Geschätzte Lesezeit: 10 Minuten

Die Gangs von Necromunda finden sich in der neuen Box in den dunklen Tiefen einer riesigen Stadtruine wieder. Auf der Suche nach wertvoller alter Technik müssen sie nicht nur gegen andere Gangs bestehen. Mit Necromunda: Hive Secundus bringt Games Workshop ein etwas anderes Grundset auf den Markt, das eine Menge Spaß verspricht.

Wer bei dem neuen Necromunda Spielset eine klassische Zusammenstellung von zwei Gangs erwartet, die sich munter die Gebiete und Ressourcen abjagen, wird überrascht sein – aber vermutlich positiv. Mit Necromunda: Hive Secundus bekommt man nämlich genau das, was dieses System ausmacht. Games Workshop liefert eine düstere Hintergrundgeschichte voller Tod und Schrecken und eine perfekt darauf abgestimmte narrative Spielkampagne für zwei Personen, die Neuanfänger*innen, aber auch erfahrenen Spieler*innen spannende Stunden bescheren wird.

Wer seine altgedienten Reck*innen gerne etwas freier oder in größerer Runde durch den gefährlichen Untergrund von Hive Secundus führen möchte, erhält mit Necromunda: The Book of Desolation das richtige Handwerkszeug dazu. Begleitet werden die Regeln und Hintergrundgeschichten mit einer guten Anzahl neuer Modelle und Geländestücke.

Ladet die Schrotflinten und schaltet das Nachtsichtgerät ein, denn wir begeben uns in die Tiefen von Hive Secundus!

Triggerwarnungen

Keine besonderen Trigger bekannt.

[Einklappen]

Der Sturz des Juwels von Necromunda – die Geschichte von Hive Secundus

Hive Primus, die Hauptbühne des ursprünglichen Spiels, dürfte den meisten Spieler*innen bereits bekannt sein. Von Hive Secundus sind in der imperialen Welt allenfalls dunkle Gerüchte zu hören. Einst war Hive Secundus ein Leuchtturm des Wissens. Über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg sammelten Gelehrte dort das Wissen von Necromunda an. Für alle Häuser und Städte Necromundas war die Makropole schließlich neutrales Gebiet, wollte man die ansässige Gilde doch nicht erzürnen und sich möglicherweise vom Zugang zu unschätzbarem Wissen abschneiden.

Die unbehelligte Forschung hatte jedoch auch ihre dunklen Seiten. Als Genexperimente eines Wissenschaftlers mit Tyraniden fehlschlugen und sich eine Genestealer-Seuche langsam in der Stadt ausbreitete, wurde lange der Mantel des Schweigens über die Angelegenheit gebreitet. An dem Punkt, als der Kult mutierter Genestealer schließlich die Macht übernahm, war es zu spät. Aufgrund der Bedeutung des Planeten Necromunda kam eine komplette Zerstörung in Form eines Exterminatus nicht in Frage. So wurde Hive Secundus abgeriegelt und in Grund und Boden gebombt.

Doch wenn die Herrscher davon ausgingen, nun das Problem erledigt zu haben, täuschten sie sich. Tief im Untergrund hatten zahlreiche Mitglieder des Kults, aber auch tausende Menschen überlebt, die langsam in die Fänge des mutierten Primarchen des Kults getrieben wurden. Zudem hatten auch zahlreiche Datenkristalle voll mit unschätzbarem Wissen der Vernichtung getrotzt.

Der Reichtum, den diese Datenkristalle und verlorene Technologien von Hive Secundus verheißen, zieht immer wieder neue Gangs an, die ihr Leben in den Underhells der zerstörten Makropole aufs Spiel setzen und dem Genestealer Kult immer wieder neues Frischfleisch liefern. Begleitet werden sie von Spyre Hunters. Diese jungen Adligen aus den oberen Schichten der Makropole Hive Primus begeben sich auf gefährliche Jagd in den unteren Ebenen, um sich Ruhm und Ehre zu verdienen. Sie tragen hoch entwickelte Kampfrüstungen und sind mit modernsten Waffen ausgestattet. Ihre Missionen sind oft tödliche Prüfungen, die ihre Fähigkeiten und ihren Mut unter extremen Bedingungen testen sollen. Die Gangs, die sie begleiten, tun ihnen als Köder für die wahren Monster gute Dienste.

