Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten

Kaum ein konsumgesteuertes Hobby kommt heute ohne Sonderausgaben aus, welche die Herzen von Liebhaber*innen höher schlagen lassen. Doch was, wenn die künstliche Verknappung von diesen besonderen Sammler*innenstücken eher für Frust sorgt, und der unübersichtliche Markt und begrenzte Zugriff die Fans verärgern statt erfreuen?

Wer erinnert sich nicht an das schöne Gefühl, wenn man ein Paket oder Geschenk bekommt und vor dem Öffnen nicht weiß, was sich darin befindet? Genau dieses Gefühl sollen Buchboxen in uns erzeugen. Schon früh gab es ähnliche Formate wie die Büchergilde Gutenberg, die für einen Monatsbeitrag ihren Abonnent*innen kuratierte Bücher zukommen ließ. In den modernen Buchboxen besitzen diese Bücher nicht nur Sammlungswert, sondern sind zudem ein optisches Highlight im Bücherregal. Aber bringt Exklusivität auch immer Freude oder sollten wir als Konsument*innen die künstliche Verknappung von Produkten hinterfragen statt unterstützen?

keine typischen Trigger

Wundertüten voller Bücher

Seit einigen Jahren sprießen immer mehr Unternehmen international und auch in Deutschland aus dem Boden, die mit Buchboxen, Abomodellen und Sonderausgaben von Büchern werben. Um in den Genuss dieser Überraschungsboxen zu kommen, ist in der Regel eine monatliche Zahlung zu leisten. Bei deutschen Buchboxen ist diese oft schwankend durch die Buchpreisbindung und die damit verbundenen unterschiedlichen Preise bei den enthaltenen Büchern. Zusätzlich gibt es Modelle, in denen dem Paket weitere Überraschungsartikel beiliegen. Diese passen thematisch oft zum Buch und können beispielsweise Lesezeichen, Page Overlays, Notizbücher, Tassen oder Buchvasen sein. Der Kreativität sind hier teilweise keine Grenzen gesetzt. Ob die Goodies dem bezahlten Wert entsprechen, muss jede*r für sich entscheiden. Die Unternehmen geben sich aber Mühe dabei, exklusive Gegenstände mit Sammlungswert zu erstellen. Die speziellen Ausgaben der Bücher werden in der Regel exklusiv nur in diesen Boxen verkauft. Zu Besonderheiten werden sie durch einzigartige Farbschnitte, illustrierte Vor- und Nachsatzpapiere und teilweise exklusive Hardcover-Ausgaben von Büchern, die im regulären Verkauf nur als Paperback erscheinen. All dies macht diese Bücher zum Highlight im heimischen Bücherregal. Besonders positiv herauszustellen ist, dass die Unternehmen für die grafische Gestaltung der Bücher oftmals mit freien Kunstschaffenden zusammenarbeiten. Somit erschließt sich ein neuer Geschäftszweig für alle, die vorher kostenlose Kunst zu Büchern kreiert haben und nun Teil dieser sein können.

Verschiedene Sonderausgaben Bury our Bones in the Midnight Soil
Verschiedene Sonderausgaben Bury our Bones in the Midnight Soil

Da allerdings vorher nicht bekannt ist, welches Buch enthalten ist, kann es zu positiven, als auch negativen Überraschungen kommen. Sollte man sich aus Versehen das Buch schon anderweitig vorbestellt oder erworben haben, hat man es doppelt. Genauso kann es sein, dass das Buch einen inhaltlich nicht anspricht. Mit diesem Risiko muss man umzugehen wissen, denn die Buchboxen sind nicht gerade günstig.

Oftmals bieten die gleichen Shops auch Sonderausgaben ohne Abomodell an. Auch Überproduktionen von aus den Boxen stammenden Büchern sind dort manchmal zu finden. Wer sich also eher nicht überraschen lassen möchte, kann darauf hoffen, die besonderen Ausgaben dort regulär zu erwerben.

