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Panini startet eine ganze Reihe neuer Comic-Serien mit beliebten Marvel-Helden im neuen Format zum günstigen Preis: Der Neustart von Captain America spielt direkt nach seinem Auftauen aus dem Eis, Thor ist nun ein Sterblicher und niemand kann sich an ihn erinnern und die Fantastic Four werden in die Vergangenheit geschleudert.

Alle paar Jahre wagt Marvel einen Neustart ihrer Comic-Reihen. Die Kontinuität der alten Reihen wird dabei fortgesetzt, die neuen Comics sollen aber einsteigerfreundlich sein und sind oft mit einem Wechsel des Autorenteams verbunden. Die neusten Neustarts nutzt Panini nun, um auch ein neues Format zu testen: Statt sechs US-Hefte in einem dicken Paperback zu einem inzwischen stattlichen Preis anzubieten, werden drei Hefte in einem dünneren Paperback zusammengefasst. Dadurch erhöht sich der Takt der Veröffentlichungen und es sinkt der Preis auf unter 10€. Doch auch inhaltlich haben es die Neustarts in sich: Während die Fantastic Four ungefähr da weitermachen, wo sie in Doom: Herrscher der Welt aufgehört haben, beginnt Thor komplett von Grund auf neu. Nicht nur er hat Gedächtnislücken und ist nun als Sigurd Jarlson als Sterblicher aktiv, sondern auch der Rest der Welt hat vergessen, dass er existiert. Und auch bei Captain America starten wir ganz frisch: Durch eine Aktualisierung der dynamischen Zeitrechnung liegt sein Erwachen aus dem Eis inzwischen knapp ein Jahrzehnt nach dem 11. September. In dieser neuen Welt, in der die USA nicht immer die Guten sind, muss sich Steve Rogers neu orientieren. Können die Neustarts überzeugen oder sind sie nur ein Marketing-Gag?

Triggerwarnungen

Gewalt

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Fantastic Four #1

 

Dooms Herrschaft über die Welt hält immer noch an. Die Fantastic Four stellen sich ihm aber immer wieder in den Weg. Doch irgendwie schafft er es jedes Mal, ihren Plan zu durchkreuzen. Als Oberster Zauberer hat Doom Macht über die Zeit und schickt Marvels erste Familie in die Vergangenheit. Doch sie sind getrennt: Johnny landet in einer Zeit, weit bevor die ersten Pflanzen entstanden und der Sauerstoff somit knapp wird. Ben Grimm muss gegen Dinosaurier kämpfen und Reed landet im Mittelalter in der Belagerung einer Burg. Zum Glück hat Mister Fantastic genau für diesen Fall einen Plan ausgeheckt, die Familie zu retten. Doch der Plan hat einen Haken: Sue ist viel weiter in der Zukunft gelandet, als sie sich jemals vorstellen konnten. Ist die Situation trotzdem noch zu retten?

Die Handlung hat einen einfachen Grundaufbau und dennoch viele kleine Wendungen und Überraschungen. Der Kampf gegen Doom ist zunächst nur der Anlass für ein unabhängiges großes Abenteuer, doch der Comic spannt am Ende wieder einen guten Bogen zum Beginn und schafft es, den Konflikt zu einem zufriedenstellenden Abschluss zu führen, ohne dass dadurch das Event Doom: Herrscher der Welt obsolet wird. Es ist aber auch nicht nötig, diese Reihe gelesen zu haben, um zu verstehen, was hier eigentlich passiert. Doom ist Antagonist und der perfekte Gegenspieler für Reed. Beide sind zu sehr von sich selbst überzeugt, sodass sie dadurch zu Fehlern neigen. Doch Reed hat seine Freunde und Familie, welche den Unterschied machen. Genau so muss ein Comic der Fantastic Four aufgebaut sein.

 

Zeitreisen können auch originell sein

Der Comic macht nahtlos da weiter, wo die vorherige Reihe aufgehört hat. Es fühlt sich aber trotzdem wie ein frischer Start an, da keine Altlasten mitgeschleppt wurden. Doom ist an der Macht, aber mehr muss man hier nicht wissen. Die Zeitreisen beeinflussen nicht die gesamte Historie der Held*innenfamilie, sondern bieten nur den Rahmen für die Handlung. Dazu wurde hier mit Humberto Ramos ein Künstler gefunden, dessen cartoonartiger Stil perfekt zu den bunten Abenteuern passt. Es macht Spaß, den Actionszenen zu folgen. Jedes Zeitalter hat ein eigenes Farbschema und dadurch eine eigene Atmosphäre. Die Emotionen der Figuren sind gut erkennbar und schaffen es, Sympathie zu erwecken. Mit Johnnys Bart kann ich mich aber immer noch nicht anfreunden.

Dieser Auftakt ist für jeden geeignet, der klassische Abenteuergeschichten mit einer liebenswerten Familie mag. Die Geschichte mag simpel wirken, aber sie weiß trotzdem zu überraschen, und sie nutzt Zeitreisen auch origineller als vergleichbare Comics. Die Handlung lässt jedem Charakter Freiraum, mit seinen Fähigkeiten und Charakterzügen zu glänzen. Hier ist nichts überfrachtet und der Comic macht endlich mal wieder richtig Lust auf Abenteuer mit den Fantastic Four. Ein besseres Lob könnte ich mir hier nicht vorstellen.

