Liverollenspiel und Fantasy romantisieren vieles, von bewaffneten Konflikten bis hin zur romantischsten Sache der Welt: der Liebe. Und bevor jetzt alle, noch erschlagen vom Valentinstags-Kitsch, würgend den Raum verlassen, sei gesagt: Auch im Larp ist im Krieg wie in der Liebe alles erlaubt – und daher nicht immer eitel Sonnenschein.
Im Liverollenspiel erleben unsere Charaktere nicht jeden Tag nur das ganz große Abenteuer, schlagen die Schlachten und Duelle ihres Lebens oder retten die Welt vor finsteren Mächten. Ab und an bespielen wir auch die liebenswerten Banalitäten des Abenteurer*innendaseins. Und „liebenswert“ ist hier das Stichwort. Wer einen Charakter lange bespielt, verbringt oft zumindest große Teile seines oder ihres Lebens mit ihm oder ihr. Und für viele Charaktere gehört, wie auch für die Spielenden dahinter, die Liebe irgendwie zum Leben dazu. Das kann sich ganz organisch im Spiel ergeben, wenn man merkt, dass zwei (oder mehr, warum nicht) Charaktere eine interessante Dynamik entwickeln, die zu einer Liebesgeschichte wird und so das Spiel bereichern kann. Das kann aber auch, wenn der Hintergrund und die Rollen es hergeben, ganz taktisch geplant werden, um zum Beispiel IT-politische Ziele und Allianzen zu verfolgen. Nicht umsonst finden viele IT-Romanzen im Umfeld von Hofhaltungs- und Intrigensettings statt. Denn mit nichts spielt es sich schöner als mit den Herzen anderer Leute.
Doch gerade hier braucht es auch eine gehörige Portion Fingerspitzengefühl und Umsicht – denn wo intensiv gelarpt wird, ist auch der Bleed manchmal nicht weit…
Disclaimer: Dieser Artikel ist aus überwiegend hetero- und mononormativer Sicht geschrieben, da dies in der Mittelalter-Fantasy noch immer die vorherrschende Perspektive ist. Alle Beziehungskonzepte sind aber zum Thema gleichermaßen spielbar, entziehen sich aber hier dem Erfahrungsschatz der Autorin.

Die hohe Politik…
…ist kein romantisches Parkett, auf dem die Liebe blüht. Oder so ähnlich. Spielerisch anspruchsvoll, aber vermutlich für alle die unterhaltsamste Geschmacksrichtung der IT-Romanze ist wahrscheinlich die politische oder taktische Beziehung zwischen Charakteren. Charakter A wünscht eine Allianz mit Charakter B, während diese*r selbst auch einen Vorteil in der Verbindung sieht. Schon hat man eine Basis für eine gute alte Zweckehe. Ach wie schön, und ganz ohne Herzschmerz. Wären da nicht die anderen. Eine Beziehung dieser Art lässt sich wunderbar im Vorhinein planen und vielleicht sogar in den Mittelpunkt einer Hofhaltungs- oder Intrigen-Con stellen. Denn bestimmt gibt es da noch andere, die sich vorstellen könnten, Charakter A oder B ein Arrangement anzutragen oder die Verbindung aus ganz eigenen Gründen zu sabotieren.
Wer sich die IT-Hochzeit in einem dornigen Umfeld mit Verhandlungen und Nebenbuhler*innen erst hart verdienen musste, weiß die Allianz dann doch erst so richtig zu schätzen.
Und auch auf lange Sicht bietet eine Zweckehe, so denn einmal erfolgreich geschlossen, viel Potenzial für schönes Spiel. Sind beide Charaktere ausreichend einflussreich in ihren eigenen Hintergründen, ergeben sich so Bündnisse, die viele Spielende mit einbeziehen und ganze Larp-Nationen vereinen oder spalten können. So tut man beispielsweise gut daran, nicht gerade die Frau zu beleidigen, deren Ehemann ein einflussreicher Feldherr einer ganzen Fraktion ist. Dieser könnte sich sonst bemüßigt fühlen, bei Morgengrauen für ein Duell anzuklopfen.
Für die Spielenden bietet diese Form der Charakterbeziehung eine entscheidende Annehmlichkeit: emotionale Distanz. Eine politische Ehe lässt sich gut und sicher bespielen, ohne dass man sich zu nahe kommen oder in der Öffentlichkeit allzu verliebt herumturteln muss. Im Gegenteil: Sogar offene – oder sehr schlecht verhohlene – Abneigung dem*der eigenen Angetrauten gegenüber kann hier zum Spielspaß beitragen. Sofern sich die Darstellenden hinter den Charakteren OT in Beziehungen mit anderen befinden, minimiert dieses Spiel den Nährboden für Verunsicherung des/der Partner*innen voraussichtlich um einiges. Und wo wir schon von Partner*innen sprechen, wer sagt denn, dass die beiden Partner*innen, jetzt wo die Allianz gesichert ist, ihr ganz persönliches bisschen Glück nicht auch anderswo suchen können? Je nachdem, wie (un)geschickt sie sich dabei anstellen, ist der Plot für die nächste Hofhaltungs-Con der Kampagne bereits gesichert. Denn auch Mätressen und Liebhaber haben möglicherweise ihre ganz eigenen Pläne…

Und es hat „zoom“ gemacht…
Planung und ausgeklügeltes Konzept sind immer schön und gut, doch manchmal passiert das Leben auch einfach. Unseren Charakteren ergeht es dabei nicht anders als uns – und schließlich ist Larp noch immer ein improvisiertes Rollenspiel, kein Theater mit Drehbuch, Vorhang und Applaus.
Spielende und Charaktere begegnen sich ganz ungeplant und interagieren miteinander. Da ist es unausweichlich, dass sich aus gemeinsamem Spiel eine Freundschaft ergibt und manchmal auch eine Chemie, die über Freundschaft hinausgeht.
Das kann ausschließlich zwischen den Charakteren abspielen, wenn die gemeinsam erlebte Story sich organisch in diese Richtung entwickelt, ohne dass die Spielenden selbst romantisch involviert sind. Dann bietet sich in jedem Fall eine Absprache an, ob und wie ein Flirt, eine Romanze oder eine Beziehung bespielt werden kann, soll und möchte, sodass alle Beteiligten sich in ihrem Spiel weiterhin sicher und wohl fühlen. Auch dass der Charakter keinen Schaden nimmt, sollte bedacht werden. Ein solches Spiel bietet Raum für verliebtes Schmachten, romantische Gesten oder auch Humor, je nachdem, wie es zu den Charakteren passt. Ein*e bärbeißige*r Soldat*in wird vermutlich nicht von heute auf morgen jeden Tag ein Liebesgedicht schreiben und ein*e Adlige*r sich nicht bei jeder Gelegenheit mit dem Objekt der Begierde in die Büsche schlagen. Das A und O ist es auch hier immer, das Wohl und den Spielspaß aller im Auge zu haben. Ein allzeit Händchen haltendes Pärchen im Lager zu haben, kann dem gemeinsamen Spiel der Gruppe einen gehörigen Dämpfer verpassen. Wird der*die Partner*in dagegen quasi in die IT-Familie aufgenommen, kann dies das Spiel ungemein bereichern.
Wo Menschen über längere Zeit intensiv interagieren, bleiben manchmal aber nun mal auch reale Gefühle nicht aus. Man verbringt emotionale und teils erschöpfende Situationen miteinander und kommt beinahe unvermeidbar den Mitspielenden näher. Entwickelt sich eine Beziehung zwischen Spielenden statt Charakteren (oder auch beiden), verändert auch das das zukünftige gemeinsame Spiel. Nicht umsonst haben schon einige Larp-Gruppen ihre Lehre daraus gezogen und den Grundsatz in ihre Regeln aufgenommen, dass Beziehungen innerhalb der Gruppe zu vermeiden sind. So manche Larp-Gruppe ist schon der ein oder anderen Trennung zum Opfer gefallen. Und wo beim Scheitern einer reinen IT-Beziehung ein guter Giftmord noch nie geschadet hat, gestaltet sich das echte Leben dann doch etwas komplizierter.
Genau so sind aber auch aus Larp-Romanzen schon mindestens genauso viele glückliche Beziehungen hervorgegangen und geblieben. Das Leben schreibt schließlich manchmal doch die besten Plots, wenn man es nur lässt.

Wer mit wem, und was, wenn der Bleed auch mitmischt?
Gefühle sind kompliziert und mit Vorsicht zu genießen. Ein intensives Hobby wie Liverollenspiel bietet viele Gelegenheiten, Gefühle auszuprobieren, ohne selbst mit den Folgen leben zu müssen. Sobald die Liebe ins Spiel kommt, kann das aber leider auch ganz schnell ganz anders aussehen. Denn unser Körper unterscheidet ab einem gewissen Punkt nicht, ob ein Gefühl echt oder nur gespielt ist. Verbringen wir also viel Zeit mit einer Person im (semi)romantischen Kontext, kann es uns passieren, dass die Schmetterlinge im Bauch sich irgendwann tatsächlich melden. Manchmal hilft dann nur das gute alte Stopp. Ein Stopp-Befehl, oder auch eine Oh-Mutter-Regel, dürfen immer dann angebracht werden, wenn wir uns einer Situation nicht mehr sicher sind und einen Moment brauchen. Im Fall der Schmetterlinge hilft oft eine Weile Abstand von der Situation und der Person/den Personen, um sich klar zu werden, ob wirklich der Mensch oder vielleicht doch nur der Charakter interessant für uns ist.
Ein solcher Bleed kann jedem/jeder passieren und darf auch einfach angesprochen werden. Genauso sollten wir uns immer bewusst sein, dass das natürlich auch für unser Gegenüber gilt.
Niemals darf eine romantische Spielsituation ausgenutzt werden. Ein Nein ist ein Nein und ein Stopp beendet die Szene. Setzt sich jemand darüber hinweg, sollte in jedem Fall eine SL aufgesucht und informiert werden.
Dasselbe gilt selbstverständlich, wenn Kurtisanen- und ähnliche Charakterkonzepte bespielt werden. Wer allzu nervig baggert und das Gegenüber dabei OT unwohl macht, sollte dringend einmal durchatmen und dann an anderer Stelle das Spiel fortsetzen.
Ob man sich mit Liebe und Romantik im Larp wohlfühlt oder das Thema lieber ganz außen vor lassen möchte, ist allen Spielenden selbst überlassen. Möchte man sich darauf einlassen, können die schönsten, emotionalsten und lustigsten Spielszenen und ganz neue Allianzen und Freundschaften entstehen. Eine schöne IT-Hochzeit – oder Scheidung, warum nicht? – bezieht nicht nur die unmittelbar Beteiligten mit ein, sondern kann für viele Mitspielende das Erlebnis einer Con bereichern. Und auch für den eigenen Charakter kann es schön sein, eine (zusätzliche) Bezugsperson zu gewinnen, die Teil der zukünftigen Abenteuer ist. Ob nun nur für eine kurze Zeit oder für immer und ewig, das wird sich zeigen.
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Titelbild: depositphotos ©Dmyrto_Z
Layout und Satz: Annika Lewin
Lektorat: Gloria Puscher


















