Geschätzte Lesezeit: 10 Minuten

Kassette in den Walkman einlegen und Kopfhörer auf! Die Mutprobe lässt die Spieler*innen zu einem Halloween-Abend in den 80ern zurückreisen. Als Kind-Investigator*innen lassen die Charaktere sich auf eine gruselige Mutprobe ein: eine Nacht im Barnakerhaus. Schnell stellen sie fest, dass sich im alten Haus etwas abgrundtief Böses eingenistet hat.

Seit 2020 veröffentlicht Pegasus Abenteuersammlungen für Cthulhu rund um die gruseligste Nacht des Jahres: Halloween. Auf die Sammlung Halloween (2020) folgten Rückkehr nach Halloween (2022), Halloween in 3D (2023) und 2024 der bis jetzt letzte Band der Reihe: Die Mutprobe. Während in den ersten drei Bänden jeweils drei Abenteuer gebündelt waren, ist Die Mutprobe ein Szenario, das sich an einem Abend durchspielen lässt. Geschrieben wurde es von Kevin Ross für ein Rollenspiel-Turnier und wurde von Chaosium bereits vor über 20 Jahren veröffentlicht. Pegasus hat sich nun des klassischen Cthulhu-Abenteuers angenommen und es ins Deutsche übersetzt.

Triggerwarnungen

Kindestod, Kannibalismus, Ungeziefer

[Einklappen]

Halloween im Barnakerhaus

Ein altes Haus, eine Mutprobe und Halloween: Zutaten für eine unvergessliche Nacht.
Ein altes Haus, eine Mutprobe und Halloween: Zutaten für eine unvergessliche Nacht.

Die Mutprobe spielt in den 80er-Jahren an Halloween. Die Spieler*innen übernehmen die Rollen von Kindern, die von ihrem gemeinen Klassenkameraden Roger dazu herausgefordert werden, eine Nacht im alten Barnakerhaus zu verbringen. Wie sollte es anders sein: Das Barnakerhaus beherbergt neben Ratten und anderem Ungeziefer auch etwas abgrundtief Böses, sodass die kindlichen Investigator*innen eine unvergessliche Nacht vor sich haben.

Das 80er-Jahre-Setting und die Kind-Investigator*innen beschwören Vergleiche zu Stranger Things oder zur neuen ES-Verfilmung herauf, wobei Die Mutprobe älter als diese Medienprodukte ist. Sicherlich ist die immer noch anhaltende 80er-Nostalgiewelle ein Grund dafür, warum Die Mutprobe neu aufgelegt worden ist. Dem Szenario gelingt es, seine eigene Nische zu finden, denn der bekannten Formel von Kindern, die in den 80ern das Böse bekämpfen, fügt das Szenario eine große Portion Lovecraftschen Horror hinzu.

Spoiler-Warnung: Wer zu große Angst vor der Wahrheit über das Grauen im Barnakerhaus hat, flüchtet sich lieber schnell zum nächsten Abschnitt.

Das Szenario ist darauf ausgelegt, in etwa vier Stunden spielbar zu sein. Deshalb beginnt die Handlung auch in medias res: Die Kinder stehen vor dem Barnakerhaus und werden von Roger dazu angestachelt, das Haus zu betreten. Vorher können die Kinder sich noch den Garten genauer anschauen und erste Hinweise auf das Grauen im Barnakerhaus finden, sowie bereits in lebensgefährliche Situationen kommen. Auch wenn im Spiel Kinder die Hauptpersonen sind, heißt das nicht, dass das Szenario weniger tödlich ist als ein Abenteuer für erwachsene Investigator*innen.

Mit dem fiesen Roger stimmt etwas ganz und gar nicht…
Mit dem fiesen Roger stimmt etwas ganz und gar nicht…

Irgendwann setzt dann ein kalter Regen ein, der die Kinder in das Haus treiben soll. Dann beginnt der eigentliche Spaß. Das Barnakerhaus steht nämlich aus gutem Grund schon seit Jahrzehnten leer. In einem Tunnelsystem unter dem Haus lebt die uralte Hexe Evelyn Barnaker, die durch einen Pakt mit Nyarlathotep unsterblich geworden ist. Allerdings bleibt dieser Pakt nur bestehen, wenn Evelyn regelmäßig frisches Menschenfleisch isst. Vor kurzem erst hat sie den fiesen Roger in ihr Haus gelockt und diesen zu ihrem Diener gemacht. Roger wiederum bringt Evelyn nun ihre neuen Opfer: die Investigator*innen.

