Der 21. Juli 2024 war weltweit der heißeste Tag seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Naturkatastrophen, die ursächlich mit dem menschengemachten Klimawandel zu begründen sind, häufen sich. Eine Besserung ist nicht in Sicht. Und doch gibt es literarische Visionen, wie die Zukunft aussehen kann. Manche stimmen hoffnungsvoller als andere.
Tod, Naturkatastrophen
Die Pole schmelzen, Fluten stehen meterhoch in Städten, in den Meeren fehlt Sauerstoff, ältere Menschen sterben aufgrund hoher Temperaturen: Fast täglich verkünden Medien neue Hiobsbotschaften. Da fällt es schwer, mit einem positiven Gefühl der Zukunft entgegenzublicken.
Und tatsächlich: Die überwiegende Mehrheit an Wissenschaftler*innen warnen seit Jahrzehnten vor den Folgen des menschengemachten Klimawandels.
Dies lässt sich bereits jetzt an konkreten Zahlen festmachen: In der Zeit zwischen 1950 und 2019 sind weltweit 4 zwei Millionen Menschen an den Folgen gestorben, Wetterkatastrophen haben sich in diesem Zeitraum verfünffacht. Eine Umkehr ist nicht in Sicht. Die Menschheit steht vielmehr vor der Herausforderung, sich mit dem Schmelzen von Gletschern, gravierenden Folgen für die Artenvielfalt und der weiteren Zunahme von Naturkatastrophen zu arrangieren.
Neben akut bedrohlichen Ereignissen, wie Hitzewellen, Dürren, Wirbelstürme, Überschwemmungen und Flächenbränden, sind es vor allem die schleichenden Veränderungen in der Umwelt, die Anlass zur Sorge bieten: das Schmelzen der Gletscher, der Anstieg des Meeresspiegels, das Versauern der Ozeane, die Versalzung der Böden und das Sinken des Grundwasserspiegels, um nur einige zu nennen. Welche konkreten Folgen dies für die Zukunft hat (und wann diese Folgen wirklich verheerend werden), kann nur in Modellen abgebildet werden.
Lösungen für die massive Bedrohung der Lebensgrundlagen werden durch Politik und Wirtschaft nicht angemessen angenommen und, zumindest in Deutschland, nur in kleinen Dosen umgesetzt. Dies lässt natürlich Raum für Überlegungen, wie es eigentlich weitergeht mit unserem blauen Planeten und seinen Bewohner*innen. Physik existiert, weswegen die Wissenschaft klare Prognosen abgibt. Für Autor*innen bietet sich die Gelegenheit, mittels ihrer Stimmen zum einen zu warnen und zum anderen Folgen und Auswege in Form persönlicher Schicksale aufzuzeigen.
Das Climate-Fiction (Cli-Fi, in Anlehnung an Sci-Fi) genannte Genre ist zwar klein, kann aber doch mit einigen Werken aufwarten, die zum Nachdenken anregen. Teilzeithelden hat sich einige Titel angesehen.
Die alte Garde (Thomas D. Lee)
England in nicht allzu ferner Zukunft: Der Anstieg des Meeresspiegels ist signifikant, die Wirtschaft liegt in der Hand von chinesischen Investor*innen und die Gesellschaft befindet sich in einem chaotischen Ausnahmezustand. Ein großes Frackingterminal wird zum Gegenstand enormer Befürchtungen. In dieser Gemengelage kommen alte Bekannte ins Spiel, deren ureigenstes Anliegen die Bewahrung von Britannien ist: Die Ritter der Tafelrunde. Wenn eine konkrete Bedrohungslage vorliegt, werden sie aus ihren Gräbern gerufen und sollen erneut in die Schlacht ziehen. Doch was sie dieses Mal erwartet, übersteigt alles, was sie bisher kannten.
Welche Lösungen werden aufgezeigt?
