Eine Insel aus Zuckerwatte, Eiscreme und Teig klingt wie das reinste Paradies. Und maximal nach einer Gefahr für die eigene Figur. Doch zwischen Bonbonbäumen und Zuckerwattehügeln wartet eine viel größere Gefahr: die großen Esser. Tretet ihren Schergen in Sweet Cherry Pie VS Evil entgegen und macht Omnom Island wieder sicherer!
Im Rahmen eines Kickstarters wurde im März 2024 Sweet Cherry Pie VS Evil innerhalb eines Tages finanziert. Mit knapp unter 10.000 Euro ist der Kickstarter nicht sonderlich groß, aber das ist das Regelwerk auch nicht. Mit schlanken 50 Seiten kommt das Grundregelwerk daher und bringt alles mit, was es zum Spielen braucht. Wir haben für euch reingeschaut und nehmen euch nun mit auf eine Reise durch heiße Öfen und frostige Eisberge.
Das Regelwerk lag auf Englisch zur Rezension vor. Eigennamen aus dem Englischen wurden für die Rezension nicht übersetzt und werden gekennzeichnet, indem sie kursiv dargestellt werden.

Tod, Kannibalismus
Inhaltsverzeichnis
Die Spielwelt
Willkommen auf Omnom Island: Einer Insel, die inmitten der Marmeltide liegt und geprägt ist von einer sehr diversen Fauna. Geformt wie ein gigantischer Keks und aufgeteilt in drei kreisförmige Bereiche: die Huge Crust ist die Küstenregion der Insel, während das Sweetheart den Mittelpunkt der Insel markiert und von Doughdale umgeben wird. Die Huge Crust und Doughdale sind in weitere Regionen unterteilt, aus denen unsere Abenteurerund deren Gegner kommen können. Insgesamt gibt es neun Regionen auf Omnom Island, die unterschiedlichste Gegebenheiten haben. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie haben in irgendeiner Art und Weise mit Süßigkeiten und Süßgebäck zu tun. Sei dies nun, weil sie eine Zutat dafür sind oder eine heiße Region, die aus rohem Teig köstliche Küchlein zu backen vermag.
Die Huge Crust vereint fünf Regionen, die von der Marmeltide umschlossen sind. Die Candied Scrublands sind ein Wald aus kandierten Früchten, die Eggbogs ein sumpfiges Gebiet voll Eiweiß und Eigelb. In den Flour Plains kann man sich schnell zwischen Dünen aus Puderzucker und Mehl verirren und die klebrigen Ebenen des Landyfloss hat mancher nicht wieder verlassen. Am Rand der Insel strecken sich die zuckrigen Gipfel der Sucrises dem Himmel entgegen und locken mit gefährlich kalten Höhen.
Von der Huge Crust umschlossen wird das Doughdale. Hier leben die meisten Noms – die Bewohner*innen von Omnom Island. Ähnlich hoch wie die Sucrises an der Küste sind die Alpovens, eine vulkanische Landschaft, die so manchen Keks und Kuchen hervorbringt. Das Creamoor grenzt direkt an die kalten Gipfel und bildet zusammen mit ihnen die Refrosted Lands, denen diverse Kaltspeisen entstammen. Die Spongewoods bilden ein waldiges Gebiet, das viele wichtige Zutaten für die Noms enthält. Aus den Alpovens und den Refrosted Lands stammen die verschiedenen Linien der Noms und jede hat ein eigenes Marziville – ein großes Gebäude wie eine Stadthalle, das von einer Siedlung umgeben ist. Diese bilden das Herz der verschiedenen Linien der Noms. Mehr zu den Linien der Noms unter „Charaktererschaffung“.
Das Sweetheart mit Sweetpeak bildet den Mittelpunkt von Omnom Island. Von hier regiert Königin Cherry Pie ihr Land. Die Stadt Sweetheart ist ein mehrstöckiger Kuchen, dessen Höhe nur von den Alpovens und den Sucrises überboten wird. Hier gibt es alles, was das süße Herz begehrt: Parks, Läden… aber auch extrem teure Mieten. Auf der obersten Kuchen-Ebene schließlich findet sich Sweetpeak: Hier liegt das politische Machtzentrum und der Palast von Omnom Island.
Gespielt werden in Sweet Cherry Pie VS Evil die sogenannten Warries. Das sind spezielle Noms, die auf Abenteuer ausziehen und Omnom Island und dessen Bewohner*innen beschützen. Und das ist auch bitter nötig, denn seit einiger Zeit ziehen Horden von Monstern, die den Noms schaden wollen, über das Eiland: Die Gluttonies. Niemand weiß genau, wo sie herkommen, aber sie greifen die Noms an und bringen sie zu den großen Essenden. Sie bedrohen den Frieden von Omnom Island und die Aufgabe der Warries ist es, diesen wieder herzustellen – oder zumindest ein Stück weit.

