Nach dem Atomkrieg herrscht Chaos im Ununited Kingdom. Übernatürliche Kreaturen bahnen sich ihren Weg in unsere Realität und die Welt liegt im Sterben. Mittendrin: Einige Punks, die eigentlich nur ihren nächsten Gig spielen wollen und die zusammen Hoffnung in eine dem Untergang geweihte Welt bringen.

Im Vorwort zu Punk is Dead beschreibt Autor Tim Roberts Rollenspiele, die vom apokalyptischen Fantasy-Rollenspiel Mörk Borg inspiriert sind, als mehr Kunstwerk als zugängliches Spiel. Ähnliches gilt auch für Punk is Dead, das die Spieler*innen als Punkband in ein abgedrehtes, düsteres Apokalypsen-Szenario wirft, wie schon beim ersten Durchblättern des Regelwerks deutlich wird. Die Seiten bestechen durch ihr auf den ersten Blick chaotisches, wildes Design, viele verschiedene Schriftarten und -größen und knallige Farben und sehen nach genau dem aus, was das Rollenspiel sein will: eine Mischung aus überdrehtem Fantasy-Setting und trotzigem Punkalbum. Doch auch was die Zugänglichkeit des Spiels angeht, bewahrheitet sich Tim Roberts Aussage: Punk is Dead hat einiges zu bieten, ist allerdings überhaupt nicht darauf ausgelegt, Einsteiger*innen an Tischrollenspiele heranzuführen.
Charaktertod
Die Spielwelt
Irgendwann in der Zukunft, nachdem einige superreiche Männer ein paar falsche Knöpfe gedrückt haben: Nach einem verheerenden Atomkrieg liegt die Welt im Sterben und nur eine kleine Insel ist noch bevölkert – Großbritannien, oder wie es jetzt genannt wird: The Ununited Kingdom. Durch die zahllosen Atomschläge haben sich die Grenzen zwischen verschiedenen Welten aufgetan und Großbritannien wird nicht nur von Menschen bevölkert, sondern auch von zahllosen anderen übernatürlichen Kreaturen, die den Spieler*innen das Leben schwer machen. Man spricht vom Zeitalter der Quantum Fuckery.

Durch diese sterbende Welt ziehen die Spieler*innen als Punkband. Ziel ist es, großartige Gigs zu spielen und zusammen auf die Apokalypse zu warten. Denn eines ist in Punk is Dead sehr deutlich: Die Welt ist nicht mehr zu retten und wird untergehen. Wann das genau geschieht, wird am Anfang jedes neuen Tages von der Spielleitung, dem*der Band Manager*in, ausgewürfelt. Welchen Würfeltyp die Spielleitung dafür benutzt, kann sie selbst entscheiden, vom W100 bis zum W2, abhängig davon, ob das Spiel eher auf eine Kampagne oder einen One-Shot ausgelegt ist. Landet der Würfel bei einer Eins, bewegt sich die Welt einen Schritt weiter auf ihr Ende zu. Der siebte Schritt läutet immer die Apokalypse ein. Kampagnenspiel ist also durchaus möglich, aber selbst eine längere Kampagne kann nicht ewig dauern.
Diese deprimierende Tatsache sollte die Spieler*innen aber nicht davon abhalten, in der ihnen noch verbleibenden Zeit so richtig auf den Putz zu hauen und es mit ihrer Musik den Autoritäten mal so richtig zu zeigen. Denn natürlich gibt es auch während der Apokalypse immer noch Unterdrücker*innen, Unternehmer*innen und andere Leute, die meinen, sie wären was Besseres.
Dabei ist Punk is Dead in etwa so subtil wie der Text eines Sex Pistols-Song und genauso konfrontativ. Das Ununited Kingdom (UuK) ist in fünf verschiedene Reiche eingeteilt, die am Anfang des Regelwerks alle kurz beschrieben werden. Die Aufteilung des UuK ist dabei vage angelehnt an die Königreiche des frühmittelalterlichen Britanniens – einerseits ein nettes Easter Egg für Geschichtsfans und gleichzeitig verweist das auch schon auf die mystischen Folk-Fantasy-Einschläge des Settings.

