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Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz verläuft rasant. Welche Folgen hat das für die Menschheit und wer trägt wofür Verantwortung? Was sind Möglichkeiten und auch Grenzen? Dream Machine lotet diese Fragen aus der Perspektive eines Entwicklers aus. Teilzeithelden hat sich den autobiographischen Comic angesehen.

Hugo steht vor einer schwierigen Entscheidung: Nachdem er sein Start-Up zur Entwicklung von sprachbegabten künstlichen Intelligenzen erfolgreich am Markt etabliert hat, erhält er ein Angebot, das er (fast) nicht ablehnen kann. Das gigantische Unternehmen REAL möchte seine Firma kaufen. Was zuerst zu schön um wahr zu sein scheint, wird für Hugo mehr und mehr zur Zerreißprobe.

Durch Gespräche mit seiner Partnerin Anna und weiteren Kolleg*innen beginnen Zweifel in ihm zu keimen. Welche Macht gibt er durch den Verkauf aus der Hand? Welche ethischen Dimensionen müssen bei der Entscheidung bedacht werden? Welche Auswirkungen werden ein Verkauf oder eine Ablehnung desselben für sein Unternehmen, ihn persönlich und auch für die Gesellschaft haben?

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Handlung

Dream Machine geht von einer einzigen vordergründigen Fragestellung aus: Wird das Unternehmen verkauft oder nicht? Einer geradlinigen Spannungskurve folgend, wird die Entscheidung erst gegen Ende fallen. Doch während Hugos Abwägen, das immer im Mittelpunkt steht, wird den Lesenden ein Rundumblick über alle Themen gegeben, die gegenwärtig wichtig sind, um Diskussionen um den aktuellen Stand und den Auswirkungen folgen zu können.

Angefangen von der jüngeren Geschichte über Regulationsfragen bis hin zu den politischen Auswirkungen in Bezug auf Daten und deren Verwendung, wird eine große Bandbreite an Themen diskutiert und erläutert. Besonders charmant ist die Erklärung der Grundlagen maschinellem Lernens mit Large Language Modellen (LLM), wie beispielsweise ChatGPT, gelungen, denn Hugo wird gezeigt, wie er eine Vorlesung zum Thema abhält. Sogar die Motivation und die Entstehungsgeschichte der Realisierung von Dream Machine als Comic wird in die Handlung eingewoben.

Es wird schnell ersichtlich, dass diesem Comic jegliche Form von Action fehlt. Die Spannung wird allein dadurch hochgehalten, dass der Fokus zu jeder Zeit auf dem Protagonisten Hugo und seiner Entscheidung liegt und dementsprechend Lesende förmlich mitfiebern. Durch die Informationen, die über KI auf verschiedensten Wegen transportiert werden – beispielsweise durch Podiumsvorträge auf einer Konferenz oder Gesprächen Hugos mit unterschiedlichen Personen – ist es erfreulicherweise jederzeit möglich, der Handlung und Hugos Gedankengängen zu folgen.

Doch nicht nur das: Es ist spannend, sich auf die Vielzahl von lehrreichen Informationen und Überlegungen einzulassen. Mag es auf den ersten Blick trocken erscheinen, in einem Comic mit so vielen Informationen konfrontiert zu werden, ist es auf den zweiten Blick reizvoll und vor allem wichtig, denn immerhin wird ein Thema präsentiert, das Auswirkungen auf viele Bereiche des Lebens haben wird – oder sogar schon hat.

Aufgelockert und zugleich intensiviert wird die Handlung durch Sequenzen, die in „Live Beyond“, dem KI-gestützten Spiel der Firma REAL, stattfinden, in denen „Superhugo“ sich traumähnlich mit seinen Befürchtungen und Ängsten befasst. Dies weitet den Blick der Lesenden, und gibt ihnen Einblicke in Hugos Gefühlswelt in seiner technologisierten Umgebung. Natürlich, und passend, sind diese Sequenzen auch in einer technikzentrierten Umwelt verortet, und zugleich wirken sie auf einer emotionalen Ebene.

Superhugos Akku ist aufgebraucht. © Verlagshaus Jacoby & Stuart

Charaktere

Obwohl Hugo der Hauptcharakter des Comics ist, ist die eigentliche Protagonistin (oder Antagonistin, je nach Sichtweise) die künstliche Intelligenz. Über sie erfahren Lesende bei weitem am meisten, angefangen von ihrer Geschichte über die Art und Weise, sie zu nutzen bis hin zu möglichen Implikationen für die Zukunft der Menschheit.

Laurent Daudet, der wahre „Hugo“ und Autor von Dream Machine, ist tatsächlich der Gründer eines Start-Ups mit dem Namen LightOn, welches sich mit LLMs befasst und diese für verschiedene Nutzungsziele erstellt. Allein von seinem Erscheinungsbild im Comic her ist eine große Ähnlichkeit feststellbar, und da er sich als Autor verantwortlich zeichnet, ist davon auszugehen, dass die Figur des Hugo sehr authentisch geschildert ist. Gleichwohl lässt sich durch diese Tatsache vermuten, dass die Gedanken und Handlungsmotive wohlwollender dargestellt werden, als diese es in Wirklichkeit waren. Dies bleibt jedoch bloße Mutmaßung.

Generell erfährt die Lesendenschaft eher wenig über Hugo, seine Interessen und sein Privatleben. Dies mag zum einen daran liegen, dass der intrapersonale Konflikt einen Großteil seines Lebens zur Zeit der Entscheidungsfindung ausmacht. Zum anderen liegt der erzählerische Fokus, wie bereits beschrieben, klar auf der künstlichen Intelligenz. Hier wird Hugos Ansatz detailliert und differenziert dargestellt.

Obwohl der Fokus von Dream Machine ganz klar auf Hugo liegt, da es sich um seine Geschichte handelt, sind die Nebenfiguren gut ausgestaltet, und ihre Sichtweisen auf die aktuellen Entwicklungen rund um das Thema künstliche Intelligenz werden gut dargestellt. So ist es Hugos Lebenspartnerin Anna, die nach einer ersten Euphorie ob des lukrativen Angebots erste Zweifel in ihm weckt.

Auch die Kolleg*innen in seinem Start-Up und die Anteilseigner*innen kommen zu Wort. Besonders interessant ist, wie der Konflikt zwischen der Wissenschaft, also den Universitäten in Form einer Professorin, und ihre Sicht auf die gewinnorientierten Konzerne in Gesprächen und Vorträgen erklärt wird.

Welche Auswirkungen wird die künstliche Intelligenz auf die Menschheit haben? © Verlagshaus Jacoby & Stuart

Zeichenstil

Lesende werden von Beginn an in eine komplett technisierte Welt hineingeworfen und dies spiegelt sich im Zeichenstil: Komplett in schwarz-weiß mit türkisblauen Akzenten gehalten, wird eine schroffe Grundstimmung geschaffen, die etwas steril wirkt. Dies passt thematisch hervorragend.

Der indische Künstler Appupen, dessen bürgerlicher Name George Mathen lautet, schafft es, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, und die Gewichtung zwischen der Beschäftigung mit künstlicher Intelligenz und der „wahren“ Welt in Bildform zu übertragen. Wenige Zeichnungen zeigen natürliches wie Bäume in Parks. Wirklich imposant, und häufig, sind die bildgewordenen Befürchtungen und Vorurteile gegenüber künstlicher Intelligenz. Es werden technisierte Augen, krakenartige Arme und Gehirne, Großstädte und Roboter gezeigt, alles in dem typischen skizzenartigen Stil.

Dadurch, dass der größte Teil der Handlung über Gespräche zwischen Hugo und den Nebencharakteren stattfindet, ist daneben ein Fokus auf die Figuren und deren Gesichtsausdrücke erkennbar. Hier sorgt Appupen für einen hohen Wiedererkennungswert, der für die Erkennung von Argumentationsmotiven der Nebencharaktere unerlässlich ist.

Erscheinungsbild

Der Softcover-Einband von Dream Machine und die Maße von 17×24 cm lassen das Buch gut in der Hand liegen. Auch das Titelbild ist gut gewählt, bietet es doch einen passenden ersten Eindruck sowohl von Thematik als auch vom Zeichenstil. Die Seiten sind relativ dick, was zusätzlich für einen angenehmen Lesekomfort sorgt.

© Verlagshaus Jacoby & Stuart

Die harten Fakten:

  • Verlag: Jacoby & Stuart
  • Autor: Laurent Daudet
  • Zeichner: Appupen
  • Erscheinungsjahr: 2024
  • Sprache: Deutsch (aus dem Französischen)
  • Format: Softcover
  • Seitenanzahl: 160
  • Preis: 25,00 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo

 

Bonus/Downloadcontent

Am Ende des Comics werden alternative Enden präsentiert. Der besondere Kniff: Alle wurden sowohl in Text als auch in Bild von KI generiert. Es ist sehr interessant, sich diese anzuschauen und mit der Arbeit der realen Urheber*innen zu vergleichen. Schön ist auch die Selbstkritik, in der angemerkt wird, dass die Bilder bei größerer Datengrundlage vermutlich treffender wären. Dies führt Lesenden zusätzlich vor Augen, welche Auswirkungen die unregulierte künstliche Intelligenz auch für kreativschaffende Menschen haben kann.

Fazit

Dreh- und Angelpunkt von Dream Machine ist eine ethische Frage: Welche Auswirkungen hat der Verkauf eines Large Language Models an einen international agierenden Tech-Konzern? Hugo wird durch ein Angebot angeregt, die Risiken und Chancen der aktuellen Entwicklung in diesem Bereich mit den verschiedensten Gesprächspartner*innen zu diskutieren. Letztendlich muss er eine Entscheidung treffen, doch diese wird auf jeden Fall folgenreich sein.

Dem indischen Zeichner Appupen gelingt es, die Menge an Informationen, die Neulinge in diesem Themenkomplex durchaus erschlagen kann, zeichnerisch sehr gut einzufangen, und zudem den in dem Comic vorkommenden Charakteren einzigartige Züge zu verleihen. Trotz der vielen detailreichen Schilderungen aller Aspekte der aktuellen Entwicklungen künstlicher Intelligenz ist Dream Machine sehr spannend, zumindest für diejenigen Lesenden, die sich für das Thema interessieren. Andere könnten die zahlreichen Fakten etwas trocken finden. Trotzdem: Wer einen Einblick in die aktuelle Entwicklung und die daraus resultierende globale Relevanz erhalten will, sollte hier auf jeden Fall zugreifen.

  • Sehr gute, unkonventionelle Aufarbeitung des Themas
  • Gekonnte graphische Umsetzung
  • Handlich und hochwertig

 

  • Menge an Informationen könnte für Neulinge in der Thematik oder für Menschen, die sich nicht dafür interessieren, überfordernd sein

 

Artikelbilder: © Verlagshaus Jacoby & Stuart
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Sabrina Plote
Fotografien: Jessica Albert

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