Die im Angesicht des Gestrandeten Todes stark dezimierte Menschheit hat sich hinter dicke Mauern zurückgezogen. Amerika ist ein Flickenteppich, zusammengehalten von denen, die mutig genug sind, ein zerstörtes Land zu bereisen. Selbst die kleinste Warenlieferung von Sam Porter Bridges kann in Death Stranding Hoffnung bringen – und das Land wieder vereinen.
Hideo Kojima ist ein Name, den die meisten Videospielfans wohl mit der Metal Gear Solid-Reihe in Verbindung bringen dürften – mindestens aber mit Konami. Von 2011 bis 2015 war der japanische Spielentwickler Vizepräsident der Firma. Nach seinem Ausscheiden im Jahre 2015 gründete er Kojima Productions und enthüllte auf der E3 2016 den Titel Death Stranding. Die aktuelle PS4-Exklusivität endet im Sommer 2020; dann kommen auch PC-Spieler in den Genuss des Spiels.
Das postapokalyptische Abenteuer erschien am 08.11.2019 für die PS4. Für diesen Spieltest wurde der Schwierigkeitsgrad „normal“ sowie die englische Sprachausgabe gewählt.
Inhaltsverzeichnis
Handlung und Setting
Zivilisation und Infrastruktur sind zusammengebrochen. Inmitten eines fragmentierten Amerikas, deren letzte Bürger sich in großen Städten zusammenrotten, agiert Protagonist Sam Porter Bridges als Kurier. Seine Warenlieferungen verbinden das letzte bisschen, das von der einst so stolzen Nation übriggeblieben ist. Das postapokalyptische Setting ist vom sogenannten Gestrandeten Tod geprägt: Die Welt der Lebenden und die der Toten greifen ineinander.
Die gefährlichen Bewohner des Jenseits, die Gestrandeten Dinge (GD), betreten immer wieder die Welt der Lebenden und sorgen für Chaos und Zerstörung. Sie können nur mithilfe der seltenen DOOMS-Fähigkeit oder aber mithilfe eines sogenannten Bridge Babys (BB) aufgespürt oder sogar gesehen werden.
Überdies bedroht das Phänomen des Zeitregens die Lebenden und ihre Besitztümer. Wer oder was von ihm beregnet wird, altert augenblicklich. Doch damit nicht genug: Detonierende Tote, ein Strand als Jenseitsmotiv und fragwürdige Gruppierungen wissen SpielerInnen vor immer neue Rätsel zu stellen. Mittendrin gilt es, Pakete auszutragen.

Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung sind allgegenwärtig, sodass SpielerInnen mit einer drückenden Atmosphäre konfrontiert sind – ein Umstand, der durch den ernsten und freudlosen Protagonisten verstärkt wird. Wer Death Stranding spielt, erlebt die Entfaltung einer spannenden Handlung, ohne Entscheidungsfreiheit zu genießen. SpielerInnen begleiten Sam, sprechen und agieren aber nicht für ihn.
Ein Paketbote als Multitalent
Manchmal sind es die kleinen Dinge, die die Menschheit zusammenhalten: Pakete und gutes Internet, beziehungsweise in diesem Fall ein sogenanntes „Chirales Netzwerk“. Indem Sam nach und nach einzelne Städte und Außenposten an dieses anschließt, wachsen die United Cities of America (UCA) zusammen. Dies tut er nicht aus eigener Motivation heraus; er ist für das Unternehmen Bridges aktiv.

Von Vorteil ist, dass Sam dank DOOMS die GD sehen und umgehen kann, sowie der Umstand, dass er außerstande ist, zu sterben. Zusammen mit seiner außergewöhnlichen Verbindung zu einem BB und seinen prominenten Verwandtschaftsverhältnissen ist Sam Porter Bridges durchaus ein spannender Charakter. Er selbst zeigt weder Stolz noch Vergnügen ob dieses Umstandes und muss erst überzeugt werden, die Menschheit wieder untereinander zu verbinden.
Die narrative Komponente
Während große Teile des Spiels Sams Reisen durch menschenleere Weiten beschreiben, die zum Einsammeln und Zustellen von Waren notwendig sind, erfahren SpielerInnen nach und nach in Videosequenzen, was eigentlich mit der Welt passiert ist. Diese Sequenzen sind glaubwürdig in den Spielfluss eingebunden, wirken also nicht erzwungen.