Mutierte Genestealer und Schnösel in Superrüstungen – der Inhalt der Box

Wer mit großem Gelände gerechnet hat, wie es bei vorherigen Boxen üblich war, greift hier leider ins Leere. Zwei beidseitige Karten und einige Türelemente sind alles, was die Box anzubieten hat. Wer mehr haben möchte, muss dies separat erwerben.

Die Figuren machen jedoch einiges gut. Einige der enthaltenen Modelle wären einem John Blanche würdig. Die Verzerrtheit der mutierten Malstrain Genestealer verunsichert auf eine schaurig-schöne Art und Weise. Beim Brood Scum, den Genestealer-Kultisten, handelt es sich um die bekannten Hive Scum Modelle mit mutierten Kopfvariationen. Begleitet werden die Bewohner der Underhells schließlich noch von an schwebende Gehirne erinnernde Malstrain Tyramites, die das Grauen komplettieren.

Dem entgegen stehen zwei Spyre Hunter mit beindruckenden Orrus-Anzügen, acht Van Saar Gang-Mitglieder und ein Caryatid Prime.

An Regeln und Spielmaterial bietet die Box neben zwei Linealen, Spielmarkern, Blast-Schablonen und Necromunda-Würfel noch ein umfangreiches Regelbuch. Dieses enthält die kurzweilig erzählte Hintergrundgeschichte, die Grundregeln des Spiels nebst Regeln für Psioniker*innen, Spielwerte der enthaltenen Modelle und eine umfangreiche und stimmungsvolle Kampagne. Zudem sind Referenzkarten beigelegt, auf denen die Spielwerte und Gegenstände schnell und übersichtlich nachzuschlagen sind.

Was die Box also an Gelände vermissen lässt, macht sie durch die Modelle und insbesondere die Kampagne wett. Wer sich in die albtraumhaften Tiefen von Hive Secundus wagt, wird mit einer fesselnden Erfahrung belohnt, die jeden Spielabend zu einem unvergesslichen Abenteuer macht.

Neues Gelände: Die zerstörte Zone Mortalis und Hive Data Stack Cluster

Die separat erhältliche Zerstörte Zone Mortalis für weiterführende Schlachten in Hive Secundus fügt sich nahtlos in das bekannte Zone Mortalis-Gelände ein. Das Gelände ist modular gehalten und mit den bisherigen Zone Mortalis Geländestücken kompatibel. Wer die Wände, Rohre und Brücken ohne Klebstoff flexibel nutzen möchte, sollte über Magnetisieren nachdenken. Einige Bestandteile werden nur lose aufgelegt oder angesteckt und neigen dazu bei kleinster Erschütterung herunterzufallen.

Neben Wänden und Pfeilern hat Games Workshop zudem noch Hive Data Stack Cluster herausgebracht. Kleine entnehmbare Datenkristalle machen die beiden Cluster sehr lebendig und authentisch im Spiel einsetzbar. Die 41 Euro muss man allerdings auch zu zahlen bereit sein.

Zwischen Tod und Reichtum – die Underhells Kampagne

Necromunda: Hive Secundus ist vor allem ein erzählerisches Spiel und erinnert fast an Brettspielklassiker wie Star Quest und Space Hulk. Der Arbitrator (aka. Spielleiter*in) übernimmt dabei die Rolle des Malstrain, bestehend aus Genestealern, menschlich anmutenden Brood Scum und Tyramites. Das Gegenüber schlüpft in die Haut einer Incursion Gang bestehend aus Van Saar-Gangern und angeführt von einem Orrus Spyre Hunter. Auch der Einsatz einer eigenen bestehenden Gang ist möglich. Jedoch werden die Anführer*innen immer gegen einen Orrus Spyre Hunter ausgetauscht.