Zu den Five Realms, also den fünf Reichen, zählt unter anderem The Murk, das ehemalige London inklusive Umland, das jedoch erstmal alles andere als mystisch ist. Stattdessen ist es dem realen London gar nicht so unähnlich: laut, dreckig und bewohnt von Literal Corporate Vampires, also buchstäblich Vampiren, die ein Unternehmen gegründet haben, das Menschen das Blut aussaugt: Kapitalismuskritik mit dem Zaunpfahl.
Die Corporate Vampires wirken gegenüber den anderen Wesen im Ununited Kingdom noch vergleichsweise bodenständig. Die Five Realms bieten nämlich alle unterschiedliche Arten von Apokalypse und Fantasy. Während The Murk vor allem von Dark Urban Fantasy inspiriert zu sein scheint, bietet The Grim, das Nordengland mitsamt seinen Industriestädten umfasst, eher Weltuntergang à la Mad Max mit der Fraktion der Petrolhedz, die auf selbst gebauten Fahrzeugen, durch die Gegend fahren. Gleichzeitig fügt Punk is Dead noch seinen ganz eigenen Twist dazu, denn der größte Gegner der Petrolhedz sind die Equestripunks, also Punk-Ritter.
Die anderen Reiche legen ihren Fokus stärker auf Fantasy. In The Whimsy etwa plant eine untote Königin die Macht über die Five Realms an sich zu reißen, während in The Jungle, ehemals Schottland, der Atomkrieg einen großen Dschungel geschaffen hat, in dem mysteriöse Mensch-Tier-Hybriden einem sterbenden König dienen.
Die Welt von Punk is Dead ist durch die Aufteilung in die fünf Reiche ziemlich abwechslungsreich und wird auf den ersten Seiten des Regelwerks schön beschrieben. Dabei zeigt sich, wie auch im Rest des Buches, eine patzige Punk-Attitüde, die das Lesen sehr unterhaltsam macht. Damit die Charaktere auch einiges von der Welt sehen, sollte die Spielleitung sie immer wieder zu Gigs an verschiedenen Orten schicken. Dafür gibt es auch einige Zufallsbegegnungen, die die Spielleitung nutzen kann, um die Reisen zwischen den Orten interessanter zu gestalten.

Allerdings, und hier bewahrheitet sich die Aussage des Autors aus dem Vorwort, das Spiel sei nicht unbedingt zugänglich, sind die Beschreibungen der einzelnen Reiche sehr kurzgehalten. Es gibt keine Karten, keine NPCs und auch nur wenige, eher suggestiv als wirklich informativ geschriebene Motivationen für die in den Reichen lebende Wesen. Anstatt umfassende vorgefertigte Lore anzubieten, bleibt viel der Fantasie der Spieler*innen und der Spielleitung überlassen.
Die Regeln
Punkmusik ist ein Genre, das sich wenig um musikalische Konventionen schert und mehr durch seine konfrontative Energie als durch komplexe Arrangements punktet. Ganz in dem Sinne stellt sich Punk is Dead in die Tradition von Old School Revival-Rollenspielen (OSR). Diese Systeme versuchen das Rollenspielerlebnis der 70er und 80er Jahre zu modernisieren. Oft bedeutet das, dass der Fokus nicht auf komplexen Regeln liegt. Stattdessen bieten OSR-Spiele häufig ein einfaches Regelsystem, viel Dungeon Crawling und schnellere Charaktertode. Auch Punk is Dead hat insgesamt wenige und vor allem einfache Regeln. Die Spieler*innen brauchen im Grunde nur einen W20 und ihren Charakterbogen. Bei einem Fähigkeiten-Check entscheidet die Spielleitung zunächst über den Schwierigkeitsgrad. Davon gibt es sechs mit einem jeweils dazu passenden Schwellenwert (6, 8, 12, 14, 16, 18). Der*die Spieler*in würfelt und muss den entsprechenden Schwellenwert überbieten. Zum Würfelergebnis addiert der*die Spieler*in noch einen Modifikator einer der sechs Fähigkeiten.
Besonders Kämpfe gestalten sich im System als schnell und tödlich. In Kämpfen würfeln fast nur die Spieler*innen. Für einen Angriff liegt der Schwierigkeitsgrad immer bei 12 (es sei denn, ein Gegnertyp hat eine besondere Fähigkeit) und zum Ausweichen liegt der Schwellenwert ebenfalls bei 12. Die Spielleitung erwürfelt lediglich den Schaden, den die Charaktere nehmen. Charaktertode sind nicht unwahrscheinlich. Wenn ein Charakter auf null Trefferpunkte sinkt, wird ein W4 geworfen und bei einer vier stirbt der Charakter sofort. Auch die anderen Ergebnisse haben unschöne Konsequenzen.
Doch Punk is Dead ist auch ein Rollenspiel über eine Punkband, die Songs schreibt und Gigs spielt. Hier kommen die Creativity Points ins Spiel. Jeder Charakter startet mit einigen dieser Punkte, und dazu hat die Band noch einen Punktepool. Die Punkte können ausgegeben werden, um einen Fähigkeiten-Check zu verbessern. Dabei kann man so viele Punkte pro Wurf nutzen, wie man will. Die Band-Punkte darf ein Charakter jedoch nur ausgeben, wenn die Mehrheit der Band damit einverstanden ist.