Zu Beginn gibt es mehrere Videosequenzen nacheinander; nachdem die Grundlagen erklärt sind, dürfen SpielerInnen nach und nach die Welt erkunden. Die Dialoge sind lebendig geschrieben und hochwertig synchronisiert. Die dargestellten Akteure verfügen über beeindruckend realitätsnahe Gestik und Mimik. Dies gilt nicht nur für jene, die von realweltlichen SchauspielerInnen verkörpert werden.
Nach und nach entfalten sich weitere Handlungsstränge. Sowohl Bridges als auch Sam erfahren mehr über die GD, den Zeitregen und die BB. Gleichzeitig schreitet das Vorhaben, Amerika wieder zu verbinden, weiter voran.
Features
Death Stranding bringt eine Vielzahl von Aspekten auf die PS4, die in ihrer Gesamtheit einiges an Konzentration abverlangen. Sowohl Handlung als auch Gameplay ziehen in ihren Bann: Ersteres aufgrund des Spannungsbogens, zweiteres aufgrund der damit verbundenen Herausforderung. Gemütliches Spazieren durch Amerikas grüne Landschaften ist in Death Stranding nämlich nicht gegeben.
Ein stressiger Alltag
Es ist keinesfalls einfach, Pakete zuzustellen, wenn um einen herum die Welt untergeht. Womit SpielerInnen sich eher herumschlagen müssen, als mit den wirklich großen Problemen der Menschheit, sind die kleinen Probleme von Sam. Trägt dieser nämlich zu viele oder zu schwere Pakete mit sich herum, wird die Steuerung schwieriger. Der Protagonist muss dann in Balance gehalten werden. Starker Wind, der aus dem Gleichgewicht zu reißen weiß, oder Zeitregen, der die Ware beschädigt, sind weitere Probleme. Stürze und andere unangenehme Umstände können zu Beschädigung oder Verlust der Ware führen. Beides ist ärgerlich, denn nur zugestellte (und möglichst heile) Pakete bringen viele „Likes“ im Missionsbildschirm am Ende eines Lieferauftrags und wirken sich somit positiv auf die Botenklasse aus.
Berge können bestiegen und Flüsse durchwatet werden. Hierbei helfen Leitern und Kletterhaken, aber auch andere Utensilien, die Sam zur Verfügung stehen. Nützlich ist hierbei nicht nur die eigene Ausrüstung. Obwohl Death Stranding über keinen direkten Multiplayer-Modus verfügt, sind die Spielwelten einzelner SpielerInnen miteinander vernetzt. Dies bedeutet, dass von anderen SpielerInnen platzierte Leitern oder auch Symbole sichtbar sind und genutzt werden können. Wenn diese besonders hilfreich, lustig o. ä. waren, kann auch ein „Like“ hinterlassen werden.

Death Stranding verbindet Auszüge eines Walking-Simulators mit starken Action-Elementen und fügt eine Prise „Kojima“ hinzu, die SpielerInnen überrascht und irritiert. Diese seltsame Mischung muss spielerseitig erst einmal verdaut werden: Mal kann man über Stunden die schönen Landschaften genießen, die zugegebenermaßen irgendwann repetitiv erscheinen, nur, um dann von GD aufgesucht zu werden. Plötzlich ist es elementar, dass Sam sich ausschließlich geduckt fortbewegt und die Luft anhält, denn nur so kann er dem Feind entgehen. Alles, während er die transportierte Ware balancieren und sein BB auf niedrigem Stresslevel halten muss.