Während draußen ein gewaltiger Herbststurm tobt, erkennen die Investigator*innen nach und nach, dass sie keine normale Mutprobe durchleben, sondern dass im Barnakerhaus etwas mehr als faul ist. Spätestens nachdem sie die Leiche im oberen Stockwerk gefunden haben oder ihr erstes Rattenwesen getroffen haben, sollte das den Charakteren klar sein.

Während die Charaktere das Haus erkunden, gibt das Szenario der Spielleitung mehrere Ressourcen an die Hand, um die Spannung zu erhöhen und die Spieler*innen voranzutreiben. Die wichtigsten sind die NSCs Roger und Rastis. Roger ist etwa bis zur Hälfte des Abenteuers an der Seite der Investigator*innen und treibt die Charaktere durch sein konstantes Sticheln zur weiteren Erkundung an. Neben Roger kann die Spielleitung auch Rastis einsetzen, um die Charaktere zu erschrecken und Untätigkeit seitens der Spieler*innen zu vermeiden. Rastis ist Evelyn Barnakers Katzenvertrauter. Der graue Kater sieht aus, als wäre er Stephen Kings Friedhof der Kuscheltiere entsprungen und ist ebenso bösartig. Er kann nicht nur sprechen, sondern besitzt auch magische Fähigkeiten, die er dazu nutzt, die Kinder zu Evelyn zu locken.

Als kleinere Gegner kann die Spielleitung zudem noch Ratten- und Fledermauswesen einsetzen, die gegen die Kinder vorgehen. Allerdings leiden diese Wesen unter ihrer eigenen Existenz: Sie sind Hybridwesen, Fledermäuse oder Ratten mit den Köpfen und Seelen der von Evelyn bereits verspeisten Kinder. Theoretisch können die Hauptcharaktere sich auch mit mindestens einem dieser Wesen anfreunden.

Evelyn Barnaker sieht nur auf den ersten Blick wie eine nette alte Dame aus.
Evelyn Barnaker sieht nur auf den ersten Blick wie eine nette alte Dame aus.

Nachdem die Kinder sich im Haus umgesehen und Hinweise dazu gesammelt haben, wie sie Evelyn besiegen können, steht das große Finale an. Evelyn hat mittlerweile durch einen Zauber alle Türen und Fenster verschlossen, sodass den Charakteren kaum ein Ausweg bleibt, als sich Evelyn zu stellen, wollen sie nicht Rastis oder Roger zum Opfer fallen. Die Konfrontation mit Evelyn ist erinnerungswürdig, da Evelyns mächtigster Angriff das Verspeisen eines Kindes ist. Außerdem kann die Spielleitung den Kampf zusätzlich erschweren, indem sie auch hier Ratten- und Fledermauswesen in das Geschehen einführt.

Insgesamt ist Die Mutprobe ein sehr effizientes Szenario. Die Kinder müssen sich im Haus ständig verschiedener Gegner*innen erwehren, sodass es kaum Entspannung für die Charaktere gibt. Gleichzeitig sind diese Begegnungen, sowie die Erkundungsphasen vor allem darauf ausgelegt, die Kinder entweder auf die finale Konfrontation mit Evelyn vorzubereiten oder sie dorthin zu führen. Die NSCs sind in erster Linie Ressourcen, die die Spielleitung dazu nutzen kann, die Charaktere genau dorthin zu bringen. Sie sind trotzdem mehr als nur als Figuren verkleidete Spielleitungswerkzeuge. Roger, ein typischer Mobber, ist zunächst einfach nur nervig, wird dann aber schnell zu einem echten Problem. Spätestens, wenn die Kinder ihn besiegen und Roger in einen Haufen Ungeziefer zerfällt, wird er zu einem erinnerungswürdigen Antagonisten.

Das Abenteuer wird durch seine feste Struktur etwas linear. Außerdem kommen die Handouts, die in Cthulhu-Szenarien oft eine wichtige Rolle spielen, etwas kurz. Das Szenario wartet dementsprechend nicht mit einer besonders komplexen Hintergrundgeschichte auf. Dafür ist es aber sehr kompakt und actiongeladen und eignet sich somit perfekt als One Shot für ein cthulhoides Halloween.

