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Eine Stadt, in der niemand lesen kann; Bewohner*innen, die von einer geheimnisvollen Frau über Handmonitore gesteuert werden, und der Waisenjunge Oboi, der seine Herkunft sucht: Ausgehend von dieser Prämisse präsentiert die finnische Autorin Veera Salmi einen phantastischen Jugendroman, der Hoffnung gibt.

In Zeiten wie diesen stellt sich unweigerlich die Frage, welche Werte wir den nachfolgenden Generationen mitgeben möchten. Gefangen in einem Meer aus multikausalen Bedrohungen und mit wenig Aussicht auf Besserung scheint es schwer, Hoffnung zu transportieren. Die bekannte finnische Autorin Veera Salmi bietet mit Das Buch des Oboi einen Weg, kind- oder jugendlichengerecht Antworten zu geben. CroCu hat den phantastischen Jugendroman, der vordergründig die Macht des geschriebenen Wortes durch zahlreiche Verweise auf Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur feiert, dankenswerterweise in Deutsche übersetzen lassen.

Das Themenspektrum, das Das Buch des Oboi umfasst, reicht weit über literarische Bezüge hinaus: Die Klimakatastrophe, die Beschränkung von und der Umgang mit Freiheit in Bezug auf das Inviduum, Zusammenhalt und Individualität und nicht zuletzt der Umgang mit den allgegenwärtigen, in unserer realen Welt zu findenden Leuchtmonitoren, dies alles sind Themen, die verfremdet in diesem Abenteuerroman zu finden sind, ohne belehrend zu wirken. Vielmehr lädt das Buch zum Nachdenken und Reflektieren ein.

Bevor du die verstrickte Wahrheit erkennen konntest, musstest du Freunde finden, denen du vertrauen konntest. Jetzt warst du an einem solchen Ort angekommen. Du hattest einen sicheren Hafen erreicht, in dem das Losungswort gefahrlos ausgesprochen werden konnte. Du warst der Schlüssel der Veränderung, und die ersten Schritte waren getan. Mut, Zähigkeit, das Licht der Fantasie und mit ihnen die Freiheit !

 

Triggerwarnungen

Keine typischen Trigger vorhanden.

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Story

Der Waisenjunge Oboi hat es geschafft: Er ist aus dem Gefängnis entkommen, nun gilt es seine Heimat wiederzufinden. Stattdessen landet er in der Bergstadt, einem seltsamen Ort, in dem niemand lesen kann, die von Grünpflanzen überwuchert ist und deren Bewohnende über Handmonitore von einer ominösen Frau orchestriert werden.

Schnell landet der Junge auf dem Flohmarkt der Stadt, in der alles trostlos erscheint und die offenkundig von einer Katastrophe heimgesucht wurde. Wanda, die Frau, die die gesamte Stadt kontrolliert, gibt allen Bewohnenden über die „Manus“ genannten Monitore Anweisungen: was sie tun sollen und was sie nicht tun sollen. Sie lenkt zudem den Informationsfluss. Das Ungewöhnlichste in dieser Szenerie: Kein Mensch kann lesen und schreiben. Alles wird mündlich kommuniziert. Und doch erhält Oboi von einer Frau auf dem Flohmarkt einen ungewöhnlichen Gegenstand: ein Buch, verbunden mit der Bitte, es gut zu verwahren.

Dieses Buch erzählt dem Jungen, der keine Geschichten mag, die ungewöhnlichste, die er je gelesen hat.

In Das Buch des Oboi ist nichts wie es scheint, und als wahr angenommene Beschreibungen werden mehr als einmal auf den Kopf gestellt. Allein schon der omnipräsente Erzähler, der am Anfang impliziert, er sei Oboi, wird im Verlauf des Buches eine Wandlung erfahren. Dieses Verwirrspiel mit Realitäten, mit dem, was im tiefsten Inneren als Gegebenheit vorausgesetzt wird, macht die Spannung und Faszination des Romans aus.

Die Charaktere, allen voran Oboi, und seine Gefährt*innen, wie zum Beispiel das Mädchen Thule, das zu Eis gefriert, sind sehr gut ausgearbeitet und bieten jungen Lesenden diverse Anknüpfungspunkte. Die Namen der Handelnden wie beispielsweise der des Oboi und seinen Schwestern Fanta und Marmelade machen neugierig und sorgen zugleich für Verfremdungseffekte, die eine nötige Distanz zu der mitunter fordernden Handlung schaffen.

Schreibstil

Die bereits bei den Charakteren beschriebene Namensgebung setzt sich durch das komplette Buch fort. Der Name der Stadt – Bergstadt – war früher ein anderer. Die hohe Bedeutung und die hinter den gewählten Namen verborgenen Bedeutungen, die nach und nach aufgelöst werden, fangen den besonderen Weltenbau ein. Die Gegenüberstellung der Welt der Phantasie und der dem Gemeinwohl untergeordneten, kommunistisch-diktatorisch anmutenden Lebensweise der Bergstadt wird sehr gut erzählt.

