Der avant-Verlag bringt endlich Mort Cinder nach Deutschland. Der Horrorklassiker von Héctor G. Oesterheld und Alberto Breccia gilt als einer der besten argentinischen Comics. Lässt die Geschichte über die Erlebnisse des mysteriösen Unsterblichen Mort Cinder, vom Turm von Babel bis zum ersten Weltkrieg, heute noch Schauer über den Rücken laufen?
Héctor Germán Oesterheld gilt als einer der größten Meister des argentinischen Comics, der in den 50ern und 60ern zahlreiche Klassiker und Meisterwerke schuf. Als sein vielleicht größtes Werk gilt Eternauta, ein apokalyptisches Science-Fiction-Epos durch Raum und Zeit, das dieses Jahr als Netflix-Serie herauskommen soll. Aber Oesterhelds andere Werke sollten nicht vernachlässigt werden. Neben Arbeiten mit niemand geringerem als Hugo „Corto Maltese“ Pratt ragt auch das von Alberto Breccia gezeichnete Mort Cinder heraus. Oesterheld und seine Töchter wurden 1976 und 1977 von der argentinischen Militärjunta verhaftet und verschwanden spurlos. Zurück blieben seine Ehefrau und seine Werke.
Gewalt, Mord, Gehirnwäsche, Sklaverei
Handlung
Mort Cinder beginnt mit Ezra Winston. In seinem Londoner Antiquariat kauft der ältere Herr oft Relikte, die über die seltsamsten Eigenschaften verfügen. Eines Tages bekommt Ezra etwas, das er für ein Amulett hält und ein nicht zu entfernendes Symbol auf seiner Hand hinterlässt. Plötzlich springen die Uhren im Haus auf eine bestimmte Uhrzeit und Ezra sieht überall Zeitungsartikel, die die Hinrichtung des Mörders Mort Cinder ankündigen. Wie von einer fremden Macht getrieben, verlässt Ezra das Haus und begibt sich auf die Suche nach Cinder, obwohl er ihn nicht kennt. Die Reise wird immer surrealer und albtraumhafter. Außerdem wird Ezra von anderen verfolgt, die auch Cinder auf der Spur sind: die mysteriösen „Männer mit bleiernen Augen“.
Nach dem gemeinsamen, ersten großen Abenteuer von Ezra und Mort wechselt die Art der Erzählungen. Die folgenden Kapitel sind kürzer und handeln zu einem Großteil von Geschichten, die der unsterbliche Mort Cinder aus seinem Leben erzählt. Trotzdem bleibt Mort immer ungreifbar. Er ist eine fremdartige, mysteriöse Figur, der sich nicht entzogen werden kann. So wie Ezra durch ein seltsames Schicksal mit Mort verbunden wurde, werden auch die Leser in den Bann des Unsterblichen geschlagen.
Die Kapitel sind für sich abgeschlossen und erzählen keine fortlaufende Geschichte. Die einzelnen Kapitel decken eine Bandbreite von Zeiten, Schauplätzen und Arten von Grusel ab. Durchgängig sind dabei nur die Präsenz von Mort Cinder und das (alb-)traumhafte Gefühl. Die Ereignisse in allen Geschichten wirken wie aus der normalen Welt entrückt, gelenkt von geisterhaften Kräften. Das erzeugt eine schöne unheimliche Stimmung, die auch den eher geerdeten Geschichten wie Morts Aufenthalt im Gefängnis oder seinen Erlebnissen bei der Schlacht der 300 Spartaner an den Thermopylen einen mysteriösen Eindruck verleiht.
Der Horror entsteht dabei durch das hintergründige Gefühl, dass unbekannte, unbegreifliche Mächte am Werk sind. Manche der Geschichten könnte man modern schon fast eher als Thriller sehen. Besonders schockierende Szenen oder gar Splatter bietet Mort Cinder nicht. Stattdessen führt der Comic in eine mysteriöse Schattenwelt, in der Visionen, Träume und unterbewusste Zwänge bedrohlich im Dunkeln lauern. Besonders durch die zeichnerische Darstellung Breccias funktioniert das sehr gut.
Charaktere
Der Erzähler des Comics ist Ezra Winston. Der alte Antiquar spielt die Rolle des Dr. Watson zu Mort Cinders Sherlock Holmes. Manchmal wird er zwar auch in die Geschehnisse verwickelt, aber oft ist er nur der Gesprächspartner, der Mort zuhört. Alberto Breccia zeichnete Ezra mit seinem eigenen Gesicht, aber künstlich gealtert. Winston hatte schon immer ein Gespür für die Geschichten und Emotionen der vorherigen Besitzer seiner Antiquitäten. An der Seite von Mort erfährt er aber mehr über alte Relikte und Zeiten, als er sich je hätte träumen können.