Call of Kidhulhu – Rollenspielen als Kind in den 80ern

Neben dem eigentlichen Szenario bietet Die Mutprobe Tipps und Anleitungen, um das Rollenspielen als Kind in den 80er-Jahren zu erleichtern. Dazu gehören die Call of Kidhulhu-Regeln. Dieses Kapitel gibt einen sehr kurzen Überblick über die wichtigsten Cthulhu-Mechaniken und soll unerfahrenen Spieler*innen und Kindern, die Möglichkeit geben, einen einfachen Einstieg in das Rollenspiel zu finden. Sollte man Die Mutprobe mit Kindern spielen wollen, bietet das Szenario außerdem für besonders fiese Szenen eine FSK-12-Version an, die weniger Gewaltdarstellungen enthält.

Außerdem nimmt die kinderfreundliche Version einige mechanische Änderungen vor, zum Beispiel muss ein Charakter keinen Wurf ausführen, um nicht vom Dach des Hauses in den Tod zu stürzen. Stattdessen kann er sich automatisch festhalten. Trotzdem ist das Abenteuer auch in der FSK-12-Version potenziell tödlich, was vor allem davon abhängt, wie gefährlich die Spielleitung den finalen Kampf gestaltet. Dem Szenario sind keine Triggerwarnungen bezüglich der möglichen Kindertode vorangestellt und es gibt keinen Abschnitt, der sich mit diesem schwierigen Thema auseinandersetzt.

Der größte Unterschied zu Cthulhu sind die vereinfachten Charakterbögen. Kind-Investigator*innen verfügen nur über 13 verschiedene Fähigkeiten, die an die Lebenswelt von Kindern angepasst sind. Statt Rechtswesen oder Buchführung, was Fähigkeiten erwachsener Investigator*innen sind, können Kinder Kram zusammenflicken, Kumpel sein oder Zündeln.

Kinder üben zudem keinen Beruf aus und ihre Attributswerte sind angepasst worden, sodass Kindercharaktere insgesamt schwächer sind als Erwachsene. Natürlich tragen Kinder andere Ausrüstungsgegenstände bei sich. Schusswaffen haben die Investigator*innen keine, dafür aber zum Beispiel einen Walkman, eine Swatch-Uhr oder ein Furzkissen. Besonders die beschränkte Ausrüstung kann für interessante Rollenspielmomente sorgen, da die Spieler*innen sich mit wenigen Mitteln einem übermächtigen Grauen entgegenstellen müssen.

Der Charakterbogen für Kinder-Charaktere ist kurzgehalten.
Der Charakterbogen für Kinder-Charaktere ist kurzgehalten.

Wie man einen Kindcharakter erstellt, wird in Die Mutprobe kurz beschrieben, sodass man theoretisch auch für andere Szenarien eine*n junge*n Investigator*in erschaffen kann. Im Heft sind praktischerweise zehn vorgefertigte Charaktere enthalten, die wirken, als wären sie einem Abenteuerfilm wie Die Goonies entsprungen, und die damit absichtlich ein bisschen klischeehaft sind. Da wäre einmal der Snob, der einen reichen Vater hat und gegenüber anderen Kindern herablassend ist, oder der komische Typ, der sich mit allem Übernatürlichen auskennt. Allein das Durchlesen der Charakterbögen macht Spaß. Wenn sie wollen, können die Spieler*innen aus einer großen Anzahl an Investigator*innenporträts ein passendes heraussuchen.

Das Szenario ist in den 80er-Jahren angesiedelt. Dadurch, dass der Großteil jedoch in einem alten heruntergekommenen Haus spielt, lässt sich Die Mutprobe auch zu anderen Zeiten spielen. Trotzdem gibt sich das Szenario Mühe, aus dem angedachten 80er-Jahre-Setting mehr als nur ein bloßes Gimmick zu machen. Damit Spieler*innen sowie Spielleitung ein Gefühl für die Zeit bekommen, gibt es ein paar Tipps zum Rollenspielen in den 80ern, sowie Filmempfehlungen. Die empfohlenen Filme sind allesamt Horrorfilmklassiker, natürlich inklusive einiger klassischer Slasherfilme aus den 70ern und 80ern. Sie machen richtig Lust auf ein Szenario ganz im Stile von ES oder Stranger Things. Damit die Spieler*innen sich tatsächlich wie Kinder an Halloween fühlen, sollen sie am Anfang zudem überlegen, was für ein Kostüm sie tragen. Das kann nochmal zur zeitlichen Verortung des Szenarios beitragen, zum Beispiel wenn ein Charakter als Chucky oder als Ghostbuster vor dem Barnaker-Haus erscheint.

Das Szenario spielt mit Klischees, die man aus 80er-Jahre-Filmen und -Serien mittlerweile gewohnt ist. Das merkt man vor allem an den vorgefertigten Charakteren und auch an Roger, der der klassische Mobber ist. Wie sehr man diese Klischees ausspielen möchte, ist der Spielleitung überlassen, allerdings macht es natürlich auch Spaß, sich in eine nostalgische Version der 80er-Jahre zu begeben, wie man sie aus der Popkultur kennt.

Erscheinungsbild

Das Heft ist hochwertig gebunden. Die Illustrationen im Inneren sind allesamt schwarz-weiß, wie man es von Cthulhu-Softcovern kennt. Insgesamt gibt es nicht allzu viele Bilder, aber die vorhandenen reichen aus, um einen Eindruck von den besonders wichtigen Charakteren und Orten zu geben. Besonders schön ist, dass die Karten für die Spielleitung so aussehen, wie (sehr ordentliche) Kinderzeichnungen aus einem Schulblock. Durch das Inhaltsverzeichnis findet man sich im Heft schnell zurecht. Außerdem ist der Inhalt chronologisch strukturiert. Da das Szenario relativ linear ist, behält die Spielleitung so gut den Überblick.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Pegasus Press
  • Autor*in(nen): Kevin Ross, Bret Kramer, Brian Sammons
  • Illustrator*in(nen): Ian MacLean, Katie von Csefalvay
  • Erscheinungsjahr: 2024
  • Sprache: Deutsch
  • Format: Softcover/PDF
  • Seitenanzahl: 77
  • ISBN: 978-3-96928-125-3
  • Preis: 14,95 EUR/ 9,95 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, DriveThruRPG, Sphärenmeister

 

Bonus/Downloadcontent

Die Handouts für die Mutprobe sind – wie bei Pegasus gewohnt – über Pegasus Digital kostenlos downloadbar.

Fazit

Die Mutprobe ist ein spaßiger One Shot für eine Halloween-Sitzung, der sich seines Settings und den damit einhergehenden Klischees durchaus bewusst ist. Durch die verkürzten Regeln ist es außerdem geeignet, Kinder oder Neulinge an Cthulhu heranzuführen, auch wenn das Setting stark vom klassischen Cthulhu abweicht. Falls die Spieler*innen Kinder sind, gibt das Heft der Spielleitung genug Ideen an die Hand, die Geschichte etwas kinderfreundlicher zu gestalten. Das 80er-Jahre-Setting wird im Szenario stimmungsvoll vermittelt und wird dadurch zu mehr als einem reinen Gimmick. Gleichzeitig ist es immer noch gut möglich, das Abenteuer zu einem anderen Zeitpunkt spielen zu lassen, ohne dass die Spielleitung dafür großen Aufwand betreiben müsste. Insgesamt ist Die Mutprobe vor allem im Vergleich zu den anderen Teilen der Halloween-Reihe sehr kurz. Es ist ein Szenario, das sich innerhalb von vier Stunden durchspielen lässt und für eine längere Sitzung nicht geeignet ist. Trotzdem bietet Die Mutprobe für diese vier Stunden genau das, was es beabsichtigt: eine fiese, kleine Halloween-Geschichte, die einige gute Schockmomente hat und alles in allem einfach Spaß macht.

  • Actiongeladen
  • Tolles 80er-Jahre-Setting
  • Spaßiger Halloween One Shot

 

  • Kurze Spielzeit im Vergleich zu anderen Halloween-Bänden
  • Wenige Handouts

 

Artikelbilder: © Pegasus Press
Layout und Satz: Mika Eisenstern
Lektorat: Laura Pascharat
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.

Dieser Artikel enthält Affiliate-Links. Durch einen Einkauf unterstützt ihr Teilzeithelden, euer Preis steigt dadurch nicht.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein