Sie kommen in vielen Pen-and-Paper-Rollenspielen vor: Zwerge. Klein, bärtig, zumeist etwas verschroben, handwerklich geschickt und trinkfest. Sie gelten auch als starrköpfig und manchmal etwas grummelig, sind aber gerne gespielte Fremdvölker im Rollenspiel. Was ihnen an Ausstrahlung fehlt, machen sie durch außerordentliches Geschick wieder wett.
In vielen Rollenspielen ist es den Spielenden möglich, sich einen zwergischen Charakter zu bauen und zu spielen. Sei es in Fantasy-Systemen wie Das Schwarze Auge oder Dungeons & Dragons oder aber auch in futuristischen Systemen wie Shadowrun. In allen Systemen sind Zwerge mal mehr oder weniger klein (oft zwischen einem Meter und anderthalb Metern), starrsinnig, trinken gerne Bier und sind vor allem bärtig. Sie bewohnen oftmals Siedlungen in oder unter einem Gebirge. Manche sagen auch, dass die Damen des zwergischen Volks über einen ausgeprägten Bartwuchs verfügen, weswegen man oftmals den zwergischen Abenteurer nicht gleich als weiblich erkennt.
Alkoholkonsum

Inhaltsverzeichnis
Ursprung der Zwerge in der Realität
Das Wort „Zwerg“ ist eine Sammelbezeichnung für kleinwüchsige, humanoide Fabelwesen des Volksglaubens, die meistens unterirdisch hausen, sei es in Höhlen oder im Gebirge. Ihren Ursprung haben sie in der nordischen Mythologie. Ilekern der Völuspa, dem bedeutendsten Gedicht des nordischen Mittelalters, wird ihre Erschaffung aus dem Blut des Riesen Birmir und den Knochen des Riesen Blain im Rahmen der allgemeinen Kosmogonie dargestellt.
Zum Richtstuhl gingen
die Rater alle,
heilige Götter,
und hielten Rat,
wer der Zwerge Schar
schaffen sollte
aus Brimirs Blut
und Blains Knochen.
Modsognir ward
der mächtigste da
aller Zwerge,
der zweite Durin;
die machten manche
menschenähnlich,
wie Durin es hieß,
die Höhlenzwerge.-Strophe neun und zehn der Völuspa –
Den Zwergen wird häufig übermenschliche Kraft und Macht nachgesagt, sie gelten als klug und zauberkundig (wobei sie im Rollenspiel eher wenig mit Magie am Hut haben), teilweise auch als listig, tückisch und geizig. Meistens sind sie aber hilfreiche Gesellen und werden in späterer Zeit, vor allem in Märchen und Sagen, als bärtige Männchen mit Zipfelmütze dargestellt. Sie gelten als kunstreiche Schmiede, wobei Schmied damals einen Handwerker, beziehungsweise Kunsthandwerker bezeichnete, der sowohl mit Holz als auch mit Metallen arbeitete. Zwerge galten auch als fleißige Bergleute und Metallurgen, da damals Schmiede die benötigten Erze oft selbst abbauten und verhütteten. Später arbeiteten sie auch in bürgerlichen Handwerksberufen, wie Bäcker und Schuster, und übten allerlei land- und hauswirtschaftliche Tätigkeiten aus.
Im Vergleich zu Kobolden, die sich an einen bestimmten Ort oder eine Familie binden, leben Zwerge in der Gesellschaft ihresgleichen, ähnlich wie die Menschen. In archaischen Zeiten lebten sie in Sippen, beziehungsweise Clans unter Anführern (wie Dvalins Schar, die in der nordischen Edda mehrmals erwähnt wird). Im Mittelalter gab es dann Königreiche der Zwerge (wie im mittelhochdeutschen Gedicht König Laurins Rosengarten) und später lebten sie auch in Städten, wie zum Beispiel die Heinzelmännchen in Köln.

In Mitteleuropa waren in der Barockzeit Skulpturen von Zwergen sehr beliebt, die die Gärten zierten, wie etwa den Mirabellgarten in Salzburg. Aus der Verbindung solcher Darstellungen von Hofzwergen (das waren Kleinwüchsige oder Menschen mit Fehlbildungen, die zur Unterhaltung von Herrschern angeheuert waren) mit den Märchenzwergen entwickelten sich die heutigen Gartenzwerge, die im deutschsprachigen Raum seit etwa den 1980ern ein Revival erlebten als Inbegriff des Spießbürgertums mit ironisch-kritischem Unterton.
In der deutschen Romantik spielten Zwerge in Geschichten eine Rolle, wie in der Sammlung der Volksmärchen der Gebrüder Grimm, die die darin dargestellten Zwergenmotive bis heute weltweit prägen. Im zwanzigsten Jahrhundert war Walt Disney nicht minder prägend, als sein Zeichentrickfilm des Märchens Schneewittchen erschien. Einen großen Einfluss auf das Bildnis der Zwerge, wie wir sie aus Rollenspielen kennen, hatte zweifelsohne der Autor J. R. R. Tolkien, dessen Werke Der Herr der Ringe und Der Hobbit heutzutage weltweit bekannt sind.
Der Weg in die Phantastik
Es war der Autor J. R. R. Tolkien, der den Mythos der Zwerge aufgriff und sie nach seinen Vorstellungen in seiner Welt Mittelerde ansiedelte. Er definierte Zwerge als ein Volk von Handwerkern, welches in unterirdischen Bauten im Gebirge lebt. Sie bestechen mit einer hochentwickelten Schmiedekunst und sind außerordentliche Steinmetze, die prächtige Höhlenstädte errichten. Sie sind von kleinem Wuchs und tragen volle, lange Bärte und sind außerordentlich tüchtig. Zwerge sind nach Tolkien ebenso tapfere wie starke Krieger und zuverlässige Verbündete, wenn auch eigensinnig, aufdringlich und habgierig. Sie mögen alles Schöne, wenn es aus Metall, Kristall oder Gestein besteht. Aufgrund ihrer handwerklichen Talente ist es also auch nicht verwunderlich, dass Zwerge, wenn sie in den Kampf ziehen, zu Waffen greifen, die ihren Ursprung als Werkzeug haben: Streitäxte, Morgensterne (entstanden aus Dreschflegeln) oder Kriegshämmer.
Viele andere Rollenspielsysteme adaptierten diese Vorstellungen, auch wenn sie teilweise etwas abgeändert wurden. Zwerge bleiben aber stets kleiner als Menschen, haben einen ausgeprägten Bartwuchs, sind dickköpfig und handwerklich begabt.
Die Liebe zum Bier
Wie bereits im vorherigen Absatz erwähnt, sind Zwerge ausgezeichnete Handwerksleute. Es ist also nicht verwunderlich, dass auch in ihrer Gesellschaft das Bierbrauen praktiziert wird, galt es doch schon seit der Antike als anerkanntes Handwerk. Schaut man nun in der Zeit zurück, als Tolkien sein Werk Der Herr der Ringe veröffentlichte, war es in Europa üblich, statt Kaffee oder Tee, zum Frühstück Biersuppe zu verspeisen. Bier galt zu jener Zeit als billig und nahrhaft, weswegen auch Kinder diese Suppe zum Frühstück bekamen. Biersuppe bestand damals aus Bier, eingeweichtem Brot und weiteren Einlagen, die regional variierten. Seit dem Mittelalter gehörte sie zu den beliebtesten Nahrungsmitteln der einfachen Leute. Sie machte satt und wenn man, laut dem Kochbuch Neuw Kreuterbuch aus dem Jahre 1588, besonders gutes Bier verwendete, war es die ideale Ernährung für Kranke. Diese Suppe konnte sowohl süß als auch salzig bis deftig schmecken.

Dies passt also auch hervorragend zu dem Bild der Zwerge in der Phantastik: Hartarbeitende Männer, die ordentlich Wumms in den Armen brauchen (hierzu sei gesagt, dass in Tolkiens Romanen lediglich eine Zwergenfrau erwähnt wird: Dis, Schwester von Thorin). Da Bier in England, dem Herkunftsland Tolkiens, vor allem bei der Arbeiterschicht sehr beliebt war, kann man also die These aufstellen, dass die Zwerge diese kulinarische Eigenheit übernehmen sollten. Denn auch sie waren fleißige Arbeiter. Ob es nun von Tolkien beabsichtigt war oder zufällig, dies könnte ein Grund sein, weshalb Bier bei Zwergen so beliebt ist.
In der Phantastik ließt man immer wieder, dass Zwergenbier besonders stark und würzig schmeckt. Von der Beschreibung des Geschmacks könnte man auf eine Variante des Porter-Bieres schließen, welches ähnlich beschrieben wird: malzige oder gar röstmalzige Aromen und traditionell stark gehopft und daher derber Geschmack. Es bekam den Namen Porter, da es bei englischen Lastenträgern (genannt Porter), sehr beliebt war. Dass Zwergenbier als alkoholhaltiger als „Menschenbier“ gilt, könnte man darauf zurückführen, dass Alkohol schlicht und einfach konserviert und es dadurch länger haltbar ist. Zudem passt es zu dem Bild der widerstandsfähigen Zwerge.
Rollenspiel lebt von Klischees
Viele Rollenspiele leben von Klischees, so auch die zwergische Darstellung. In den meisten Rollenspielsystemen, sei es beim Pen-and Paper, im Larp oder auch bei Computerspielen, ähneln sich die Mitglieder des zwergischen Volkes in ihrem Aussehen und ihren Eigenheiten. Hier und da gibt es einige feine Unterschiede. In manchen Werken sind Zwerge kleiner oder größer als in anderen, haben mal mehr oder weniger Haare am Körper, aber stets einen Bart und auch die Lebensspanne variiert. Mal haben sie eine durchschnittliche Lebenserwartung von zweihundert Jahren, manchmal sogar bis zu sechshundertfünfzig Jahren, doch werden sie grundsätzlich älter als Menschen, was ihre Widerstandsfähigkeit nochmal unterstreicht.
Wo sich die Spielsysteme uneins sind, ist die Affinität zur Magie. Mal gibt es Vertreter der magischen Zunft, die angesehen sind (wie die Geoden in der Welt des Schwarzen Auges), mal wird es verpönt und manchmal gilt das zwergische Volk als so magieaffin wie ein paniertes Kotelett, nämlich gar nicht. Was aber immer wieder auftaucht, ist ein Disput von Zwergen und Elfen, beziehungsweise Elben. Beide Völker sind sich oft nicht grün und begegnen sie einander, wird gerne und viel gegenseitig gestichelt.
Die zwergische Damenwelt

Oftmals hört und liest man nur von männlichen Zwergen, weibliche Zwerge, also Zwerginnen, gelten als seltener Anblick. Gerne wird dies damit begründet, dass Zwerginnen ebenfalls über eine ausgeprägte Gesichtsbehaarung verfügen und sich dadurch optisch kaum von ihren männlichen Volksangehörigen unterscheiden, zumindest für Nicht-Zwerge.
Zudem werden Zwergen Eigenschaften zugeschrieben, die lange Zeit als typisch männlich galten, während Elfen, beziehungsweise Elben, eher femininere Eigenschaften zugeschrieben werden (zierliche Statur, feine Gesichtszüge, kein Bartwuchs, um ein paar zu nennen). Vermutlich wurden sich damals einfach keine Gedanken darum gemacht, dass auch Frauen in der Lage sein könnten, handwerkliche Meisterleistungen zu vollbringen, trinkfest zu sein und so dickköpfig wie Männer, sodass sie einfach „unsichtbar“ waren.
Dies ändert sich bei modernen Rollenspielen, wo Zwerginnen weitaus gleichberechtigter und vor allem auch präsenter sind. Sei es bei Pen-and-Paper-Rollenspielen, Onlinespielen, Larp oder auch in Film-Produktionen.
Wie man also erkennt, ist die Geschichte der Zwerge lang und führte schlussendlich zu den rauen, aber gutmütigen Gesellen, wie wir sie auch heute im Rollenspiel kennen und lieben. Zwerge sind in Abenteuergruppen gerne gesehen, denn es ist immer praktisch, einen fähigen Kämpfer und Handwerker dabei zu haben.
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Titelbild: depositphotos.com © outsiderzone
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Giovanna Pirillo


