Die Welt, die im Buch beschrieben wird, ist nicht groß. Die Handlung spielt sich größtenteils in der Stadt ab, was dem Roman gut tut, da es die Dichte der Erzählung intensiviert. Die Details der Gesellschaft und ihrer einzelnen Mitglieder sind einwandfrei ausgearbeitet.

Das Buch des Oboi ist in vier Teile, die jeweils einen Handlungsschwerpunkt aufweisen, untergliedert. Dies stellt eine Ordnung in einer Handlung von Irrungen und Wirrungen dar, an denen Lesende sich festhalten können. Generell gelingt es Veera Salmi durchgehend, trotz der Plotttwists, die Lesenden nicht zu verlieren und die Wendungen organisch in den Handlungsverlauf einzufügen. Das Buch zeichnet sich durch eine gute Balance zwischen handlungsgetriebenen, rasanten Teilen und gemächlicheren reflexiven Phasen aus, die Lesende innehalten lassen. Gespickt wird das Ganze durch die von dem Buch selbst zusammengefassten Handlungen und die zahlreichen, innovativen Verweise auf Alice (im Wunderland), Ronja (Räubertochter), den Kleinen Prinzen und viele weitere, was besonders auch erwachsenen Lesenden Freude bereitet.

Die Autorin

Die finnische, in Helsinki lebende Veera Salmi schreibt urbane Literatur für Kinder und Jugendliche. Über viele Jahre war sie als Erzieherin im Kindergarten beschäftigt, was auch ihren   Antrieb für das Verfassen von Literatur für diese Zielgruppe begründete: feinfühlige Kinderbücher im urbanen Raum, die sich mit Themen befassen, die die Zielgruppe bewegen. 20 Bücher hat sie bereits veröffentlicht, in finnischer Sprache. In Finnland gehören Werke von ihr zur Schullektüre. Leider ist Das Buch des Oboi das einzige Werk der Autorin, das bislang auf Deutsch erschien.

Erscheinungsbild

Das von Nelli Långstedt and Otava entworfene Cover des Schutzumschlags entspricht erfreulicherweise dem der finnischen Originalausgabe. Es verweist schon auf einige Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur und zeigt durch seine florale Gestaltung einen wichtigen Aspekt des Buches: die Farben und Formen, die Bücher in den menschlichen Geist hineinzaubern können, und die den Kontrast zwischen der Welt der Geschichten und der grauen Welt einer gleichgeschalteten, technisierten Stadt, der die Lesenden erwartet, schon jetzt mit einer Tendenz aufzeigt.

Das Buch selbst ist in rot gehalten, mit einer Prägung des Titels auf der Vorder- und eines Flugzeugs auf der Rückseite. Dies macht es sehr wertig, wobei als einziger Abstrich der Wertigkeit die relativ dünnen Seiten benannt werden müssen.

Schön gestaltet sind auch die Illustrationen zwischen den einzelnen Teilen des Romans, die das florale Cover aufgreifen.

Die Unterteilungen der Handlung sind sehr ansprechend gestaltet.
Die Unterteilungen der Handlung sind sehr ansprechend gestaltet.

Die harten Fakten:

  • Verlag: CroCu
  • Autorin: Veera Salmi
  • Erscheinungsdatum: 04.04.2024
  • Sprache: Deutsch (Aus dem Finnischen übersetzt von Alena Vogel)
  • Format: Gebundenes Buch
  • Seitenanzahl: 336
  • ISBN: 978-3-98743-118-0
  • Preis: 20 EUR (Print) + 14,99 EUR (E-Book)
  • Bezugsquelle Fachhandel, Amazon, idealo

 

Fazit

Das erste ins Deutsche übersetzte Buch der finnischen Bestseller-Autorin Veera Salmi überzeugt auf ganzer Linie. Das Buch des Oboi befasst sich vordergründig mit der Macht der Geschichten und des geschriebenen Wortes, indem es den Waisenjungen Oboi nach seiner Flucht aus dem Gefängnis in die mysteriöse Bergstadt schickt, in der Menschen weder lesen noch schreiben können und durch die geheimnisvolle Wanda über kleine Monitore kontrolliert werden. Während Oboi nach seiner Herkunft sucht, findet er sich in einem Abenteuer voller Irrungen und Wirrungen wieder.

Neben dieser Liebeserklärung an die Kinder- und Jugendliteratur werden überdies noch Themen präsentiert, die hochaktuell sind: der Umgang mit der Klimakatastrophe, der Wert der Freiheit, gesellschaftlicher Zusammenhalt und die Stärken des Individuums. Neben diesen Fragestellungen, die jedoch niemals abschließend behandelt werden und somit zur Reflexion einladen, werden einige Protagonist*innen und Motive aus bekannten Büchern gekonnt eingeflochten, was das Buch auch für ein erwachsenes Publikum zu einem Lesevergnügen macht. Nach Meinung von Teilzeithelden eignet sich Das Buch des Oboi für Lesende ab elf Jahren.

  • Liebeserklärung an die Literatur
  • Viele Denkansätze
  • Spannende Charaktere

 

  • keine

Titelbild: © Depositphotos | 4masik
Artikelbilder: © CroCu / CrossCult
Layout und Satz: Kai Frederic Engelmann
Lektorat: Katrin Holst
Fotografien: Jessica Albert

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