Im neuesten Werk der Erfolgsautorin V.E. Schwab kämpfen drei außergewöhnliche Frauen für Selbstbestimmung und gegen soziale Normen. Spitze Zähne, Hunger und (Blut-)Lust sind nur einige der Eigenschaften, die sie verbindet. Wo sich ihre Wege kreuzen, fließt reichlich roter Lebenssaft und Rache überdauert lange, vor allem, wenn man unsterblich ist.
Drei Frauen – drei Jahrhunderte – eine gemeinsame Geschichte. Maria aus Santo Domingo de la Calzada um 1532 ist, obwohl wild und freiheitsliebend, in einer unglücklichen Ehe mit einem spanischen Edelmann gefangen. Als eine geheimnisvolle Fremde ihr einen Ausweg anbietet, trifft Maria eine wegweisende Entscheidung und schwört, niemals wieder etwas zu bereuen. Dann ist da noch Charlotte, die 1827 in London verheiratet werden soll, doch mit einer Adligen durchbrennt und ein Leben in Freiheit und Sünde vorzieht. Diese Freiheit kommt jedoch mit einem hohen Preis. Ist sie wirklich bereit, diesen auf Dauer zu zahlen? Und 2019 wacht Alice in Boston nach einem One-Night-Stand plötzlich mit einer seltsamen Halswunde und unendlichem Hunger auf. Die anschließende Jagd, getrieben von Rache und dem Wunsch nach Antworten, wird blutig und offenbart Verbindungen zwischen allen drei Frauen, welche weitreichende Folgen haben werden.
Die Geschichte rund um Alice, Charlotte und Maria liest sich vor allem als Charakterstudie der drei Frauen durch die unterschiedlichen Epochen. Bury Our Bones in the Midnight Soil ist zwar im Kern ein Vampirroman, aber unter der Oberfläche brodeln viele weitere Themenfelder, welche im Laufe der Handlung unterschiedlich stark beleuchtet werden. Dazu gehören die Rolle der Frau im frühen 16. Jahrhundert oder zur Regency-Zeitepoche Englands, die (Nicht-)Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Liebe damals wie heute und die Frage, wie man im Angesicht der Unsterblichkeit die eigene Menschlichkeit erhalten kann.
Blut, Homophobie, Mord, Tod
Inhaltsverzeichnis
Story
Begrab meine Knochen in der Mitternachtserde,
pflanze sie flach und wässer sie reich,
lass sprießen daraus eine tödliche Rose,
mit roten Blüten und Fängen so bleich.
Maria nimmt im Rahmen der Geschichte die größte Rolle ein. Ihre Reise beginnt im Spanien des frühen 16. Jahrhunderts. Sie ist freiheitsliebend und will eigentlich nur aus der Enge der Kleinstadt entfliehen, in der die einzige Attraktion die zahlreichen Pilgernden sind, die auf der Durchreise des Jakobswegs Einkehr suchen. Als sie die Chance sieht, mit einem Edelmann verheiratet zu werden, der ein aufregenderes Leben verspricht, ergreift sie diese. Doch die Ehejahre sind geprägt von Übergriffen und Ignoranz ihres Mannes, weshalb sie die Möglichkeit, die ihr eine geheimnisvolle Witwe in Aussicht stellt, ergreift, nichtsahnend, dass dies das Ende ihres sterblichen Lebens ist. Ihre Reise durch Spanien und Italien der nächsten Jahrhunderte ist spannend geschrieben und die auftretenden Nebencharaktere sind durchweg interessant. Die Geschichten dieser sind so einzigartig, dass sie gern mehr Raum im Rahmen der Handlung hätten einnehmen dürfen.
