Captain America ist einer der ersten Superhelden aus dem Timely Verlag, aus dem später Marvel Comics werden sollte. Er ist also stets eine der Säulen des Verlags gewesen. Nur richtig, ihn ins Zentrum einer dystopischen Zukunft zu setzen, in der es keine richtigen Helden mehr gibt.
Steve Rogers kämpft in seiner neusten Comicreihe gegen mystische Kräfte. Nachdem er im Auftaktband einen Höllenfürsten besiegte, trifft er nun auf die Verkörperung des Lebens selbst sowie ein Theater voller Mutanten. Die X-Men haben derweil ihr vorerst letztes Heft, bevor es im Frühjahr mit einer neuen Softcover-Reihe weitergeht. Das absolute Highlight diesen Monat ist aber der Band Avengers: Schattenkrieger, in dem auch Steve Rogers im Mittelpunkt steht. Hier aber als gealterter Mann, der den Kampf resigniert eingestellt hat, während die Avengers zu Marionetten der Eliten geworden sind. Ein Szenario, das an Die Rückkehr des Dunklen Ritters erinnern soll, präsentiert ganz eigene Qualitäten. Denn Captain America ist eben nicht Batman.
Gewalt
Inhaltsverzeichnis
Die furchtlosen X-Men – Das Ende einer Ära
In den Abschlussbänden der X-Men hat Professor X einen unglaublichen Verrat an der Menschheit verübt. Die X-Men wollen ihn nun zur Rechenschaft ziehen. Sie überfallen einen Transporter, in dem er eingesperrt ist, und es kommt zur Aussprache mit Magneto. Derweil trifft Cypher die Mutanten wieder, die sich in den Glühend Weißen Raum zurückgezogen haben, in dem die Zeit wesentlich schneller verläuft als in der Realität. Außerdem kommt es zur Auseinandersetzung mit Apocalypse und Nightcrawler spricht sich mit seiner Mutter Mystique aus.
Man sieht, dieser Band ist vor allem ein Sammelband für sämtliche offene Fäden, die noch zusammengeführt werden müssen, bevor es zu einem Neustart der X-Men-Reihe kommt. Dabei ist es spannend zu sehen, warum Professor X seine Entscheidungen getroffen hat. Der Kampf gegen Apocalypse, der zu viel Platz einnimmt, wirkt dagegen überflüssig. Einfach, da hier nichts auf dem Spiel steht. Apocalypse will die Mutanten anführen, doch diese wollen nicht. Nightcrawler, Destiny und Mystique hätten dagegen gerne mehr Platz verdient. Hier zeigt Altmeister Chris Claremont ein weiteres Mal, welche emotionale Kraft in der Figur Kurt Wagner steckt.
Das Cover würde ich mir an die Wand hängen
Das Cover, das über zwei Seiten geht, ist das optische Highlight des Comics. Im Kampf mit Apocalypse durfte sich gefühlt jeder Künstler der letzten Jahre noch einmal mit einer Seite verewigen. Die meisten dieser Bilder sind uninspiriert und sorgen nicht dafür, dass dieser Teil der Geschichte interessant bleibt. Da gefällt der Angriff der X-Men auf den Gefangenentransport wesentlich mehr. Dieser wird von Joshua Cassara eindrucksvoll in Szene gesetzt. Phil Noto darf dann die passenden anschließenden Dialogszenen inszenieren.

Im Grunde haben wir es hier mit einem Band zu tun, den sich Fans sowieso zulegen werden, auch weil ein Abschlussband immer etwas Besonderes ist. Neue Handlungsfäden oder große Überraschungen sind hier nicht mehr zu erwarten, auch wenn ich ein wenig gespannt bin, was Doctor Doom plötzlich in Krakoa wollte. Dementsprechend macht dieser Comic nicht viel falsch, aber ragt auch nicht aus der Masse heraus. Der Neuanfang in Paperback-Form wird aber sehnlichst erwartet.
Die harten Fakten
- Autor*innen: Chris Claremont, Al Ewing, Gail Simone, Gerry Duggan, Kieron Gillen
- Zeichner*innen: Joshua Cassara, Phil Noto, Jerome Opena, John Romita Jr., Leinil Francis Yu, Mark Brooks, Salvador Larroca, Sara Pichelli, Stefano Caselli
- Seitenanzahl: 144
- Preis: 19 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Panini
Captain America – Auf Leben und Tod
Nachdem sich Captain America im letzten Band mit dem gefallenen Engel Asmoday auseinandersetzen musste, trifft er nun auf Lyra, eine Verkörperung des Lebens selbst. Sie lockt ihn zu einem scheinbar verlassenen Theater mit dem Namen Front Door, in dem es eine Aufführung einiger Mutanten für ein exquisites Publikum gibt. Cap erklärt sich bereit, diesen Ort und seine Bewohner zu beschützen. Doch Lyra will mehr von ihm: Sie zeigt ihm die Bleiche Stadt, in der ihr Bruder gewütet hat, der nichts als Zerstörung hinterlässt. Für die Schlacht gegen diesen Gegner soll Cap weitere Mutanten mit außergewöhnlichen Fähigkeiten rekrutieren. Steve lässt sich auf das Spiel mit Lyra ein, weiß jedoch nicht, wohin das führen wird.
Die Handlung hat wie schon im letzten Comic eine sehr mystische Komponente. Doch im Gegensatz zum letzten Mal, indem es um Krieg und Frieden ging, wird es mit dem Gegensatz zwischen Leben und Tod wesentlich abstrakter. Dazu werden immer wieder esoterische Einschübe und Wahrsagerei ergänzt, die nicht so ganz zu einer Geschichte über Captain America passen wollen. Außerdem wird das Stilmittel der Prophezeiung etwas zu überreizt. Über die einzelnen Kapitel wiederholt sich immer ein ähnliches Spiel, das schnell ermüdet.
Zu viel Mystik versalzt jede Geschichte
Der Kontrast von Mystik zum bodenständigen Steve Rogers war im ersten Comic interessant. Das lag aber auch daran, dass diese Ebene tief in der Geschichte von Captain America verwurzelt wurde. Diesmal wird nichts dergleichen versucht. Lyra als Figur will mir nicht ans Herz wachsen. Dafür ist sie zu abgehoben, erklärt zu wenig und spielt ihre Spiele. Man muss sich fragen, warum Cap dieses Spiel mitmacht, denn es grenzt fast an religiösen Eifer, den sie von ihren Anhängern fordert. Ob diese Zweideutigkeit gewollt ist, kann noch nicht abschließend beantwortet werden, denn auch diese Geschichte endet nicht in diesem Band und wird weiter fortgesetzt. Entsprechende Fragen werden hier nicht gestellt.
Optisch übernimmt hier zunächst Carlos Magno, der es nicht schafft, Steve Rogers sympathisch darzustellen. Seine Gesichtszüge sehen grundsätzlich zu verkrampft aus. Lyra dagegen ist eine makellose Schönheit, doch bleibt ohne Charakter. Als im dritten Kapitel wieder Jesús Saiz übernimmt, wird aus den Zeichnungen mehr herausgeholt. Ein Highlight ist eine sehr vielschichtige Zukunftsvision, die Steve einmal zuteil wird.

Als Gesamtwerk weiß dieser Comic leider nicht zu überzeugen. Zu viel Mystik und Esoterik verwässern, um was es im Kern bei Steve Rogers geht: Das Beschützen von Schwachen vor übermächtigen Gefahren. Die persönliche Ebene, bei der Lyra tief in Steves Seele blickt, ist interessant, wird aber zu oberflächlich behandelt. Potential ist da, vieles davon wird hier aber nicht genutzt. Damit folgt nach dem äußerst erfolgreichen Auftakt eine halbherzige Fortsetzung, die wenig Lust darauf macht, wie der Kampf um die Front Door ausgehen wird.
Die harten Fakten
- Autor*in: Joseph Michael Straczynski
- Zeichner*innen: Carlos Magno, Jesús Saiz
- Seitenanzahl: 120
- Preis: 15 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, Panini
Avengers : Twilight – Schattenkrieger
Einige Jahre in der Zukunft ist Steve Rogers nicht mehr als ein Schatten seiner selbst. Das Superheldenserum ist vergangen, sein Körper ist noch fit, doch auch stark gealtert. Im Gegensatz zu Luke Cage, dessen Haut sich so verhärtet hat, dass er eine Gehhilfe braucht. Sie sind zwei der wenigen Helden, die den H-Day überlebt haben. Seit diesem Tag wird jeder Bürger streng überwacht und kontrolliert. S.H.I.E.L.D.-Agenten schikanieren Jugendliche und eine Avengerstruppe sorgt für die Aufrechterhaltung der bestehenden Weltordnung. Als Steve in einer Talkshow mit James Stark, dem Sohn von Tony Stark und Janet Van Dyne, konfrontiert wird, platzt ihm der Kragen und er begibt sich wieder in den Kampf für Gerechtigkeit. Doch dieser Weg ist steinig und er deckt dabei eine geheime Verschwörung auf, welche kurz davor steht, die Macht unwiederbringlich zu übernehmen.
Der Comic schafft es, jedem Charakter eine nachvollziehbare Geschichte zu geben. Letztendlich geht es darum, dass Steve ein neues Avengers-Team zusammenbastelt, das sich dem geheimen Schurken (einem klassischen Gegner von Captain America und den Avengers) stellt. Dabei überrascht Steve durch einen Zynismus, der zunächst wenig zu ihm passt. Je weiter die Geschichte vorankommt, desto stärker bröckelt dieser aber ab und offenbart den klassischen Helden, der sich noch immer in der Figur verbirgt. Die einzige Figur, die ich nicht sonderlich gelungen finde, ist der Antagonist. Er hat schon nahezu alles erreicht und bringt seinen jahrelang verfolgten Plan nur auf Grund von Eitelkeit in Gefahr. Diese Ergänzung hätte es gar nicht gebraucht und schmälert das große Finale.
Dies ist nicht The Dark Knight Returns
Dieser Band wird bereits auf dem Einband mit Der Rückkehr des Dunklen Ritters verglichen, bei dem sich ein überalterter Batman noch ein letztes Mal in den Kampf für Gerechtigkeit begibt. Doch statt Medienkritik und einer Verabschiedung des klassischen Heldenmythos, gibt es hier im Kern eine klassische Avengers-Geschichte: Die Helden müssen sich zusammenraufen und gegen ein höheres Ziel kämpfen. Die falschen Avengers werden hier so schnell entmystifiziert, dass gar keine Kritik am Heldentum zu erkennen ist. Doch Batman einfach durch Captain America zu ersetzen hätte auch gar nicht geklappt.
Denn dieser Comic hat ganz eigene Qualitäten: Er schafft es mit Antihelden wie James Stark oder der neuen Bullseye mitzufühlen und durch einige Wendungen stets ein gutes Verhältnis von Anspannung und Entspannung zu halten, so dass es bis zum Ende spannend bleibt. Dazu schafft es die Handlung, mit der Hoffnung der Leserschaft zu spielen. Hinzu kommen die wunderbar düsteren Bilder von Daniel Acuña, der genau weiß, wann Farbe etwas zur Geschichte hinzufügen kann und wie Perspektivwechsel die Handlung bereichern.

Die Hoffnung, nach einer Katastrophe alles wieder aufzubauen, ist die vorherrschende Stimmung dieser Geschichte. Und genau darin unterscheidet sich der Band auch von dem Batman-Klassiker: Dies ist kein Abschluss, sondern ein Anfang. Und sogar einer, der keiner Fortsetzung bedarf.
Die harten Fakten
- Autor*in: Chip Zdarsky
- Zeichner*in: Daniel Acuña
- Seitenanzahl: 200
- Preis: 25 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, Panini
Artikelbilder: © Panini Comics, Marvel
Lektorat: Katrin Holst
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
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