Auch gekämpft wird in Death Stranding: Mit Fäusten und geknotetem Tau gegen diebische Mitmenschen, sogenannte MULEs, die versuchen, Sams Lieferungen zu stehlen – und gegen GD mit Granaten, die aus Sams Körperflüssigkeiten hergestellt werden. Eine häufige Toilettennutzung lohnt sich also.
Ein Ensemble der Extraklasse

Dass Norman Reedus die Darstellung von Sam Porter Bridges übernimmt, stand bereits in einem sehr frühen Stadium des Spiels fest. Death Stranding bringt jedoch noch eine Vielzahl weiterer bekannter und beliebter Darsteller in die Postapokalypse. SpielerInnen dürfen sich unter anderem auf Begegnungen mit Mads Mikkelsen, Guillermo del Toro und Léa Seydoux freuen. Sie alle verkörpern handlungsrelevante Charaktere in Death Stranding.
Neben den offiziellen Besetzungen gibt es auch einige Cameoauftritte, so können SpielerInnen beispielsweise Komiker Conan O’Brien sowie Regisseur und Autor Edgar Wright treffen.
Technische Details

Im Rahmen des Spieltests kam es zu keinerlei Abstürzen oder Bugs. Death Stranding läuft flüssig und lässt SpielerInnen eine weitläufige und schöne Spielwelt ruckelfrei erkunden. Während die Natur selbst detailverliebt dargestellt ist, fehlt es ihr an tierischen Einwohnern – ein Umstand, der sich jedoch mit der Existenz des gestrandeten Todes begründen lässt.

Besonders hervorzuheben sind die musikalischen Einspielungen in Form von Songs, die längere Lieferaufträge von Sam begleiten, so beispielsweise Asylums For The Feeling (Silent Poets feat. Leila Adu) und Don’t Be So Serious (Low Roar). Die Titel sind stimmig ausgewählt. Sie verstärken das Gefühl von Einsamkeit, das einen elementaren Bestandteil der Atmosphäre darstellt.
Ein Aspekt, der die beschriebene Atmosphäre stört, da er eher erheiternd wirkt, ist die Produktplatzierung von Monster-Energydrinks. Mittels des klebrigen Energiebringers kann Sam seine Ausdauer regenerieren oder sogar temporär über das Maximum hinaus erhöhen.
Die harten Fakten:
- Entwicklerstudio: Kojima Productions
- Publisher: Sony Interactive Entertainment
- Plattform: PlayStation 4
- Genre: Action
- Releasedatum: 08.11.2019
- Spielstunden: 50 Stunden
- Spieleranzahl: 1
- Altersfreigabe: FSK 16
- Preis: 62,95 EUR
- Bezugsquelle: Amazon
Fazit
Death Stranding zählt zu den Spielen, die 2019 mit großer Spannung erwartet wurden. Der PS4-Titel ist vieles – komplexer Walking-Simulator mit perfider Steuerung, herausforderndes Action-Spiel und emotionales Schwergewicht. Dass eine solche Mischung nicht jeden Geschmack treffen kann, liegt auf der Hand. Während einer Spielergruppe die gepäckintensiven Wanderungen mit perfider Balance-Steuerung zu eintönig sein dürften, sehen sich andere von plötzlichen Stress- und Kampfsituationen überfordert. Auch die moralischen Fragen können SpielerInnen in einen Zwiespalt bringen, und die drückende Atmosphäre tut ihr Übriges. Kojima Productions’ Werk reibt auf und involviert auf der Gefühlsebene, manchmal auch unangenehm.

Wer sich nicht abschrecken lässt von einem Spiel, das nichts zu verschenken hat, wird jedoch mehr als belohnt. Der Genre-Hybrid mit dem herausfordernden Gameplay bringt eine atemberaubende Geschichte mit Starbesetzung auf die PS4, die den Vollpreis absolut rechtfertigt. Das Abenteuer ist frei von Bugs und anderen Spielstörern und weist überdies einen einzigartigen Soundtrack auf. Dies in Verbindung mit innovativen Ideen in Bezug auf Gameplay und Storytelling. Damit ist Death Stranding sowohl für Vielspieler attraktiv, die so gut wie alles erlebt und gespielt haben, als auch für abenteuerlustige Gelegenheitszocker, die eine Erfahrung der ganz anderen Art machen möchten. In diesem Sinne: Leert eure Energydrinks, schnappt euch alle Pakete, die ihr tragen könnt, und stürzt euch ins postapokalyptische Amerika!

Artikelbilder & Screenshots: © Kojima Productions/Sony Interactive Entertainment, Bearbeitung: Melanie Maria Mazur
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.