Im England des beginnenden 19. Jahrhunderts startet die Ballsaison, in welcher die Töchter aus gutem Hause adäquate Ehemänner bei Hofe finden sollen. Charlotte wird nach einem Vorfall in ihrer Heimat nach London geschickt, um dort verheiratet zu werden. Doch sie interessiert sich weder für die Gesellschaft noch für Männer und so ist es eine Edeldame, die ihre Aufmerksamkeit gewinnt. Die Zerrissenheit zwischen ihrer Verpflichtung einerseits und andererseits dem Drang, sie selbst zu sein, wird in den Kapiteln aus Charlottes Perspektive sehr deutlich. Vor allem zu Beginn erinnert ihre Geschichte ein wenig zu sehr an die TV-Serie Bridgerton, bekommt jedoch im weiteren Verlauf ihren eigenen Reiz durch die starken widersprüchlichen Gefühle über das Vampir-Dasein.
Im heutigen Boston beginnt die junge Alice ein Studium weit entfernt ihrer eigentlichen Heimat Schottlands. Sie hofft, ihre tragische Vergangenheit hinter sich lassen zu können und doch erscheint ihr die Herausforderung oftmals zu groß. An dem Abend, als sie beschließt, ihrem neuen Leben endlich eine Chance zu geben und etwas mehr aus sich herauszukommen, lernt sie Lottie kennen und lässt sich auf einen One-Night-Stand ein, welcher unumkehrbare Folgen hat. Alleingelassen und verwirrt versucht sie sich mit der neuen Veränderung zu arrangieren und sucht gleichzeitig nach der Verursacherin dieser.
V.E. Schwab gelingt es außergewöhnlich gut, die drei verschiedenen Perspektiven sinnvoll miteinander zu verbinden und eine tolle, durchdachte Charakterstudie zu schaffen. Nach ihrer Kurzgeschichte First Kill, die von Netflix adaptiert wurde, ist das ihr zweiter Ausflug in die Welt der Vampire. Laut eigener Aussage ist dies ihr persönlichstes Werk, in welchem sie ihre eigene Sexualität verarbeitet. Die Liebe, die in diesen Einzelband geflossen ist, merkt man vor diesem Hintergrund deutlich an der Tiefgründigkeit der starken Protagonistinnen. Was am Ende nur etwas zu kurz kommt, ist die eigentliche Geschichte. Was fehlt, ist ein verbindendes Handlungselement über das Vampir-Dasein und der Queerness der Charaktere hinaus. Wie schon in Schwabs Roman Das unsichtbare Leben der Addie LaRue, ist kein besonders starker Spannungsbogen zu erkennen. Es zeigt sich also auch hier wieder, dass die Romane der Autorin definitiv nicht für jede*n Phantastikbegeisterte*n etwas sind.
Schreibstil
Der poetische Schreibstil, für den V.E. Schwab bekannt ist, findet sich auch in Bury Our Bones in the Midnight Soil wieder. Ihre blumige Sprache wird vor allem in den Kapiteln aus Charlottes Sicht angewendet und unterstützt die geschichtliche Periode, in welcher ihre Erzählung startet. Der Schreibstil ändert sich dagegen klar in den beiden anderen Perspektiven von Alice und Maria. Kapitel aus Marias Sichtweise sind sehr direkt und ausdrucksstark geschrieben. Die Sätze sind eher kurz und prägnant, statt ausschweifend wie bei Charlotte. Besonders herausstehend ist die Perspektive von Alice. Die Sprache und der Satzbau sind hektisch, Sätze teils sehr lang und mit vielen Informationen und Emotionen gespickt. Dadurch werden die Gefühle und Gedanken direkt an die Lesenden übertragen und endlich ein Satzzeichen zu finden ist fast wie ein Durchatmen beim Lesen.
Diese Veränderung ist ein besonderer stilistischer Kniff und selten bei Autor*innen zu lesen, selbst wenn es mehrere unterschiedliche Perspektiven im Buch gibt. Hier können sich andere Schreibende noch ein Beispiel dran nehmen. Die teils explizit geschilderten Grausamkeiten werden stets aus der dritten Person erzählt, was den Lesenden einen gewissen Abstand zum Geschehen ermöglicht.