Ingesamt wird auf knapp 13 Seiten die Spielwelt und die Bedrohung durch die Gluttonies sehr gut und ausreichend detailliert beschrieben. Das ist für die Kürze der Weltbeschreibung durchaus beeindruckend und vermag ein gutes Bild zu vermitteln. Gut genug, dass man direkt bereit ist, eine Gruppe auf Zutatensuche in die Eggbogs zu schicken… wo sie vermutlich einer kleineren Gruppe Gluttonies in die Arme laufen könnten.
Die Regeln
Die Regeln von Sweet Cherry Pie VS Evil sind an sich recht einfach und werden auf knapp zehn Seiten erläutert. Der Kern ist dabei die Erklärung der Proben und deren Zusammenhang mit den Zutaten der Warries. Mehr dazu unter „Charaktererschaffung“.
Zum Spielen werden keine Würfel benötigt, sondern nur das Büchlein, denn eine Probe wird mit einem sogenannten Scoop gemacht:
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Der*Die Spielende möchte eine Aktion (Kampf oder Attributsprobe) durchführen.
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Die Spielleitung legt fest, welches Attribut und zugehörige Zutat für die Probe benötigt werden.
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Der Schwierigkeitsgrad wird festgelegt.
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Der*die Spielende entscheidet, wie viele Zutatenfragmente bei der Probe ausgegeben werden sollen.
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Nun wird das Buch zur Hand genommen und festgelegt, welche der Skalen die Probe darstellen soll: linke Seite oder rechte Seite, und auf der jeweiligen Seite oben, unten, links oder rechts.
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Das Büchlein wird an einer zufälligen Stelle geöffnet und das Ergebnis anhand des rot markierten Punkts auf der Skala ausgewertet.
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Falls Zutatenfragmente ausgegeben wurden, können sie verwendet werden, um das Ergebnis sowohl vorwärts als auch rückwärts zu verändern.
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Falls sich durch die Schwierigkeit ein negativer Modifikator ergibt, wird das Ergebnis immer zu dem korrigiert, was das schlechteste Ergebnis ist.
Zur Festlegung des Schwierigkeitsgrades gibt es drei Abstufungen: Keine Schwierigkeit (keine Abzüge auf die Probe), Mittlere Schwierigkeit (ein Malus von 1 auf die Probe) und Hohe Schwierigkeit (ein Malus von 2 auf die Probe).
Das nach der Probe ermittelte Ergebnis kann verschiedene Ausprägungen haben. Für Attributswürfe werden die Zahlen ignoriert – diese sind nur für den Kampf relevant. Bestanden ist eine Probe mit den Ergebnissen Yummy! Und It’s still good, wobei letzteres einen leicht negativen Effekt hat. Ein Misserfolg wird durch What a mess, was ein kritischer Misserfolg mit negativen Konsequenzen ist, und Does not look good abgedeckt.

Im Kampf werden die Zahlen der Skala beachtet – diese reichen von -2 bis +2. Bei einem Angriff wird dadurch der Schaden modifiziert im Falle der Aktion Verteidigung können so Zutatenfragmente wiederhergestellt werden.
Spielt man online oder möchte einfach gern würfeln, kann auch mit einem D8 gearbeitet werden. Im Buch gibt es eine Zuordnung der Würfelergebnisse zu den Attributsproben, für die Ergebnisse 2 bis +2 jedoch nicht. Dies kann aber nicht von einem D8 direkt umgerechnet werden, so dass hier eine Umrechnungstabelle oder zumindest Gegenüberstellung fehlt.