Lee hat vordergründig eine Lösung entwickelt, die ausschließlich im phantastischen Bereich angesiedelt ist: Die Rettung durch die Ritter der Tafelrunde. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass dieses Szenario eine praktikable Lösung für die Zukunft der Menschheit bietet und deshalb sollte niemand, der*die bei Verstand ist, Hoffnung daraufsetzen. Nichtsdestotrotz zeigt Lee einiges auf, was Hoffnung bieten kann: die Kraft der Rebellion und des Zusammenhalts. Junge Menschen, die sich organisieren und in den Widerstand gehen, da ihre Zukunft massiv bedroht wird. Es wird ersichtlich, dass die Rebellion nicht allein zur Verbesserung der katastrophalen Lage führt: Es braucht die Zusammenarbeit verschiedenster Gruppierungen, um das Überleben der meisten zu sichern.
Die harten Fakten
- Verlag: Heyne

- Autorin: Thomas D. Lee
- Erscheinungsdatum: 14.02.2024
- Sprache: Deutsch (Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Kempen)
- Format: Paperback
- Seitenanzahl: 624
- ISBN: 978-3-453-32229-5
- Preis: 18,00 EUR (Print) + 9,99 EUR (E-Book)
- Bezugsquelle Fachhandel, Amazon, idealo
Das Ministerium für die Zukunft (Kim Stanley Robinson)
Schon der Einstieg in diesen Roman beschreibt eine der größten Befürchtungen im Kontext der Klimakrise: Menschen in Schwellenländern sterben in großer Zahl. Ein Überlebender ist der Entwicklungshelfer Frank, der in die Schweiz reist, um die Menschen im namensgebenden Ministerium für die Zukunft zur Rechenschaft zu ziehen. Er bekommt dabei Hilfe von unerwarteter Stelle, ist aber nicht der Einzige, der sich nicht mit dem Status Quo abfinden will.
Das Buch zeigt die Auswirkungen der aktuellen Entwicklung aus verschiedenen Perspektiven und vollzieht dabei einen allumfassenden Blick, der verschiedene Akteur*innen und ihre Absichten fundiert recherchiert in Szene setzt.
Welche Lösungen werden aufgezeigt?
Ebenso wie die bestens recherchierten Schilderungen sind auch mannigfaltige Lösungswege präsentiert, die eines klar machen: Es geht nur allumfassend. Es ist nicht möglich, in nur einem Bereich etwas zu ändern, um eine Kehrtwende zu erreichen. Geo-Engineering, der Finanzsektor, die Wirtschaft, die staatenübergreifende Politik, einzelne Individuen (die auch durchaus radikal auftreten dürfen): All diese Faktoren werden präsentiert, um das Überleben großer Teile der Menschheit zu sichern. Dass dies immer mal wieder den Grundprinzipien des Kapitalismus zuwiderläuft, lässt Robinson mehr als einmal durchblicken.
Die harten Fakten
- Verlag: Heyne

- Autorin: Kim Stanley Robinson
- Erscheinungsdatum: 11.10.2021
- Sprache: Deutsch (Aus dem Englischen übersetzt von Paul Bär)
- Format: Paperback
- Seitenanzahl: 720
- ISBN: 978-3-453-32170-0
- Preis: 18,00 EUR (Print) + 8,99 EUR (E-Book)
- Bezugsquelle Fachhandel, Amazon, idealo
Am Ende der Welt liegt Duisburg am Meer (Sascha Pranschke)
Die Auswirkungen der Klimakatastrophe sind in ihrer ganzen Härte in Deutschland angekommen: Das Ruhrgebiet steht unter Wasser, es gibt keinen Strom mehr und die Überlebenden hausen in Trümmern. Stehlen, die Suche nach einem trockenen Schlafplatz und Misstrauen gegenüber allen Fremden sind an der Tagesordnung. In Duisburg leben die Jugendliche Mara und ihr kleiner Bruder Ben. Sie müssen mit den alltäglichen Bedrohungen in dieser apokalyptischen Welt umgehen. Als ihre erwachsene Bezugsperson stirbt, schwindet die Hoffnung zusehends. Gerüchte gehen um, dass in Dortmund jemand ein Schiff habe, mit dem die Möglichkeit besteht, in eine bessere Zukunft zu fliehen. Also machen sich Mara und Ben auf den Weg.