Mort Cinder ist nicht der Erzähler, aber die eigentliche Hauptfigur – wie eben bei Sherlock Holmes. Sonst verbindet die beiden aber nichts. Obwohl der Wiedergänger stets auftaucht, bleibt er immer mysteriös. Weder seine Herkunft noch die seiner Unsterblichkeit wird je aufgedeckt. Beim Turmbau zu Babel war er Sklave, baute Gräber im alten Ägypten, war bei den Thermopylen Spartaner, Matrose auf einem Sklavenschiff, Soldat im ersten Weltkrieg und mehr. Er hat ein Gespür für das Übersinnliche, ist bei Bedarf ein fähiger Kämpfer oder auch Hirnchirurg. Trotz allem bleibt er aber unbekannt und gibt kaum etwas über sich preis. Das macht aber auch nichts. Als Führer durch die mysteriösen Ereignisse schafft es Mort Cinder ausgezeichnet, immer wieder kleinere Details darzubieten, das große Ganze aber im unheimlichen Zwielicht des Unbekannten zu lassen. Das gilt sowohl für ihn selbst als auch für seine Erzählungen.
Zeichenstil
Mort Cinder ist komplett in Schwarz-Weiß gehalten. Breccias Zeichnungen sind detailliert, schraffiert und wirken auf den ersten Blick realistisch. Auf den zweiten Blick schleichen sich aber unnatürliche Elemente ein, Proportionen verziehen sich und die Schatten werden immer tiefer. Vor allem die Dunkelheit prägt einen großen Teil des Comics, bei dem das Chiaroscuro-inspirierte Spiel von Lichtquellen im Dunkeln zeigt, was geschieht. Aber es lässt auch immer das Gefühl, im Dunkeln könnte noch mehr warten.
Auch die Figuren sind auf den ersten Blick realistisch gemalt. Aber auch sie zeichnet auf den zweiten eine gewisse Unnatürlichkeit aus. Die Körper sind oft etwas staksig und an vielen Gesichtern, auch Ezras, hängt die Haut etwas sehr schlaff. Mort Cinder bietet dafür den Gegenpol. Das lange Gesicht des Unsterblichen ist hager und kantig, wie aus Granit geschlagen. Die Figuren sind nicht absichtlich hässlich gemalt, aber in ihrer realistischen Abweichung von Schönheitsidealen, wie sie zum Beispiel in Superheldencomics gerne bedient werden, liefern die Menschen der Geschichte ein düster-realistisches Fundament für die unheimliche Stimmung.
In der argentinischen Originalveröffentlichung erschien Mort Cinder eine Zeitlang horizontal statt vertikal. Der avant-Verlag hat das beibehalten und so muss, originalgetreu, das Comic bei einigen Geschichten gekippt werden. Etwas ungewohnt, aber die richtige Entscheidung – allemal besser, als die Panels der Seiten händisch umzuschnippeln und sie im aufrechten Format neu anzuordnen.
Erscheinungsbild
Der Band ist etwas größer als DIN A4 geraten und fühlt sich mit dem dicken Hardcover sehr wertig an. Das Cover mit der Schrift im 60er Jahre Stil macht einen guten und passenden Eindruck. Die Druckqualität und das Papier der Seiten sind qualitativ hochwertig und bilden alle Feinheiten der Zeichnungen genau und gut ab.
Die harten Fakten:
- Verlag: avant-verlag GmbH
- Autor*in(nen): Héctor G. Oesterheld
- Zeichner*in(nen): Alberto Breccia
- Erscheinungsjahr: 2023
- Sprache: Deutsch/Englisch
- Format: Hardcover, 23.2 x 2.9 x 30.4 cm
- Seitenanzahl: 260 Seiten
- Preis: 40 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo
Bonus/Downloadcontent
Zusätzlich zu den Comics folgt am Ende ein Originalmanuskript von Oesterheld für eine Geschichte, die leider nie gezeichnet wurde. Ein netter Bonus für alle, die mehr lesen wollen.
Fazit
Der Autor Héctor G. Oesterheld und der Zeichner Alberto Breccia sind beides Legenden der Comicszene. Neben anderen Meisterwerken fertigten die beiden zusammen das Horrorcomic Mort Cinder an. Der Londoner Antiquar Ezra Winston gerät darin in den Bannkreis des mysteriösen Unsterblichen Mort Cinder – und so wird es auch den Leser*innen ergehen. Die Geschichten aus Cinders Jahrtausende dauerndem Leben handeln von Orten aus aller Welt und unheimlichen Vorkommnissen. Breccias dunkle Schwarz-Weiß-Zeichnungen stellen die ausgezeichnet dar und unterstreichen die Mischung aus düsterem Realismus und den dunklen, entrückten Mächten, die hinter dem gesunden Menschenverstand lauern.
Fans von Splatter oder schockierenden Szenen werden hier nicht glücklich, die anderen können aber die mysteriöse Atmosphäre genießen. Man könnte sich zwar etwas weniger Geheimniskrämerei und etwas mehr Enthüllungen wünschen, vor allem über die Hauptfigur, Mort Cinder selbst. Aber vielleicht, wenn nicht wahrscheinlich, ist gerade das alles durchdringende Mysteriöse, Geheimnisvolle das, was Mort Cinder ausmacht. Der Preis von 40 Euro ist für diesen Horrorklassiker in der tollen Aufmachung jedenfalls sicherlich angemessen.

- Hervorragende Atmosphäre
- Interessante, diverse Geschichten
- Vielleicht bleibt zu viel mysteriös
- Zuwenig Verbindung zwischen Geschichten
Artikelbilder: © avant-verlag GmbH
Layout und Satz: Andreas Hübner
Lektorat: Katrin Holst
Fotografien: Paul Menkel
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.
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