Freitags ist sie nie da? Für die nicht-rappenden Fantastischen Vier galt in den letzten drei Jahren: Sie sind überhaupt nicht da! Sue und Reed Richards sowie ihre Kinder galten als verschollen, gar tot. Doch jetzt kehrt Marvels „First Family“ zurück… oder etwa doch nicht?
Es war ein kleiner Schock in der Marvel-Fanszene, als der Verlag 2015 ankündigte, die jahrzehntewährende Comicreihe der Fantastic Four einzustellen. Viele Fachmedien fanden Hinweise für einen Schachzug, um dem Rivalen FOX zu schaden. Denn 20th Century Fox und Constantin Film halten immer noch die Filmrechte an den Fantastic Four, die für Fans und Kritiker bislang eher schlecht umgesetzt wurden. Die Comics einzustellen hätte der Popularität der Filme geschadet und Marvel in die Hände gespielt. Die Verantwortlichen stritten diese These mehrfach ab. Doch als Marvel ebenfalls die Wichtigkeit von Mutanten in den Comics reduzierte, um den Inhumans die neue Rolle der verfolgten Minderheit zu geben, erhärtete sich dieser Verdacht. Auch an den X-Men hat FOX – noch – die Rechte für Film und Fernsehen.
Doch jetzt kehren die Fantastic Four als Comicreihe zurück. Ein Zufall, gerade jetzt, wo die Übernahme von 20th Century Fox durch Marvels Mutterkonzern Disney perfekt ist? Oder ist die Erklärung viel einfacher und lediglich der übliche Comic-Kreislauf am Werk? Eine beliebte Serie wird mit einem schockierenden Twist eingestellt, die Helden wenden sich Solokarrieren oder anderen Teams zu, nach einigen Jahren die nostalgische Wiedervereinigung. Was auch immer die wirtschaftlichen Gründe hinter Marvels Entscheidung gewesen sein mögen, die Fans freuen sich über neue Fantastic Four-Abenteuer ab diesem Jahr. Doch die erste Ausgabe liefert vor allem Hype und heiße Luft.
Handlung
Ausgabe 1 der neuen Fantastic Four-Reihe beginnt mit einem rührenden Nachruf auf den kürzlich verstorbenen Zeichner Steve Ditko, der zusammen mit Stan Lee die Superhelden Spider-Man und Doctor Strange erfand. Ditko prägte durch seinen einzigartigen Zeichenstil sowohl die phantastisch-psychedelischen Erlebnisse des Sorcerer Supreme als auch den Reifeprozess des jungen Peter Parker.

In der Haupthandlung sehen wir eine Welt ohne die Fantastic Four. Es ist drei Jahre her, dass das Ehepaar Richards nach den Ereignissen von Secret Wars zurückblieb, um durch die Dimensionen zu reisen und das Multiversum zu heilen. Ihre Freunde Johnny Storm und Ben Grimm, aber auch ihr alter Widersacher Doctor Doom sind überzeugt, dass Sue, Reed und ihre beiden Kinder verschollen sind, eventuell nie wiederkehren. Nach einigen Abenteuern mit den Avengers und den Guardians of the Galaxy versuchen Johnny und Ben, ihrem jeweiligen zivilen Leben nachzugehen.
Doch während Ben sich gut ohne die Fantastic Four arrangiert, sein privates Glück mit Freundin Alicia genießt und sogar um ihre Hand anhält, leidet Johnny. Die Menschliche Fackel hat nie verwunden, seine Schwester und seinen Schwager verloren zu haben und rechnet jeden Tag mit ihrer Rückkehr. Als das Fantastic Four-Signal am Himmel erscheint, fliegt er begeistert hin, doch die Auslöser des Signals waren lediglich ein paar jugendliche Einbrecher, die die Signalpistole gestohlen hatten.
Als Ben und Alicia Johnny zu sich einladen, kommt es schließlich zum Eklat. Ben bittet Johnny, sein Trauzeuge zu sein, doch dieser lehnt empört ab. Für ihn kommt nur Reed Richards in dieser Rolle in Frage. Ben ärgert sich über diese brüske Ablehnung und erwidert, Johnny solle endlich loslassen. Doch bevor es zum Zerwürfnis zwischen den beiden kommt, erscheint das echte Fantastic Four-Logo im Weltraum über der Erde. Reed Richards und seine Familie, auf einer weit entfernten Welt, haben auf sich aufmerksam gemacht.
Der Antagonist

Die zweite Geschichte in dieser Ausgabe dreht sich um Doctor Doom. Dieser hatte in den letzten Jahren als Herrscher von Latveria abgedankt und eine Heldenrolle bei den Avengers als „Infamous Iron Man“ übernommen in der Abwesenheit von Tony Stark. Diese Episode ging nicht gut aus, sein inzwischen geheiltes Gesicht wurde wieder entstellt. Jetzt lebt er zurückgezogen im für die Öffentlichkeit verlassenen Castle Doom. Sein Volk hingegen leidet unter der Knechtschaft eines neuen Diktators. Die Rebellin Zora Vukovic schleicht sich heimlich in Dooms Burg, um ihn zu überzeugen, als Herrscher Latverias zurückzukehren. Doom lehnt ab, er habe zu viel erlitten. Doch als Zora ihm seine Metallmaske bringt, erinnert er sich an sein wahres Gesicht – nicht die erlittenen Narben, sondern das Gesicht, das er selbst gewählt hat. Er setzt sich an die Spitze der Rebellion und bekämpft das latverische Regime: ohne Rüstung, ohne Unterstützung, lediglich in Cape und Lendenschurz, aber mit seiner charakteristischen Maske.
Die dritte „Story“ besteht eigentlich nur aus einem Parodiestrip, in dem sich der FF-Bösewicht Impossible Man darüber aufregt, dass die Fantastic Four in diesem Heft gar nicht auftauchen. Ein Stan Lee-ähnlicher Postbote bringt ihm einen Brief von Marvel, die ihm versprechen, dass das Team in Ausgabe 2 zurückkehrt. Impossible Mans Zorn ist – vorerst – besänftigt.
Charaktere
So sehr sich der Hauptplot um Johnny Storm und Ben Grimm dreht, so wenig Neues erfahren wir über die beiden. Johnny, der das Element Feuer repräsentiert, ist immer noch der überemotionale Heißsporn, ein später Teenager mit Gefühlsschwankungen. Erdriese Ben dagegen ein Stoiker, der den Verlust seiner Freunde überwunden hat und sich auf sein baldiges Eheleben freut. So waren die beiden fast durchgehend seit 1961 charakterisiert. Weder Comicveteranen noch Neulinge werden so richtig zufrieden damit sein.

Wer die Fantastic Four schon eine Weile als Leser begleitet, sieht hier keine Superhelden, sondern zwei Typen, die auf Sportveranstaltungen und Wochenmärkten abhängen. Johnny genießt seinen Promistatus, Ben möchte dagegen ein ruhiges Leben führen. Und dann ist da der Streit der beiden über den Verlust ihrer Freunde. Fast wähnt man sich in einer Daily Soap, so erzwungen wirkt der Konflikt am Ende – und genauso schnell wird er auch wieder aufgelöst, als Hoffnung buchstäblich am Himmel erscheint. Superheldencomics neigen oft zum Pathos, aber hier wird der Kitsch doch arg dick.
Einsteigerunfreundlicher Neustart
Und auch neue Leser, die ja vorwiegend mit Neustarts von Comicreihen angesprochen werden sollen, werden sich wundern, was für ein Superheldenteam das hier eigentlich sein soll. Sicher, die Geschichte der Fantastic Four wird zu Beginn kurz umrissen, ganz clever eingebaut als Nachrichtensendung, die über den Streich der Jugendlichen berichtet. Der Fernsehbeitrag lässt sogar einige Freunde der FF wie die Inhumans und Luke Cage zu Wort kommen. Und es gibt einen kleinen Flashback, der Johnnys Gesangskünste feiert. Aber sind Marvel-Neulinge dadurch schlauer?
Pathos und Teenagerverhalten finden sich auch in Latveria, wo Doctor Doom den Schaden an seinem Gesicht und seinem Ego bewältigt, indem er alleine auf seiner Burg schmollt. Dass draußen ein generisches Regime mit Panzern und Robotern das Volk terrorisiert, interessiert ihn nicht, dem Leser geht es leider ähnlich. Dass Doctor Doom trotz seiner furchterregenden Maske und seines autokratischen Führungsstils im Volk große Beliebtheit genießt, ist langjährigen Lesern bekannt. Dass sein Ego nicht mit Rückschlägen klarkommt, ebenfalls. Trotzdem wird nicht so ganz klar, was der Sinn der latverischen Revolution ist. Das Volk tauscht einen Diktator gegen den anderen, und Doom ist nach einigen Jahren Pause dort, wo er eigentlich schon immer war. Das eigentlich dynamische Medium Comic verträgt keine dauerhaften Veränderungen, sobald Superhelden im Spiel sind.
Zeichenstil
Im Gegensatz zu einigen anderen Marvel-Zeichnern, die eher unansehnliche Gesichter malen, schafft Sara Pichelli glaubwürdige und sympathische Charaktere. Besonders schön sieht man das in Bens kleinem Flashback zu ihrem Weltraumabenteuer mit Astronomica. Das ungläubige Staunen der verschiedenen Charaktere, Sues Enttäuschung, Bens Freude kommen hier wunderschön zur Geltung. Die Handlung mag die Charaktere etwas oberflächlich erscheinen lassen, aber die Zeichnungen bringen sie wirklich zum Leben. Auch Pichellis Hintergründe sind sehr gelungen, so etwa die Weltraumpanoramen oder der bizarre Planet, auf dem Reed und Sue ausharren. Wer Comics auch für schöne Splashpages und dynamische Posen kauft, kommt auf seine Kosten.
Ebenfalls visuell bemerkenswert, aber in einem raueren Stil gehalten sind Simone Bianchis Zeichnungen zur Doctor Doom-Story. Anders als Pichelli zeigt Bianchi wenig detaillierte Gesichter, lässt auch Hintergründe eher angedeutet, sodass ein Großteil der Dynamik durch die Linien selbst entsteht. Amüsantes Easter Egg: ein Panel, das die latverische Revolution darstellt und als offensichtliche Parodie auf Eugene Delacroixs berühmtes Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ gemeint ist.
Die harten Fakten:
- Verlag: Marvel Comics
- Autor(en): Dan Slott
- Zeichner(in): Sara Pichelli, Simone Bianchi, Skottie Young, Esad Ribic, Marte Garcia
- Erscheinungsjahr: 2018
- Sprache: Englisch
- Format: Digital (Rezensionsexemplar), Print
- Seitenanzahl: 45
- Preis: 5,99 USD / 5,49 EUR
- Bezugsquelle: Marvel Comicstore
Fazit
Fantastic Four #1 ist alles in allem ein vorbereitender, sehr langer Prolog, der den Nährboden für die Rückkehr der First Family und ihres Rivalen Doctor Doom schaffen soll. Wunderschön gezeichnet, humorvoll, doch letztlich mit wenig Handlung oder Charakterentwicklung. Das Cover, so cool es wirkt, ist das Comic-Äquivalent zu Clickbait – es wird etwas Langersehntes versprochen (Reed, Sue, Johnny und Ben vereint in Action!), was die Story nicht einhält.
Dennoch hat das Heft keine wirklich schlechte Bewertung verdient, weil es immer noch Stärken hat. Die Zeichnungen von Pichelli und Bianchi sind großartig, alte Bekannte wie Wyatt Wingfoot, Medusa und Crystal tauchen auf, und die bevorstehende Hochzeit von Ben und Alicia ist immerhin ein kleines Storyelement, das noch eine Rolle spielen könnte. Der Pessimist in mir möchte auf das Drama um Batmans Hochzeit oder die verkaufte Ehe von Spider-Man verweisen, aber das ist wirklich ein Thema für einen anderen Artikel.
Absolute Fantastic Four-Fans können sich das Heft kaufen, denn ihnen werden einige Easter Eggs geboten. Der Rest kann vermutlich gleich mit Ausgabe 2 beginnen, ohne dadurch eine Lücke zu haben.

Artikelbilder: © Marvel Comics, Bearbeitung: Melanie Maria Mazur
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