Die Incursion Gang folgt bekannten Necromunda-Regeln, mit einigen Abstrichen. Weder Einkommen noch ein Besuch des Handelspostens spielen in der Underhells-Kampagne eine Rolle. Jedoch könne Erfahrungspunkte gesammelt und neue Eigenschaften erworben werden. Der Spyre Hunter hat einen ganz eigenen Mechanismus von zu erwerbenden Upgrades und erlittenen Glitches, die durch Schäden am Anzug verursacht werden. Über die Zusammensetzung der Malstrain-Truppen entscheiden das jeweilige Szenario und gewählte Territorium, die eine bestimmte Anzahl von Punkten zur Verfügung stellen.

Über acht Spielphasen dringen die Mitglieder der Incursion Gang immer weiter in Hive Secundus vor, bis sie am Ende einem mächtigen Endgegner in einer alles entscheidenden Abschlussschlacht gegenüberstehen. Dabei kämpfen sie sich in zufällig gewählten Szenarios durch unterschiedliche Territorien. Im Falle eines Sieges bieten die Territorien ihnen, wie aus anderen Necromunda-Szenarien bekannt, verschiedene Boni wie Wiederholungswürfe oder zusätzliche Erfahrungspunkte. Durch das Auffinden alter Technologie, das Herstellen von Gegenständen und Erfahrungspunkte verbessern sich die Gangmitglieder, was auch nötig ist bei immer weiter steigenden Gegnerzahlen. Zusätzliche Sonderregeln wie eingeschränkte Sicht oder Paniktest die von allein stehenden Incursion Kämpfer*innen bestanden werden müssen, runden die düstere Stimmung weiter ab.

Die Kampagne bietet gerade Neueinsteiger*innen die Chance, langsam in das Spielsystem einzusteigen. Aber auch für altgediente Ganganführer*innen hat die Kampagne einen großen Reiz. Natürlich ist das Fehlen einer zweiten „klassischen“ Gang ein kleiner Abstrich. Jedoch ist der Arbitrator bei weitem nicht untätig, macht es doch diebische Freude, die Eindringlinge Stück für Stück zu zerlegen und in den Wahnsinn zu treiben.

Es wird heiß in den Underhells – The Book of Desolation

Wen es zu einer komplexeren und freieren Kampagne in den Underhells treibt, der wird in Necromunda: The Book of Desolation fündig. Grundkonzept dieser Kampagne ist der zwischen Eindringlingen und Verteidigern des Hive Secundus tobende Wettstreit. Die zugehörigen Regeln und neuen Gangs werden ebenfalls in dem Band mitgeliefert.

Auf der Seite der Eindringlinge lässt sich so eine reine Spyre Hunting Party zusammenstellen, die neben den aus dem Grundspiel bekannten Orrus-Kampfanzügen noch weitere Variationen, wie geflügelte Yeld Spire Hunters oder den spinnenartigen Malcador Spyre Hunter. Die aus Hive Secundus bekannten Incursion Gangs finden sich ebenfalls wieder.

Auf der Gegenseite lassen sich tatsächliche Malstrain Gangs bilden, die ganz regulär Erfahrungspunkte sammeln können. Korrumpierte Gangs stehen ebenfalls auf Seiten des Genestealer Kults, um die Eindringlinge zurückzudrängen.

Die Kampagne wechselt zwischen drei Spielphasen, in denen immer tiefer in Hive Secundus eingedrungen wird und zwei Ruhephasen die der Regeneration und Rekrutierung dienen. Anders als im Grundset werden im Verlauf keine Territorien erobert sondern ein einziges pro Phase zugewiesen. Vor allem geht es darum Exploration Points zu erhalten, um die Kampagne voranzutreiben.