Welche Lösungen werden aufgezeigt?
Eine wirkliche Lösung für die Bewältigung der Klimakatastrophe bietet Pranschke nicht. Vielmehr zeigt er auf, was im Anblick der Katastrophe wichtig ist: Mut und die Bereitschaft zur Anpassung an Gegebenheiten. Für Mara bedeutet das, dass sie sich jeden Tag aufs Neue mit ihrer Situation arrangieren muss und dabei trotz ihrer hoffnungslosen Lage nicht verzagen darf. Sie hat keine andere Wahl, als weiterzumachen. Als die Kunde eines möglichen Auswegs sie erreicht, zeigt sie Mut, indem sie sich auf die Reise ins unbekannte macht, obwohl dieses „unbekannte“ lediglich Dortmund ist. Weiterhin zeigt Pranschke in seinem Roman auf, dass Hilfsbereitschaft und gegenseitige Rücksichtnahme die Schlüssel zum Weiterleben in Zeiten der Apokalypse darstellen.
Die harten Fakten
- Verlag: Henselowsky u. Boschmann

- Autor: Sascha Pranschke
- Erscheinungsdatum: 14.08.2018
- Sprache: Deutsch
- Format: Hardcover
- Seitenanzahl: 224
- ISBN: 978-3-942094-85-6
- Preis: 9,90 EUR (Print)
- Bezugsquelle Fachhandel, Amazon, idealo
Der Plan zur Rettung der Welt (Nick Fuller Googins)
Die Klimakrise ist – trotz einer immens hohen Anzahl an Opfern – bewältigt. Viele Gebiete sind unbewohnbar, doch in der Nähe der Pole ist ein gutes Leben zu führen. Die weltweite Umstellung zur Klimaneutralität ist erfolgt und die Gesellschaft solidarisch organisiert. Doch was ist mit denen, die den Weg dahin nicht überlebt haben? Wer übernimmt Verantwortung? Wie kann mit den Traumata, die die Katastrophe auslöste, umgegangen werden?
Als Larch und seine Tochter Emi auf die Feierlichkeiten zur Transformation gehen, finden überall auf der Welt Bombenattentate statt, sie richten sich gegen Politiker*innen und Ölmagnaten, die die Krise vorantrieben. Im Verdacht: Emis Mutter, die sich zurzeit auf einem Arbeitseinsatz befindet. Larch und Emi begeben sich auf die Reise, um sie zu finden und die Wahrheit zu erfahren. Und lernen nebenbei eine ganze Menge über die Erde und über die eigene Vergangenheit.
Welche Lösungen werden aufgezeigt?
Der notwendige Kampf gegen die Symptome der Klimakatastrophe ist ein harter, gefährlicher, entbehrungsreicher. Trotzdem führt kein Weg daran vorbei. Je länger gewartet wird, desto schwieriger wird er werden. Eine gemeinschaftliche Organisation der Transformation, eine Graswurzelbewegung, das ist die Lösung, die in dem Roman in Rückblenden erzählt wird. Aber es wird auch weiterhin den Einsatz aller brauchen, um den Planeten bewohnbar zu erhalten.
Weiterhin braucht es ausgereifte Technologien und gemeinsame Werte des Zusammenlebens, damit nach der Katharsis ein Weiterleben möglich bleibt. Die Frage nach der Verantwortung ist ein weiterer spannender Teil des fast schon utopisch anmutenden Werks. Dies ist eine Frage, die schon jetzt gestellt werden kann und wahrscheinlich auch gestellt werden sollte. Ob sie zur Lösung aktueller Probleme beitragen kann, sollte jede*r Leser*in selbst entscheiden.