Die Übersetzung ist von den Stammübersetzerinnen Schwabs, Petra Huber und Sara Riffel, angefertigt worden, was dem gleichbleibenden Stil der Autorin im Deutschen zugutekommt. Für die Fangemeinde ergibt sich daher ein stimmiges sprachliches Gesamtbild über viele Werke.
Die Autorin
Bekannt wurde Victoria E. Schwab, über die wir hier schon einmal berichtet haben, hierzulande vor allem durch ihre Shades of Magic-Trilogie. Die Autorin fühlt sich sowohl im klassischen, als auch im Urban Fantasy Genre zuhause. Von Geistergeschichten über musikaffine Monster, Superbösewichte und verlorene Erinnerungen behandeln ihre Bücher immer wieder neue phantastische Themen und sind somit stets für eine Überraschung gut. Heute lebt Schwab in ihrer Wahlheimat Schottland. Über ihre aktuellen Projekte informiert sie auf ihrer Website.
Erscheinungsbild
Das deutsche Cover entspricht dem englischen Originalcover und wird durch eine phosphoreszierende Schrift im Titel aufgewertet, die im Dunkeln leuchtet. Dazu passend wurde in der Erstauflage der blaue Farbschnitt gestaltet, welcher mit Rosenornamenten veredelt ist. Insgesamt wirkt die Gestaltung sehr hochwertig.
Die harten Fakten:
- Verlag: FISCHER Tor
- Autorin: V.E. Schwab
- Erscheinungsdatum: 25. Juni 2025
- Sprache: Deutsch (Aus dem Englischen übersetzt von Petra Huber und Sara Riffel)
- Format: Hardcover
- Seitenanzahl: 688
- ISBN:978-3596710324
- Preis: 26,00 EUR (Print) + 19,99 EUR (E-Book)
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Bezugsquelle Fachhandel, Amazon (Deutsch), Amazon (Englisch)
Bonus
Wer ein signiertes Exemplar des Buches haben möchte, sollte sich zeitnah eine Ausgabe der US-Erstauflage sichern, da die Autorin diese (ca. 300.000 Bücher) vollständig handsigniert hat.
Fazit
In Bury Our Bones in the Midnight Soil verbindet die Autorin V.E. Schwab gekonnt die Geschichten dreier starker Frauen miteinander. Maria, welche aus einer unglücklichen Ehe in die Unsterblichkeit flieht, um keine Grenzen mehr zu akzeptieren und Teile Europas in Schrecken zu versetzen. Charlotte, die in der Ballsaison in England lieber einer reichen Edeldame schöne Augen macht, statt sich standesgemäß in die Gesellschaft einführen zu lassen. Und Alice, die nach einem One-Night-Stand nicht mehr dieselbe ist und ihren Hunger auf Blut und Rache freien Lauf lässt.
Dieser Roman ist ein Aushängeschild für queere Vampirgeschichten, in welchen die Blutsauger*innen definitiv nicht zum Kuscheln einladen, sondern sich auf grausame Art und Weise die Frage stellt, inwiefern man die eigene Menschlichkeit in der Unsterblichkeit erhalten kann. Sowohl die individuellen Erlebnisse der drei Frauen gehen unter die Haut, wie auch der variierende Schreibstil, welcher das Buch zu einem besonderen Highlight macht. Allein das Fehlen einer übergeordneten Handlung, könnte die Leselust trüben. Es geht eindeutig mehr um die Beziehungen der Protagonistinnen, als darum, die Welt zu retten oder ins Chaos zu stürzen.
Wer einen blutigen Einzelband mit Vampiren, tiefgehenden Haupt- und Nebencharakteren und queerer, teils toxischer, Liebe sucht, kann hier beherzt zugreifen.

- Starke Protagonistinnen
- Verbundene Erzählung über mehrere Jahrhunderte
- Abwechslungsreicher Schreibstil
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Fehlende übergeordnete Handlung
Artikelbilder: © FISCHER Tor
Layout und Satz: Konstantin Paessler
Lektorat: Lidia Strauch
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