Eine neue Runde von Szenarien wird erfahrene Spieler*innen nicht hinter dem Ofen hervorlocken. Es sind vor allem die Zusatzregeln, welche die Kampagne stimmungsvoll und rund machen. Mit jeder tieferen Ebene wird die Gefahr, in den Wahnsinn getrieben zu werden, für Eindringlinge größer, während es den korrumpierten und Malstrain-Gangs immer besser geht. Gangequipment ist nicht mehr abrufbar. Die Sicht wird erschwert und der Handelsposten wird immer karger ausgestattet. Auf jedem Schlachtfeld finden sich zudem unabhängige Malstraintruppen, die jedes Team attackieren.

Am Ende der drei Phasen werden verschiedene Triumphe verliehen, beispielsweise für die Gang mit den meisten erlegten Malstrain-Modellen oder der höchsten Siegquote. Ein klares Gewinnziel ist nicht formuliert außer sehr treffend „schon in Hive Secundus zu überleben ist ein Sieg“. Und genau diese Grundidee wird sehr gelungen in der Kampagne des Bandes The Book of Desolation umgesetzt.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Games Workshop
  • Erscheinungsjahr: 2024
  • Sprache: Englisch
  • Spieler*innen-Anzahl: 2 / 2+
  • Alter: ab 12
  • Preis: Necromunda: Hive Secundus 140,00 EUR, Book of Desolation 41,00 EUR, Zerstörte Zone Mortalis 67,50 EUR, Hive Data Stack Cluster 41,00 EUR [UVP]
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo, KuTaMi

 

Fazit

Es ist ein schweres Unterfangen, die immense Komplexität des Spieles Necromunda auf der einen Seite herunterzubrechen, auf der anderen Seite für erfahrene Spieler*innen aufrechtzuerhalten. Necromunda: Hive Secundus gelingt dies durch eine erfolgreiche Verknüpfung von Hintergrund, Szenarien und Regeln, wenn auch auf zwei Personen beschränkt. Was der Box am Ende an Tiefe, Komplexität oder einfach auch Spieler*innenzahl fehlt, bietet der inhaltlich verknüpfte Band The Book of Desolation. Durch den freieren Rahmen muss hier einiges an Narrativ durch den Arbitrator und die Spieler*innen selbst geschaffen werden. Doch auch hier werden Spielmechanismen und Hintergrundgeschichte so gut verzahnt, dass man mit einem guten Handwerkszeug ausgerüstet in eine actionreiche Kampagne begleitet wird.

Für Necromunda gibt es einen inzwischen einen Berg von Kampagnen, von Dämoneninvasionen bis hin zum ewigen Kampf um Ganggebiete. Trotzdem gelingt es dem Necromunda-Team von Games Workshop mit dem aktuellen Setting in Hive Secundus wieder etwas Neues zu schaffen, was sowohl in kleiner als auch in großer Runde für gute Unterhaltung sorgt.

Necromunda: Hive Secundus

  • Gut geschriebener Hintergrund
  • Gelungene Verzahnung von Regeln und Fluff
  • Spannende Kampagne
 

  • Beschränkung auf zwei Spieler*innen
  • Regeln sind etwas abgespeckt

 

Necromunda: The Book of Desolation

  • Regeln sind etwas abgespeckt
  • Unterhaltsame Kampagne durch zwei Fraktionen
  • Stimmungsvolle passende Mechanismen

 

  • Neue Gangs für andere Kampagnen weniger geeignet

 

Artikelbilder: © Games Workshop Ltd.
Layout und Satz: Mika Eisenstern
Lektorat: Hendrik Pfeifer
Fotografien: Geoffrey Förste
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.


Dieser Artikel enthält Affiliate-Links. Durch einen Einkauf unterstützt ihr Teilzeithelden, euer Preis steigt dadurch nicht

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein