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Im Anarchie Déco-Zweiteiler von Judith und Christian Vogt müssen Physikerin Nike und Künstler Sandor Černý bei der Aufklärung eines magischen Verbrechens helfen. Eine Jagd durch das politisch aufgeladene Berlin der 1920er und 30er Jahre beginnt. Wer kontrolliert die Magie und was geschieht, wenn der Faschismus sie für sich beansprucht?

In Zeiten, in denen demokratische Werte erneut unter Druck geraten, Verschwörungsideologien wieder salonfähig werden und rechtsextreme Parteien in ganz Europa erstarken, wirkt ein phantastischer Roman wie Anarchie Déco aktueller denn je. Judith und Christian Vogt verorten ihre Geschichte im Berlin der späten 1920er Jahre. Eine Epoche, in der die Gesellschaft noch immer von den Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs erschüttert ist, während der Faschismus leise, aber zielstrebig an Einfluss gewinnt. Die Republik ist brüchig, die Gewaltbereitschaft hoch, und die Nationalsozialist*innen beginnen systematisch, gesellschaftliche Strukturen zu unterwandern.

Inmitten dieses Spannungsfelds entsteht eine Urban-Fantasy-Welt, in der die „duale Magie“, geboren aus Kunst und Physik, nicht nur Staunen, sondern auch Furcht erzeugt. Diese Magie ist weder mystisch noch elitär, sondern wissenschaftlich herleitbar, erlernbar und damit politisch hochbrisant. Während Teile der akademischen Elite und der Polizei das Phänomen euphorisch untersuchen, sehen kommunistische Bewegungen in der neuen Kraft ein weiteres Instrument der Unterdrückung. Sie fürchten die Entstehung einer „Magie-Bourgeoisie“, die das Wissen und die Macht für sich beansprucht, während Arbeiter*innen weiterhin ausgeschlossen bleiben. Gleichzeitig erkennen die Nationalsozialist*innen früh das strategische Potenzial der Magie: Sie nutzen antisemitische Narrative, um vor einer angeblich „jüdischen Magie“ zu warnen und gebrauchen gleichzeitig selbst Magie, um ihre rassistische Ideologie durchzusetzen.

In Anarchie Déco wird schnell klar, dass neue Technologien und Erkenntnisse nie neutral, sondern immer in gesellschaftliche Machtverhältnisse eingebettet sind. Wer kontrolliert sie? Wem werden sie zugänglich gemacht und wem vorenthalten? Diese Fragen, die die Figuren im Berlin der 1920er Jahre umtreiben, sind auch 100 Jahre später aktuell.

Triggerwarnungen

Mord, Verstümmelung (Hand), Sexismus, antisemitischer Rassismus, Klassismus & Elendsviertel, Referenz auf vergangene Abtreibung, Missbrauch und Gefangenschaft (angedeutet), PTSD, Militarismus, Nazis und Faschismus, Erdbeben

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Story

Im Zentrum der Handlung von Anarchie Déco steht Nike Wehner, eine ambitionierte Physikerin mit ägyptischen Wurzeln, die sich in einer von Männern dominierten Wissenschaftswelt behaupten muss. An der Friedrich-Wilhelms-Universität erforscht sie als Erste die Magie, während sie gleichzeitig als kriminalistische Beraterin bei der Polizei arbeitet. Zur Seite steht ihr der tschechische Künstler Sandor Černý, der zu ihrer Unterstützung von der Prager Universität geschickt wurde. Dabei merkt Nike schnell, dass dessen Herz weniger der Wissenschaft als vielmehr der anarchistischen Bewegung gehört. Gemeinsam versuchen sie eine Serie bizarrer Verbrechen aufzuklären, die alle mit Magie in Verbindung zu stehen scheinen. Ihre Untersuchungen führen sie durch das pulsierende Herz der Stadt und zu einer Vielzahl spannender Charaktere, unter denen sich auch mehrere queere Figuren bewegen, die nicht nur zur Diversität der Geschichte beitragen, sondern auch neue Perspektiven auf Magie, Körper und Widerstand eröffnen. Schnell wird klar: Die Magie ist nicht nur ein abstraktes Forschungsfeld, sondern längst ein politisches Machtinstrument auf den Straßen Berlins geworden.

Im zweiten Band Anarchie Déco 1930 hat sich die Magie bereits etabliert. Die Atmosphäre in Berlin ist nun deutlich aufgeheizter: Straßenschlachten gehören zum Alltag, die politische Fronten sind verhärtet, und die Lage eskaliert zunehmend. Sandor kämpft weiter in den Reihen der anarchistischen Bewegung. Nike hat ihre Doktorarbeit erfolgreich verteidigt und sich nun ganz der Polizei zugewandt. Sie muss jedoch erkennen, dass auch die Polizei längst Teil des Problems geworden ist. Nun stellt sich die Frage: Kann man ein System wirklich von innen heraus verändern?

Schreibstil

Judith und Christian Vogt verstehen es, sprachlich das Berlin der 1920er- und 30er-Jahre lebendig werden zu lassen. Das gelingt durch einen Mix aus historischen Begriffen, zeittypischen Redewendungen und berlinernden Charakteren. Zahlreiche Ausdrücke aus dem damaligen Alltag, vom politischen Jargon bis zum Kneipenslang, machen die Kulisse greifbar und authentisch. Die Sprache der Charaktere spiegelt dabei Milieu und Persönlichkeit wider. Erzählt wird abwechselnd aus der Perspektive von Nike und Sandor, was spannende Einblicke in die doch so unterschiedlichen Gedankenwelten erlaubt.

Vor allem der erste Band kann die Spannung allerdings nicht durchgängig halten. Auch die Erklärung der „dualen Magie“ wiederholt sich zu Beginn stellenweise, was den Lesefluss leicht hemmen kann. Dies wird jedoch durch die Tatsache etwas ausgeglichen, dass sich manches Wissen über die Magie später als Trugschluss herausstellt. Dafür wird man im Verlauf und spätestens im zweiten Band, mit deutlich gesteigerter Spannung und dichterem Erzähltempo belohnt.

Die Autor*innen

Hinter dem Pseudonym J. C. Vogt stehen Judith und Christian Vogt, ein Autor*innenduo aus Aachen. Gemeinsam schreiben sie phantastische Literatur mit politischem Anspruch, oft mit feministischer, queerer und progressiver Perspektive. Christian bringt als promovierter Physiker naturwissenschaftliches Know-how ein, Judith ist hauptberufliche Autorin und engagiert sich u. a. für diversitätssensible Repräsentation in der Phantastik und ist Mitherausgeberin des Kurzgeschichtenmagazin Queer*Welten. Zu ihren vielfach ausgezeichneten Werken zählen Die zerbrochene Puppe und Schildmaid – Das Lied der Skaldin. Weitere Infos unter www.jcvogt.de.

Erscheinungsbild

Die Covergestaltung der beiden Anarchie Déco Bände greift gekonnt die Ästhetik der 1920er- und frühen 30er-Jahre auf und spiegelt damit nicht nur das Genre der Urban-Fantasy, sondern auch die historische Verortung der Handlung wider. Vor allem der erste Band erinnert mit seinem Motiv und der Farbgebung deutlich den Art-Déco-Stil. Beim zweiten Band fällt auf, dass Schriftart und Designelemente leicht abweichen, was daran liegt, dass er als Kickstarter Projekt erschienen ist. Dennoch wurde sichtbar darauf geachtet, ein kohärentes Gesamtbild zu wahren. Die Titelgestaltung harmoniert gut, sodass beide Bände nebeneinander im Regal ein rundes Duo ergeben.

Positiv hervorzuheben sind auch Layout und Satz. Die Seiten sind angenehm gesetzt, der Text gut lesbar, die Kapitel klar gegliedert. Papierqualität und Druck hinterlassen ebenfalls einen soliden Eindruck.

 Die harten Fakten zu Anarchie Déco:

  • Verlag: FISCHER Tor
  • Autor*innen: Judith Vogt und Christian Vogt
  • Erscheinungsdatum: 25. August 2021
  • Sprache: Deutsch
  • Format: Paperback
  • Seitenanzahl: 480
  • ISBN: 978-3-596-00221-4
  • Preis: 20 EUR (Print) + 12,99 EUR (E-Book)
  • Bezugsquelle Fachhandel, Amazon

 

Die harten Fakten zu Anarchie Déco 1930:

  • Verlag: Selbstverlag
  • Autor*innen: Judith Vogt und Christian Vogt
  • Erscheinungsdatum:
  • Sprache: Deutsch
  • Format: Paperback
  • Seitenanzahl: 400
  • ISBN: 978-3-384-42737-3
  • Preis: 20 EUR (Print) + 12,00 EUR (E-Book)
  • Bezugsquelle Fachhandel, Amazon

 

 

Bonus/Downloadcontent

Der zweite Band wartet mit einer hilfreichen Zusammenfassung des ersten Teils auf, was den Wiedereinstieg nach der Veröffentlichungspause erleichtert. Ein besonderes Extra ist auch das Nachwort, das spannende Hintergrundinformationen zur Entstehung der Romane bietet und historische wie politische Bezüge reflektiert. Abgerundet wird das Ganze durch ein liebevoll gestaltetes Lesezeichen mit einer Illustration der Protagonist*innen von Anarchie Déco von Mia Steingräber.

Fazit

Die Geschichte der Anarchie Déco-Reihe entfaltet sich rund um Nike Wehner, eine junge Physikerin, die im Berlin der späten 1920er Jahre gemeinsam mit dem Künstler Sandor Černý den Ursprung einer neuartigen Magie erforscht. Als eine Serie mysteriöser Verbrechen beginnt und politische Kräfte versuchen, sich die neue Machtform anzueignen, geraten beide immer tiefer in ein Netz aus Intrigen.

Die Magie spiegelt dabei reale Machtfragen: Wer bekommt Zugang zu Wissen? Wer wird ausgeschlossen und wer instrumentalisiert? Die Figuren sind glaubwürdig und vielschichtig, der Schreibstil historisch gefärbt und lebendig. Während der erste Band noch kleinere Längen aufweist, zieht der zweite deutlich an Tempo an.

Die Anarchie Déco-Reihe ist nicht nur eine spannende Urban-Fantasy, sondern auch ein politischer Roman über den Missbrauch von Fortschritt, die Kraft des Widerstands und die Frage, wem Wissen und Kunst gehören sollten.

  • Vielschichtige zum Teil queere Charaktere
  • Innovatives Magiekonzept
  • authentische zeitgenössische Sprache
 

  • kleine Längen im ersten Band

 

 

Artikelbilder: © FISCHER Tor und J. C. Vogt, depositphotos © jera
Layout und Satz: Annika Lewin
Lektorat: Hendrik Pfeifer

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