Kann oder will man nicht das zu einem Attribut zugehörige Zutatenfragment ausgeben, gibt es dafür im Büchlein Umrechnungsformeln. Dies ist auch nicht etwa jeweils 1:2, sondern abhängig von der Zutat: 1 Hefe sind beispielsweise 2 Butter oder Zucker oder 3 Milch oder Eier. Dies fügt eigentlich einfachen Regeln eine möglicherweise unnötige Ebene Komplexität hinzu, die es leider auch nicht auf den Charakterbogen geschafft hat, wo man es schnell nachschauen könnte.
Charaktere können, wenn sie beispielsweise durch einen Kampf drei ihrer Zutatenfragmente vollkommen aufbrauchen, sterben. Dies geschieht sofort, wenn dieser Fall eintritt, und es gibt kein Sicherheitsnetz. Durch den Tod des Charakters sind jedoch noch Zutaten übrig. Die verbleibenden Warries können diese aufnehmen, indem die Überreste gegessen werden. Dies ist auf Omnom Island, ein Land, in dem Ressourcen knapp bemessen sein können, ein ganz normaler Prozess: Sahne zu Sahne, Mehl zu Mehl.
Grundlegend sind die Regeln sehr schlank, aber in manchen Fällen muss man sie durchaus mehrmals lesen, um sie vollständig zu erfassen. Da fragt es sich, ob sie entweder zu kompliziert oder nicht ausführlich genug beschrieben sind. Ganz eindeutig ist es aber nicht immer.
Charaktererschaffung
Einen Warrie zu erschaffen geht an und für sich sehr schnell. Der wohl längste Schritt wird vermutlich sein, sich zu entscheiden, welche anthropomorphe Süßigkeit man spielen möchte. Doch beginnen wir lieber von vorn: Ein Warrie besteht aus fünf grundlegenden Zutaten, welche direkt mit Attributen verknüpft sind:
- Combativeness / Hefe
- Wits / Butter
- Endurance / Eier
- Wisdom / Zucker
- Willpower / Milk

Diese fünf Attribute werden durch die jeweiligen Zutatenfragmente dargestellt. Hat ein Warrie also 5 Hefefragmente, so können diese bei Proben auf Combativeness ausgegeben werden, um Proben zu verbessern. Jeder Warrie beginnt mit 5 Fragmenten je Zutat.
Ein weiterer bestimmender Faktor eines Warries ist die Linie, der dieser entstammt. Es gibt drei verschiedene Linien, abhängig davon, wo man geboren wurde. Stammt der Warrie aus den Alpovens, ist er vermutlich ein Ovenian (also eine Art Kuchen oder Muffin beispielsweise). Die Refrosted Lands bringen dagegen die Frostishes hervor (zum Beispiel Eiscreme oder Tiramisu). Noms, die außerhalb dieser beiden Gebiete geboren werden, sind sogenannte Halfcooked oder Semifreddos, dazu gehören unter anderem Windbeutel oder Yoghurt. Jede dieser Linien hat noch Unterkategorien, welche einen speziellen Abstammungs-Bonus mit sich bringen.
- +2 Endurance
- +1 Wisdom
- -2 Combativeness
- -1 Wits
- Iceking Abstammungs-Bonus: Wenn Willpower zum Verteidigen verwendet und mindestens ein Fragment regeneriert wird, wird ein zusätzliches Fragment regeneriert.
Banana-Spliteria kann nun noch eine geheime Zutat bekommen. Dies bedeutet, dass ein Zutatenfragment abgezogen wird, welche zu der Geheimzutat gehört. Für diesen Charakter wird Warnilla Essence gewählt und deshalb Endurance beziehungsweise ein Eifragment abgezogen. Sollten im Spielverlauf mindestens zwei Eifragmente verbraucht werden, können je ein Fragment von zwei anderen Zutaten nach Wahl des Spielenden regeneriert werden.

