Scott McCloud ist DER Experte für die Meta-Ebene von Comics. Bisher widmete er sich mit seinen Sachcomics dem richtigen Verstehen und neu Erfinden von Comics. In Comics machen richtet er sich direkt an Kunstschaffende, die Comics gestalten wollen. Dabei beleuchtet er alle wichtigen Facetten, mit denen sich Anfänger*innen beschäftigen.
Und es lohnt sich auch für geübte Zeichnende der neunten Kunst, sich mit diesen Theorien und Ideen auseinanderzusetzen.
keine
Handlung bzw. Inhalt
Scott McCloud gilt als der Comictheoretiker schlechthin. Früher bei DC tätig, ist er heute vor allem durch seine Sachbuch-Comics zum selben Thema bekannt. Seine Theorie-Bücher sind zwar alle schon ein paar Jahre alt, werden aber immer noch in neuen Auflagen nachgedruckt. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, allgemeingültige Gegebenheiten über Comics (und zum Teil zu Manga oder Graphic Novels) zu sammeln und Theorien abzuleiten. Er bedient sich natürlich auch an bisherigen Quellen zum Thema, entwickelt aber immer wieder eigene sinnvolle und hilfreiche Kategorien, Theorien und Ideen, um Comics besser zu verstehen und sie, wie in diesem Buch, dann auch selbst zu machen.
An sich gibt es keine richtige Handlung, mit der Ausnahme, dass der Autor selbst uns erzählerisch durch das Buch leitet. Scott McCloud gibt uns einen bildlichen Kurs unter anderem darin, wie Comics es schaffen, die Lesenden zu berühren, welche zeichnerischen und technischen Entscheidungen man sich überlegen sollte, oder aber wie Storytelling-Elemente gut funktionieren. Dabei bauen die Kapitel des Sachcomics chronologisch aufeinander auf, man kann diese aber auch getrennt voneinander lesen.

Im Buch gibt es sieben Kapitel, die alles von der ersten Skizze bis zur passenden Zeichenausrüstung abdecken. Es geht um die Macht der Bilder und Worte, um Verdeutlichung von Emotionen, darum wie man eine eigene glaubwürdige Welt erschaffen kann. Im letzten Minikapitel widmet er sich noch dem Beruf des Comiczeichnenden.
Ein besonders einprägsames Beispiel aus den im Buch vorgestellten Theorien und Konzepten sind die vier inneren Antriebe, warum jemand Comics macht. Es gibt bspw. die formalistisch fokussierten Comicschaffenden, die vor allem mit dem Format des Comics experimentieren. Aber auch die animistischen Personen, die ganz auf den Inhalt eines Comics zählen, um die Lesenden zu berühren. Neben dem Typ, der eher auf Perfektion und unvergängliche Ästhetik beharrt, sind da auch noch Zeichnende, die eher dem Genre Slice of Life, also dem alltäglichen, unverfälschten Leben zugeneigt sind.