Unterschiedliche Unternehmen national und international

Um diese Boxen oder Sonderausgaben zu erwerben, gibt es unterschiedliche nationale und internationale Unternehmen. Eines der ersten und bekanntesten ist FairyLoot aus Großbritannien, der deutsche Platzhirsch ist seit Jahren die Bücherbüchse. Die meisten speziellen Shops bieten unterschiedliche Abomodelle mit und ohne Goodies und zu verschiedenen Themen an. Auch Verlage und Buchhandlungen haben das Geschäft mittlerweile für sich entdeckt. So gibt es von Hugendubel die Buchklopfen-Box und beim LYX-Verlag die deLYX-BuchBox. Auch werden Buchboxen ohne Abomodell zum Erscheinungstermin bestimmter gehypter Bücher immer beliebter, zuletzt beim Erscheinen von Daughter of no Worlds von Carissa Broadbent in Kooperation mit Thalia.

Es gibt vor allem international in UK, den USA und Kanada noch viele weitere englischsprachige Anbieter*innen von Buchboxen und Sondereditionen. Diese werden auch in Deutschland immer beliebter, auch wenn diese Bücher in der Regel ausschließlich in englischer Originalsprache erscheinen. Oftmals kommen die gleichen Bücher bei Neuerscheinung bei allen Anbieter*innen raus und man kann sich für die Edition entscheiden, die einem persönlich am besten gefällt. Vor allem Illumicrate (UK), OwlCrate (Kanada) und TheBookishBox (USA – Achtung, aktuell kein Versand nach Europa) gehen hierbei den Weg, mehr Bücher im freien Verkauf statt nur über ihre Boxen zu vertreiben. The Broken Binding hat sich vor allem auf High Fantasy und Science-Fiction spezialisiert. Wichtig ist im Auge zu behalten, dass bei fast allen Bestellungen aus diesen Shops hohe Versandkosten und teilweise hohe Einfuhrgebühren zu dem eigentlichen Buchpreis dazukommen.

Zur Veranschaulichung der Unterschiede zwischen den Boxen werden im Folgenden beispielhaft drei Unternehmen genauer vorgestellt.

Logo_Bücherbüchse

Bücherbüchse

Die Bücherbüchse wurde im Jahr 2019 gegründet und ist seitdem stetig gewachsen. Heute bietet sie verschiedene thematische (Kinderbücher, Fantasy, Romance, Dark Romance und Thriller) Aboboxen mit Goodies oder nur mit einem Buch in Sonderedition an, welche zumeist monatlich bezahlt und verschickt werden. Zusätzlich finden überzählige und weitere Sondereditionen wöchentlich den Weg in den Onlineshop. Diese reichen optisch von neuen Farbschnitten bis zu komplett neu gestalteten und preislich angehobenen Luxuseditionen. Oftmals sind die Editionen stark limitiert. Bisher gibt es ausschließlich deutsche Ausgaben, wobei die Firma auch international immer bekannter wird. Durch den Erfolg wurde nicht nur das Sortiment stetig erweitert, sondern mittlerweile auch mit LEAF und CINNA eigene Verlage gegründet. Besonders positiv hervorzuheben ist, dass die Bücherbüchse sich deutlich gegen die Nutzung von KI-Kunst auf ihren gestalteten Büchern ausspricht und mit vielen freischaffenden Künstler*innen zusammenarbeitet.

Mondlicht Bücher

Mondlicht Bücher ist ein Unternehmen, welches erst seit kurzem in Deutschland Sonderausgaben anbietet. Außerdem gibt es mit der Sternenfracht-Abobox eine Buchbox aus dem Bereich der Phantastik. Ähnlich wie bei anderen Anbieter*innen sind Optionen mit und ohne Goodies vorhanden. Als Besonderheit bietet Mondlicht Bücher neben deutschen Sonderausgaben auch englischsprachige an, was besonders für Lesende interessant ist, die gern in der Originalsprache lesen und keine teuren Versandkosten oder Einfuhrabgaben zahlen möchten. Aktuell ist das Angebot noch überschaubar, wird aber stetig erweitert.

FairyLoot

FairyLoot ist der internationale Platzhirsch der Buch-Aboboxen und Sondereditionen und das schon seit 2016. Hauptsitz und Versandstandort sind in Großbritannien. Mittlerweile gibt es sechs verschiedene Abos und zusätzliche Modelle zur Kombination dieser. Wer allerdings jetzt eines abschließen möchte, wird kein Glück haben, da die Wartelisten, um überhaupt ein Abo abschließen zu können so lang sind, dass eine Einladung Monate oder Jahre auf sich warten lassen kann. Die Bücher sind so beliebt, dass oftmals Inhaber*innen eines Abos diese Bücher überteuert weiterverkaufen können, besonders, wenn eine gehypte Neuerscheinung darin war. Bei FairyLoot selbst auf einen Nachdruck oder einen freien Verkauf im Onlineshop zu hoffen, ist meisten zwecklos. Dadurch entsteht noch mehr künstliche Verknappung als eh schon bei den Sondereditionen der Bücher.