Die harten Fakten
- Verlag: Heyne

- Autorin: Nick Fuller Googins
- Erscheinungsdatum: 13.03.2024
- Sprache: Deutsch (Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Salter)
- Format: Hardcover
- Seitenanzahl: 448
- ISBN: 978-3-453-27447-1
- Preis: 22,00 EUR (Print) + 14,99 EUR (E-Book)
- Bezugsquelle Fachhandel, Amazon, idealo
Klimakatastrophe – Ein Thema für alle?
Wenn geneigte Leser*innen sich für weitere Bücher des Themenspektrums interessieren und den Begriff in eine Suchmaschine eingeben, wird schnell klar: Es sind vor allem Männer, die aus einer eurozentrischen Perspektive zum Thema schreiben, wie auch bei den ausgewählten Autoren in diesem Artikel zu erkennen. Obwohl es auch hin und wieder Ausnahmen gibt (Gold Ruhm Zitrus von Claire Vaye Watkins beispielsweise), wäre es sicherlich gut, eine weibliche Perspektive auf die Thematik zu bekommen.
Amitav Ghosh prophezeit in einem sehr guten Einordnungsartikel über Climate Fiction, dass in Zukunft einiges an Literatur aus Indien zu erwarten sei, da das Land sehr stark betroffen ist. Doch zu finden ist nichts, was wohl auch daran liegt, dass Climate Fiction bei Verlagen nicht sehr hoch im Kurs liegt. Auch Stimmen aus anderen Erdteilen könnten hier sicherlich einiges an Varianz und neuen Perspektive hereinbringen.
Fazit
Climate-Fiction (Cli-Fi) konfrontiert mit der Klimakrise und wie gehandelt werden kann, sollten sich die Prognosen der Wissenschaft bewahrheiten, wovon mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgegangen werden kann. Häufig wird hierbei eine Form der Rebellion in die Handlung eingeflochten, ein Fakt, der sich bereits in den aktuellen Geschehnissen finden lässt.
Ein weiteres gemeinsames Merkmal der vorgestellten Romane ist das der Solidarität und Zusammenarbeit. Das zwischenmenschliche scheint unerlässlich im Angesicht der Herausforderung und sorgt so immer für Hoffnung, unabhängig davon, wie ausweglos die Lage erscheint.
Für die Zukunft ist zu wünschen, dass mehr Diversität auch in diesem Genre einkehrt, denn bei einem Thema, das alle Menschen weltweit betrifft, bedeutet ein männlicher, eurozentrischer oder amerikanischer Blick eine enorme Einschränkung.
Artikelbilder: © Heyne, © Henselowsky u. Boschmann
Layout und Satz: Andreas Hübner
Lektorat: Nina Horbelt
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Okay. Die besprochenen Romane sind laut Besprechung teils grüne Gruselklassiker a la Pausewang, aber immer noch nicht „divers“ genug. Interessante Einblicke in ein – wie ich finde – übertrieben negatives Weltbild.
Der Klimawandel ist real. Trotzdem kann ich mit mit dem besserwisserischen Unterton (nicht einmal Klimaforscher gehen davon aus, dass ihre Prognosen mit „an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ eintreffen) und dem durchscheinenden freudlosen Öko- und Diversitäts-Pietismus nichts anfangen: wenn es nicht im Worst Case endet und „eurozentrisch“ ist, taugt es aus Sicht der Kritikerin nichts. Aha. Die Autoren sind also nicht rechtgläubig. Zumindest nicht genug. Und ich in meiner Naivität dachte, dass es hier um die Güte von fiktionale Literatur ginge…
Vielleicht hätte ich das eine oder andere Buch ja sogar gelesen. Nach dieser unnötig moralisierenden Besprechung ist mir die Lust dazu allerdings vergangen. Schade eigentlich.