichtum, Macht und Privilegien geprägt ist.
Doch wie gut gelingt es Marie Lu tatsächlich, all diese Elemente zusammenzubringen? Und ist Red City am Ende eher tragische Liebesgeschichte, düstere Crime-Fantasy oder doch Gesellschaftskritik?
angedeutete Vergewaltigung, Gewalt
Story
In der Metropole Angel City lernen sich Sam und Ari als Kinder kennen und werden über die Jahre enge Freund*innen. Viel wissen sie allerdings nicht über das Leben der jeweils anderen Person außerhalb der Schule. Dabei ähneln sich ihre Lebensumstände stärker, als sie ahnen. Beide geraten schon früh in die verborgene Welt der Alchemie. Jahre später stehen sie schließlich auf entgegengesetzten Seiten: Sam gehört zu Grand Central, Ari zu Lumines. Zwei Syndikate, die im Verborgenen um Macht und Einfluss kämpfen und sich auf einen Krieg vorbereiten.
Als Tochter einer chinesischen Einwanderin wächst Sam in prekären Verhältnissen auf. Ihre Mutter arbeitet unermüdlich, trotzdem sind Geldsorgen ein ständiger Begleiter. Sam selbst wird von anderen leicht übersehen, besitzt aber ein außergewöhnlich gutes Gedächtnis und ein enormes Talent für Alchemie. Getrieben von ihrem Begehren nach einem besseren Leben, steigt sie bei Grand Central schnell auf und erhält schließlich den Beinamen Mozart.
Teile ihrer Kindheit beruhen auf Marie Lus eigenen Erfahrungen als Kind einer eingewanderten Familie. Gerade deshalb wirkt Sams Wunsch nach sozialem Aufstieg so glaubhaft. Ihre Ambitionen entstehen nicht aus dem Nichts, sondern aus Armut und Unsicherheit.
Ari kommt ebenfalls aus einfachen Verhältnissen. Als Kind wird er von dem wohlhabenden Mr Rudra aus Indien in die USA gebracht. Dort wird er für Lumines zum Alchemisten ausgebildet und kann gleichzeitig Geld an seine Familie schicken. Was zunächst wie eine einmalige Chance wirkt, wird schnell zu einem Abhängigkeitsverhältnis. Ari besitzt großes Talent, doch Lumines sieht in ihm vor allem eine Klinge, die sich für die eigenen Zwecke einsetzen lässt.
Das Magiesystem verknüpft die Urban-Fantasy-Welt eng mit den gesellschaftlichen Themen des Romans. Jede alchemistische Transmutation, wie das Verwandeln von Blei in Gold, kostet die Alchemist*innen einen Teil der eigenen Seele. Dieser Verlust ist nicht nur schmerzhaft, sondern hat auch langfristige Folgen: Die Seele regeneriert sich nur begrenzt, sodass häufige oder besonders anspruchsvolle Alchemie die Lebensspanne verkürzen kann. Je mächtiger eine Person also wird, desto mehr gibt sie von sich selbst dafür auf.
Gerade deshalb funktioniert die Alchemie nicht nur als phantastisches Element, sondern auch als starke Metapher. Was sind Menschen bereit zu opfern, um erfolgreicher, schöner, mächtiger oder sicherer zu werden? Besonders deutlich wird das durch die Droge „Sand“, die Nutzer*innen eine nahezu perfektionierte Version ihrer selbst verspricht.
Der Roman beschreibt Perfektion und das Gefühl von Heimat dabei bewusst als Gegensätze: Wer ständig versucht, sich selbst oder das eigene Leben weiter zu verbessern, kann kaum jemals das Gefühl haben, wirklich angekommen zu sein. Gerade für Sam und Ari, deren Lebenswege von Migration, Armut und dem Wunsch nach Zugehörigkeit geprägt sind, bekommt dieser Konflikt eine besondere Bedeutung. Red City stellt damit nicht nur die Frage, welchen Preis Macht hat, sondern auch, ob das ständige Streben nach einem besseren Leben am Ende überhaupt zu dem Gefühl führen kann, endlich genug zu haben.
Eine der unangenehmsten Ebenen des Romans liegt in den Machtverhältnissen zwischen den Syndikaten und ihren jungen Talenten. Sam und Ari werden bereits als Minderjährige entdeckt, ausgebildet und früh an Organisationen gebunden, die ihre Fähigkeiten gezielt für sich nutzen. Besonders problematisch wirken deshalb ihre späteren romantischen und sexuellen Beziehungen zu Personen aus diesem Umfeld, die sie schon als Kinder beziehungsweise Jugendliche kannten und zugleich Einfluss auf ihre Ausbildung und Zukunft hatten.
Bei Ari wird diese Abhängigkeit noch besonders deutlich. Als Bioalchemist soll er Menschen nicht nur beeinflussen, sondern ihnen auch persönlich und körperlich nahekommen. Teilweise schläft er mit seinen Zielpersonen. Ari selbst weist zwar zurück, dass es sich dabei um Prostitution handelt, doch angesichts seiner Abhängigkeit von Lumines bleibt die Frage, wie frei diese Entscheidungen tatsächlich sind. Dass diese Machtverhältnisse im weiteren Verlauf der Geschichte kaum reflektiert werden, verstärkt den Eindruck, dass ihre Problematik nicht bewusst als erzählerisches Mittel eingesetzt wird.
Die Handlung lebt insgesamt von mehreren Ebenen gleichzeitig: dem Konflikt der Syndikate, Sams und Aris persönlicher Entwicklung, ihren komplizierten Beziehungen und der immer größer werdenden Bedrohung eines Krieges. Dabei bleiben die Figuren, ähnlich wie bei der Dark Academia-Reihe The Atlas Six, moralisch grau. Gerade weil ihre Entscheidungen häufig aus Armut, Verletzungen, Loyalität oder dem Wunsch nach Zugehörigkeit entstehen, kann man ihre Beweggründe nachvollziehen, ohne jede Entscheidung gutheißen zu müssen.
Schreibstil
Mit Red City legt Marie Lu ihr erstes ausdrücklich für ein erwachsenes Publikum geschriebenes Buch vor. Das zeigt sich nicht nur in der düsteren Stimmung oder der stärkeren Gewaltdarstellung. Lu selbst beschreibt den Unterschied vor allem in der größeren zeitlichen und emotionalen Perspektive. Während viele ihrer Jugendbücher sehr unmittelbar erzählen, wollte sie hier stärker zeigen, wie Entscheidungen über Jahre hinweg nachwirken und wie Figuren ihre eigenen Erlebnisse später neu einordnen. Dazu kommt ein sehr bildhafter Sprachstil, der die Empfindungen der Charaktere greifbar macht.
Der Roman ist im Präsens geschrieben und wird überwiegend aus der Perspektive von Sam und Ari erzählt. Statt der von Lu häufig verwendeten Ich-Perspektive kommt dabei die dritte Person zum Einsatz. So bleibt man beiden Figuren nah, hat aber gleichzeitig genug Abstand, um ihre Entwicklung und ihre Gegensätze wahrzunehmen. Einzelne Kapitel aus der Sicht von Nebenfiguren erweitern den Blick auf die Welt zusätzlich.
Auch die Figurenzeichnung profitiert von den Perspektivwechseln. Ari wirkt nach außen oft charismatisch und souverän, während seine Kapitel zeigen, wie viel Unsicherheit hinter dieser Fassade stecken. Sam wiederum verbindet ihre Verletzlichkeit mit einem starken Ehrgeiz und dem Wunsch, endlich gesehen und ernst genommen zu werden.
Red City ist in drei Teile gegliedert. Im ersten begleitet man Sam und Ari durch ihre Kindheit und Jugend, erlebt ihr Kennenlernen und sieht, wie beide nach und nach in die Welt der Alchemie hineingezogen werden. Dabei gibt es immer wieder größere Zeitsprünge von mehreren Jahren.
Lus Erzählweise bleibt dabei angenehm direkt und gut zugänglich. Das Alchemiesystem wird nicht in langen theoretischen Erklärungen vorgestellt, sondern Stück für Stück über Ausbildung und die Erfahrungen der Figuren erschlossen. Dadurch bleibt die Welt trotz ihrer vielen Regeln gut verständlich.
Die deutsche Ausgabe wurde von Ulrike Gerstner übersetzt. Der Roman liest sich flüssig, die Dialoge wirken natürlich und auch die bildhaften Passagen behalten ihren Reiz.
Die Autorin
Marie Lu wurde 1984 in Wuxi, China, geboren und ist vor allem für ihre Bestsellerreihen Legend, The Young Elites und Warcross bekannt. Nach ihrem Studium an der University of Southern California arbeitete sie zunächst als Künstlerin in der Videospielbranche, unter anderem für Disney Interactive Studios. Heute lebt sie als Vollzeitautorin mit ihrer Familie in Los Angeles. Red City ist ihr erster Roman für ein erwachsenes Publikum.
- Verlag: Piper
- Autorin: Marie Lu
- Erscheinungsdatum: 04.09.26
- Sprache: Deutsch (Aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Gerstner)
- Format: Klappenbroschur
- Seitenanzahl: 592
- ISBN: 978-3492711111
- Preis: 18,00 EUR (Print) + 5,99 EUR (E-Book)
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon (Englisch, Deutsch)
Bonus/Downloadcontent
Der Geschichte vorangestellt sind mehrere hilfreiche Übersichten: eine Liste gebräuchlicher Alchemistensymbole, die verschiedenen Alchemielehren samt Zeichen und Kurzbeschreibungen sowie eine Auflistung der mächtigsten Alchemiesyndikate. Gerade bei den vielen Begriffen und Fraktionen lädt das immer wieder zum Zurückblättern ein. Am Ende des Buches folgt außerdem eine Danksagung der Autorin, in der sie auf ihre Inspiration für die Geschichte eingeht.
Fazit
Red City überzeugt vor allem durch sein durchdachtes Magiesystem, die moralisch ambivalenten Figuren und die enge Verbindung von Phantastik und realen gesellschaftlichen Themen. Besonders spannend ist, wie Marie Lu Alchemie mit Fragen nach sozialem Aufstieg und dem Preis von Ehrgeiz verknüpft. Sam und Ari sind dabei zwei starke Hauptfiguren. Ihre gemeinsame Vergangenheit und ihre Zugehörigkeit zu rivalisierenden Syndikaten sorgen für Spannung, ohne dass die Liebesgeschichte allein im Mittelpunkt steht. Wer durch den deutschen Vergleich „Romeo & Julia meets Der Pate“ vor allem eine große tragische Romantasy erwartet, könnte deshalb überrascht werden. Der Stil bildhaft und trotz des komplexeren Worldbuildings angenehm zugänglich.
Insgesamt bietet Red City eine spannende Urban-Fantasy-Geschichte mit starken Ideen, viel Atmosphäre und genügend Stoff für Diskussionen. Im Frühjahr 2027 soll mit Silver Dawn der zweite Band erscheinen, diesmal mit einem stärkeren Fokus auf Europa. Wer also wissen will, wie es mit Sam und Ari weitergeht, darf gespannt bleiben.

- Bildgewaltige Sprache
- Durchdachtes, thematisch stark eingebundenes Alchemiesystem
-
Problematische Machtgefälle in romantischen Beziehungen
Artikelbilder: © Piper
Layout und Satz: Mika Eisenstern
Lektorat: Maximilian Düngen
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.
Dieser Artikel enthält Affiliate-Links. Durch einen Einkauf unterstützt ihr Teilzeithelden, euer Preis steigt dadurch nicht.



