Die harten Fakten

  • Verlag: Panini Comics
  • Autor*in: Ryan North
  • Zeichner*in: Humberto Ramos
  • Seitenanzahl: 88
  • Preis: 9,99 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, Panini

 

Der sterbliche Thor #1

In Der unsterbliche Thor musste sich der Donnergott mit dem finsteren Reich Utgard auseinandersetzen und wurde am Ende durch eine List von Loki getötet. Das ganze Szenario endete damit, dass die Realität umgeschrieben wurde und Thor nun in der Identität als Sigurd Jarlson, einen Namen, den er vor Jahren schon nutzte, in New York lebt. Seine Nachbarn halten ihn für einen großgewachsenen und hilfsbereiten Norweger. Er ist auf der Suche nach einem Job und wird von Roxxon als Bauarbeiter angeheuert. Doch als er erfährt, dass er als Streikbrecher arbeiten soll, verabschiedet er sich und überredet dabei auch andere, seinem Beispiel zu folgen. Roxxon schickt daraufhin eine Schlägertruppe zu ihm. Doch diese steckt mit einem Mann in Verbindung, gegen den er sich häufiger behaupten musste: seinem Alter Ego Donald Blake.

Für den Neustart wurde ein sehr guter Zeitpunkt gewählt. Thor wurde vergessen und auch er selbst hat Gedächtnislücken. Lesende können mit ihm zusammen diese neue Realität erkunden. Statt Thor ist nun Beta Ray Bill Gründungsmitglied der Avengers. Loki lungert als Punk Lucky vor Odinsons Mietwohnung herum und seine Nachbarin Kristin sieht in ihm eine gute Freundin. Der simple Aufbau hilft dabei, in die Geschichte zu kommen, ohne sich mit dem langen und umfangreichen Hintergrund der göttlichen Figur auseinandersetzen zu müssen. Selbst der Antagonist Donald Blake muss nicht groß erklärt werden, da sein Hintergrund zumindest in diesem Band keine Bedeutung hat.

 

Ein bodenständiger Held mit einem Hammer

Was diese Neuinterpretation von Thor besonders macht, ist ihre Bodenständigkeit. Sie erinnert an die Anfangszeit der Thor-Comics bei Marvel, als der Held noch nicht so übermächtig war, dass er jedes Problem mit einem Wimpernschlag lösen konnte. Es geht sogar so weit, dass er sich viele bekannte Fähigkeiten erarbeiten muss. So bindet er seinen Hammer beispielsweise an ein Bungee-Seil, damit dieser zu ihm zurückkommt. Die Kämpfe mit dem Hammer sind teilweise ungewöhnlich brutal dargestellt. Hier brechen Schädel und Blut spritzt. Das ist nicht für jeden und erzeugt eine Distanz zu den Actionszenen. Dazu kommt der gewöhnungsbedürftige Zeichenstil von Pasqual Ferry, der bereits aus Doctor Strange bekannt ist. Seine Illustrationen erinnern an Bleistiftskizzen mit etwas zu vielen Linien, was vor allem Gesichtszüge verzerrt. Doch auch diese passen zum bodenständigen Stil des Comics.

Der neue Thor ist ungewöhnlich anders, vor allem wenn man dies mit den Comics vergleicht, die Al Ewing vor zwei Jahren zum Donnergott geschrieben hat. Er hat der Figur die Macht genommen und ist dadurch in der Lage, sie vor neue Herausforderungen zu stellen. Die Frage muss aber sein, ob es das ist, was die Leute von einem Thor-Comic erwarten. Mich schrecken vor allem die starke Brutalität und der schwache Antagonist ab. Donald Blake wird hier weder erklärt, noch wird eine Faszination für den Schurken entwickelt. Er ist nur ein böser Mann mit Gehstock. Dies mag in den nächsten Comics besser werden, doch es führt dazu, dass mich dieser Neustart nicht vollends überzeugt. Wer aber eine Geschichte eines Mannes auf dem Weg zur Selbstfindung lesen möchte, der sich für die Rechte von einfachen Leuten einsetzt, findet hier eine gut geschriebene Geschichte, die Spannung erzeugt, wie sich die Saga um den sterblichen Thor entwickeln wird.