Kuchen, Gebäck und Desserts werden erst dann richtig zuckrig süß, wenn man sie noch etwas verziert. Und genau das kann man mit Warries auch machen, und zwar mit sogenannte Garnishes. Jeder Charakter kann ein Garnish wählen und diesem eine Zahl von eins bis neun zuordnen. Wenn während einer Probe die Einser-Stelle der aufgeschlagenen Seite der Zahl des Garnishs entspricht, so gelingt diese Probe automatisch und eine der Garnish-Boxen auf dem Charakterbogen wird abgehakt. Wenn alle fünf markiert wurden, kann bei einer Zutat das Maximum um eins erhöht werden. Anschließend werden die markierten Boxen wieder ausradiert. Banana-Spliterias Garnish sind Schoko-Streusel mit der Zahl 7.
Damit unsere Warries nicht ungerüstet aufbrechen, gibt es am Ende noch für alle Ausrüstung, dann kann das Abenteuer auch schon losgehen.
Erscheinungsbild
Sweet Cherry Pie VS Evil ist süß gestaltet. Das Softcover Büchlein ist mit 50 Seiten sehr dünn und als A5 Heft schnell eingepackt und überall mit hingenommen. Die Gestaltung ist einfach, aber effektiv, man findet sich sehr schnell zurecht.

Über das Heft sind ein paar – jedoch eher wenige – Illustrationen verteilt. Diese unterstreichen jedoch sehr das Feeling, das vermittelt werden soll. Die dargestellten Warries sind süß, jedoch durchaus auch wehrhaft, während die bedrohlichen Gluttonies durchaus auch eher schaurig aussehen… aber manchmal schon auch süß.
Alles ist sehr süß und niedlich – von den eben beschriebenen Illustrationen bis hin zur Sprache, die teilweise verwendet wird. Gerade die Kapitel, die Hintergrund enthalten, sind teilweise sehr in einem „niedlichen Ton“ geschrieben, dass man dabei schon direkt ein bisschen Schokolade zur Unterstreichung essen möchte.
Schade ist, dass die Karte von Omnom Island zwar sehr schön aussieht, aber keinerlei Beschriftung aufweist. Die Beschreibung der Gebiete im Büchlein ist auch nicht so eindeutig, dass man jedes auf Anhieb auf der Karte wiederfindet.

Die harten Fakten:
- Verlag: Aces Games
- Autor*in(nen): Simone „Aces” Morini
- Illustrator*in(nen): Lodovico Sartirana
- Erscheinungsjahr: 2024
- Sprache: Englisch
- Format: Softcover. PDF
- Seitenanzahl: 50
- Preis: 19 EUR (Softcover), 8,59 EUR (PDF)
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, DriveThruRPG
Bonus/Downloadcontent
Auf der Webseite von Aces Games gibt es ein paar Sachen zum kostenlosen Download, die das Spiel ergänzen können. Darunter der Schnellstarter mit One-Shot Abenteuer, ausfüllbare Charakterbögen und eine Karte von Omnom Island.
Fazit
Nach dem Lesen des Büchleins entsteht ein wenig Lust, in diese süße Welt einzutauchen – vorausgesetzt, man hat die Regeln gut verstanden und ausreichend Zahnvorsorge vor Karies betrieben.

Zwar sind die Regeln nicht unbedingt gut beschrieben, die Idee des Systems ist aber interessant. Nachdem man sie verstanden hat, sind es auch so angenehm wenige Regeln, dass sie leicht zu merken sind. Dennoch fühlt es sich etwas komisch an, dass das Buch am Spieltisch immer wieder von Hand zu Hand wandert und aufgeschlagen wird, um Proben zu machen. Ob das schmale Heft das auf Dauer gut mitmacht, muss sich in der Praxis zeigen.
Trotz süßer Idee und neuem Ansatz für Proben weiß das System vom reinen Lesen nicht ganz zu überzeugen. Zu unnötig kompliziert wirken manche Sachen, wie etwa die Zutatenumwandlung bei Proben. Diese ist nicht unbedingt eingängig und braucht mindestens eine Markierung im Buch, falls man sie öfter verwenden will.
Dieser Ersteindruck beruht auf dem Lesen des Regelwerks und dem Erstellen eines Charakters. Ein Spieltest soll Ende Januar stattfinden, über den dann hier noch einmal berichtet wird.

- Schneller Einstieg
- Viel Hintergrund für wenig Seiten
- Sperrig beschriebene Regeln
Artikelbilder: © Aces Games
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Alexa Kasparek
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.
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