Natürlich geht es auch viel um Technik: die Wahl des richtigen Bildausschnittes beim Zeichnen, wie viel von der Handlung bei den Panels weggelassen werden kann oder auch um die passende Perspektive, wie zum Beispiel Vogel- oder Froschperspektive. Wie kann das lesende Publikum flüssig durch die Geschichte gelotst werden, ohne dass der Lesefluss gestört wird? Er erklärt, wie wichtig ein Spannungsbogen und das Beherrschen von Gestik und Mimik sind. Er erläutert zudem die Unterschiede eines analogen vs. digitalen Arbeitsprozesses und Vor- und Nachteile von verschiedenen Zeichenutensilien. Methoden und Ideen zum Thema Sprechblasengestaltung, passende Hintergründe und zum Charakterdesign runden das Buch ab.
Dennoch betont er in der Einleitung, dass es an sich keine Regeln gibt, doch auch hier gilt: Wer eine bestimmte Wirkung erzielen möchte, sollte sich auch mit den Methoden befassen. Denn nur wer die Regeln kennt, kann sie auch brechen.
Charaktere
Scott McCloud persönlich, in Comicform, erklärt uns seine Theorien, Beobachtungen und Gedanken rund um das Machen von Comics. Das Ganze oft in humorvoller Manier und mit viel Einfallsreichtum in der Darstellung seines Alter Egos. Manchmal passioniert enthusiastisch, manchmal nachdenklich: Man merkt, dass er für dieses Thema brennt.
Zeichenstil
McClouds Stil zeichnet sich durch einen klaren, neutralen Strich aus, sein Charakter ist dabei durch die auffällige Brille und das Karohemd sehr gut wiedererkennbar. Das Besondere ist, dass sehr viele Ausschnitte aus Comics anderer Autor*innen abgebildet sind (immer mit Quellenangabe), um Theorien oder Beispiele zu zeigen. Das macht das Buch auch zu einer kleinen Fundgrube, um andere Stile kennenzulernen. Zwar begrenzt, da es meist nur ein Beispielpanel ist, jedoch ergibt sich daraus dennoch eine Fülle an Diversität von zeichnerischen Strichen. Die regulären Panels werden immer wieder variiert oder auch von Schaukästen oder Beispielbildern durchbrochen. Wer einen gut aufgeräumten und strukturierten Leitfaden sucht, wird hier etwas enttäuscht werden, dafür ist der Sachcomic sehr lebendig gestaltet.
Erscheinungsbild
Das schwere Softcover-Buch umfasst ca. 16,5 x 25,5 cm. Das Papier ist reinweiß und eher fest. Es besteht aus 272 Seiten, man muss aber beachten, dass McCloud immer wieder Anmerkungen zu den vorherigen Seiten in Textform einbringt, die sich meist auf 2-4 Seiten erstrecken. Diese lassen sich aber auch überspringen. Der Sachcomic ist ganz in schwarz-weiß gehalten. In der vorliegenden Ausgabe (8. Ausgabe 2022) gab es zudem einige Rechtschreib- und Textlayoutfehler. Diese fallen jedoch nicht so auf, dass es den Lesefluss groß stört.
Die harten Fakten:
Verlag: Carlsen-Verlag- Autor*in(nen): Scott McCloud
- Zeichner*in(nen): Scott McCloud
- Erscheinungsjahr: September 2007 (erste Auflage), 8. Auflage 2022
- Sprache: Deutsch/Englisch
- Format: 16,8x 25,6 cm
- Seitenanzahl: 272
- Preis: 19,90 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo
Bonus/Downloadcontent
McCloud verweist in seinen Sprechblasen ab und an auf seine Webseite, wo er manche seiner Ideen etwas näher ausführt. Insbesondere das kleine Zusatzkapitel 5 ½ ist hier zu finden.
Fazit
Comics machen vereint Geschichte, Theorie und Praxis des Erstellens von Comics gekonnt miteinander. Auch bei diesem Sachbuch gibt es viele Aha-Momente und wirklich spannende, erhellende Erkenntnisse, die einen das Lesen eines Manga oder Comics anders erleben lassen werden.
Es schärft den Blick für das Wesentliche, wenn man einen Comic entwickeln möchte: eine gute Story als Basis, aber auch die richtige Kommunikation durch das Medium. Wie diese Kommunikation gelingt, zeigt er in vielen praktischen Beispielen, bei denen er sich auch den Werken seiner Kolleg*innen bedient, was eine tolle Bereicherung ist. Nebenbei erfährt man nicht nur geschichtliche Hintergründe, sondern auch, wodurch ein Comic wirken kann.
Wichtig zu wissen ist, dass es keine Zeichenanleitung im Sinne eines Zeichnen-lernen-Buches ist. Es geht vielmehr um Layout, Technik und Co. Alles in allem ein großartiges Sachbuch für alle, die sich intensiv mit Comictheorie auseinandersetzen möchten, aber auch für jene, die sich für bestimmte Bereiche des Genres interessieren und mehr darüber lernen wollen. Auch in Comics machen enttäuscht McCloud nicht, seine schlüssigen Erklärungen sind überzeugend und insgesamt inspiriert das Lehrwerk dazu, sich tiefer mit Comics zu beschäftigen – und den Zeichenstift zu schwingen!

- Wichtiges Werk zum Schaffen von Comics
- Sachbuch-Comic, daher unterhaltsam und locker zu lesen
- Nachvollziehbare Theorien und stets Beispiele
- Die Sprache ist eher gehoben
- Die Anmerkungen sind nicht zwingend notwendig
- Wäre in Farbe noch besser
Artikelbilder: © Carlsen-Verlag
Layout und Satz: Andreas Hübner
Lektorat: Saskia Harendt
Fotografien: Verena Tribensky
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