Wenn Freude in Frust umschlägt…

Fast jeder freut sich über Überraschungen, doch nicht zu wissen, was in einer solchen Buchbox enthalten ist, kann auch schnell zum Glücksspiel werden. Dies muss einem bewusst sein und eine Rückgabe der Bücher oder Goodies bei Nichtgefallen ist in der Regel nicht möglich.

Auch steht speziell die neuste Methode der Unternehmen in Kritik, den Vorabzugriff zu Sonderausgaben hinter einer Abo-Mitgliedschaft zu verstecken, um ihr Abo zu bewerben, vor allem, da bei vielen die Abos mit langen Wartelisten verbunden sind. Ein Paradebeispiel dafür ist FairyLoot, bei denen es gerne einmal mehrere Jahre dauern kann, bis die Einladung zum Abo kommt. Somit ist der Kauf der besonderen Ausgaben für Fans kaum möglich. Stattdessen werden die Bücher von Abonnent*innen teuer weiterverkauft. Eine zusätzliche künstliche Verknappung der im regulären Onlineshop angebotenen Bücher selbst während der Phase der Vorbestellungen führt dazu, dass sich viele Käufer*innen schon fast gezwungen fühlen, immer sofort zuzuschlagen und somit beispielweise auf Sammelbestellungen mit vergünstigtem Versand zu verzichten.

Ein besonders tragisches Kapitel, das zu viel Frust bei Käufer*innen führte, ist der folgende Fall. Die Firma Chest of Fandoms war zusammen mit der Bücherbüchse eine der ersten und bekanntesten Anbieter*innen von Buchboxen und Sonderausgaben im deutschen Sprachraum. Vor allem die frei und oftmals unlimitiert erwerblichen Sonderausgaben ihres Shops haben viele begeisterte Kund*innen gewonnen. Zusätzlich zum reinen Online- und Messeverkauf wurden ab 2023 erste Pop-up-Stores in verschiedenen deutschen Städten für jeweils eine Woche eröffnet. Kurz darauf kam es im Sommer 2024 zu ersten Lieferverzögerungen, welche sich bis Ende des gleichen Jahres massiv verschlimmerten. Erst im November 2024 wurde über Instagram ein Statement des Unternehmens dazu veröffentlicht. Diese verspätete Kommunikation und weitere Verzögerungen führten zu einem massiven Vertrauensverlust und Stornierungen, und letztendlich dazu, dass das Unternehmen sich aus seiner finanziellen Schieflage nicht mehr befreien konnte. Anfang 2025 folgte dann die Insolvenzmeldung. Bis heute warten viele Kund*innen noch auf die Rückerstattung nie erhaltener Bücher.

Beispielhafter Inhalt einer Buchbox zu Vicious von V.E. Schwab
Beispielhafter Inhalt einer Buchbox zu Vicious von V.E. Schwab

Fazit

Fakt ist: Buchboxen sind ein tolles Mittel, um neue Bücher und Autor*innen kennenzulernen. Vor allem noch unbekanntere Autor*innen können von dem Hype um die Boxen und Sonderausgaben profitieren. Klar muss allerdings auch sein, dass wie bei jedem Abo die Finanzen im Auge behalten werden müssen. Sondereditionen, vor allem, wenn sie stark limitiert sind, lassen Sammler*innenherzen höher schlagen und sind ein absoluter Blickfang für jedes Bücherregal. Die künstliche Verknappung und der unterschwellige Zwang, sich sofort für den Kauf zu entscheiden, sobald neue Editionen verfügbar sind, können problematisch sein.

Ob sich Buchboxen finanziell lohnen, hängt stark vom persönlichen Gefallen der Bücher und der Dreingaben ab. Hier muss man sich bewusst sein, dass Überraschungen ein zweischneidiges Schwert sind und die Boxen, vor allem, wenn man mehrere abonniert hat, schnell zu einer finanziellen Belastung ohne Garantie zur Freude werden können.

 

Artikelbilder: © Bücherbüchse, Bianca Heilmann
Layout und Satz: Dominic Niederhoff
Lektorat: Nina Horbelt
Fotografien: Bianca Heilmann

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein