Peter Grant, Polizist und magischer Lehrling, sorgt nun schon seit Längerem für Recht und Ordnung auf Londons Straßen. Nun gibt es auch in Deutschland einen jungen Praktizierenden, der sich in einer Sonderabteilung des BKA um die merkwürdigen Fälle kümmert. Wie viel Peter Grant steckt in Tobi Winter?
Mit Der Oktobermann tut Ben Aaronovitch, was J.K. Rowling mit Beauxbatons und Durmstrang in ihrer Harry-Potter-Reihe nur angedeutet hat: Er zeigt, dass es in der Welt von Die Flüsse von London auch außerhalb Großbritanniens in Europa eine magische Tradition gibt. Tobi Winter heißt der magische Azubi der Abteilung für „Komplexe und diffuse Angelegenheiten“ (kurz, KDA) des Bundeskriminalamtes. In Trier wurde eine Leiche gefunden, und es ist an ihm, das Rätsel zu lösen.
Inhaltsverzeichnis
Story
Die Story ist schlicht, aber nicht ohne Spannung. Tobi Winter wird nach Trier beordert, um einen ungewöhnlichen Todesfall zu untersuchen. Mit Hilfe von Gerichtsmedizinerin Professor Weißbachmann, die des Öfteren mit dem KDA zusammenarbeitet, stellt er fest, dass es sich tatsächlich um einen Fall für seine Abteilung handelt. Nun muss er gemeinsam mit Vanessa Sommer, die ihm von den Trierer Kollegen zur Seite gestellt wird, herausfinden, wer für den Mord in den Weinbergen verantwortlich ist.
Als wäre das nicht schwer genug, mischen sich auch die örtlichen Flussgeister ein. Während Kelly, die Personifizierung des Flusses Kyll, nicht allzu angetan von Magiern im Generellen und deutschen Magiern im Speziellen ist (was insbesondere an ihren Erfahrungen mit Himmlers „Ahnenerbe“ liegt, welches mehrere Flüsse „gesäubert“ hat), sieht Morgane, die junge Mosel, in Vanessa eine neue Spielgefährtin. Beides scheint zunächst eher hinderlich als hilfreich, doch der Schein trügt.
Same same but different?
Wer die Serie beginnend mit Die Flüsse von London bereits kennt, wird einige Charaktere wiedererkennen. Tobi Winter ist keine genaue Kopie von Peter Grant, dem Protagonisten der Hauptreihe, aber gewisse Parallelen lassen sich nicht ignorieren. Beide geraten eher zufällig in die Zaubererausbildung und sind jeweils zu Beginn der entsprechenden Bücher die einzigen Lehrlinge ihrer Vorgesetzten. Beide sind mit Kolleginnen befreundet (oder werden zu Freunden), stehen Magie und der magischen Welt (wie zum Beispiel Flussgeistern) offen gegenüber und sind daran interessiert, ihr Wissen zu vertiefen. Der größte Unterschied der beiden liegt darin, dass Peter weiß, was Harry Potter und ein Ford Anglia miteinander zu tun haben, und Tobi nicht.
Vanessa und Lesley (Peters Kollegin) sind sich in ihrem Ehrgeiz und Wissensdurst sehr ähnlich. Der größte Unterschied liegt darin, dass Vanessa über ein etwas fröhlicheres Naturell verfügt als Lesley, die einen eher ernsten Eindruck macht. Professor Carmela Weißbachmann und Erster Kriminalhauptkommissar Ralf Förstner (Vanessas Vorgesetzter) könnten relativ problemlos gegen Dr. Abdul Haqq Walid und Detective Chief Inspector Alexander Seawoll ausgetauscht werden; sie unterscheiden sich lediglich im Namen.
Das einzige, was tatsächlich einen Unterschied darstellt, ist das Setting in Trier, das es erlaubt, den dortigen Weinbau und die Römergeschichte der Stadt mit einfließen zu lassen.
Schreibstil
Der Schreibstil ist nicht unverhältnismäßig kompliziert, sodass sich die Novelle leicht und schnell weglesen lässt. Wie auch in der Hauptserie wird aus der Ich-Perspektive des Protagonisten erzählt, was eine größere Identifikation zulässt. Zudem bietet es die Möglichkeit, selbst mit zu rätseln, wenn man das denn möchte, da man als Leser alle Informationen bekommt, die der Protagonist auch erhält.
Neueinsteiger werden nicht außer Acht gelassen. Was genau „Vestigia“ sind und wie Magie funktioniert, wird in einer Art erklärt, die das grundsätzliche Verständnis der Welt ermöglicht. Dabei ist die Erklärung allerdings nicht so ausführlich, dass Kenner der Serie sich gestört fühlen dürften. Diese dürften sich stattdessen über Referenzen zu den Londoner Flüssen, Peter Grant und Nightingale freuen.

Die Dialoge werden teilweise von Zusammenfassungen der Gespräche unterbrochen, bevor sie im üblichen Format mit direkter Rede weitergeführt werden. Dies wirkt teilweise, als hätte der Autor keine Lust oder keine Zeit gehabt, die Gespräche wirklich auszuschreiben. Die Auflösung des Mordfalls zum Ende hin nimmt ebenfalls nur sehr wenig Raum ein. Handlungsstränge werden zusammengeführt und erläutert, aber es wirkt so, als wollte der Autor nun sehr schnell zum Ende kommen. Hier hätte ich mir gewünscht, dass das Tempo etwas herausgenommen würde.
Die eher beiläufigen Beschreibungen der deutschen Bürokratie haben mir durchaus das ein oder andere Mal ein Schmunzeln entlockt. Zum Beispiel, wenn Vanessa zusagt, zur Obduktion nach Mainz zu fahren, und dann doch erst einmal ihren Vorgesetzten anruft, um sich das Ganze absegnen zu lassen. Oder der Feierabend verfrüht beginnt, weil man die Kollegen in der Rechercheabteilung des KDA Samstagnachmittags ohnehin nicht mehr. Irgendwie kommt das einem doch zu bekannt vor …
Aaronovitch scheut allerdings nicht davor zurück, auch ernstere Themen anzusprechen. Als Tobi und Vanessa einem Jugendlichen begegnen, der die Ansätze von einem Geweih oder Hörnern unter einer Kappe versteckt, kommt die Frage auf, ob man solche „besonderen“ Leute nicht besser auf irgendeine Weise verbindlich identifizieren sollte. Die Probleme dieses Vorschlags werden in der Antwort deutlich, die Tobi einst von seiner Chefin zur selben Frage erhielt, inklusive wütendem Schlag auf den Tisch, der eine Kaffeetasse zerbrach: „Sollen wir ein Verzeichnis anlegen? Oder sollen wir es uns einfacher machen und sie dazu verpflichten, besondere Papiere mitzuführen? Oder sich ein Symbol auf die Kleider nähen? Ein scharlachrotes Pentagramm vielleicht?“ (Aaronovitch, Der Oktobermann, 2019, Seite 146). Stattdessen erklärt Tobi Vanessa, dass auch diese Leute ganz normal sind und ein ganz normales Leben führen wollen. Vanessa fragt nach, was mit denen ist, die zwar zunächst ein normales Leben führen, dann aber etwas nicht so Normales anstellen. Tobis Antwort ist einfach: „Dann ruft dein Chef meine Chefin an. Und hier bin ich.“ (Aaronovitch, Der Oktobermann, 2019, Seite 146). Damit repräsentiert Tobi den Rechtsstaat so, wie er gedacht ist: Strafverfolgung statt präventiver Maßnahmen und im Zweifel für den Angeklagten.
Der Autor
Ben Aaronovitch wuchs in Nordlondon auf und arbeitete als Drehbuchautor (unter anderem für Folgen von Doctor Who vor dem Reboot) und Buchhändler, bis er sich schließlich ganz dem Schreiben widmete. Im deutschsprachigen Raum wurde er mit seiner Serie um den Zauberlehrling Police Constable Peter Grant bekannt, die inzwischen sieben Bände und zwei Novellen (Die Geister auf der Metropolitan-Line mit Peter Grant und nun Der Oktobermann) zählt. Für November 2019 ist der achte Band auf Englisch unter dem Titel False Value angekündigt.
Erscheinungsbild
Im Hintergrund des orangen Covers ist eine historische Karte von Trier zu sehen. Der Titel in Form eines an Weinflaschen erinnernden Etiketts nimmt die obere Hälfte des Buchdeckels; darüber ist der Name des Autors auf einem Schriftbanner zu sehen. In der Mitte der unteren Hälfte prangt ein Aktenstapel, der von einer Weinflasche und einem halbgefüllten Glas gekrönt wird. Eine Traube und zwei rot hervorgehobene Trierer Gebäude dienen als Zierde. Am unteren Rand des Covers finden sich in weißer Schrift sowohl der Verlag als auch der Zusatz, dass es sich um eine Tobi-Winter-Story handelt.
Stilistisch hat man damit perfekt die Peter-Grant-Reihe getroffen, was eine Verbindung nur noch deutlicher macht; schon das Cover zeigt, dass Der Oktobermann definitiv kein Abenteuer ist, das vollkommen losgelöst von der Hauptreihe existiert.
- Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
- Autor: Ben Aaronovitch
- Erscheinungsdatum: 20. September 2019
- Sprache: Deutsch (aus dem Englischen übersetzt von Christine Blum)
- Format: Taschenbuch
- Seitenanzahl: 208
- ISBN: 978-3423218054
- Preis: 8,95 EUR
- Bezugsquelle: Amazon (Deutsch und Englisch)
Fazit
Der Oktobermann ist eine unterhaltsame, kurze Geschichte; genau das richtige für einen verregneten Abend und ein Glas Wein. Wer die Reihe um Peter Grant bereits kennt, wird sich direkt wie zu Hause fühlen. Allerdings ist das auch mein größter Kritikpunkt. Abgesehen von der Tatsache, dass der Mordfall diesmal in Trier statt London und Umgebung lokalisiert ist, gibt es wenig, was diesen Spin-Off von den anderen Büchern der Reihe abhebt. Die Charaktere sind zwar sympathisch, aber absolut austauschbar; abgesehen von der Möglichkeit, Weinanbau mit einem Mordfall zu verknüpfen, gibt es keinen weiteren Grund, die Geschichte in Trier spielen zu lassen. Zudem gibt es keine Erklärung dafür, warum die beiden Flussgeister englische Namen haben, wenn der Autor sich doch die Mühe gemacht hat, in Deutschland übliche Namen für die anderen Charaktere zu recherchieren. Ob die Kyll und die Mosel nun Verbindungen nach Großbritannien haben oder es einen anderen Grund dafür gibt, wird vorerst im Dunkeln bleiben.
Die Geschichte um den Mordfall in den Weinbergen ist keinesfalls schlecht, aber leider auch nicht herausstechend. Wer jedoch mehr über die Welt um Peter Grant wissen will und die Nase voll hat von London, sollte sich hier gut aufgehoben fühlen.
Artikelbild: dtv Verlagsgesellschaft, Bearbeitet von Verena Bach,
Dieses produkt wurde privat finanziert.





















Ich finde die Rezension gut, kann mich aber dem Fazit beim besten Willen nicht anschließen.
Allerdings bin ich auch großer Fan der Reihe und von Aaronovitchs Schreibstil.
Das er von der direkten Rede plötzlich zu Erzählungen schwenkt ist aber nicht neu in diesem Buch, das macht er ständig und stört mich zumindest nicht im geringsten.
Ich hoffe auf noch viele Fortsetzungen der Reihe und auch des Spin-offs.
Vielen Dank, es freut mich, wenn dir die Rezension gefällt.
Dass man beim Fazit nicht zwingend einer Meinung ist, ist vollkommen in Ordnung und gewünscht. Schön, dass du an der Reihe weiterhin deinen Spaß hast, meins war es leider nicht.
Über Geschmack lässt sich halt nicht streiten :)
Jo. Manchmal etwas holprig, aber trotzdem schön. Ich kann mich dem Fazit voll und ganz anschließen. Man merkt halt das es mit Aussensicht geschrieben wurde – was mich aber richtig amüsiert hat ist die ständige Anspielung auf Papierkram und der Dank an die deutschen Fans im Nachwort. Hehe.
Dankeschön :)
Die Anspielungen waren tatsächlich eine nette Sache, die haben mir auch gut gefallen.
Mir gefällt deine Rezession sehr aber ich muss sagen ich finde es gibt doch einen grossen Unterschied zwischen Peter und Tobi der nicht ist wie gut sie Harry Potter kennen. Und das ist Peters liebe für Architektur. Peter denkt andauernd darüber nach was für eine Architektur Geschichte ein Viertel oder Gebäude hat. Auch als er gefragt wird warum Leute unglücklich sind ist sein erster Gedanke weil der Wohnraum den die Architektur Bibel vorgibt zu klein ist um dort glücklich zu leben. Und all diese abschweifungen in die Architektur hat Tobi nicht. Das heisst ihre Hobbys und Freizeittätigkeiten sind anders während viele Ähnlichkeiten wohl dadurch kommen das sie den selben Job machen. Nun folgt das Buch den beiden viel während des Jobs was dazu führt das mehr schwere auf ihren gleichheiten liegt als auf ihren unterschieden. Aber das Tobi mir nichts über die Steine und Bauart der Gebäude erzählt hat wie Peter es getan hätte finde ich einen größeren Charakter Unterschied als das einer Harry Potter kennt der andere aber nicht.