Creativity Points erhält ein Charakter, wenn er eine Liedzeile oder Melodie zu einem Song der Band beiträgt. Für das Songwriting an sich gibt es keine Regeln, denn das liefe entgegen dem, was Punkmusik ausmacht, wie das Regelwerk anmerkt. Das ergibt natürlich Sinn, allerdings ist das Erlangen von individuellen Creativity Points dadurch für manche Spieler*innen sicherlich richtig schwierig. Nicht alle können sich einfach so tolle Texte ausdenken, geschweige denn eine eingängige Melodie dazu erfinden. Allerdings kann die Spielleitung auch für besonders gutes Rollenspiel die Punkte verteilen und damit dann auch Spieler*innen auffangen, die gerade nicht inspiriert sind, einen Punksong zu schreiben.
Die Band füllt ihren gemeinsamen Pool durch einen gelungenen Auftritt wieder auf. Das funktioniert dann über einen gemeinsamen Fähigkeiten-Check: Je besser der ausfällt, desto besser war Auftritt, desto mehr Punkte gibt es. Hier ist der Punkteerwerb wieder vollständig in Würfelmechaniken eingebunden.
Charaktererschaffung
Charaktere in Punk is Dead haben sechs Fähigkeiten mit einem bestimmten Modifikator. Die Werte in den Fähigkeiten Nngh (alles, was mit Kraftanstrengungen zu tun hat), Deft (Wendigkeit), Stage Presence (Charisma), Tough (Konstitution), Yeet (Werfen) und Streetwise (Weisheit) werden jeweils der W6 geworfen, zusammengerechnet und anhand einer Tabelle dann der Modifikator bestimmt. Der kann am Anfang zwischen -3 und +3 liegen. Schließlich erwürfelt man eine von zehn Waffen und seine Kleidung. Als letztes entscheidet man sich für die Rolle, die man in der Band haben möchte. Zur Auswahl stehen Vocals, Guitar, Drums, Keyboard und die drei Hip-Hop Rollen Emcee, DJ und Breaker.
Manche der Rollen verändern nachträglich noch die Fähigkeitenwerte eines Charakters. Der*die Frontsänger*in ist beispielsweise besonders charismatisch und erhält einen Bonus auf Stage Presence. Der*die Gitarrist*in hingegen muss sich für eine Spezialisierung entscheiden (Bass, Lead, Rhythmus oder Gitarre und Gesang), die ihm*ihr eine bestimmte Spezialfähigkeit verleiht. Alle Rollen hingegen sind betroffen von der Quantum Fuckery, also den Nachwirkungen eines Atomkriegs auf die Welt. Alle Spieler*innen dürfen sich aus den auf die Rollen abgestimmten Auswirkungen jeweils eine aussuchen. Diese machen sich meist durch Boni auf bestimmte Fähigkeitenwürfe bemerkbar, sind aber zeitlich begrenzt. Diese Spezialfähigkeiten sind dabei kreativ auf die einzelnen Rollen angepasst. Der*die Frontsänger*in kann zum Beispiel einen Schrei ausstoßen, der allen anderen Bandmitgliedern einen Bonus auf ihren nächsten Wurf gibt.