Die harten Fakten

  • Verlag: Panini Comics
  • Autor*innen: Al Ewing
  • Zeichner*in: Pasqual Ferry
  • Seitenanzahl: 72
  • Preis: 9,99 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, Panini

 

Captain America #1

Wir alle wissen, dass Captain America ein Held des Zweiten Weltkriegs war und einige Jahre in einem Eisblock überlebte, bis ihn die Avengers daraus befreiten. Dieser Comic setzt direkt danach an und erzählt, wie Cap sich nicht direkt den mächtigsten Helden der Welt anschloss, sondern stattdessen wieder zum Militär ging. Doch Amerika hat sich in seiner Abwesenheit verändert. Er ist mit einem neuen Supersoldaten namens David Colton zusammen unterwegs, um Doctor Doom auszuschalten, bevor dieser zu einer Gefahr werden kann. Bei dieser verdeckten Militäroperation dringt die USA in das Territorium von Latveria ein und verletzt damit internationales Recht. Colton möchte vor allem die Mission erfüllen: das Befreien von Geiseln. Steve Rogers will dagegen die Welt zu einem besseren Ort machen und möchte sich Doctor Doom selbst stellen.

Der Comic wirkt mehr wie eine Herkunftsgeschichte von David Colton als ein Band über Steve Rogers. Seine Herkunft, die mit den Anschlägen vom 11. September beginnt, wird immer wieder parallel erzählt. Doch gerade dies macht diesen Comic interessant: Colton wird als alternativer Captain America erzählt, der sich in seiner Moralvorstellung grundlegend von Steve Rogers unterscheidet. Beide kämpfen für dasselbe, handeln aber anders. Dabei ist Colton auch von US Agent zu unterscheiden, der mit einer ähnlichen Prämisse eingeführt wurde. Eine ähnliche Dualität wird auch in Latveria gezeigt, indem Doctor Doom und der Rebellenführer Marius Wolf gegenübergestellt werden. Das alles führt zu einem Spannungsfeld, in dem die Loyalitäten der Figuren nie ganz klar sind. Steve muss sich selbst in dieser Welt positionieren und seinen moralischen Kompass neu ausrichten. Wie in vielen Captain America Comics kann man das Szenario auch als Kommentar zur aktuellen Weltpolitik verstehen.

Sind die USA immer noch die Guten?

Auch wenn Doctor Doom klar der Schurke ist, muss man sich fragen, ob es wirklich richtig ist, in die Politik eines anderen Landes einzugreifen und das Problem mit Gewalt zu lösen. Doom wird ebenso ambivalent dargestellt wie General Thaddeus Ross, der hier Steves Vorgesetzter ist. Es ist spannend zu sehen, wie sich der strahlende Held Captain America hier positioniert. Optisch hat Valerio Schiti den Comic in einem sehr glatten und ästhetisch ansprechenden Stil gestaltet. Die Bilder wirken aber dennoch etwas langweilig, was vor allem auf die stark verwaschene Farbgebung und die Abwesenheit von Kontrasten zurückzuführen ist.

Der Comic macht die Schwächen in der Gestaltung aber durch eine interessante Geschichte wieder wett. Man sollte sich aber bewusst sein, dass es hier nicht nur um Steve Rogers, sondern auch um die neue Figur David Colton geht, die stark in der aktuellen Weltgeschichte verwurzelt wird. Durch die skalierende Zeitskala von Marvel ist der Beginn der modernen Marvel-Comics stets 15 Jahre in der Vergangenheit, sodass sich auch das Amerika verändert, in dem Steve Rogers nach seiner Zeit im Eis erwacht. Die Entscheidung, genau hier neue Handlungen zu erzählen, ist eine spannende Entscheidung und macht Lust auf mehr. Der Comic ist damit für mich eine klare Empfehlung.

Die harten Fakten

  • Verlag: Panini Comics
  • Autor*in: Chip Zdarsky
  • Zeichner*in: Valerio Schiti
  • Seitenanzahl: 80
  • Preis: 9,99 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, Panini

Fazit

Das neue Format, das DC Fans schon von den Absolute Comics kennen, findet nun auch bei Marvel Anwendung. Es positioniert sich dabei in der Mitte zwischen den Heften, in denen meist nur ein oder zwei US-Comics abgedruckt sind, und den bisherigen Paperbacks, in denen es meist fünf bis sechs Kapitel gibt. Aufgrund der Inflation und der gestiegenen Papierpreise ist das neue Format eine preiswerte Alternative, welche die Comics wieder für jüngere Zielgruppen attraktiv macht. Dazu hat es den Vorteil, dass man schneller in eine neue Reihe hineinschnuppern kann und die Veröffentlichungszeit zwischen neuen Bänden weniger als ein halbes Jahr beträgt. Alles Aspekte, die grundlegend als positiv zu betrachten sind. Man sieht aber an den hier rezensierten Comics, dass dieses Format auch seine Tücken hat. Gerade der Captain America Comic wirkt unterbrochen. Er endet mit dem klassischen „Fortsetzung folgt“ und zerreißt damit eine zusammenhängende Geschichte. Dennoch (oder gerade deshalb) ist dieser Neustart aber auch besonders gelungen und zeigt eine neue Perspektive auf den klassischen Helden. Doch auch Der sterbliche Thor und die Fantastic Four wissen zu überzeugen. Alle Comics sind für Neueinsteigende perfekt geeignet und eine gute Gelegenheit, zu schauen, ob man mehr davon erleben möchte.

 

Artikelbilder: © Panini Comics, Marvel
Layout und Satz: Mika Eisenstern
Lektorat: Lidia Strauch
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