Panini und Marvel bringen mit Avengers – Verhängnisvolle Wahrheit einen Comic in der neuen Reihe Marvel Arts heraus, die für abgeschlossene Geschichten steht, die im Graphic-Novel-Format als schicke Hardcover-Bände herausgegeben werden. Hier erfahren die Avengers die Wahrheit über ihre Existenz. Wir haben den Band für euch angeschaut.
Bereits mit Tödlicher Kreislauf wurde vor kurzem ein sehr empfehlenswerter Hardcover-Band für die Fantastic Four veröffentlicht. Dieser hat sich nostalgisch mit der Anfangszeit der Held*innen beschäftigt und dennoch etwas Neues erzählt. Mit Verhängnisvolle Wahrheit wird nun etwas Ähnliches für die Avengers versucht. Der Comic ist von Chip Kidd und Michael Cho erschaffen worden und fängt sowohl optisch als auch erzählerisch die frühen Geschichten der ersten Avengers ein. Die Held*innen kamen damals im Kampf gegen Loki zusammen und bildeten ein Team aus Iron Man, Thor, Hulk, Ant-Man und Wasp. Hier kommt noch Captain America dazu, der damals sehr schnell den Hulk ablöste. An der Teamzusammenstellung merkt man also schon, dass diese Geschichte in keinem Zusammenhang mit dem inzwischen umfangreichen Universum steht, bei dem man oft das Gefühl hat, alles lesen zu müssen, um abgeholt zu werden. Umso erfrischender, wenn der neue Comic nun ganz für sich alleine stehen kann und das Superhelden-Genre ein wenig ironisch auf einer Metaebene betrachtet. Gelingt es diesem Comic, dem neue Fassetten hinzuzufügen?
Keine besonderen Trigger
Avengers – Verhängnisvolle Wahrheit
Die Avengers kämpfen gegen Loki, der eine Armee von Monstern aufgestellt hat. Auf ganzseitigen Splash Pages werden wir direkt in die Action geschleudert und jede*r der sechs Held*innen darf einen heroischen Auftritt hinlegen. Doch Thor entdeckt, dass Loki einen ganz eigenen Plan ausgeheckt hat: Eine mächtige Maschine namens Wahrheits-Vortex soll die Held*innen brechen. Thor blickt hinein und erkennt, dass sie nur Comicfiguren in seiner Abenteuergeschichte sind. Er hinterfragt seine Existenz und bringt auch die anderen Held*innen dazu, herauszufinden, was hinter dieser Wahrheit steckt. Ab diesem Zeitpunkt erreicht der Comic eine Metaebene und führt das Kreativteam Chip Kidd und Michael Cho als Figuren ein, die sich diese Handlung ausgedacht haben. Ab diesem Zeitpunkt geht die Geschichte ganz andere Wege, als man es aus Superheld*innen-Comics kennt.
Die Story stellt Fragen nach dem freien Willen und versucht mit seiner Metaebene originell zu sein. Das klappt dabei auch teilweise. Es wird aber schnell deutlich, dass gar nicht die Avengers selbst die Protagonisten der Geschichte sind, sondern die Autoren. Sie überlegen, wie sie die Geschichte beenden können und treten dabei selbst in den Dialog mit den bekannten Superheld*innen. Sehr viel mehr will ich gar nicht verraten, denn die eigentliche Handlung ist schnell erzählt. Loki als Schurke spielt als Gott der Geschichten natürlich eine ganz besondere Rolle. Leider schafft es die Geschichte nicht, am Ende einen wirklich originellen Schlussakt hinzuzufügen.
Nostalgie oder Originalität?
Die Zeichnungen wirken sehr klassisch, ohne dabei altmodisch zu erscheinen. Optisch unterscheidet sich der Band dadurch sehr von modernen Vertretern des Genres. Das weckt positive Erinnerungen. Dass diesen Zeichnungen dabei aber sehr große Panels und ganze Seiten gegeben werden, verdeutlicht, dass hier auch die Kunst im Mittelpunkt stehen soll. Im Vergleich zu beispielsweise den fantastischen Bildern eines Alex Ross, der den ähnlichen Band Fantastic Four – Tödlicher Kreislauf gestaltet hat, entfesseln die Illustrationen nicht dieselbe eindrucksvolle Wirkung. Die Bilder wirken dabei doch zu sehr wie aus einem einfachen Cartoon, als dass man sie sich an die Wand hängen möchte.
Auch inhaltlich wäre etwas mehr drin gewesen. Die Handlung will einen Meta-Kommentar geben, verkommt dabei aber vor allem in ironische Spitzen, die zwar ein Schmunzeln hervorrufen, aber für keinen besonderen Aha-Moment sorgen. Dies soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Spaß gemacht hat, den Comic zu lesen. Gerade die Unvorhersagbarkeit durch das Betreten von nicht ganz so abgetretenen Wegen sorgt für eine gewisse Spannung und fühlt sich dadurch auch originell an. Natürlich gibt es schon bessere Meta-Geschichten für Superheld*innen und es ist nicht das erste Mal, dass wir Autor*innen sehen, die sich selbst in Interaktion mit den Marvel-Figuren geschrieben haben. Doch dies fühlt sich auf so wunderbare Art naiv und unbeschwert an, dass dadurch auch ein Gefühl von Nostalgie erzeugt wird.
Die harten Fakten:
- Verlag: Panini Comics
- Autor*innen: Chip Kidd, Michael Cho
- Zeichner*in: Michael Cho
- Erscheinungsjahr: 2025
- Sprache: Deutsch
- Format: Hardcover
- Seitenanzahl: 64
- Preis: 25 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, Panini
Fazit
Avengers – Verhängnisvolle Wahrheit versucht auf ironische Art eine klassische Geschichte mit den Avengers in die Moderne zu holen, indem die Held*innen auf die Wahrheit stoßen, dass sie selbst nur erfundene Figuren sind. Der Comic wird dabei vor allem Lesende begeistern, die noch nie eine vergleichbare Geschichte gelesen haben. Dabei schafft er es gleichzeitig, Nostalgie und Originalität zu verbinden. Leider wäre sowohl optisch als auch erzählerisch mehr drin gewesen. Gerade das Ende wirkt etwas flach und zu schnell erzählt. Dabei beweist der Band aber auch Humor und eine kindliche Unbeschwertheit, die mitreißt und ihn zu etwas Besonderem macht. Besonders gelungen ist dabei auch die Aufmachung als großes Comicalbum, das auch dazu einlädt, für einen kurzem Moment alle Probleme zu vergessen und in eine Welt abzutauchen, in der die Grenzen zwischen Realität und Fiktion miteinander verschwimmen.

- Originelle Grundidee
- Unbeschwerte Erzählweise
- Der Comic steht komplett für sich
- Flache Zeichnungen
- Flaches Ende
Artikelbilder: © Panini Comics
Layout und Satz: Dominic Niederhoff
Lektorat: Alexa Kasparek
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