Da die Kampagnen in Punk is Dead nicht auf epische Längen ausgelegt sind, ist auch Charakterentwicklung nur in einem eher begrenzten Rahmen möglich. Wann die Charaktere sich verbessern, entscheidet die Spielleitung nach ihrem Gefühl. Alle Spieler*innen würfeln jeweils einen W6 gegen ihren aktuellen Wert in allen sechs Fähigkeiten. Würfeln sie über ihrem aktuellen Wert, erhöhen sie diesen um eins; würfeln sie darunter, senken sie ihren Wert um eins. Allerdings darf keiner der Werte jemals unter -3 sinken. Wenn es die Spielleitung für angemessen hält, dürfen die Spieler*innen zudem eine weitere Quantum Fuckery-Fähigkeit sich aussuchen.
Spielbarkeit aus Spielleitungssicht
Spielleitungen werden bei Punk is Dead durchaus gefordert und zwar insbesondere was das Setting und das Entwerfen von Abenteuern angeht. Die Five Realms des Ununited Kingdoms werden eher sporadisch beschrieben und es gibt weder Karten noch Ideen für Abenteuer und Plot Hooks. Zudem hat das Regelwerk keinen ausführlichen Teil für die Spielleitung. Zwar gibt es ein Kapitel, das für die Spielleitung gedacht ist, allerdings enthält auch das keine Hinweise dazu, wie man eine Sitzung am besten strukturiert, oder andere generelle Tipps für Spielleitungen, wie man es aus anderen ausführlicheren Regelwerken kennt. Die meisten Anhaltspunkte zum Aufbau einer Sitzung gibt da das kurze Einführungsabenteuer, das im Buch enthalten ist und als Einstieg in das System dient. Für neue Spielleitungen ist das Regelwerk insgesamt nicht geeignet. Für Spielleitungen, die gerne improvisieren und am besten Mörk Borg oder ein ähnliches Rollenspiel schon einmal gespielt haben, bietet das Regelwerk ein spannendes, individuell anpassbares Setting.
Spielbarkeit aus Spieler*innensicht
Einerseits ist Punk is Dead für Spieler*innen recht einfach. Die Regeln sind übersichtlich und auch beim Charakter gibt es nicht viel hinsichtlich Spezialfähigkeiten und Ausrüstung, was man im Blick behalten muss, um eine erfolgreiche Sitzung zu bestreiten. Doch gerade durch die wenigen Regeln wird das Spiel wiederum für Rollenspiel-Neulinge durchaus schwierig, da sehr viel im eigenen Ermessen oder im Ermessen der Spielleitung liegt. Dazu kommt, dass insbesondere das Schreiben von eigenen Songs oder Teilen davon zum Erlangen von Creativity Points für viele Spieler*innen sicherlich eine Hürde darstellen kann.
Wenn man sich darauf einlässt, kann das Spiel trotzdem sehr viel Spaß machen. Die Prämisse ist schön abgedreht und gibt den Spieler*innen viele Möglichkeiten, ganz unterschiedliche Abenteuer zu erleben, sei es im Urban Fantasy-Dschungel von The Murk oder im mystischen The Whimsy.
Erscheinungsbild
Punk is Dead ist ein schlankes Hardcover im quadratischen Format, das mit seinem pinken Cover direkt ins Auge sticht. Ähnlich knallig geht es auch im Innenteil weiter. Die konfrontative Energie der Texte spiegelt sich im Design der Seiten deutlich wider. Im Hintergrund sind immer wieder Collagen aus Fotos und Zeichnungen zu sehen, oft in grellen Farben. Die Texte sind über die Seiten verstreut und durch die verschiedenen Schriftarten und -größen entsteht ein sehr unruhiges Schriftbild. Die einzelnen Seiten wirken oftmals wie kleine Kunstwerke und sind sehr schön anzuschauen, zu lesen manchmal jedoch weniger.

Tatsächlich sind die meisten Seiten sogar geordneter, als es auf den ersten Blick scheint. An einigen Stellen wurde dann allerdings doch ein bisschen mit den Design-Spielereien übertrieben, zum Beispiel sind Dinge, die man looten oder kaufen kann, auf einer Seite in einem Kreis angeordnet, sodass einige davon auf dem Kopf stehen.
Die harten Fakten:
- Verlag: Critical Kit
- Autor: Tim Roberts
- Illustrator*in(nen): Crucifixion Studio
- Erscheinungsjahr: 2024
- Sprache: Englisch
- Format: Hardcover/ PDF
- Seitenanzahl: 87
- ISBN: 978-1-83654-168-4
- Preis: 36 EUR/18 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, DriveThruRPG, Sphärenmeister
Bonus/Downloadcontent
Der Charakterbogen ist nicht im Regelwerk enthalten und kann nur über die Website von Critical Kit heruntergeladen werden.
Fazit
Punk is Dead ist definitiv kein Rollenspiel für Neulinge und nimmt vor allem Spielleitungen nicht an die Hand. Wenn man jedoch Lust hat auf ein düsteres Fantasy-Setting mit Punkeinflüssen hat, dann kann Punk is Dead richtig Spaß machen. Durch die überschaubaren Regeln müssen sich weder Spielleitung noch Spieler*innen hier viel merken. Die Welt, die das Regelwerk in Grundzügen beschreibt, ist abwechslungsreich und bietet viele spannende Ansätze. Allerdings bleibt das Buch hier auch wirklich sehr vage und überlässt viel der Spielleitung. Außerdem müssen Spieler*innen sich damit abfinden, dass das Ende der Welt unaufhaltsam ist und ihre Charaktere keine klassischen Held*innen sind, sondern in erster Linie einen guten Gig spielen wollen. Besonders punkten kann das Buch durch das tolle Design und die unterhaltsamen, mit viel konfrontativer Energie geschriebenen Texte. Insgesamt ist Punk is Dead kein massentaugliches Rollenspiel, sondern genau das, was es sein möchte, nämlich ein widerborstiges Spiel über Musik, Hoffnung und die Apokalypse.

- Spannendes, eigenwilliges Design
- Interessantes Setting
- Überschaubare Texte
- Vage Weltenbeschreibung
- Ungeeignet für neue Spielleitungen
Artikelbilder: © Critical Kit
Layout und Satz: Dominic Niederhoff
Lektorat: Alexa Kasparek
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.
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